ZEIT DER EINNISTUNG VON KAPITAL (11.Jh.): KIRCHE, KAISER, KÖNIGE

 

Zeit der Einnistung von Kapital

Reformkirche

Ostfranzien bis zum Streit mit dem Papst

Ansätze zu geistlichen Fürstentümern im Kaiserreich

Königreiche (Westfranzien / Spanien / Italien / England)

Kaiser und Päpste

Königreiche 2 (Westfranzien / England / Süditalien)

Byzanz und der erste Kreuzzug

Heinrich V.

Frömmigkeit als Weltflucht

Körper: Annäherungen an sexuelle Wirklichkeit

Volk und Völker

 

 

Zeit der Einnistung von Kapital

 

Schon in der hier so genannten Schwellenzeit zeichneten sich deutlich einzelne Handels-Kapitalisten um Nord- und Ostsee und in Italien ab. Ab dem elften Jahrhundert wird ihre Zahl steigen. Zusammen mit zunehmender handwerklicher Produktion werden sie zum langsamen Wachstum meist noch sehr kleiner Städte beitragen. In einer im wesentlichen landwirtschaftlich geprägten Welt wird es durch Privilegierung ihrer (Stadt)Herren, von Königen und Fürsten vorangetrieben, hin zu strukturell sich stärker abschließenden Inseln in einer Welt von Feldern, Weiden und Wäldern, wo steigende Produktion von Nahrungsmitteln und Bevölkerungs-Vermehrung wiederum das Wachstum solcher Städte befördern, Voraussetzung für mehr Kapitalbildung.

 

Ganz langsam teilt sich Macht in jene formell übergeordnete der Krieger und der "Beter" mit ihrer vielfältigen Verfügung über Land und Leute, eines sich stärker selbst so sehenden Adels mit übergeordneten Fürsten und Königen also, und die wirtschaftliche Macht eines aufsteigenden großbürgerlichen Kapitals, welches in Städten nach "politischer" Teilhabe sucht, welche ihm dann nach und nach auch gewährt werden wird.

 

Den tendenziell dezentralen Charakter der auf offener wie latenter Gewalt beruhenden Machtstrukturen versuchen am ehesten noch geistliche und weltliche Fürsten für sich zu überwinden, wofür sie auch des Geldes bedürfen, welches zunehmend Kapitaleigner liefern können. Sie mitsamt dem Handwerk und mit ihnen die Städte zu fördern wird für sie immer notwendiger. Etwas mehr Zentralisierung eine Etage  darüber werden dann in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts die anglonormannischen Könige und etwas später die Normannen in Süditalien und Sizilien erreichen, während die west- und ostfränkischen Könige derzeit dabei in unterschiedlicher Weise an den aufstrebenden Fürstentümern scheitern.

 

Die Macht ist so im ehemaligen Frankenreich auf Könige, Fürsten und Adel aufgeteilt, bei sich andeutender Beteiligung des noch wenigen Kapitals, während die je nach Gegend 90-95% der produktiven Bevölkerung von allen übergeordneten Entscheidungen ausgeschlossen bleiben. Produktive Arbeit schafft Ohnmacht und gilt den Herren als verächtlich.

 

Stattdessen bildet sich unter kirchlichem Einfluss ein Kriegerideal heraus, welches neue Begründungen für Gewalttätigkeit sucht und im meist wenig edlen Rittertum münden wird. Solche Ritter gieren nach Macht und Reichtum und konkurrieren immer wieder gewalttätig miteinander. Stirbt jemand nicht ehrenhaft in der Schlacht oder nach längerer Krankheit im Bett, so wird nicht selten angenommen, er sei ermordet worden, und man vermutet dann nur zu oft, es sei Gift im Spiel, wie es zum Beispiel der damalige Chronist Ordericus Vitalis schnell annimmt.

 

In diesen Zusammenhängen wird der Aufstieg der handwerklichen Produktion, des Kapitals, des Marktes mit seiner Warenwirtschaft und der des Geldes als Vermittler befördert und befördert diese wiederum.

 

Kirche und Kloster sind zunächst weiter aristokratisch geprägt und vor allem auf die weltliche Herrenschicht und ihre eigene Machtentfaltung orientiert. Letztere wird nun mit der Forderung begleitet, immer weniger von weltlicher Macht dominiert zu werden. Dabei schreitet die Christianisierung der großen produktiven Mehrheit der Bevölkerung nur langsam voran und trifft auf eher geringes kirchliches Interesse. 

 

Es gibt Ausbrüche besonderer kirchenkonformer Frömmigkeit bei einzelnen Laien und verstreut auch Gruppen, die sich zusammenfinden, um stärker dem Evangelium gemäß in der Welt zu leben, was sich vor allem auf die Ablehnung von Besitzgier und kirchlicher Machtgier konzentriert. Dazu gehört auch, dass solche "Armen Christi", "Apostel" oder einfach "Christen" von der Kirche erfundene Sakramente und andere Machtinstrumente ablehnen. Damit werden sie von der Kirche als Gefahr erkannt, insbesondere wenn sie ganz ohne diese auszukommen trachten.

 

Nach dem altgriechische hairesis in der Bedeutung "selbstgewählte Anschauung" werden sie als Häretiker verdammt, denn die Kirche ist der einzige Lehrmeister für das, was Menschen zu glauben haben. Langsam werden sie in einigen Gegenden im 11. Jahrhundert etwas mehr, bleiben aber wohl überall eine kleine Minderheit. Schließlich werden Leute, die eine eigene Meinung und das heißt, eine andere als die Mächtigen und ihre Propagandisten, haben, bis heute diffamiert, bedroht und verfolgt. Damals kann das schnell den Tod zum Beispiel durch Verbrennen bedeuten, wenn man nicht widerruft. An ihrer gewalttätigen Verfolgung nehmen aber auch willfährige "kleine" Leute aus dem selben Ort gelegentlich gerne um des Spektakels willen teil. Schließlich ist ihnen evangelisch orientiertes Christentum ohnehin so fremd wie der Kirche selbst.

 

Es gibt nur wenige Zeugnisse des offenen Unglaubens am kirchlich verordneten Christentum, soweit sie nicht in Häresien münden, deren Verfolgung dokumentiert wird. Das ist verständlich, denn zu abweichenden Ansichten gehört wie bis heute sehr viel Mut, und zudem hat die Kirche kein Interesse, laut darüber zu reden.

 

Interessiert ist die Kirche vor allem an ihrer Emanzipation von weltlicher Macht. Diese wiederum sieht sich weiterhin dazu privilegiert, wenig christlich zu leben und zu agieren und kompensiert das durch "gute Taten".

Für Machthaber wie den Normannenherzog und dann englischen König Wilhelm (I.) und seine Frau Mathilda heißt das recht typisch, dass sie die königlich veranlasste Gewalttätigkeit und enorme Grausamkeit sowie die kirchlich für fragwürdig gehaltene Ehe einmal durch die Stiftung zweier großer Abteien in Caen und die dortige aufwendig betriebene Ansammlung von Reliquien büßen (kompensieren), andererseits aber ihr christliches Renommée auch durch betont freundschaftliche Beziehungen zu den Reformpäpsten inklusive Gregors fördern. Dazu kommen Schenkungen an die Kathedrale von Chartres für einen Glockenturm, für einen Turm der Abtei von Saint-Denis und ein Dormitorium für die Mönche von Marmoutier sowie vieles anderes in dieser Art mehr. (Bates, S.418)

 

Derweil werden ganz langsam jene Entwicklungen einsetzen, in denen eine christliche "Philosophie" durch neue Ansätze des Vernunftgebrauchs in Eigenbewegungen gerät, deren Weiterentwicklungen bis in die sogenannte Aufklärung Philosophie und Religion dann ganz trennen werden, was am Ende zum Untergang beider führen wird. Spätestens im 12. Jahrhundert werden die ersten im kirchlichen Machtapparat dann begreifen, dass freieres Denken diesen gefährdet wie überhaupt jeden Machtapparat. Nicht, dass solche Gedanken für "das Volk" direkt zugänglich werden, aber sie deuten (bis heute) für Mächtige bedrohliche Freiräume an.

Was die Kirche davon aber damals übernimmt, ist ein Rationalismus ihrer Verwaltung und der Gebrauch von (Kirchen)Recht zu ihrer Durchsetzung, zudem eine auf Glaubensbasis rationaler denkende Theologie für ihre Emanzipationsbestrebungen.

 

Reformkirche

 

Die große religiöse Bewegung des 11. Jahrhunderts mit ihren Reformen an Kirche und Kloster wird zunächst von Fürsten, Königen und Kaisern zur Legitimation und Stabilisierung eigener Macht genutzt, und eine Etage darunter als Element in der Entstehung eines neuartigen Adels mit seinen Stammburgen, seinen Hausklöstern und seinen Grundherrschaften. Zum schlimmen Bruch kommt es erst dort, wo die autoritäreren Machtansprüche von König/Kaiser und Päpsten miteinander kollidieren. Das wird dann vor allem auch zu einem "deutschen" Sonderfall, denn das Kaisertum ist an Rom und seine Päpste gebunden.

Unübersehbar fällt das alles zusammen mit einer deutlicher werdenden Kommerzialisierung der Landwirtschaft besonders in Nord- und Mittelitalien, einem sich ausweitenden Marktgeschehen, zunehmendem Handel und mehr Kapitaleignern in vielen Bischofsstädten. Manche Kirchenleute sehen mit großem Misstrauen auf Auflösungserscheinungen der von ihnen vertretenen Ordnung in den Städten: Käuflichkeit, Elendskriminalität, Prostitution usw.

 

Friedensbewegungen

Ein  Vorläufer der Reformbewegungen sind die schon gegen Ende des 10. Jahrhunderts auftretenden und von der Kirche angeführten Friedensbewegungen.

Die Kirche ist zwar im Bündnis mit der weltlichen Macht militant gegen "Heiden", aber jenes Friedens bedürftig, der sie unter den Schutz von Kriegerherren stellt. Die geringe Königsmacht von Katalonien über Westfranzien bis ins "römische" Reich liefert sie aber zugleich dem Fehdewesen und der räuberischen Gewalt dieser Krieger aus. Zum Schutz davor entstehen vor allem von Bischöfen ins Leben gerufene Versammlungen, auf denen ein "Gottesfrieden" (treuga Dei) für bestimmte Zeiten und Regionen beschworen wird, der vor allem die nicht Waffen tragende Bevölkerung schützen soll. Das trifft vor allem auf schwache Könige, besonders die westfränkischen, für die Königsmacht und innerer Frieden eigentlich zusammengehören sollten, die das aber nicht leisten können.

 

Als Vorläufer der Gottesfriedensbewegung gilt die Versammlung von Le Puy 975, auf der die Rückgabe entwendeten Kircheneigentums mit der Trennung von Besitz des Bischofs und des Domkapitels verbunden. Dafür muss das Kapitel sich aber in Zukunft zum gemeinsamen Leben bei persönlicher Armut, Keuschheit und Gehorsam verpflichten.

 

989 laden der Erzbischof von Bordeaux und mehrere Bischöfe nach Charroux südlich von Poitiers ein:

Als die Bosheit der Menschen ins Kraut schoss und Übeltäter über den Weiberg des Herrn kamen wie Dorngestrüpp, das die guten Reben erstickt, beschlossen die Äbte und Bischöfe und andere heilige Männer, ein Konzil einzuberufen, dass den Plünderungen Einhalt geböte, den Kirchen wieder zu dem verhüöfte, was ihnen geraubt worden war. (...) es zogen dorthin große Mengen von Gläubigen aus Poitou, dem Limousin und den benachbarten Regionen. Man führte die Leichname von vielen Heiligen mit (...) Der göttliche Wille, den, wie wir glauben, die Kraft der Heiligen günstig stimmte, verlieh dem Konzil strahlenden Glanz durch zahlreiche Wunder. (Letaldus von Micy, 'Delatio corporis sancti Iuniani in synodum Karrofensem', deutsch in: Moore, S.25)

 

Um 1040 schließen Abt Odilo von Cluny und mehrere Bischöfe einen Vertrag, in dem es unter anderem heißt:

Von der Versper des Mittwochs bis zum Sonnenaufgang am Montag soll zwischen allen Christen, Freunden und Feinden, Nachbarn und Fremden, fester Friede und unverbrüchliche Waffenruhe herrschen, so dass in diesen vier Tagen und Nächten alle Christen zu jeder Stunde sicher seien und alles tun können, was nützlich ist (...) Alle, die diesen Frieden und diese Gottesruhe beachten und sicher halten, sollen (...) für alle Ewigkeit von ihren Sünden losgesprochen sein. (in: Neiske, S.141)

 

Diese Verpflichtung der Krieger, die sich langsam als neuartiger Adel formieren, auf eine Einschränkung ihrer Fehden und Raubzüge und auf das Verschonen von Geistlichkeit, Mönchen und Bauern schafft die Vorstellung von einem "verchristlichten" Kriegerbild, welches sich gleichzeitig im Kampf gegen "Heiden" bewähren kann, und es wird im Aufruf zum ersten Kreuzzug münden. Tatsächlich werden aber die "Ritter" in der Blütezeit ihres Auftretens zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert nicht weniger gewalttätig sein als zuvor; nur die Strukturen, in denen sie agieren, werden sich etwas verändern. Und: Gewalttätig wird auch die Kirche mit Hilfe ihrer Krieger sein, - wo immer sie kann.

 

Umgekehrt werden immer mehr Stimmen in der (westfränkischen) Kirche laut, die Ehelosigkeit der Priester, Korruption und fehlende Diensteifrigkeit im Klerus anprangern. (Moore, S.30) Dabei ist die Kirche alles in allem weiter wohlhabend, sie wird z.B.  bis ins 12. Jahrhundert etwa ein Drittel des Grund und Bodens von Westfranzien besitzen, neben dem Landbesitz der Klöster. Im Domesdaybook sind es 1086 in England für die Kirche rund 26% aller Einkünfte aus der Verfügung über Land.

 

Kloster (siehe auch Anhang 22)

Auf die Reformen von Cluny, Gorze und anderen Klöstern und deren Austrahlung folgen im 11. Jahrhundert erneute Klagen über Verweltlichung vieler Klöster und neue Reformversuche. Zum Schlagwort der libertas ecclesiae kommt der der Freiheit der Klöster. Adelige in Lothringen wie 1049 jener Egisheimer Grafensohn, der zum Papst Leo IX. wird, beginnen „ihre“ Klöster direkt dem Papst zu unterstellen, was heißt, sie der königlichen Oberaufsicht zu entziehen, der bisher oberster Schutzherr der Klöster war.

Tatsächlich bleiben sie nun aber unter der erblichen Aufsicht der jeweiligen adeligen Stifterfamilie, im Egisheimer Fall wird dort die Vogtei an den Besitz des Stammsitzes der Familie, die Egisheimer Dagsburg gebunden. Das gilt aber selbst dort, wo die Familie den Mönchen nicht nur die Wahl des Abtes, sondern auch die freie Wahl des Vogtes gewährt, der die weltliche Gewalt ausübt. Auf diese Weise werden in den südwestdeutschen Reformklöstern dann lange vor den Übereinkünften zwischen Königen und Päpsten Temporalia (weltlicher Besitz) und Spiritualia (geistliche Ämter) etwas getrennt.

 

In der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts wird Hirsau unter dem Einfluss von Gorze neu gegründet. 1075 wird die freie Abtswahl durchgesetzt. Danach, auch unter dem Einfluss von Cluny, werden rund 120 Klöster im deutschen Raum von Hirsau aus beeinflusst und durch Gebetsverbrüderung verbunden. Zur gleichen Zeit beginnen norditalienische Klöster wie Fruttuaria mit Reformen.

 

Das Reforminteresse lokalen und regionalen Adels an "seinen" Klöstern hat vor allem mit deren Dynastiebildung zu tun, weshalb auch durch das 11. und frühe 12. Jahrhundert besonders viele Klöster gestiftet werden. Der geistliche wie Status-Wert eines Klosters hängt immer mehr an seinem Grad der Heiligkeit, der in der Strenge der Befolgung der Regeln liegt.

 

 

Miss-Stand und Kritik in der Kirche

So wie die Bischöfe, ob nun reformerisch oder nicht, sich wenig mit weiterer Christianisierung ihrer Herde beschäftigen, so auch nicht ihr römisches Oberhaupt. Dabei bleibt die Vermischung vorchristlicher und kirchen-christlicher Vorstellungen und Rituale in der Laienschar, wie z.B. Wetterzauber, und vermutlich auch weiter eine gehörige Portion von Zweifel und Unglauben dort.

 

Es geht vielmehr um das Personal ihres eigenen Apparates und im Kern um die magischen Mittel, mit denen Priester als Hirten das Seelenheil ihrer Herde zu befördern haben. Dazu sollen sie ihren Geschlechtstrieb nicht ausleben (Zölibat), sie sollen nicht käuflich sein, sich also auch nicht in ihre Ämter und mehr oder wenige einträgliche Pfründe einkaufen. Das ist die Simonie, so benannt nach dem Simon der Apostelgeschichte, der sich magische Kräfte erkaufen wollte. Manche fordern auch, dass sie nicht mehr von weltlichen Herren eingesetzt werden sollen.

Überhaupt soll der Klerus kein völlig von Mönchen verschiedenes Leben führen.

Dazu gehört, dass der Dom-Klerus Kirchengut nicht als individuellen Privatbesitz, sondern als kollektives Gut der Kirche behandeln soll. Idealerweise soll er darüber hinaus ein gemeinsames Leben führen, was mal wieder weitgehend verschwunden ist.

 

Damit so etwas durchgesetzt werden kann, muss die Kirche sich aus dem Einfluss weltlicher Macht lösen: Sie muss autonom eine Macht aus eigenem Recht werden, wiewohl ihr die militärischen Machtmittel fehlen. Dieser Widerspruch entspricht dem der weltlichen Mächte, die ihre christliche Legitimationsbasis nicht verlieren wollen und darum Reformen nur solange fördern, wie ihnen die Kirche dabei nicht entgleitet.

Es wird die Bekämpfung von Miss-Ständen, welche dem Papsttum den Weg zu immer mehr Kontrolle der Bischöfe ebnet. Wer nun nicht in Rom erscheint, um sich dort zu verantworten, wird ab Mitte des 11. Jahrhunderts exkommuniziert.

 

Schon der zunehmend artikulierte Widerspruch zwischen der geforderten Heiligkeit der Priester und der Niedrigkeit der durch und durch sündhaften Laienwelt weist auf eine Entwicklung, die Kirche und "Welt" stärker trennen wird. Es wird zu einem Spezifikum des lateinischen Abendlandes werden, dass kirchlich institutionalisierte "Religion" den tatsächlichen Alltag nicht durchdringen kann, sondern folkloristisches Anhängsel bleibt, welches mit dem Aufstieg eines Kapitalismus immer mehr an den Rand gedrängt werden wird. Ein sunnitischer Islam oder ein Buddhismus bzw. Hinduismus hingegen, die keiner übergeordneten Kirche bedürfen, sind noch heute sehr lebendig.

 

Dabei ist diese Reformbewegung eingebettet in die von Cluny begonnene klösterliche Reformbewegung und andere, ebenfalls beschränkte Frömmigkeits-Bewegungen, wie das zum Beispiel die langsam steigende Marienverehrung ist. Dort, wo sich solche Grüppchen von Leuten dabei stärker auf die Evangelien konzentrieren und diese damit überhaupt zur Kenntnis nehmen, somit implizit zur Kirchenkritik herausgefordert sind, werden sie verfolgt. Schließlich greifen sie damit auch den großen Reichtum der Bischofs-Kirchen an, den die kirchliche Reformbewegung für selbstverständlich hält, und vielfach zudem auch die magischen Rituale der Priester.

 

Käuflichkeit

Was heute Korruption heißt (eigentlich: Verderbnis), also Käuflichkeit, Bestechlichkeit, prägt das ganze Mittelalter und gilt eher als normal, wird also meist nicht als solche bezeichnet. Wer Privilegien (Vorrechte) will, muss etwas dafür bezahlen, und zwar bei höheren weltlichen wie geistlichen Herren. Ausgenommen sind nur die, die nicht genug Geld erwirtschaften, um die Käuflichkeit anderer auszuprobieren. Dass man sich in wohldotierte Pfründe, also geistliche Ämter samt dazugehöriger materieller Grundlage aus Land und (arbeitenden) Leuten einkauft, gilt als selbstverständlich.

 

Dabei ist dann meist kein gemeinsames Leben eines Stiftsklerus mehr vorhanden. So kann denn der bedeutende Reform-Bischof Johannes von Cesena 1042 für die Zustände, die er in seinem Bistum vorfindet, schreiben,

dass die Priester, Diakone und übrige kirchlichen Stände ihre Einkünfte und die Oblationen (d.h. freiwilligen Zuwendungen) der Kirche nicht gemeinsam (communiter) besaßen und sie nicht für fromme Dinge verwendeten, sondern sie stattdessen – sie für schändliche Habgier (avaritia) nutzend – untereinander wie eine Beute aufteilten und in ihre jeweiligen Häuser wegschleppten, wo sie ihre Anteile auf höchst verächtliche Weise zusammen mit ihren Hausgenossen und – was noch schlimmer ist – zusammen mit Frauen verbrauchten.

 

Käuflichkeit ist dabei ganz allgemein Wesen einer Warenwelt, und sie wird sofort auf Menschen übertragen: Auf Lohnarbeiter auf Zeit, für eine Ernte zum Beispiel, auf Frauen, die ihre Körper zum männlichen Abreagieren des Geschlechtstriebes vermieten oder die als Töchter des Adels und der Fürsten gegen entsprechende Mitgift besonders vornehm verkauft werden.

 

Als Simonie gilt es aber auch, wenn Könige und andere Fürsten Äbte und insbesondere Bischöfe selbst einsetzen, wobei man unterstellt, dass dabei Geld fließt und/oder die Macht der weltlichen Herren vergrößert werden soll. Symbolisch dafür steht die Investitur der Bischöfe durch den König, einen Laien, mit Krummstab (baculum) und Ring (anulus).

 

Kaiser Heinrich III. setzt auch, was in einigen Kreisen Empörung auslöst, mit ihm befreundete Päpste ein, und unter seinen Vorgängern war das nicht anders gewesen, wenn es ihnen möglich war. Dass die Könige/Kaiser aus dem Hause der Salier dabei reformfreundliche Päpste begünstigen, wird ihnen später nicht gedankt werden.

 

Zölibat

Menschen wirtschaften nicht nur, begründen Macht- und Herrschaftsverhältnisse, sie sind zu allererst lebendige Körper, die spüren, fühlen, Emotionen nach außen tragen, die begehren und nicht zuletzt sexuell begehren.

Zwar bleibt das Ausleben des Geschlechtstriebes weiter Haupt-Ursache menschlicher Sündhaftigkeit, aber zugleich hat die Kirche im Zuge ihrer Romanisierung und partiellen Re-Judaisierung schon lange de facto ihren Frieden mit Ehe und Familie geschlossen, verwerflich bleibt dabei jedoch der Aspekt der Lust, Zentrum menschlichen Getriebenseins. Anders als beim Judentum und dem Islam wird das zentraler Widersinn christkatholischer Existenz bleiben und am Ende zu ihrem letztlichen Untergang beitragen.In unserer Zeit werden die meisten Menschen alltäglich wohl diesen Widersinn nach Möglichkeit ignorieren.

 

Wir wissen schon aus vergangenen Jahrhunderten, dass nicht nur Priester sehr oft im Konkubinat leben oder regulär verheiratet sind und Kinder haben. Dasselbe gilt auch für nicht wenige Bischöfe, die nun von den Reformern bedroht werden. Von Erzbischof Malger von Rouen zum Beispiel ist bekannt, das er einen Sohn Michael hat, was bei seiner Absetzung 1054 hilfreich wird. Von asketisch lebenden Eremiten und Mönchen insbesondere in Norditalien geht nun stärker als zuvor die Forderung aus, dass die magischen Kräfte der Priester nicht durch ausgelebten Geschlechtstrieb beschmutzt und entwertet werden dürfen.

 

Solche Askese als "Abtötung des Fleisches" betrifft nicht nur den Geschlechtstrieb, sondern auch ein Leben in möglichst extremer Einfachheit, Armut und angestrebter Bedürfnislosigkeit, manchmal bis hin zur Selbstgeißelung. Wie diese Umleitung des Geschlechtstriebes in Lust am Schmerz sich mit dem Aufstieg in Kirchenämter verträgt, wäre eine eigene Untersuchung wert. Jedenfalls werden die Abbildungen von Folterphantasien und Grausamkeiten an Märtyrern in absehbarer Zeit christliche Kirchen schmücken.

 

1022 ordnen Benedikt VIII. und Kaiser Heinrich II. gemeinsam auf einer Synode in Pavia an, dass Geistliche künftig nicht mehr heiraten dürfen, was besagt, dass sie es bislang oft taten. Das nutzt aber wohl wenig, wie schon solche Forderungen in den 700 Jahren zuvor. 1059 wird dann auf einer Lateransynode verboten, das verheiratete Priester die Messe durchführen dürfen. Aber es kommt dagegen, soweit das überhaupt zur Kenntnis genommen wird, besonders in deutschen Landen zu heftigen Protesten, und noch um 1075 wehren sich die Priester auf Versammlungen in West- und Ostfranzien, darauf überhaupt einzugehen. In den nächsten Jahrhunderten wird dann auf die förmliche Priesterehe stärker verzichtet zugunsten des dann oft weiterlaufenden, mehr oder weniger verdeckten Konkubinats.

 

Andererseits kann niemand die Disziplin der Priester so gut beaufsichtigen wie die eigene Gemeinde, und so beginnen zunächst in Norditalien Laien in den größeren Städten vor allem sich gegen fehlende kultische Reinheit ihrer Priester zu wenden, und dann auch die Simonie anzuprangern. Damit treten städtische Massen nun stärker in das Geschehen ein.

 

 

Während den Priestern die Ehe verboten wird und sie ins Konkubinat abgedrängt werden, also zur massiven Entrechtung ihrer Frauen, greift die Papstkirche seit dem 10. Jahrhundert immer mehr in die Ehe von Fürsten und Königen ein. Ehen selbst entfernterer Verwandter werden verboten und dienen dann rückwirkend als (fast einziger) Scheidungsgrund.

Im folgenden Jahrhundert wird die Ehe immer noch kein Sakrament sein, und sie wird von der produktiven Masse der Bevölkerung im wesentlichen weiter untereinander vereinbart, soweit sie nicht der Zustimmung durch einen Herrn bedarf. Aber die zunehmend wohlwollende kirchliche Haltung trägt dazu bei, dass Ehen häufiger schon mal auch an der Kirchenpforte, allerdings außerhalb des geweihten Bereichs, geschlossen werden, und so den Segen eines Priesters erhalten können.

 

 

Ostfranzien bis zum Streit mit dem Papst (siehe Anhang 19)

 

Das Königtum liegt in beiden Teilen Franziens in den Händen von Dynastien, Herrscherfamilien, die durchsetzen können, dass nach Möglichkeit der erstgeborene Sohn Nachfolger wird. Das sind im Osten bald die Salier und im Westen die Kapetinger. Aufgrund der Vorgeschichte beider Reiche entwickeln sie sich recht unterschiedlich.

 

Der letzte Herrscher aus der Familie der Ottonen, Heinrich II., und seine Nachfolger aus dem Herrscherhaus der Salier, Konrad II. und Heinrich III., versuchen in steigendem Maße, den Selbständigkeits-Drang der "Stammesherzöge", zunächst insbesondere der von Schwaben und Bayern, einzuschränken, aber die Verselbständigung von Stammesfürstentümern und Regionen am Rande des deutschen Kernlandes, dessen weitere Geschichte sehr stark von zentrifugalen Kräften geprägt wird, nimmt eher zu.

 

Das immer autoritärere Regieren Heinrichs III. äußert sich schließlich in den deutschen Landen mit der Einsetzung landfremder und damit eher schwächerer Herzöge. Dazu kommt ein Konflikt mit den sächsischen Billungern. Der König versucht, sich nun stärker in Sachsen festzusetzen. Zur Schwächung der Familie Gottfrieds ("des Bärtigen"), die ganz Lothringen beherrscht, wird dieses unter zwei Herren in Unter- und Oberlothringen geteilt und Gebiete werden an den Grafen von Flandern abgegeben. All das ist mit militärischer Gewalt verbunden.

Immerhin gelingt es dem Kaiser, Dänemark, Polen, Ungarn und vielleicht auch Böhmen vorübergehend in eine Art Lehnsabhängigkeit zu bringen.

 

Zur Krise kommt es 1056, als Heinrich III. stirbt, der den noch kindlichen Sohn Heinrich drei Jahre vorher zum Nachfolger bestimmt hatte. Anfangs ist Mutter Agnes Regentin, unterstützt von Papst Victor II. Rudolf von Rheinfelden erzwingt für sich das Herzogtum Schwaben, Berthold von Zähringen das von Kärnten und Otto von Northeim das von Bayern. Während am Hof der Einfluss von Ministerialen zunimmt, empören sich die Fürsten darüber, der ihrige würde abnehmen.

1062 entführt der Erzbischof Anno von Köln den Elfjährigen in seine Stadt, um so seinen Einfluss zu vergrößern. 1065 wird Heinrich IV. mit der Schwertleite volljährig.

 

Erste Machtbasis sind Familiengut und Krongut, dazu kommen zunächst weiterhin die Bischöfe und jene Großen, die salische Herrschaft anerkennen. Das Reisekönigtum bleibt auf das servitium regis der Bischofsstädte angewiesen und bewegt sich von Ort zu Ort mit seiner Hofkapelle, die neben den geistlichen Aufgaben für den Hof auch das Notariatswesen beinhaltet. Dort sind wie schon unter den Sachsenkaisern hochadelige Geistliche versammelt, von denen nicht wenige später auf Bischofsposten landen.

 

Mehr unmittelbares Instrumentarium versammeln die Könige weiterhin nur auf ihren Hoftagen in Form eines Gefolges der Großen, und auf den Heerfahrten, die allerdings weiter sehr häufig sind. Gewalttätigkeit und Gewaltandrohung bleibt eine zentrale Betätigung der Herrenwelt, neben der religiösen ihre handfeste Rechtfertigung.

 

Die propagandistische Legitimierung von Herrschaft, d.h. Machtausübung, geschieht weiter religiös, d.h. "christlich". Wie einst schon  Karl ("d.Gr.") und Ludwig ("derFromme") kirchlich-monastische Reformen angestoßen hatten, tritt  Heinrich II. ganz auf die Seite einer nun allerdings kirchlich initiierten Reformbewegung, und er nutzt die Reichskirche dabei noch mehr als seine Vorgänger für die Herrschaftsausübung. Gut 40% der neu eingesetzten Bischöfe entstammen jetzt der Hofkapelle, und immer mehr von ihnen erhalten jetzt volle gräfliche Rechte. "Schon im 11. Jahrhundert kann etwa der Bischof von Würzburg von sich behaupten, alle Grafschaften in seiner Diözese seien in seiner Hand." (Althoff(6), S.31)

 

Die Sakralisierung des Königtums nimmt immer stärkere Züge an. Unter den frühen Saliern wird das Bündnis von Königen/Kaisern mit der Kirche weiter ausgebaut, was mit der aufwendigen Errichtung des monumentalen Domes zu Speyer demonstriert wird.

 

Hohes Ziel königlichen Machtbegehrens, für das sie die deutschen Lande in ihre Dienste stellen, ist ein gewisses Maß an Herrschaft über ein zersplittertes Italien, bei dem auch Rom erreicht werden muss, um den Kaisertitel zu erringen. Immer wieder ziehen die Könige dafür mit bedeutenden Heeren in Unterwerfungs-Feldzügen  über die Alpen, die im Süden keine dauerhafte Kontrolle erringen können.

Sie stützen sich in Italien mit der bedeutenden Ausnahme von Mailand wesentlich auf von ihnen eingesetzte ostfränkische Bischöfe. In Süditalien, wo sich langsam auch normannische Herrschaften bilden, bleiben sie, manchmal unter Opferung großer Teile des Heeres, erfolglos. Dabei wird erste Ablehnung gegen die Fremden deutlich.

1026 zieht Konrad mit Heer nach Italien, lässt sich in Mailand zum Langobarden-König krönen und im Folgejahr in Rom zum Kaiser. 1037 geht es wieder nach Italien, wobei es heftige Konflikte mit dem Mailänder Erzbischof gibt. Als Reaktion auf Aufstände in Städten wird mit der 'Constitutio de feudis' die Unterstützung von hohem Adel und Valvassoren gesucht.

Die Herrschaft über Nord- und Mittelitalien muss bei jedem königlichen Amtsantritt neu errungen werden, und das wird nicht nur so bleiben, sondern bleibt auch immer sehr unvollständig, und es schafft immer neue Feinde wie den Erzbischof von Mailand bei der Aufwertung der Valvassoren: Die Zersplitterung des Landes und die andersartigen Entwicklungen erschweren Dominanz aus deutschen Landen.

 

Auf einem Heerzug nach Italien, der seiner Kaiserkröning dienen soll, sorgt Heinrich III. 1046 auf einer in Sutri gegen Simonie versammelten Synode für die Verurteilung und Absetzung dreier Päpste, die (nicht nur er) für unwürdig hält, ihn zu krönen. Der Einfluss der römischen Adelsfraktionen auf den Papststuhl soll ausgeschlossen werden.

Er installiert dann in Rom den Bischof Suitger von Bamberg als Clemens III., der ihn in Rom zum Kaiser krönt. Es kommt zu weiteren Beschlüssen gegen den Ämterkauf in der Kirche.

 

In Süditalien gelingt ihm keine stabile Neuordnung der Verhältnisse um Langobarden und Normannen, die letztere für Apulien mit ihrem Besitz belehnt werden.

1049 wird mit Leo IX. ein reformorientierter Bischof von Toul mit Unterstützung des Kaisers Papst. Aber seitdem gibt es auch lauter werdende Kritik an der Einsetzung von Päpsten und Bischöfen durch Könige und Fürsten.

 

Der Kaiser kombiniert die Förderung der Bistümer im Doppelreich mit der Verleihung von Immunitäten, Forsten, geldlich nutzbaren Hoheitsrechten und Grafschaften auch gegen die Interessen von Klöstern mit der Förderung der Kirchenreform. In der Summe soll beides seine Herrschaft stärken. Er regiert mit dem Erzkanzler, welcher Erzbischof von Mainz ist, und mit der von ihm kontrollierten Hofkapelle, aus der viele Bischöfe kommen. Die Pfalz Goslar erhält ein Stift als eine Art Kaderschmiede für eine kaiserlich kontrollierte Kirche.

 

Tatsächlich bleibt überall in diesem Reich königliche Herrschaft darauf begrenzt, dass die Großen sich in seine Hoheit begeben, wobei das noch nichts über den tatsächlichen Zugriff auf diese Gebiete aussagt, der sich in den Hoftagen dort ausdrückt und in Hof-Fahrt und Heerfahrt. Über Beratung des Herrschers mit den Großen und hergestelltem "Konsens" samt darauf dessen ritueller Demonstration nach außen werden Entscheidungen getroffen. (so u.a. in Althoff(6), S.23f) Instrumente von Herrschaft sind darüber hinaus Ministeriale und manchmal bald sogar neuartige bürgerliche Vereinigungen in Städten.

 

Obwohl so die Könige keine dauerhafte Lösung für gesicherte Herrschaft finden, streben sie alle danach, auch andere Gebiete unter ihre Hoheit zu bekommen. Sie verstehen sich eben nicht deutsch, sondern als Vertreter der Macht ihrer Familie. Ein gemeinsames deutsches Selbstverständnis entsteht aber ohnehin nur in rudimentären Zügen und wird auch in Zukunft nur selten einmal aufflackern.

 

Am Rand der deutschen Lande herrscht wie im Inneren von Gewalt durchsetzte Unruhe. Im Westen bleibt das in einen frankophonen und einen deutschen Bereich geteilte Lothringen Zankapfel zwischen den beiden Königen und im Inneren zwischen Familien des Hochadels.

Nachdem der kinderlose Rudolf III. von Burgund 1016/18 sein Reich dem Kaiser aufträgt, gibt es letztlich vergebliche Versuche, es in Konkurrenz mit dem französischen König in das Salierreich einzugliedern. Kaiserliche Macht kann dort in großen Teilen nicht durchgesetzt werden. Nur wenige heimische Adelige unterstützen 1033 die Königskrönung von Konrad in Peterlingen/Payerne.

Nachdem Polen und Böhmen zunächst weiter dem kaiserlichen Einflussbereich entgleiten, beginnt dann die nachhaltigere Integration Böhmens als Herzogtum in das Reich. Erfolglos bleibt Eingreifen in Ungarn.

 

Im Nordosten werden es nicht Könige, sondern regionale Fürsten, bürgerliche Unternehmer und bäuerliche Siedler sein, die in den nächsten Jahrhunderten die deutschen Lande nach Osten um ein Drittel des Raumes erweitern, und es werden Fürsten sein, die davon profitieren und ihre Macht auf Kosten der königlichen erweitern.

 

Anfänge geistlichen Fürstentums

 

Zwei Besonderheiten zeichnen die Bistümer aus: Sie sind unteilbar, da es ohnehin keine Erbfolge gibt, und sie umfassen ein stabiles, vordefiniertes Gebiet, auch wenn dieses ein Flickenteppich von Besitztümern, Herrschaften und Rechten ist. Bischöfe sind dabei nicht nur geistliche Herren, sondern zugleich auch immer weltliche, wie dann auf dem Weg zum sogenannten Wormser Konkordat auch förmlich festgestellt wird.

 

Schon Mitte des 11. Jahrhunderts beginnt in deutschen Landen die Strukturierung von Diözesen in neuartige Fürstentümer. Der geistliche Machtbereich wird in Archidiakonate aufgeteilt und die Pfarreien werden ausgebaut. Die Bischöfe operieren mit einer eigenen Ministerialität für Verwaltung und militärische Auseinandersetzungen. Auf Klöster und Kanonikerstifte wird stärker zur Machtausübung zurückgegriffen. Stifte werden reformiert und Mitglieder des Domkapitels werden dort zu Pröpsten hinbestellt. Konflikte sind dabei vorprogrammiert, und nicht nur mit den Menschen vor Ort, sondern mit dem weltlichen Vogt und jenen Herren nebenan, mit denen Bischöfe konkurrieren. 

Ziel ist, wie Ehlers für den Salzburger Erzbischof schreibt, "dass nichts und niemand außerhalb der episkopalen Jurisdiktionsgewalt bleiben sollte, exemte Klöster und Stifte geradezu als systemwidrig erscheinen mussten." (EhlersOtto, S.143) 

Dazu kommt dann, wie beim Freisinger Bischof, das alleinige Münzrecht in der Diözese, das Monopol auf einen Jahrmarkt in der Stadt Freising und das Verbot an andere, neue Märkte zu gründen.

 

Musterbeispiele auf dem Weg zur Territorialisierung sind kurz nach der Mitte des 11. Jahrhunderts die Erzbischöfe Anno von Köln (1056-75) und Adalbert von Hamburg/Bremen, die beide auch die Unmündigkeit Heinrichs IV. für ihre Zwecke ausnutzen.

 

Das um 1080 entstandene Annolied beschreibt einen ebenso mächtigen wie würdigen Erzbischof:

Am königlichen Hof war seine Macht so groß /Dass alle Reichsfürsten ihre Sitze unter ihm hatten / Im Dienst für Gott verhielt er sich so / Als wäre er ein Engel.

Auf seine Untertanen wirkt er hingegen anmaßend und streng.

Und im Sinne seines baldigen Kontrahenten, des Erzbischofs Adalbert von Hamburg/Bremen heißt es in der Kirchengeschichte des Adam von Bremen:

Der Kölner, den man der Habsucht zieh, verwandte alles, was er zu Hause und bei Hof erraffen konnte, zum Schmuck seiner Kirche. Sie war zuvor schon groß gewesen, er machte sie aber so bedeutend, dass sie über jeden Vergleich mit einer anderen Kirche des Reiches erhaben war. Auch beförderte er seine Verwandten, Freunde und Kappelläne und überhäufte sie alle mit den höchsten Würden und Rängen.

 

Es handelt sich darum, dass der Kölner Kirchenfürst im Streit mit dem ezzonischen Pfalzgrafen dabei ist, sich zum einzigen Machtzentrum eines zu schaffenden Territorium zu erheben, in dessen Mittelpunkt die wohl größte Stadt der deutschen Lande liegt. Dabei macht er den Adel zu lehnsabhängigen Vasallen, fasst die Pröpste der Stifte in und um Köln zu einem Priorenkollegium zusammen, über das er ebenfalls den Adel kontrollieren kann und nutzt zudem die Kirchenreform für seine Zwecke. (WeinfurterGeschichte, S. 105ff) Verwandte und Freunde werden überall wo möglich eingesetzt (Adam von Bremen). Dazu gehört sein Bruder Werner, den er in Magdeburg durchsetzt, während er es nicht schafft, seinen Neffen Konrad gegen den Trierer Domklerus einzusetzen, der ermordet und durch einen Nellenburger ersetzt wird.

 

Anno ist ein typischer Aufsteiger aus einfachen edelfreien Verhältnissen in Schwaben, der nach Bamberg und Paderborn geht, unter Kaiser Heinrich III. in die Hofkapelle und dort in die Kanzlei gelangt. 1054 macht Heinrich ihn zum Propst von St. Simon und Juda in Goslar, 1056 wird er Erzbischof von Köln und Erzkanzler für Italien.

 

Ganz ähnlich wie Anno versucht Adalbert, sich ein möglichst geschlossenes Nordsee-Territorium mit Ambitionen darüber hinaus anzueignen, wofür er laut Adam auch viel Geld einsetzt. Ab 1063 stärker an den Hof gelangt, versucht er zu diesem Zweck, sich mit Unterstützung des minderjährigen Heinrichs durchzusetzen. Die langsam Territorien schaffenden Fürsten nutzen die Gunst der Stunde, um das Königtum/Kaisertum zu schwächen. Adalbert gewinnt inzwischen immer mehr die Oberhand bei Hofe, einigt sich dann aber mit Anno.

Lampert von Hersfeld berichtet:

Diese beiden herrschten an Stelle des Königs, von ihnen wurden Bistümer und Abteien, von ihnen wurde alles, was es an kirchlichen, was es an weltlichen Würden gibt, gekauft (...) Gegen Äbte (...) übten sie ihre Raubzüge mit völliger Hemmungslosigkeit (...) Sie machten einen Angriff auf die Klöster und teilten sie unter sich wie Provinzen (...) So nahm der Bremer Erzbischof zwei Abteien in Besitz, Lorsch und Corvey, und behauptete, das sei die Belohnung für seine Ergebenheit und Treue gegenüber dem König. Damit es aber nicht Missgunst unter den übrigen Reichsfürsten erwecke, gab er mit Einwilligung des Königs dem Erzbischof von Köln zwei, Malmedy und Kornelimünster, dem Erzbischof von Mainz eine, Seligenstadt, dem Herzog von Bayern eine, Altaich, und dem Herzog Rudolf von Schwaben eine, Kempten. (zu 1063).

 

1066 wird der König einen Teil der gegen den Widerstand der Klöster und Bischöfe gemachten Übertragungen wieder rückgängig machen.

 

Der geistliche Adels- und Fürstenhof unterscheidet sich dabei in der Lebensführung nicht wesentlich vom weltlichen, werden doch die höheren geistlichen Ämter nach Kirchenreform und Investiturstreit einer immer weitergehenden Verweltlichung ausgesetzt.

 

 

Königreiche

 

Die Einnistung von Kapital verlangt halbwegs stabile Rahmenbedingungen für Handel und Gewerbe. Für italienische Städte bedeutet das, dass sie zum Teil zusammen mit Päpsten die sarazenische Gefahr im Mittelmeer zurückdrängen müssen, für den Ostseehandel müssen das mehr oder weniger regionale Fürsten leisten. Die Sicherheit der Handelswege und der Städte auf dem Kontinent liegt ansonsten in den Händen von Fürsten, manchmal von Königen unterstützt, immer wieder auch beim lokalen Adel, dessen kriegerisches Verhalten aber auch den Handel gefährdet.

 

 

Westfranzien (siehe Anhang 35)

Ähnlich wie im Ostfrankenreich und in England wird auch in Westfranzien ein Königtum als oberste Ordnungsmacht wie selbstverständlich angenommen, ja, die Großen in den Reichen werden ihre Macht auch weiterhin aus der königlichen ableiten. Aber die nominellen Herrscher über das ehemalige Gallien verfügen zur tatsächlichen Machtausübung nur noch über die alte robertinische Hausmacht in der Île de France um Paris und in wenigen Gegenden südlich davon bis zur Loire. De facto zur Gänze unabhängig sind die Herzogtümer der Normandie und von Aquitanien sowie mächtige Grafschaften wie die von Anjou, von Blois/Champagne, Poitou oder Flandern. Ein Sonderleben führt die noch immer stark keltisch geprägte Bretagne. Immerhin fällt das Herzogtum Burgund schließlich für rund dreihundert Jahre in die Hand einer Kapetingerlinie. Die Tatsache, dass mit der Erbfolge der Kapetinger zwar etwas durchgesetzt wird, was zunächst auf der Schwäche des Königtums beruht, wird sich auf die Dauer aber eher in ein Moment der Stärke verwandeln.

 

König Robert II. ("der Fromme") verlässt seine Krondomäne kaum und residiert vorwiegend in Orléans und Paris. Viel mehr noch als in deutschen Landen sind die kapetingischen Könige auf einen sakralen Nimbus angewiesen, auf die enge Verbindung von Kirche, Kloster und Macht. Dazu gehört zum Beispiel, dass der schwache Westkönig Anfang des 11. Jahrhunderts an hohen Festtagen ostentative Armenspeisungen durchführen und sich auf Reisen von zwölf Armen begleiten lässt, die ihn und Gott lobpreisen. (Fichtenau, S.61) Helgaud von Fleury berichtet in seiner Vita, die Gnade Gottes habe dem König Heilkraft verliehen. Sobald er Wunden berühre und das Kreuzeszeichen mache, verschwänden Schmerzen und Krankheit. Was dabei früher St. Rémi in Reims war, wird nun St. Denis und später dann auch die Pariser Kathedralkirche.

 

Sohn Henri I. kämpft zunächst gegen seine Brüder um die Herrschaft und muss das von ihm zugunsten des Königtums abgegebene Burgund 1031/32 seinem Bruder Robert II. überlassen.

 

Während sich in der Normandie ein alles aufs Zentrum hin orientierendes Fürstentum ausbildet, müssen die übrigen Herrscher jenseits von Flandern mit einer in viele Burgherrschaften zerfallenen Landschaft umgehen, die dann in Aquitanien durch neue Grafschaften, wie das Poitou, das Anjou oder das Toulousain gegliedert wird, die nicht zufällig alle nach einer Haupt-Stadt benannt sind. Sie haben alle keine völkische Begründung.

Selbst im eigentlichen Krongebiet muss Königsmacht gegen starke Burgherren immer wieder neu etabliert werden, und zwar noch bis tief ins zwölfte Jahrhundert. Zugriff gewinnen die Könige in Kernfranzien vor allem durch ihren Einfluss auf rund zwanzig Bistümer und das Erzbistum Reims, wo sie die Bischöfe einsetzen und bei Sedisvakanzen die Einnahmen einziehen können.

Vom königlichen Hof verschwinden die meisten westfränkischen Bischöfe und Grafen. Sie werden ähnlich wie in der Normandie und im Anjou ersetzt durch nicht selten besoldete Ritter aus der familia regis.  

 

Um die Mitte des Jahrhunderts versucht sich die Krone stärker aus ihrer militärischen Abhängigkeit von den Normannen-Herzögen zu lösen, und mit der Heirat mit einer Kiewer Prinzessin beginnt König Henri Machtansprüche zu demonstrieren. 1060 wird Sohn Philippe beim Tod seines Vaters König (bis 1108).

 

Spanien

Um die erste Jahrtausendwende teilt sich das christliche Spanien in das westliche Königreich León, das im Süden bald das Duerotal und den Nordteil des späteren Portugal umfasst, östlich davon Kastilien und daneben das Königreich Navarra unter Sancho III., und südlich davon ein Streifen Aragon samt benachbarter Grafschaften, was der dritte Sancho sich ebenfalls einverleibt. Unter seinen Söhnen teilt sich das Reich in Kastilien, Navarra und Aragón. 1037 vereint Fernando Kastilien mit León und nennt sich nun König, ebenso wie der Herrscher von Aragon.

Nach dem Tod Fernandos II. 1065 teilt sich sein Reich in die von Galizien, León und Kastilien. Nach heftigen Bruderkämpfen erbt Alfonso von Kastilien 1072 alles und erobert im Süden von El-Andalus Gebiete bis nach Toledo.

 

Italien

Kaum ist Otto III. tot, lässt sich Arduin von Ivrea mithilfe italienischer Großer zum König krönen. Er gewinnt Unterstützung auch dadurch, dass er die Reformbewegung in den Klöstern unterstützt, die dabei ist, auf die Kirche überzugreifen. Ein erster Versuch eines Heeres deutscher Großer gegen ihn scheitert, während die den römischen König unterstützenden Bischöfe den Kampf gegen Arduin fortsetzen Heinrich II., der sich auch in Italien ganz auf die von ihm eingesetzten Bischöfe verlässt, tritt auf die Seite der Reformbewegung. 1004 lässt er sich in Pavia zum 'König der Langobarden' krönen, ohne Arduin besiegen zu können. Einwohner Pavias empören sich gegen ihn und brennen die Königspfalz nieder. Heinrich lässt darauf Teile seiner Hauptstadt niederbrennen, um dann nach Norden abzuziehen. So schwindet auch noch das letzte Symbol von Königsmacht in Italien.

 

Eine fränkische, besser vielleicht karolingische Oberschicht etablierte sich im Norden über die langobardische, die längst wieder an Bedeutung zunimmt. Beide integrieren sich langsam in eine gemeinsame norditalienische militia, die im 11. Jahrhundert bereits stark stadtbezogen ist und sich in zwei Adelsschichten gliedert, die, manchmal auch mit Hilfe des städtischen "Volkes", an der Machtausübung der bischöflichen Stadtherren partizipieren. Kapital - und Gemeindebildung hat hier frühere Anfänge als anderswo. Die Bedeutung von weltlichen Fürstentümern wie den Markgrafschaften von Ivrea und der Toskana, die Konrad 1027 an den Grafen Bonifaz von Canossa vergibt, wird zunehmend durch die von Städten ergänzt. Sie wird mit dem Ende des Hauses Canossa 1115 zur Gänze verschwinden.

 

Die Macht der deutschstämmigen Kaiser ist meist fern und wird neben kaiserlichen Abgesandten fast nur noch von den Bischöfen getragen, die mit dem Aufstieg ihrer Städte an Bedeutung verlieren. In diesen Städten mit ihren anderen Traditionen wird dann im nächsten Jahrhundert machtvoller Widerstand gegen die langsam so gesehene Fremdherrschaft aus dem Norden  wachsen.

 

In der Mitte Italiens strebt im selben Jahrhundert das Reform-Papsttum als geistliches Fürstentum nach Ausweitung seines Herrschaftsraumes, des sogenannten Kirchenstaates in Mittelitalien, stößt dabei im Süden auf die Normannen und im Norden auf die Ansprüche deutscher Kaiser. Es wird dabei in seiner die damalige lateinische Welt umfassenden und sich intensivierenden geistlichen Machtausübung mit frühesten Elementen zukünftiger Staatlichkeit operieren, einer wachsenden Schriftlichkeit, Verrechtlichung und Finanz-Verwaltung vor allem. In ihrem weltlichen Bereich werden die Päpste dann versuchen, städtische Autonomisierung und Gemeindebildung zu unterdrücken, was aber nicht dauerhaft gelingen wird.

 

 

Insbesondere für Florenz und Mailand dokumentiert, wenden sich zunächst einzelne Mönche und Priester gegen simonistische Bischöfe und nicht zölibatäre Priester. Sie wenden sich dabei an die Laien, welche zunehmend befürchten, dass die Sakramente solcher Priester nicht ihre magische Funktion erfüllen können. 1068 muss der Bischof von Florenz fliehen.

In Mailand und mehreren anderen norditalienischen Städten entsteht in der Mitte des 11. Jahrhunderts eine Bewegung vieler Laien und einiger Priester gegen die übliche Priesterehe und die Ämterkäuflichkeit in der Kirche. Seit den siebziger Jahren wird sie als Pataria bezeichnet. In den späten fünfziger Jahren erwirken sie die Unterstützung des Reform-Papsttums. was dann 1064 noch an Militanz gewinnt, als der Papst ihrem Anführer in Rom die Petersfahne überreicht und ihn zu einem päpstlichen Krieger (miles) macht.

Diesem Erlembald gelingt es 1066 in Rom, die Exkommunikation des von Heinrich III. 1045 eingesetzten Mailänder Erzbischofs Wido zu erreichen. Die Tumulte in der Stadt nehmen zu. Gestützt auf seine Verwandtschaft und Gefolgschaft, übernimmt Erlembald mit militärischen Mitteln die Führung in Mailand.

 

 

Südlich von Mittelitalien waren schon die Versuche der Sachsenkaiser gescheitert, wirkliche Hoheit herzustellen. Hier teilen sich alte langobardische Dynastien im Inneren und Byzanz an der Küste die Machtausübung, können aber nicht verhindern, das nordafrikanische Muslime die Herrschaft über Sizilien mit einer gewissen Einwanderung und Überfremdung verbinden. Dazu gewinnen sie immer wieder Stützpunkte mit Städten an der Festlandküste, wobei sich Byzanz als relativ ohnmächtig erweist.

 

Ein erfolgreicher Gegner erwächst dem Islam erst mit den noch nicht lange christianisierten und romanisierten Normannen, die sich in Süditalien schon festsetzen, bevor einer ihrer Herrscher zu Hause sich mit seinem Heer an die Unterwerfung Englands macht.

Schon vor 1020 beginnen normannische Krieger in Süditalien einzusickern, um sich dort als Söldner bei verschiedenen Herren zu verdingen. 1029 erhält der erste mit der Grafschaft Aversa eine eigene Herrschaft, die ihm von Konrad II. dann knapp zehn Jahre später bestätigt wird.

In den vierziger Jahren erobern Söhne eines Tankred Apulien und Kalabrien. 1047 macht ihn Kaiser Heinrich III. zum Herzog beider Gebiete.

 

Papst Leo IX. nimmt die Übergriffe der Normannen auf das päpstliche Benevent nicht mehr hin und zieht mit einem Heer nach Süden. 1053 wird er bei Civitate vom vereinten Heer von Richard von Aversa und Humfred geschlagen und muss nach einjähriger Gefangenschaft in Benevent die normannische Herrschaft anerkennen.

Robert "Guiskard" (Schlaukopf oder: der Verschlagene) unterwirft kurz nach seiner Ankunft 1046/47 stattliche Teile Kalabriens und nimmt an der Schlacht von Civitate teil. Es gelingt ihm, zum wichtigsten Anführer der Normannen und 1057 zum Nachfolger von Humfred zu werden.

Richard von Aversa erobert derweil das Fürstentum Capua und weitere Grafschaften, aus denen er langobardische Adelige vertreibt.

1057/59 erobert Robert Kalabrien und wird 1059 in Reggio von seinem Heer zum Herzog von Apulien ausgerufen. Robert erhält seine Territorien von Nikolaus II. mit dem Titel eines dux Apulie et Calabrie et (…) futurus Sicilie samt Melfi und dem erst noch zu erobernden Sizilien als Lehen, nachdem er dem Papst die Treue schwört. Das verpflichtet ihn auch in eigenem Interesse zur Rechristianisierung und Relatinisierung Süditaliens. Zugleich erklärt der Papst Richard zum Fürsten von Capua. Damit bleiben die beiden Herren Süditaliens aber Konkurrenten.

 

England

Die Entwicklung des englischen Königreiches geschieht zunächst in relativer insulärer Abgeschlossenheit und wird dann immer aufs neue durch skandinavische und dann dänische Einfälle und deren Macht über von ihnen kontrollierte Teile Englands beeinträchtigt.

1013 wird Svein Gabelbart zum König von England gekrönt, dem nach wenigen Monaten Sohn Knut bis 1033 folgt.

 

König Svein ("Gabelbart") von Dänemark (ab 1013) macht sich dann an die komplette Eroberung, die Knut der Großen (1017-35) abschließt. Er übernimmt Herrschaftsstrukturen und gewinnt die Macht über ganz England, wobei er Wessex vor allem von Winchester aus direkt regiert, und die anderen Gebiete durch Jarls/Earls regieren lässt.

Innerhalb von neun Jahren sterben seine drei Söhne, worauf dann Ethelreds Sohn Edward ("der Bekenner") für die alte Wessex-Dynastie bis 1066 folgt.

Unter ihm geraten dänische, angelsächsische und zunehmend auch normannische Interessen im Lande in Konflikt, wobei der in der Normandie aufgewachsene Edward letztere vor allem unterstützt.

 

 

Kaiser und Päpste

 

Die deutsche Lande sowie Nord- und Mittelitalien so prägenden Konflikte zwischen Kaisern und Päpsten sowie den darunter liegenden Gruppen bis hin zu den Ansätzen von städtischem "Bürgertum" resultieren einmal aus der Bindung des Kaisertums an das römische Papsttum, zum zweiten daraus, dass deutsche Große mehr als anderswo den Konflikt für ihre Machterweiterung nutzen wollen, und schließlich haben sie auch damit zu tun, dass sich in italienischen Städten von zunehmender Kommerzialisierung geprägte und sich verselbständigende Strukturen ausbilden.

 

Man muss sich dazu vorstellen, dass Päpste und Bischöfe ähnlich wie Könige und weltliche Fürsten ihre Macht mit erheblicher Prachtentfaltung demonstrieren. Diese findet mit der Größe von Kirchen und Palästen, ihrer Ausstattung und dann auch durch entsprechende Bekleidung statt. Liturgische Gewänder protzen mit Seide, Gold und Edelsteinen, und statt der Krone gibt es eine Mitra, statt des Szepters den Krummstab.

 

Mit Leo (1049-54) beginnt die Kirchenreform, noch im Einklang mit Kaiser Heinrich III. Er umgibt sich in Rom mit seinen reformfreudigen Freunden aus der lothringischen Heimat und mit einer schlagkräftigen Kurie. Mit der Einsetzung reformfreudiger Bischöfe in den mächtigsten Kirchen Roms wird der Anfang zur Entstehung eines Kardinalskollegiums gelegt. Mit Papst Leo kommt auch Hildebrand (der spätere Gregor VII.) nach Rom zurück und gewinnt Einfluss an der Kurie. Gleich nach päpstlicher Amtsübernahme wird bestimmt, dass Erzbischöfe nach ihrer Ernennung nun nach Rom zu reisen haben, um sich das Pallium abzuholen, was die Deutschen unter ihnen allerdings regulär erst ab 1074 auch tun.

 

Leo reist viel, 1049 sogar bis hoch nach Reims, wo er die versammelten Prälaten beschwören lässt, sich ihre Ämter nicht erkauft zu haben, und er nutzt jährliche lateinische Gesamtsynoden zur Durchsetzung seiner Ziele über Nord- und Mittelitalien hinaus, aus denen dann die Fastensynoden werden. Das päpstliche Primat wird betont und von Humbert von Silva Candida wird auf die Unfehlbarkeit päpstlicher Äußerungen ex cathedra hingearbeitet.

Priesterehen werden für ungültig erklärt und Simonisten werden Bußen auferlegt. Aber Leo operiert noch sehr stark mit Verhandlung und Verständigung, wie das Beispiel von Wilhelm ("dem Eroberer") zeigt.

Päpste sind aber auch längst kriegerische Herrscher in ihrem Territorium. 1053 erleidet Leo ohne kaiserliche Unterstützung eine heftige Niederlage gegen die Normannen Süditaliens und Papst Nikolaus schließt mit ihnen dann 1059 in Melfi einen Vertrag, der sie zu päpstlichen Vasallen macht und zu Beschützern der Papstwahlen, - ein Affront gegen das (Kaiser)Reich.

 

Nachdem Heinrich III. das Kleinkind Heinrich zu seinem Nachfolger gemacht hat, stirbt er, noch relativ jung, bereits 1056. 1057 wird in aller Eile von den Reformkräften, die auch dem Einfluss des römischen Stadtadels entkommen wollten, der Kardinalpriester und Abt von Monte Cassino Friedrich (von Lothringen) als Stephan IX. inthronisiert. Das immer häufiger aufkommende Schlagwort von der libertas ecclesiae ist dabei zunächst als Befreiung aus den Fängen der Adelsfraktionen vor Ort gemeint. Hildebrand und der Bischof von Lucca werden von den Reformern nach Norden geschickt, um die Zustimmung des Königshofes zur Papstwahl zu gewinnen.

 

Kurz nachdem er den radikalen Reformer Petrus Damiani zum Kardinalbischof von Ostia gewählt hat, stirbt Stephan IX. im März 1058. Die Reformkräfte wählen darauf in Siena als "ihren" Papst den aus Burgund stammenden Bischof Gerhard von Florenz, nunmehr Nikolaus II. Mit Hilfe eines mächtigen Heeres unter Gottfried, dem Herrn der Toskana, von Teilen Norditaliens und (vom Kaiser bestritten) Lothringens, wird er nach Rom gebracht.

 

Auf einer großen Synode Ostern 1059 wird nun die Laieninvestitur verurteilt und der Papst aus den Reihen gewöhnlicher Bischöfe herausgehoben, indem er nicht mehr "von Klerus und Volk" gewählt werden soll, sondern dass von nun an die gerade herausgebildeten Kardinalbischöfe einen neuen Papst auszusuchen haben. Damit soll nun dem römischen Stadtadel jeder Einfluss entzogen werden, womit der Kaiser noch nicht völlig ausgeschlossen ist, der sich gerade das Patricius-Amt von Rom hat bestätigen lassen, welches ihm ein Vorschlagsrecht für die Papstwahl gibt.

Neu zu weihende Priester sollen nun auf ihre Qualifikation hin überprüft werden (Kenntnis der Messtexte und der wichtigsten Gebete zum Beispiel), und an den hohen Kirchen sollen sie in kanonischer Gemeinschaft leben. Der Privatbesitz, den der Priester mitbringt, kann ihm aber weiter gehören.

 

Was dann geschieht, ist, dass einzelne Bischöfe an ihrer Kirche die Umwandlung des geweihten, höheren Klerus in ein reguliertes Stift neuer Form mit klerikaler Besitzlosigkeit durchsetzen, zum Teil gegen erhebliche Widerstände, während viele Gruppen von Säkularkanonikern daneben existieren, die bald nach der Reformzeit anfangen werden, größere Teile des gemeinsamen Kirchenbesitzes für sich abzuspalten.

 

Als Nikolaus sich dann im Bündnis mit den Normannen neue Verbündete sucht, und diese auf einer Reformsynode in Melfi im Sommer 1059 gar mit ihren Eroberungen belehnt, was eigentlich dem Kaiser zusteht, rücken die deutschen und norditalienischen Bischöfe von ihm ab. Zum Bruch kommt es im Winter 1060/61, als Kaiserwitwe Agnes für den von ihr eingesetzten Erzbischof Siegfried von Rom die Übersendung des Palliums erbittet. Die Kardinäle lehnen das in einem von Damiani verfassten Brief scharf ab: Er solle dieses in Rom persönlich abholen. 1061 wird Nikolaus II. darauf von einer Reichssynode exkommuniziert. Der drohende massive Konflikt wird wohl nur durch den Tod des Papstes im Juli 1061 vermieden.

 

Vertreter des stadtrömischen Adels und die Bischöfe von Piacenza und Vercelli erscheinen im Herbst 1061 am Königshof in Basel mit der Bitte, einen neuen Papst zu bestimmen, und dazu wird der Bischof Cadalus von Parma auserkoren, der sich Honorius II. nennt. 1062 wird er unter Beteiligung vieler lombardischer Bischöfe vom Königshof auf einer Reichsversammlung in Basel ernannt.

 

Hildebrand rief bereits vier Wochen zuvor die Normannen zur Hilfe, die Teile der Stadt erobern, so dass in der Kirche San Pietro in Vincoli im September 1061 der Reform-Bischof Anselm von Lucca als Alexander II. ausgerufen werden konnte. Man einigt sich dann aber unter dem Herzog von Lothringen und Tuscien darauf, die Entscheidung des römischen Königs im Norden einzuholen.

In dieser Situation des Schismas entführt Bischof Anno von Köln mit Unterstützung des Erzbischofs von Mainz und des bayrischen Herzogs im April 1062 das Kind Heinrich IV. und bringt es in seine Gewalt. Darauf gewinnen die  Unterstützer Alexanders II. im Nordreich die Oberhand.

 

In die Amtszeit des letzten Papstes vor Gregor VII. fällt der erste gravierende Konflikt mit dem Königtum. In Mailand war "Volk" unter der Führung einiger Adeliger als zweite Etappe der  'Pataria' auch gegen die traditionelle ambrosianische Kirche aufgestanden, inzwischen nicht nur gegen Simonisten, sondern auch gegen die verheirateten Priester. Zudem unterstützen diese Leute das Reformpapsttum.

 

 

Zunächst sucht der Erzbischof von Köln nach Machtausbau, indem er das Kind entführt, danach  stützt sich der Heranwachsende mit sechzehn Jahren auf Erzbischof Adalbert von Bremen/Hamburg, bis die konkurrierenden Reichsfürsten dem Erzbischof soviel Macht vorübergehend nicht mehr erlauben.

 

In der langen Zeit der Regentschaft für den kindlichen vierten Heinrich bricht die Verbindung zum Reformpapsttum mehr und mehr ab und kann danach nicht mehr dauerhaft wiederhergestellt werden.

 

1065 tritt Heinrich IV. mit seiner Volljährigkeit die Herrschaft an. Er ist mit innerdeutschen Problemen beschäftigt und enttäuscht die Hoffnung von Reformern wie Damiani, dass er bald nach Italien ziehen und dort diese gegen Cadalus/Honorius unterstützen würde.

 

Anno von Köln hatte Heinrichs Ehe mit Bertha von Turin gestiftet, welche der 1066 heiratet, und zum Eklat kommt es, als dieser 1069 die Scheidung mit der Begründung fehlender sexueller Attraktivität der Frau sucht, und eine Synode unter dem päpstlichen Legaten Petrus Damiani dies verhindert, indem dieser päpstlicherseits Exkommunikation und Ablehnung eines zukünftigen Kaisertitels androht.

 

Papst Alexander greift immer stärker in weltliche Macht ein. Er unterstützt Herzog Wilhelms Eroberung von England mit einer geweihten Fahne und sanktioniert die Absetzung Gottfrieds ("des Bärtigen") von Anjou zum Beispiel.

 

Seit der Mitte der 50er Jahre tritt in Mailand die Pataria, geprägt vor allem von unteradeligen Kreisen, gegen Simonie und für das Zölibat als eine Art Volksbewegung auf. Nach 1063 ruft Alexander II. die Patarener zunehmend zum Widerstand gegen ihren Bischof und seinen Klerus auf. 1066 wird der noch 1045 von Heinrich III.  eingesetzte Mailänder Erzbischof Wido von Rom exkommuniziert.

In den gewaltsamen Konflikten tritt ein Bischof zurück und ein neuer wird von Heinrich IV. wie üblich bestimmt. Wie ebenfalls üblich sind die lombardischen Bischöfe und überhaupt die norditalienischen bislang ausgesprochen königstreu und zugleich gegen die nach Einfluss strebenden Städter eingestellt. Zudem bestehen sie wie die meisten im Norden auf ihrer bischöflichen Autonomie und der kollegialen Regelung ihrer Angelegenheiten.

1068 wird der für simonistisch erachtete Bischof von Florenz aus der Stadt vertrieben.

 

Ab 1070 kommt es erst zum Konflikt Heinrichs mit Bayernherzog Otto von Northeim, den der König absetzt, und dann mit dem Billunger Magnus, den der König schließlich dauerhaft gefangen nimmt. Heinrich versucht, Sachsen und seine Harzer Silbergruben mit Burgen und seinen Leuten zu durchsetzen. Es beginnt jene Zeit kriegerischer Auseinandersetzungen, die bis 1122 das Reich erschüttern werden.

 

1073 eskaliert der Widerstand des sächsischen Adels gegen die von ihnen als überfremdend und unterjochend erklärte Haltung Heinrichs. Er muss zunächst bis Worms fliehen, da ihn die lothringischen und süddeutschen Fürsten nicht unterstützen.

 

Im alten Machtkonflikt zwischen Fürsten und König sind bis hin zum vierten Heinrich alle weniger autoritären Machtmittel für den König ausgereizt. Mit der bislang als Tugend gepriesenen clementia der Herrscher wie bei den Sachsenkaisern scheinen Konflikte nun nicht mehr lösbar. Mit dem vierten Heinrich wird das deutlicher formuliert: Er will cum iustitia pacem componere, also das Recht nun explizit als Machtmittel einsetzen. (siehe Keller(2), S.47)

Damit macht er nichts anderes als die Normannenherrscher in England und - wo immer sie können, die Kapetinger in Westfranzien unter anderen Bedingungen, aber die römisch-deutschen Könige stoßen dabei auf heftigen Widerstand in einigen Gegenden, und nicht zufällig besonders in Sachsen. Es sind dabei weiterhin die Interessen ganz weniger, die auf dem Rücken der produktiven Bevölkerung ausgekämpft werden.

 

1075 dann kann Heinrich ein Reichsheer aufbieten, welches die Sachsen erst einmal niederkämpft. Ihre Führer werden grausam bestraft. Zwischenzeitlich hatten die lothringischen, schwäbischen und bairischen Machteliten bereits zeitweise dem König die Gefolgschaft verweigert, und sie werden die nächste Gelegenheit dafür wieder nutzen. (alles ausführlicher in Anhang 21)

 

Zum Hintergrund der weiteren Entwicklung gehört auch, dass der sich zunehmend nach Stammburgen benennende deutsche Adel zwecks Einkaufs in sein Seelenheil und als weiteres Zentrum seiner machtorientierten Familienpolitik Reformprozesse in "seinen" Klöstern unterstützt, die deren Ansehen fördern und die Wirksamkeit ihrer Gebete für sie unterstützen. Mit der Beerdigung dort wird dann das inzwischen entstehende Adelsgeschlecht dort ganz eingebunden. Solche Klöster werden zentralen Reformklöstern, Bischöfen oder direkt dem Papst unterstellt. Zugleich bleiben aber die meisten Bischöfe des Reiches zunächst noch kaisertreu. 

 

Gregor VII. und Heinrich IV.

1073, während Heinrich IV. noch gegen Sachsen kämpft, kann sich Gregor VII. als Papst durchsetzen. Zwei mit von steigender Unduldsamkeit ausgestattete Machtansprüche treffen schnell aufeinander. Dass die aufständischen Sachsen zeitlich mit dem Papsttum Gregors zusammentreffen, ist Zufall und zugleich Glücksfall für den Papst.

 

Schon 1073 ruft Gregor VII. seine Getreuen (fideles) auf, weiter gegen die reformresistenten lombardischen Bischöfe zu kämpfen. In einem Brief berichtet er, Heinrich IV. wolle sich in seinem Sinne um die Besetzung des Mailänder Bischofsstuhls kümmern. Aber bereits 1073 werden wegen der strittigen Besetzung des Mailänder Bischofsstuhls mehrere Räte Heinrichs IV. vom Papst exkommuniziert.

Im Kern fügt Gregor den Positionen bisheriger Reformpäpste kaum etwas hinzu, vertritt all das nur mit zunehmender Härte und Unduldsamkeit. Der behauptete Besitz absoluter Wahrheit führt bei ihm in letzter Konsequenz zu diktatorischer Macht über die Kirche und geistlicher Überordnung des Papstes über die weltlichen Mächte. So schreibt Gregor 1075 an den Mailänder Erzbischof:

Vergiss nicht, dass die Macht der Könige und Kaiser und alle Anstrengungen der Sterblichen vor dem apostolischen Recht und der Allmacht des höchsten Gottes wie Asche gelten und Spreu. (So in Weinfurter, S.116f) 

 

Im sogenannten 'Dictatus Papae', also einem vom Papst diktierten und wohl so nicht für eine Öffentlichkeit bestimmtem Text von 1075 sind die Leitlinien seiner Praxis dargelegt: Da Gott die Kirche gegründet hat, irrt sich diese niemals, und mit ihr auch nicht der Papst, der deshalb die höchste Instanz für Glaubenslehre und oberster Zensor ist. Er operiert mit Synoden, die er inhaltlich führt, und mit Legaten, denen er Gerichtsbarkeit auch über den hohen Klerus übertragen kann. Maiores cause, also von ihm für wichtig erachtete (kirchliche) Rechtsfälle kann er jederzeit an sich ziehen. Bischöfe kann er nach eigener Entscheidung einsetzen und absetzen, Bistümer neu einrichten, teilen oder zusammenlegen. Er kann Kaiser und damit praktisch jeden auch weltlichen Herren absetzen und Untergebene von ihrem Treueid lösen. Quod Romanus pontifex, si canonice fuerit ordinatus, meritis beati Petri indubitanter efficitur sanctus. Was der korrekt eingesetzte Papst macht, ist zweifellos heilig.

 

Im Kern begründet Gregor, wie er an den Böhmenherzog schreibt, die Macht der Kirche (und damit des Papstes an erster Stelle) einmal damit, dass "Gott die Heilige Schrift an einigen Stellen absichtlich unklar gelassen habe, um ihre Würde zu schützen", wie Blumenthal (S.282) eindeutscht, was meint, dass nicht die Evangelien, sondern die Kirche erst den Glauben begründet, weshalb das Laien-Volk keinen Zugang in der Volkssprache haben dürfe. Er verstärkt das zudem damit, dass er betont, dass gewisse fromme Männer (quidam religiosi viri) ignorierten, dass heilige Väter (sancti patres) die Ansichten der primitiva ecclesia der Anfänge deutlich korrigiert hätten. (s.o.)

Nicht das Evangelium, Paulus und die Apostelgeschichte begründen also das Christentum, sondern nur ihre Korrektur durch die Kirche, die also absoluter Macht bedarf, um ihre Korrekturen gegen schlichte Bibellektüre durchsetzen zu können. 

 

Bischöflicher Widerstand gegen ihre letztendliche Entmachtung bleibt solange stark, bis der Konflikt mit dem Kaiser und den Königen völlig zugespitzt ist. So schreibt der von Gregor VII. suspendierte Erzbischof Liemar von Hamburg-Bremen:

Ich glaube nicht, dass dies gegenüber irgendeinem Bischof ohne das Urteil seiner Amtsbrüder auf einer allgemeinen Synode geschehen dürfe. Aber dieser gefährliche Mensch (periculosus homo) will den Bischöfen nach Belieben befehlen, als seien sie irgendwelche Gutsverwalter (ut villicis suis), wenn sie nicht alles so ausführen, dann müssen sie nach Rom kommen oder werden ohne jedes Gerichtsurteil (sine iudicio) suspendiert.

 

Das, was da besonders empört, ist die Umsetzung des vierten Satzes des 'Dictatus':

Dass sein Legat den Vorrang auf einem Konzil vor allen Bischöfen einnimmt, auch wenn er einen niedrigeren Weihegrad hat, und dass er gegen sie ein Absetzungsurteil fällen kann.

In manchem können die Bischöfe dabei auch darauf verweisen, dass Gregor ungeniert überkommenem Kirchenrecht widerspricht, und dabei selbst den Fälschungen, deren sich seine reformerischen Vorgänger schon bedient hatten.

 

Auf der römischen Fastensynode 1075 suspendiert Gregor VII. nicht erschienene deutsche Bischöfe und lädt die 1073 wegen der Besetzung des Mailänder Bischofsstuhls bereits exkommunizierten Räte Heinrichs IV. vor. Der Konflikt um Mailand verschärft sich dann, als Heinrich entgegen vorheriger Zusicherungen wiederum seinen Erzbischof (Tedald) einsetzt. Gregor sendet ihm ein Protestschreiben, welches Anfang 1076 am Königshof ankommt und dort Empörung auslöst.

 

Der Konflikt eskaliert also um Mailand und allgemeiner die norditalienischen Verhältnisse, um die Gregor besonders besorgt ist. Da insbesondere die Lombardei mit kaisertreuen und antigregorianischen Bischöfen als Herrschaftsträgern durchsetzt ist, kocht er hier hoch und steigert sich dann erst im römisch-deutschen Königreich durch seine Verbindung mit den äufständischen Sachsen und oppositionellen Fürsten überhaupt.

 

Heinrich sorgt für ein Schreiben zusammen mit deutschen (Erz)Bischöfen, welches Gregor VII. nicht anerkennt und ihn zum Rücktritt auffordert. Darauf kommt der enorme Schritt des Papstes, den König und manche Bischöfe abzusetzen und zu exkommunizieren. Eine Fürstenopposition nutzt in Tebur die Situation und fordert Heinrich auf, beim Papst die Aufhebung seiner Exkommunikation zu erbitten, was dieser in Canossa auch tut. In deutschen Landen nützt ihm das nicht mehr, denn noch 1077 wählen die Fürsten Rudolf von Rheinfelden. Heinrich setzt ihn als Herzog von Schwaben ab und gibt das Herzogtum an Friedrich von Büren (später Hohenstaufen). Bis zum Tod des Gegenkönigs 1080 ist Krieg zwischen beiden Königen. Den Widerstand der Sachsen kann er aber nicht brechen

1078 dann verbietet Gregor den deutschen, französischen und englischen Herrschern explizit die Investitur der Bischöfe.

 

Heinrich zieht schließlich nach Italien und lässt in Brixen einen Gegenpapst wählen. Erst 1084 kann er Rom nach zweijähriger Belagerung einnehmen. Gregor wird abgesetzt und durch Clemens (III.) ersetzt. der den König zum Kaiser macht. Gregor, in die Engelsburg geflüchtet, ruft nun die Normannen unter Robert Guiscard zur Hilfe, die nach dem Abzug des Kaisers Rom verwüsten. Gregor stirbt dann in Salerno unter ihrer Obhut.

 

Mit Manegold von Lautenbach zieht auf kirchlicher Seite relativ hasserfüllte Propaganda gegen den Kaiser auf, so wie es solche auch auf der anderen Seite gibt. Mit der nunmehr einsetzenden Ideologisierung von Machtkonflikten bekommen diese einen ersten "politischen" Anstrich. Andererseits propagiert Manegold auch eine Art gegenseitige Verpflichtung von König und Volk, die dazu berechtigt, den König abzusetzen, wenn er sich nicht daran hält.

 

1088 wird ein nordfranzösischer Adeliger und zuvor Prior von Cluny als Papst Urban II. (bis 1099) gewählt. In seinen Positionen an Gregor anschließend, entwickelt er sich langsam in Sprache und aktuellem Verhalten konzilianter.

Während Heinrich in den folgenden Jahren seine Macht in deutschen Landen etwas stabilisieren kann, setzt sich im Süden Opposition gegen ihn unter Leitung von Urban durch, der sich immer mehr italienische Bischöfe anschließen.

Urban kann ein Ehebündnis zwischen Mathilde von Canossa und dem jungen Welf IV. vermitteln. Der Kaiser zieht wieder nach Italien, erringt kleinere militärische Erfolge, ohne Canossa einnehmen zu können, muss aber dann den Abfall seines Sohnes Konrad und dessen Überlaufen zum Papst erleben. 1093 schließen sich Mailand, Lodi, Cremona und Piacenza gegen den Kaiser zusammen. 1093 bis 96 verbringt er notgedrungen und enorm geschwächt in Italien, da die Alpenpässe für die Rückkehr gesperrt sind. Das gibt Urban den Spielraum, 1095 in Clermont zum Kreuzzug aufzurufen, der nicht unter kaiserlicher, sondern unter päpstlicher führung stattfinden soll.

 

Welf IV. erhält schließlich Bayern, was dem Kaiser ermöglicht, in den Norden zurückzukehren. Sohn Heinrich wird als Nachfolger durchgesetzt. Es herrscht etwas mehr Friede.

 

 

Die anderen Königreiche

 

Westfranzien (siehe Anhang 35)

Die Konzentration auf die im Zentrum des Westreichs liegende Hausmacht des Königtums fördert eine ins 12. Jahrhundert weiter zunehmende Zentralisierung, die sich auf wenige Königsstädte reduziert, wobei Paris als Residenz bereits zunehmend Orléans ablöst. Ein das ganze Reich umfassendes Reisekönigtum wie unter den Saliern findet dabei mangels Autorität nicht statt.

 

Die königliche Macht erweitern kann nicht wie über die Etablierung königlicher Machtpunkte in den vielen Regionen des römisch-deutschen Reiches versucht werden, was allerdings auch dort dann scheitert, sondern nur über die Perspektive der Intensivierung und Erweiterung der königlichen Hausmacht, was im 11. Jahrhundert nur langsam gelingt. Aber genau das wird dann anders als in deutschen Landen später eine erfolgreiche royale Perspektive werden, ebenso wie die Nutzung dort allgemeiner feudaler Strukturen, also der Tatsache, dass alles Land sich in Lehnsverhältnisse einfügt.

 

Mit einer allgemeinen Klimaerwärmung und der Intensivierung und Extensivierung der landwirtschaftlichen Produktion einher geht die Bevölkerungsvermehrung. Die châtellains (Burgherren) und kleinen Grafen bauen ihre Herrschaften aus, die die das Land Bearbeitenden mit ihrer Arbeit finanzieren, so wie die sich entwickelnden Städte. Die ersten Hörigen kaufen sich bereits von Dienstleistungen und anderen Verpflichtungen frei und ersetzen sie durch feste Abgaben. Nicht mehr so sehr die Person, sondern vielmehr die Produktion wird nun "besteuert". (Jean Favier). "Außerdem hielt sich der Grundherr aufgrund der Finanzierung der Infrastruktur - Straßen und Brücken, Märkten und Messen, Keltern und Mühlen - zur Erhebung einer Benutzergebühr in Form von Banngerechtsamen befugt. (…) Die Macht, Zwang auszuüben - der eigentliche Kern der Bannherrschaft - ließ Ende des 11. Jahrhunderts an Straßen und schiffbaren Flüssen eine Vielzahl von Zollschranken entstehen. (…) Diese Art der grundherrlichen Besteuerung aber kannte keine Freien und Unfreien mehr, sondern nur noch Bauern." (Favier, S.65) Damit aber entsteht nach und nach eine neue bäuerliche Schichtung in Wohlhabende, arme Bauern und Tagelöhner.

 

Philipp I. (1060-1108) gibt seine in mehrere Grafschaften aufgeteilte Krondomäne immer noch kein deutliches Übergewicht gegenüber den übrigen westfränkischen Fürsten. Immerhin gelingt ihm die Übernahme des Gâtinais und die Annektion des Vexins als Einfallstor in die Normandie. Er ist inzwischen reich genug, um noch die Vizegrafschaft Bourges dazu zu kaufen.

 

Seit 1066 nimmt der Konflikt mit den anglonormannischen Herrschern deutlich zu, in dem sich der König mit Fürsten verbünden muss.

 

Die Schaffung eines Reiches kann auch das mit dem Papst-Kaiser-Konflikt beginnende Feindbild des Imperiums als direktem Konkurrenten fördern, welches gegen Ende des Jahrhunderts im Bündnis mit den kaiserfeindlichen Päpsten Konturen gewinnt und hundert Jahre später in nunmehr "französischer" Übermacht gegenüber dem Kaiserreich und Interventionen in "deutsche Angelegenheiten" sich äußern wird.

Schon im 11. Jahrhundert wird klar, dass der Kaisertitel in "deutschen" Händen nicht mehr bedeutet, dass es irgendeine Form östlicher Oberhoheit über das Westreich gibt, die Trennung ist endgültig, auch wenn die Grenzlinie keine klar ethnische ist und auch nicht so gedacht wird.

 

Damit tritt immer mehr Abgrenzung und Konkurrenzverhalten in den Vordergrund. Nicht einmal der Kampf gegen die islamischen Eroberer der sogenannten heiligen Stätten im vorderen Orient wird noch solide Einigkeit erzeugen. Otto von Freising erwähnt für den ersten der Kreuzzüge die Francos Romanos et Teutonicos, qui quibusdam amaris et invidiosis iocis frequenter rixari solent, die sich in bitteren und gehässigen Scherzen hänselten, wie Adolf Schmidt übersetzt (Ottos Chronik, S.508), wobei das allerdings in höherem Maße erst für die nächsten Kreuzzüge gelten wird.

 

Mit Papst Leo IX. mischt sich die Kirchenreform vereits in die französischen Verhältnisse ein. 1049 werden in Reims simonistische Bischöfe abgesetzt, und 1054 wird Berengar von Tour der Kopf gewaschen. Aber die Machtkonflikte mit der Reform-Kirche fallen nicht so sehr wie in deutschen Landen mit denen mit Fürsten zusammen, deren Macht die Kapetinger vorläufig respektieren müssen, und auch nicht mit den Bistümern, die im Westreich nicht so reich und mächtig sind, und auf deren Mehrzahl der König ohnehin keinen Einfluss hat. Sie lassen sich darum früher als im Ostreich durch Kompromisse lösen. die u.a. durch Ivo von Chartres Unterscheidung zwischen dem geistlichen und dem weltlichen Amt der Bischöfe gefördert werden. Dabei kommt es zu keinem ausformulierten Kompromiss wie dem Wormser Konkordat.

 

England (siehe: Anhang 34)

Nach Edwards Tod wird der Earl Harold von Wessex zum König ausgerufen, wogegen der norwegische König Harald Hardrada sowie Wilhelm von der Normandie aufbegehren. Während der erstere 1066 in Yorkshire von Harold geschlagen wird, landet Wilhelm bei Hastings, besiegt dort dann Harold und erringt die Königskrone. Er überzieht das Land und inbesondere die Städte mit Zwingburgen, die er mit seinen mitgebrachten und nachziehenden Leuten besetzt. Von ihnen aus kontrolliert der König das Land. In großen königlichen Zwingburgen sitzen zukünftige "Barone". Ansonsten fügt er sich in die ohnehin eher zentralistischen angelsächsischen Traditionen ein.

 

Zunächst wird das Land in mehreren Jahren brutal unterjocht und die weltliche angelsächsische Herrenschicht wird sehr schnell komplett enteignet.

Neben die neue weltliche Herrenschicht tritt dann auch eine neue landfremde geistliche: Mit einer Ausnahme sind die Bischöfe Normannen, Franken oder Lombarden. Das bisherige Krongut eignet sich Wilhelm selbst an und verdoppelt es durch Enteignungen. Große Grenzgebiete nach Wales (Marken) werden an normannische Große abgegeben. Magnaten als später so genannte tenants-in-chief geben die Hälfte ihres Landes als Lehen an tenants als enfeoffments weitergegeben. Neben solchen Magnaten, der Kirche und den Klöstern gibt es 6000 bis 8000 neue Landbesitzer.

 

Tenants-in-chief leisten dem König homagium und sind in der Summe verpflichtet, dem König rund 5000 Ritter zu stellen. Alles das findet nun auch im Verhältnis zwischen den tenants-in-chief und ihren tenants wiederum statt. Sie alle zusammen lassen sich als Landhalter und nicht produktiv arbeitende Krieger als neuer französischsprachiger Adel zusammenfassen, dessen unterste Schicht als Ritter (chevaliers, später knights) bezeichnet wird, die im 12. Jahrhundert sich nach unten von dem nun als Gentry ausgegrenzten ländlichen Kleinadel abgrenzen wird.

Unterhalb der tenants, also derer, die derart über Land verfügen, existiert die Masse der Bevölkerung, der eigentlichen Produzenten auf dem Lande.

Insofern lassen sich die Machtstrukturen ähnlich wie bald auch im französischen Königreich als feudal bezeichnen, da nun in der Theorie alles Land sich von den Königen ableitet, also anders gesagt keines ohne Herr mehr ist.

 

 

Der neue Herrscher verbindet die stärker zentralistischen Strukturen, die angelsächsische Herrscher hergestellt hatten, mit denen aus der Normandie. Er übernimmt so die Steuer auf Landbesitz, die die Angelsachsen geld nannten, und das nun lateinische Urkundensystem der königlichen writs sowie die königlichen Münzen. Er bleibt dabei Reisekönig, der überwiegend wie seine unmittelbaren Nachfolger von der Normandie aus herrscht.

 

In England wie in der Normandie werden die Untervasallen der Vasallen direkt an den Herrscher gebunden, da jedes Lehen nun mit dem Recht des Eroberers vom König stammt und alles Land mit dem Recht des Eroberers in Lehen aufgeteilt ist.

In den Quellen taucht nun häufiger das Wort feodum (fief / fee) auf, welches aber bald stärker noch als auf dem Kontinent dazu neigt, als erblich betrachtet zu werden. Die Barone werden wie in der Normandie unter königliche Kontrolle (hier der sheriffs) gestellt. 1086 lässt sich der König von allen Landbesitzern einen Treueid schwören. Mit dem Domesday-Book werden die Eigentumsverhältnisse notiert und ein zentrales königliches Finanzsystem nimmt seinen Ausgang. Abgaben werden unter Wilhelm Rufus dann immer brutaler eingetrieben.

 

An der Spitze des Landes stehen nun rund 200 mächtige tenants-in-chief, wie sie später heißen werden, zunächst romanisch counts und barons genannt. Aus Sheriffs werden vorübergehend viscounts. Der feudale Komplex aus Land und Rechten heißt honor in lateinischen Texten, was später zur honour wird.

Darunter stehen rund 1000 tenants mit jährlichen Einkommen von wenigstens 5 Pfund, die fiefs halten, die später zu fees werden,  und wiederum darunter kleinere Herren mit manchmal nur einer hide Besitz.(Dyer, S.85)

Jeder Mann leistet seinem Herrn einen Eid der fealty (Treue), wie es dann anglisiert heißen wird und vollzieht die homage (Mannschaft). Er muss aid und council leisten und bei Todfall und Erbe relief zahlen, alles romanisches Sprachgut vom Kontinent.

 

Das neue Reich hat zwei Besonderheiten: Einmal existiert eine frankophone Oberschicht, in die sich andere Große dann im Laufe der Zeit integrieren. Unter dieser dünnen Oberschicht gibt es eine angelsächsische Bevölkerung, in die sich nach und nach eine große skandinavisch-dänische Minderheit integrieren wird.

 

Als zweite Besonderheit von großer Tragweite ist das Ausgreifen der neuen "englischen" Krone nach dem Festland, vermittelt über die schon immer recht selbständige Normandie, was dann bekanntlich über die Verschränkungen beider "Länder" zu einem Zugriff auf große Teile des formal unter "französischer" Herrschaft stehenden Reiches führen wird.

 

Die nun anglo-normannischen Herrscher setzen die Bestrebungen nach Ausweitung ihres Hoheitsraumes in Richtung Cornwall, Wales und Northumbrien fort, immer in Richtung auf einen britannischen Herrschaftsraum. Das interferiert dann in Zukunft mit "englischen" Festlandsinteressen. Klar ist, dass es sich nicht um völkische Interessen handelt, sondern wie in allen Nachfolgeregionen des Karolingerreiches um dynastische, also im weitesten Sinne Familieninteressen. Nur in ihrem Gefolge werden im Laufe der Zeit die die neuartigen "Völker" als Untertanenverbände entstehen.

 

Für die Entstehung von Kapitalismus spielt England weiterhin eine Rolle am Rande, vermittelt über Seehandelsstädte wie York und London, und weniger durch eigene Produktion von Fertigprodukten für einen europaweiten Markt als durch die Lieferung von Rohstoffen, von Wolle vor allem und dann auch von Metallen. Selbst der Seehandel ist in den Händen kontinentaler Kaufleute: England ist noch weit entfernt davon, eine Seemacht zu werden.

 

Den englischen Königen gelingt es gegenüber den Päpsten, ihre Macht über die Kirche zu behalten. Vereinbart wird, dass Bischöfe und Äbte unter königlicher Aufsicht gewählt werden und vor der Weihe bereits ihre weltlichen Würden erhalten.

 

Süditalien (siehe Anhang 21)

Es gelingt Robert Guiskard, zum wichtigsten Anführer der Normannen zu werden. Richard von Aversa erobert derweil das Fürstentum Capua und weitere Grafschaften, aus denen er langobardische Adelige vertreibt.

 

Nun wird Kalabrien mit Unterstützung von Bruder Roger, der einen Teil erhält, weiter erobert , und Aufstände normannischer Häuptlinge werden unterdrückt.

1059 wird Robert in Reggio von seinem Heer zum Herzog von Apulien ausgerufen. Robert erhält nun seine Territorien von Nikolaus II. mit dem Titel eines dux Apulie et Calabrie et (…) futurus Sicilie samt Melfi und dem erst noch zu erobernden Sizilien als Lehen, nachdem er dem Papst die Treue schwört. Das verpflichtet ihn auch in eigenem Interesse zur Rechristianisierung und Relatinisierung Süditaliens. Zugleich erklärt der Papst Richard zum Fürsten von Capua. Damit bleiben die beiden Herren Süditaliens aber Konkurrenten.

 

Dem Normannen Robert gelingt es 1071, Bari den Byzantinern abzunehmen und das letzte langobardische Fürstentum Salerno zu erobern, während sein jüngster Bruder Roger I., erst kürzlich in Süditalien eingetroffen, mit der Eroberung des reichen Siziliens unter muslimischer Herrschaft beauftragt wird.

Der erobert 1072 mit Palermo eine Stadt von mehr als 100 000 Einwohnern und bis in die neunziger Jahre die ganze Insel.

1077 belagert Richard (Drengot) von Capua im Zusammenspiel mit Robert Guiskard nach Versöhnung der beiden das Neapel von Sergius V., der meist mit den Normannen verbündet war. 1098 wird  Capua von den Hautevilles belagert und eingenommen.

 

In wenigen Generationen gelingt es relativ wenigen Leuten, sich erst große Teile Süditaliens und dann Sizilien zu unterwerfen und mit einem normannischen Königreich ab 1130 das einzige zentraler organisisierte Machtgebilde in Italien zu schaffen, welches im 12. Jahrhundert dann erste Züge moderner Staatlichkeit erhält, die unter den letzten Staufern noch ausgebaut werden.

 

 

Byzanz und der erste Kreuzzug

 

Der Dschihad des Korans als das Eifern für den Islam hat von Anfang an eine militärische Komponente, die sich in der Expansion von Arabien über einen Großteil der bekannten Welt ausdrückt. Das ist aber zunächst weniger der Mission als dem weltlichen Machtstreben geschuldet. Die religiöse Komponente nimmt dann im 11. Jahrhundert zu.

 

Auf christlicher Seite kommt es nun zum Zurückdrängen der islamischen Herrschaften auf der iberischen Halbinsel über den Norden Kataloniens und die Gebiete nördlich der Meseta hinaus.

Schon vor dem ersten Kreuzzug in den Orient werden christliche Konkurrenten der weltlichen Macht der Päpste mit mehr oder weniger heiligen Kriegen überzogen. Als Leo IV. mit deutschen Rittern Mitte des 11. Jahrhunderts im südlichen Mittelitalien gegen die Normannen zieht, verspricht er ihnen "Straflosigkeit ihrer Verbrechen, Erlass der Bußstrafen und Absolution von ihren Sünden." (Mitterauer(2), S.206) Inzwischen wird deutlicher zwischen ewigen und zeitlichen Sündenstrafen unterschieden, so dass nach der Absolution kirchlich verhängte Bußleistungen übrig bleiben.

 

Ein Vorläufer des "ersten" Kreuzzuges ist der Zug gegen Barbastro in Aragon 1064, an dem Ritter aus Westfranzien, der Normandie und Burgung teilnehmen. Der Papst verspricht einen Erlass der Bußstrafen.

Zugleich fördert die Kirche die Vertreibung muslimischer Herrscher (Sarazenen) aus dem Süden Italiens, woran sich dann dort auch Normannen beteiligen, bis sie die ganze Region übernehmen.

1087 unternehmen italienische Seestädte eine "Expedition" gegen zwei nordafrikanisch-islamische Städte, wofür der Papst ihnen die Petersfahne und Ablass gewährt. 

 

Während im Westen die islamischen Mächte weiter zurückgedrängt werden und sich in Spanien ihre gelegentliche (militärische) Unterlegenheit zu erweisen beginnt, ist ihr Vormarsch im Osten unübersehbar.

Zunächst gewinnt Byzanz in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts die Herrschaft über Armenien, und Armenier siedeln sich nach Kappadokien und Kilikien um.

1071 verliert Ostrom nicht nur Bari an die Normannen, sondern nach der Schlacht von Mantzikert auch Armenien, und weitere Armenier ziehen nach dem Südosten Kleinasiens. In Kilikien wird sich ein relativ freies Klein-Armenien bis 1375 halten, als es Mamelucken übernehmen.

 

1055 zieht der Seldschuke Toghrul in Bagdad ein und erhält vom Kalifen den Titel Sultan und Emir des Osten und Westens. Sohn Alp Arslan zieht in Überfällen bis nach Iconium (Konya), und dessen Sohn Malik Schah erobert Mekka, den Jemen, Damaskus und 1080 Jerusalem. Er bewegt sich nun in Richtung Ägypten. Nach seinem Tod zerfällt das Reich in einzelne Fürstentümer. Südlich des kaspischen Meeres leisten schiitische Nizariden Widerstand.

 

Die bedrohliche Situation führt in Byzanz zu einer Militarisierung, die aus Landbesteuerung und der von Handwerk und Handel finanziert wird. Das ist möglich durch steigende Produktion von Keramik, Glasprodukten und Textilien (Seide) nicht zuletzt in Konstantinopel selbst, die bis nach Westeuropa und Ägypten exportiert werden.

Mit den Pronoia werden Ländereien für militärische und andere Dienstleistungen auf Lebenszeit übertragen, - mit einer gewissen Ähnlichkeit zum Lehnswesen.

 

Einerseits kämpfen normannische Söldner längst im byzantinischen Heer, andererseits greifen die Normannen zwischen 1081 und 1085 unter Robert Guiskard und Sohn Bohemund zweimal vergeblich den oströmischen Balkan mit päpstlicher Unterstützung an. 1087 müssen dann die Petschenegen vor Konstantinopel zurückgeschlagen werden, und werden mit Unterstützung hudnerter flämischer Ritter dann 1091 vernichtet. 1092 stirbt Malik Schah.

 

1095 haben sich die Beziehungen des Papstes zu Byzanz verbessert, und auf einem Konzil zu Plaisance kommt es zum Hilfefruf des Ostkaisers.

 

Noch mitten im sogenannten Investiturstreit mit dem (West)Kaiser ruft Papst Urban II. darauf 1095 in Clermont als eine Art Kriegsherr zur bewaffneten Pilgerfahrt nach Jerusalem auf. Laut Fulker von Chartres sagt er:

Auf dass sie also in den Kampf gegen die Ungläubigen ziehen, ein Kampf, der sich für die lohnt, die teilnehmen und den Sieg erringen, und die sich bislang privaten und missbräuchlichen Kriegen hingegeben haben, zum großen Schaden der Gläubigen! Sie seien nun Ritter Christi, die bislang nur Räuber waren! Auf dass sie nun mit gutem Recht gegen die Barbaren kämpfen, diejenigen, die bislang gegen ihre Brüder und Verwandten gekämpft haben! Sie werden ewige Entschädigung erhalten, diejenigen, die sich bislang für einige elende Pfennige zu Söldnern machten. (Historia Hierosolymitana).

 

Ziel ist nicht die Unterstützung von Byzanz, sondern die Eroberung der "heiligen Stätten", wobei der Papst im Namen seines Gottes mit Absolution und Vergebung der Sünden für die aufwartet, die unterwegs oder im Kampf sterben.

Bis ins 13. Jahrhundert heißt es noch nicht Kreuzzug (von cruce signati), sondern (bewaffnete) Pilgerfahrt, Wallfahrt. Dazu macht der Pilger ein bindendes Gelübde und wird dafür von allen Schulden und ähnlichen Verpflichtungen befreit. Er untersteht von nun an der kirchlichen Gerichtsbarkeit. Ein päpstlicher Legat wird mitziehen.

 

Urbans II. Kreuzzugsaufruf von 1095 entspricht einmal dem Streben des damaligen Papsttums nach Dominanz über die weltlichen Mächte, zum anderen aber auch dem päpstlichen Interesse, mit der Abwehr des Islam im Osten die päpstliche Autorität dort zu steigern. Zudem soll die allgegenwärtige ritterliche Gewalttätigkeit instrumentalisiert und umgelenkt werden.

 

Im Kern wird das umgesetzt, was sich schon in den letzten Jahrzehnten päpstlicher Politik angedeutet hatte: Nicht mehr fürstliche oder königliche Machtgier soll Kriege ausmachen, sondern eine religiöse Begründung. Daraus werden nun Fürsten und Könige lernen und ihre kriegerische Machtentfaltung immer mehr ideologisieren, was dann bis heute anhalten wird.

 

Teilnehmer sind vor allem kleine westfränkische Herren, denen neben der Aussicht auf Beute eben auch der Erlass der Kirchenstrafen auf ihr sündiges Leben (z.B. ihre Greueltaten) versprochen wird.Der Papst zeiht noch eine Weile herum, immer wieder seinen Kriegszug propagierend. Fürsten von der Normandie bis ins Toulousain sammeln nun Ritter um sich, die 1096 losziehen wollen.

 

Derweil sammeln Volksprediger wie Gottschalk und Volkmar Volk hinter sich, welches den Rhein herauf zieht und in mehreren Städten Pogrome an Juden anstellt. Im weiteren Zug sterben immer mehr von ihnen und keiner kommt denn auch im "heiligen Land" an. In Mainz beispielsweise besitzen danach der Erzbischof und einige seiner Verwandten Gelder aus jüdischem Besitz (Althoff(6), S.225).

Eine weitere Gruppe unter Peter von Amiens schafft es bis Konstantinopel, und beginnt dann nach Übersetzen über den Bosporus mit Plünderungen, um bald dann vom Sultan von Rum vernichtet zu werden.

 

Das eigentliche Ritterheer wird in Konstantinopel genötigt, sich auf den byzantinischen Herrscher zu verpflichten, hat aber dann weit überwiegend nicht vor, sich daran zu halten. Das eigentlich byzantinische, muslimisch besetzte Nicaia wird geplündert,dann geht es über den Taurus und Kilikien. In Edessa wird von Balduin von Boulogen unter Vertragsbruch ein Kreuzfahrerstaat gegründet. Antiochia wird 1098 nach langer Belagerung eingenommen und zu einem Fürstentum Bohemunds, des alten Feindes von Byzanz. Tankred erhält Tripolis.

Das Ganze endet mit der Eroberung Jerusalems und dem von einigen Quellen behaupteten Abschlachten von Teilen der dortigen (muslimischen und jüdischen) Bevölkerung.

 

Die meisten italienischen Seestädte zögern zunächst  wegen ihrer Handelsbeziehungen zum Islam mitzumachen, werden dann aber vom Papst unter Druck gesetzt.

 

Bohemund kehrt 1104 nach Italien zurück, sammelt ein Heer und greift dann Byzanz in Dalmatien an, scheitert aber erneut an Durrachium (Durazzo).

 

Die nun einsetzenden Kreuzzüge, eine Besonderheit des lateinischen Christentums und Etappe im Aufstieg des Papsttums, führen dabei zu eher instabilen und auf die dauerhafte europäische Unterstützung angewiesene christlichen Herrschaften in einigen Gegenden, die die Gefährdung von Byzanz aus dieser Richtung kaum aufhalten, und stattdessen vor allem den Aufstieg des Fernhandels italienischer Seestädte fördern. Andererseits verstärken sie ein propagandistisches Verwandeln von Kriegern in "edle Ritter", welche sich nun auch kirchlich geadelt fühlen dürfen.

 

 

Heinrich V.

 

1098 wird Heinrichs IV. Sohn gleichen Namens anstelle des aufständischen Konrad zum Thronerben ernannt. Ende 1104 kommt es zum Aufstand des Sohnes mit einigen jüngeren Hochadeligen. Vielleicht tritt der Sohn im Bündnis mit Teilen des Hochadels gegen die Neigung des alten Vaters an, sich mit Städten und Ministerialen zu verbünden. Mit einer heimtückischen List nimmt der Sohn seinen Vater gefangen und zwingt ihn zum Rücktritt. Der kann dann zwar 1106 entkommen, stirbt aber in Lüttich, bevor er Erfolge über den Sohn erzielen könnte.

 

Heinrich V. gelingt es zunächst, anders als sein Vater, in einem gewissen Konsens mit den deutschen Fürsten zu agieren. Dabei setzt er weiter Bischöfe in deutschen Landen ein. 1111 zieht er mit einem großen Heer nach Italien, wo sich die Städte immer mehr verselbständigen. Mit Papst Paschalis kommt es zu einer ersten Übereinkunft über die Trennung von geistlicher und weltlicher Bischofs-Einsetzung und dem Verzicht auf weltliche Herrschaft der Bischöfe, die alle von Königen je geschenkten Güter an das Königtum zurückgeben sollen, was die deutschen Bischöfe dann nicht hinnehmen werden.

 

Heinrich wird darauf, nach kurzer Gefangennahme des Papstes, zum Kaiser gekrönt. Die erzwungene Übereinkunft mit dem Papst zerbricht dann wieder. In den folgenden Jahren wird auch der Konflikt mit den Fürsten erneut stärker, was vor allem zum Abfall von Sachsen und in den Rheinlanden führt. Unterstützung gibt es aus Bayern.

1116-18 zieht er erneut nach Italien, um das Mathildische Erbe zu übernehmen. Nach Erfolgen dort zeigt sich im Norden die mangelnde Unterstützung.

 

Kompromisslinien deuteten sich schon 1111 an, als der Papst die Trennung in Temporalia und Spiritualia auch als solche zwischen Klostervogtei und Unterstellung unter den Papst im deutschen Südwesten vor allem hinnimmt. Aber sie deuten sich auch überall dort an, wo deutsche Bischöfe einerseits die königlich-kaiserliche Partei ergreifen, andererseits beispielsweise die Klosterreformen unterstützen.

 

Es dauert dann noch mehrere Jahre der Verhandlungen bis zum Wormser Konkordat von 1122. Die Kirche investiert nun mit Ring und Stab. Die Bischöfe sollen durch die Domkapitel gewählt werden. Dafür dürfen kaiserliche Vertreter bei der Wahl der deutschen Bischöfe und Äbte dabei sein, und der Gewählte wird dann mit den Hoheitsrechten, die mit seinem geistlichen Amt verbunden sind, vom Kaiser durch das Zepter belehnt. Tatsächlich bleibt die Einsetzung von Bischöfen eine Machtfrage.

Während im deutschen Teil des Kaiserreichs die Verleihung der Regalien durch den Kaiser vor der Weihe vorgesehen ist, soll sie in Italien und Burgund erst nach der Weihe erfolgen, weshalb dort der Einfluss des Kaisers auf die Einsetzung von Bischöfen stärker verloren geht.

 

Der auch für die Entwicklung des Kapitalismus wichtige Vorgang in dieser Zeit ist die grundsätzliche Trennung von Kirche und weltlicher Macht, welche aus einer kirchlichen Reformbewegung hervorgeht, die als solche aber substantiell weitgehend scheitert. Weder gelingt es, das Zölibat der Priester allgemein durchzusetzen, noch, jene Korruption abzuschaffen, die kirchlich als Simonie bezeichnet wird und die allen Ämtern und Institutionen im weitesten Sinne auch im weltlichen Raum zu eigen ist. Die Kirche begreift sich zwar deutlicher als geistliche Institution, bleibt aber im Kern eine vor allem weltliche Macht.

 

In der Trennung in temporalia und spiritualia formuliert sich eine erste Tendenz zur Säkularisierung der Gesellschaft, wie sie sich zunächst in der Dichtung niederschlägt, in der Kirche und Religion nur am Rande vorkommen, von der Liebeslyrik zwischen Katalonien und der Toskana und Sizilien über die ritterliche Epik von Nordfrankreich bis in die deutschen Lande, und dann auch einer Prosa, in der es zunehmend auch zu Angriffen auf die Kirche in Gestalt ihres Klerus kommen wird.

 

Mit dem Schlachtruf von der libertas ecclesiae in der Westkirche wird zudem die endgültige Trennung von der oströmischen Kirche vollzogen, die wesentlich stärker in den weltlichen Machtapparat integriert bleibt. Wichtiger noch ist, dass mit der dogmatischen Verengung der römischen Kirche eine sich davon lösende weltliche Öffnung für einen etwas offeneren Diskurs einhergeht, der mehr als ein Jahrhundert später in die ersten Universitäten münden wird, die ihre ganz eigene libertas unter dem Dach der Kirche zu praktizieren versuchen. Dieser "Markt" eines offeneren Austausches von Ansichten über Mensch und Welt geht einher mit der zunehmenden Privilegierung von städtischer Produktion und eines Marktes von Waren. Die Freiheit, die die Kirche für sich in Anspruch nimmt, findet zunächst in Bischofsstädten ihren Widerpart in ersten bürgerlichen Freiheiten, und zwar vor allem in der Nordhälfte Italiens und entlang des westlichen Mittelmeeres bis nach Katalonien. Erste Ansätze in diese Richtung werden dann auch nördlich der Alpen gegen Ende des Jahrhunderts sichtbar.

 

Die Reformbemühungen führen zunächst weiter zu fromm-asketischen Gründungen von Klöstern wie dem von Fontevrault, der Karthause und jener der Zisterzienser. Zugleich wird aber weiter über Verweltlichung geklagt. Derweil geraten die alten nicht reformierten Benediktinerklöster in immer größere Schwierigkeiten.

 

Das Gesicht des frühmittelalterlichen Kaisertums verändert sich massiv, es verliert seine theokratischen Züge und öffnet sich einem rationalen Pragmatismus der Macht, der im Staufer Friedrich II. kulminieren wird, der nicht mehr an Religion, sondern an päpstlicher sehr weltlicher Machtpolitik unter anderem scheitern wird.

 

Am Ende sind die großen Gewinner beim immer neu zu erringenden Kaisertitel und dem daraus resultierenden Konflikt mit dem Reform-Papsttum in deutschen Landen die Fürsten, die sich langsam als eigenständige Gruppe vom übrigen Adel abheben und mehr Machtanteile verlangen. Dabei zeichnet sich ab, dass ihre im Kern militärisch und auf Eigentum begründete Macht zunehmend von den in Geld zu rechnenden Einnahmen abhängt. Zwar gibt es dafür noch keine planmäßige Wirtschaftsförderung, aber doch die Förderung von Städten und der in ihnen enthaltenen Einnahmequellen. Damit werden solche langsam in ersten Ansätzen verbürgerlichenden Städte weiterer Gewinner der Entwicklung.

 

Im zwölften Jahrhundert werden Fürsten in ein klarer definiertes Vasallenverhältnis zu den Königen bzw. Kaisern treten, welches ihnen im Inneren ihrer Herrschaften immer mehr Autonomie geben wird. Unterhalb der Fürsten bilden sich aber bereits Adelsherrschaften aus, rechtlich unter ihnen die Minsterialen, die in den Städten eine zunächst noch unteradelige Führungsschicht in der Bevölkerung zusammen mit reicher werdenden Kaufleuten formen und ansonsten in einem entstehenden Rittertum aufgehen werden.

 

 

Frömmigkeit als Weltflucht (siehe Anhang 23)

 

Bruno von Köln um 1030- 1101

Robert d'Abrissel um 1045-1116

Bernard de Tiron um 1046-1116

Robert de Molesmes um 1028-1111

 

Neben dem Machtkampf der Kirche mit der weltlichen Macht um ihre libertas und der Mobilisierung der lateinischen Ritterschaft im einzigen tatsächlich kirchlich angeleiteten Kreuzzug findet in etwa derselben Zeit und von wenigen betrieben eine vielfältige radikale Frömmigkeitsbewegung statt, die oft mit einzelnen Männern beginnt, deren religiöses Charisma andere mitreißt. Solche Bewegungen von Minderheiten lassen sich einordnen als Gegensatz zu einer einsetzenden Entwicklung von Kommerzialisierung auch im geistlichen Raum, von Konsumismus in den Oberschichten und Unzufriedenheit mit den tatsächlich in evangelischem Sinne wenig bewirkenden Reformbewegungen in der Kirche. Diese schwankt zwischen Missbilligung eines sich aus ihr heraus bewegenden Predigertums und Integrationsversuchen.

 

Während der Konflikt zwischen Kaiser und Papst stattfindet, gründet ein Bruno von Köln mit einer Handvoll Gefährten die Chartreuse (Karthause) bei Grenoble, eine Mischform aus ritueller Gemeinschaft und Eremitage, die allerdings nie zum größeren Orden wird. In den Wäldern zwischen Bretagne und Maine predigt Guillaume Firmat, und Menschen aus den Städten strömen ihm zu.

 

Robert d'Abrissel ist ein Priester, der gegen Ende des 11. Jahrhunderts mit rabiaterer Selbstkasteiung beginnt und dann zum Wandereremiten wird, der in einem Leben in Waldhütten unter anderem das Einüben von Keuschheit in körperlicher Nähe zu Frauen sucht, um schließlich mit Unterstützung lokaler und regionaler Mächtiger im Loiretal bei Chinon mit Fontevrault ein Doppelkloster unter einer Äbtissin zu gründen. Hier wie auch andernorts leben Männer und Frauen direkt nebeneinander in frommer Nachbarschaft und bei Gebet und anderen Ritualen dennoch vereint, - eine Herausforderung, die das 12. Jahrhundert nicht überleben wird.

 

Ein Bernhard wird Mönch eines Klosters bei Poitiers, zieht dann aber als Eremit in die Wälder von Craon, wo er auch auf Robert d'Abrissel trifft, wird dann Abt in seinem ehemaligen Kloster, nach 1104 wieder Wanderprediger, bis er schließlich selbst ein Kloster gründet.

 

Ein weiteres Beispiel ist der Adelige Robert, der erst alleine und von einer zur anderen frommen Gruppe umherzieht auf der Suche nach einem besonders frommen Leben, um dann zunächst mit einer Handvoll frommer Gefährten in Nordburgund das Kloster Molesmes zu gründen und als ihm dieses zu erfolgreich, d.h. zu weltlich wird, auch noch das Kloster Cîteaux, aus dem bald der Zisterzienserorden hervorgehen wird.

 

Neben diesen letztlich in die Kirche integrierbaren Frommen werden immer mehr sich an Evangelium und Apostelgeschichte anlehnende Leute überliefert, die dem Reichtum von Kirche und Adel ein einfaches Leben gegenüber stellen, und mit der Orientierung an biblischen Texten sowohl die Kirche wie ihre Sakramente in Frage stellen, - und letztlich damit die gesamten Machtstrukturen vor Ort. Die Konsequenz wird zunehmend brutalere Verfolgung: Das Interesse der Machthaber an dem, was Produzenten denken und meinen, nimmt zu, und es wird jener Weg eingeschlagen, in dem religiöse und weltliche Macht zusammen sich an immer konsequentere Unterdrückung abweichender Meinungen und Ansichten machen.

 

 

Annäherungen an sexuelle Wirklichkeit

 

Der Alltag der vergleichsweise wenigen Herren besteht aus Kampf und Krieg, Jagd, brutalen Machtspielen und der demonstrativen Darstellung ihres Status sowie einem weit über Ehe hinaus gehenden Ausleben sexueller Triebhaftigkeit. Die offiziellen außerehelichen Kinder zeugen von Geliebten, die wohl von Macht und Geld der Herren fasziniert sind, während die sicherlich ebenfalls verbreitete Nutzung der Macht zur Überwältigung weniger bedenkenloser Mädchen und Frauen erst in den nächsten Jahrhunderten mehr beschrieben wird. Deutlicher wird sie dort, wo Krieger im Umfeld kriegerischer Kämpfe auch als Vergewaltiger beschrieben werden.

 

Die Kirche scheint all das, wo es ihr opportun erscheint, und das ist wohl meist der Fall, zu dulden, braucht sie doch die weltlichen Herren an ihrer Seite. Andererseits lebt die Geistlichkeit oft selbst weiter mit Frauen zusammen, die sie nicht (mehr) heiraten darf, auch wenn das in den nächsten Jahrhunderten vielleicht etwas abnimmt, und lebt auch ansonsten ihren Geschlechtstrieb je nach dessen Macht und Möglichkeiten aus. Der Widersinn zwischen Anspruch und Wirklichkeit bleibt gelebte Lüge, wie immer auch Kirchenreformer dagegen ankämpfen. Und so gilt die Frau wohl u.a. wegen Menstruation und Schwangerschaft als sexus fragilis, das schwache Geschlecht, wie nicht nur Thietmar von Merseburg (IV,10) meint, aber sie trägt im bäuerlichen Leben keine geringere Last als der Mann, und sie ist als Regentin und Herrscherin voll einsatzfähig.

 

Das Erwachen des Geschlechtstriebes führt wohl nicht selten zur Selbstbefriedigung. Wer dann das nötige Kleingeld hat, macht seine Erfahrungen im städtischen Bordell oder verführt Mädchen, wobei die Anzahl lediger Mütter erst in den nächsten Jahrhunderten in den Städten zunächst vor allem Italiens deutlicher wird, und die Anzahl getöteter Neugeborener nur als Dunkelziffer erahnt werden kann. Vorläufig erfahren wir von all dem hauptsächlich aus dem geistlichen Milieu.

 

Der Widersinn, der die Lüge als konstitutives Element des "christlichen" Mittelalters vorantreibt, wird zu einem zentralen Widerspruch in den Menschen, wobei die bäuerliche Bevölkerung davon wohl am wenigsten betroffen ist. Alltäglich harte Arbeit dürfte weiter viel Triebenergie absorbieren, und das Haushalten mit dem Ziel des Überlebens verlangt wohl wie beim Handwerk nach Ehe und Familie. Allerdings tauchen diese 90-95 Prozent der Bevölkerung in der Wahrnehmung der damaligen Texte auch jetzt kaum auf.

 

Offiziell ist das Ausleben des Geschlechtstriebes immer noch schwere Sünde, auch wenn die Ehe der Laien von der Kirche immer positiver betrachtet wird. An den Außenseiten der Kirchen insbesondere entlang wichtiger Pilgerrouten wie der vielen nach Santiago de Compostela sowie in nicht wenigen Kreuzgängen von Klöstern herrscht eine auf die Verteufelung des Geschlechtlichen konzentrierte Kleinplastik vor, die so explizit in ihren Darstellungen diverser sexueller Praktiken ist, dass sie später als obszön angesehen wird. Daneben tauchen immer wieder Frauen auf, die sich so verrenken, dass sich ihr Geschlechtsteil und manchmal auch der Anus  deutlich abzeichnen. Beliebt ist dazu die (abschreckende) Darstellung von Amüsierpersonal. In den Kirchenräumen tauchen manchmal Teufel mit geöffnetem Rachen auf, welche Sünder verschlingen. (alles ausführlich in: Anhang 25)

 

Kirchliche Prüderie wird sich erst in den nächsten Jahrhunderten mit der nun üblicheren kirchlichen Ehe in den Städten einstellen, das Obszöne als Abschreckung ist vorläufig ungeniert und noch nicht pornographisch. Adressat sind eher niederer Adel und Städter als Bauern, die zum Pilgern wenig abkömmlich und eher ihren kleinen ländlichen Kirchen zugewandt sind. In Beichtbüchern und dann in der Beichte selbst werden andererseits generell illizite Kopulationen heterosexueller Art, anale und orale Praktiken, Masturbation, homosexuelle Praktiken, Koitus mit Tieren und Prostitution abgefragt.

 

Es ist sicher kein Zufall, dass diese für die folgenden Zeiten obszönen Darstellungen jetzt auftauchen, wo die Städte mit Handwerk und Handel wachsen und Marktgeschehen und Warenproduktion zunehmen. In die zunehmende Widersprüchlichkeit einer in frühen Kapitalismus hineinwachsenden Welt gehört dann hinein, dass zugleich jenseits der Kirche und selbst in ihr Versuche von Sublimierung des Geschlechtstriebes stattfinden, einmal in der zunehmenden Verehrung der Marien, die immer mehr Kontrapunkt zur sündigen Eva werden, zum anderen in zunehmender Liebeslyrik repräsentiert, zunächst in lateinischer Sprache, die dann aber in die Volkssprachen der Toubadoure und Minnesänger bei Hofe übergehen wird.

 

In einer komplizierter werdenden Welt, in der sich bäuerliches, städtisches und höfisches Leben stärker zu trennen beginnen, in der Markt, Geld und Waren an Bedeutung zunehmen und die Macht des Kapitals sich anzudeuten beginnt, beginnt Unruhe sich bis in die Körper der Menschen hinein durchzusetzen, die nach immer neuen Definitionen verlangt. Eine nervöse Aufgeregtheit wird die lateinische Welt ergreifen, die sie nie mehr ganz verlassen wird, und die in den nächsten Jahrhunderten sich etwas setzen wird, wenn Könige, in deutschen Landen Fürsten und in Italien Städte neue Machtstrukturen etablieren.

 

Das Innenleben der Menschen wird komplizierter, und Widersprüche werden zunehmend dadurch bewältigt, dass man Aspekte ins Unbewusste abschiebt und andere in nicht mehr verbundene Abteilungen abtrennt. Das elementare Schamgefühl aller Kulturen, verschieden zeichenhaft durchformt, und in den romanischen Kleinplastiken (obszön) durchbrochen, wird sich immer mehr aufspalten in Prüderie einerseits und das Spiel sexueller Aufreizung andererseits, welches (männliche)  Geistliche von nun an vor allem bei Frauen beobachten werden. Aus verhüllten Körpern werden durch Ansätze der Entblößung und durch das Abzeichnen der Körperformen zunehmend sexualisierte werden, und die Männer werden den Frauen folgen. Was folgt ist die Verleugnung des erotischen Machtspiels im Maße seiner Intensivierung. Traditionelle Kleidung wird mit dem Aufstieg des Kapitalismus der Mode unterworfen, die wiederum den Markt beflügeln wird. 

An die Stelle der Scham wird das beliebig von einem selbst manipulierbare Gewissen treten, an die Stelle der Sitte die Moral.

 

 

Volk und Völker

 

Die Geschichte auch des 11. Jahrhunderts stellt sich bislang als keine von Völkern, sondern von Herrschern, ihren Familien und ihrer Gefolgschaften dar. "Volk" wie ein deutsches oder französisches Volk gibt es noch kaum, der Bedeutungswandel von Volk als Kriegerschar/Gefolgschaft zu Volk als Ausdruck von Gemeinsamkeit(en) großer Menschenmengen setzt erst langsam ein. Da das nie zu einem ganz klaren Begriff wird, soll hier Volk vor allem durch die gemeinsame tradierte Sprache definiert sein. Dabei soll es aber auch als durch Integration unterschiedlicher Völkerschaften entstandener Genpool verstanden werden, der sich ein Stück weit durch ähnliches Aussehen erkennen lässt und so Verwandtschaft ein wenig äußerlich sichtbar macht. Insofern gibt es weiter kein Volk der USA zum Beispiel und in diesem Sinne ist die BRD inzwischen ein Vielvölker-Staat.

 

Ein Beispiel: Der Machtraum einer altfranzösisch sprechenden Normannen-Dynastie reicht seit 1066 von der Normandie bis über England, dort mit Herren altfranzösischer Sprache und einer beherrschten Bevölkerung altenglischer Sprache. Es wird Jahrhunderte dauern, bis aus der Synthese beider eine gemeinsame mittelenglische Sprache entsteht.

Die zunächst altfranzösisch sprechenden süditalienischen Normannen-Herrscher mit ihrem kriegerischen Anhang herrschen über Leute, die entweder dabei sind, süditalienische Idiome auszubilden oder sogar noch byzantinisches Griechisch zu sprechen.

 

Ein Zusammengehörigkeitsgefühl (horizontaler Art) brauchen Könige des 11. Jahrhunderts nur bei denen, auf die sich ihre Macht unmittelbar stützt. Seine Grundlage aber ist die vertikale Abstufung von Rechten, zu deren Verpflichtung die Heeresfolge gehört. Fast alle übrigen Menschen sind da eingeordnet, ohne gefragt zu werden. Erst die Gewöhnung an ein kontinuierliches Machtzentrum wird aus "Westfranken" Franzosen machen. Für die Deutschen wird es noch viel länger dauern, bis sie ansatzweise eine Art Gemeinschaftsgefühl entwickeln.

 

Immerhin: In der Begegnung von Deutschen und Franzosen 1107 in Châlons-sur-Marne entdeckt Abt Suger von St.Denis "französische" Überlegenheit in aristokratischer Lebensart. Besonders Welf V. schneidet dabei schlecht ab: Er ist fett, und wie Schneidmüller zusammenfasst, „ein Schreihals, dem prahlerisch immer ein Schwert vorangetragen wurde. Wie seine Genossen knirschte er mit den Zähnen und drohte beim Scheitern der Verhandlungen, die Dinge würden besser mit deutschen Schwertern in Rom ausgetragen.“ (Schneidmüller, S.154)

 

Wie das Deutsche in die Dialekte des Nieder- und Oberdeutschen zerfällt, so ist Westfranzien in die langue d'oeil im Norden und die langue d'oc im Süden geteilt, die wiederum, aber nicht ganz so deutlich, in Dialekte geteilt sind. Sprachlich ist dabei der Süden stärker mit Katalonien und dem Piemont verwandt, und an den Norden und das Königtum angeschlossen wird er erst mit dessen militärischer Unterwerfung.

 

Das römische Reich der werdenden Deutschen ist multiethnisch, wobei Volkszugehörigkeit an den Sprachgrenzen spürbar wird. Sie wird von den Menschen deutlich von den Herrschaftsbereichen unterschieden, und das gilt auch innerhalb der deutschen Lande, wo man Baier, Alemanne, Sachse oder Friese zum Beispiel ist, bevor man sich zu Deutschtum bekennt. Das erweist sich auch am ethnisch definierten tradierten Recht, dem man unabhängig von Herrschaftsgrenzen angehört, wie auch in Norditalien.

 

1075 erklärt Adam von Bremen ausdrücklich, dass die summa imperii Romani ad gentes Teutonum populus übertragen worden sei, also an die deutschen Völkerschaften. Im Annolied, nach 1080 geschrieben, ist die Wahrnehmung einer gemeinsamen Sprache diutisch aus Dialekten bereits zu der eines Volkes übergegangen, den diutischi liuti, und der seines Territoriums, dem diutischemi lande. Letzter Singular wird aber die Ausnahme bleiben.

 

Aber man muss überhaupt mit neuhochdeutscher Begrifflichkeit vorsichtig sein. Erst im 13. Jahrhundert wird die aus dem slawischen zunächst im Nordostdeutschen entlehnte "Grenze" die etwas andere Bedeutung der deutschen Mark ablösen, die eher den Rand von etwas ("Markgrafschaft") als eine präzise Grenze im neueren Sinne meint. Genauso steht es mit dem germanischen Wort Land, welches alles mögliche bedeuten kann und oft keinen Herrschaftsraum meint. Das Wort Volk ist weiterhin in stetem Wandel begriffen, wobei es in Texten immer noch eher ein militärisches Gefolge meint als etwas, was mit einem schwierig bleibenden neuhochdeutschen Begriff zu tun hätte.

 

Dabei wird der deutsche Sprachraum im Südwesten der nideren Lande, wo zunächst noch dietsch gesprochen wird, immer weiter zurückweichen. In den Reichsteilungen der späteren Karolinger war das damalige Flandern zum größten Teil in westfränkische Hand geraten. 863 setzt Karl der Kahle mit Balduin "Eisenarm" einen ersten Grafen ein, der sich vom Münzort Brügge ein größeres flämisches Gebiet erobert. In den nächsten Jahrhunderten heiraten flämische und französische Adelige untereinander und gehen zur (nördlichen) altfranzösischen Sprache über.

 

Ganz langsam setzt eine ähnliche Entwicklung in Lothringen ein, bis dann im 17. Jahrhundert aus dem fränkischen Diedenhofen endgültig das französische Thionville wird, und ebenso ergeht es dem Westen und Südwesten des Gebietes, das heute zur Schweiz gehört. Auf diese Weise wird Neuenburg zu Neuchâtel und Freiburg zu Frîbourg werden.

Umgekehrt wird mit der Eroberung westslawischer Gebiete ein langsamer Prozess der Eindeutschung beginnen.

 

Man muss dabei aber sehen, dass vorläufig, abgesehen von dem von einem kleinen Zentrum aus expandierenden Reich der französischen Krone, nirgendwo Volkstum und damit vor allem auch Sprache mit Herrschaft übereinstimmen. Menschen, einmal hier mit dem modernen Wort Bevölkerung benannt, sind Einkommensquelle der Machthaber, Grundlage für Wirtschaftskraft und damit Finanzen, und entsprechend für militärische Macht. Die Machthaber eignen sie sich über Heirat an, durch Kauf und sehr häufig durch Kriege. Wenn Schlesien mal an Böhmen und mal an Polen fällt, werden die Untertanen so wenig gefragt wie dann, wenn eine mächtige norditalienische Stadt eine andere erobert. Untertänigkeit heißt letztlich immer Wehr- und Hilflosigkeit, und um das für sich erträglich zu machen, versuchen die Untertanen sich in ihrer Ohnmacht mit ihren Machthabern zu identifizieren, solange diese machtpolitisch erfolgreich sind.

 

Dabei gibt es in der herrschaftlichen Propaganda gute und schlechte Völker. Anselm von Besate, Notar in der Kanzlei Kaiser Heinrichs III. schreibt zum Beispiel 1049 über diesen:

Du aber hast wilde und überaus schreckliche Völker besiegt, die rohen, ruchlosen und jeder Menschlichkeit baren Geister unter deine Herrschaft gezwungen. Die Länder, Burgen, befestigten Plätze und die Reiche mit ihren Kleinkönigen (reguli), die lange verloren waren, erkennt die Roma jetzt wieder als das Ihre durch deine siegreiche Rechte. (in: Borgolte, S.32)

 

Das Bild von den Wilden, die durch gewaltsame Unterwerfung und Unterdrückung zu zivilisieren sind, stammt zwar schon aus der Antike, aber es ist längst wieder aktuell.

 

 

Zur Problematik eines Volksbegriffs gehört auch die Entwicklung dahin, Volk zur Bezeichnung der unteradeligen Menschen, also fast aller, zu machen. Damit beginnt das, was viel später dazu führen wird, dass auch das Bürgertum das Wort abschätzig für die Menschen "unter" ihnen benutzen wird, bis dann im späteren 18. Jahrhundert bei wenigen "Gebildeten" eine Art Romantisierung einsetzt, die u.a. auch zu neueren Formen von Nationalismus führen kann.

 

Spätestens im 12. Jahrhundert werden Bürger wahrgenommen als Partner von oft geistlichen Stadtherren und eben auch von Königen und Kaisern. Besonders geistliche Herren begegnen ihren Bürgern aber da oft bei Gelegenheit auch abschätzig oder verächtlich. Groten erwähnt zur Urkunde des Bischofs Friedrich von Halberstadt für seine cives forenses zum Nachbarschaftsgericht in der Stadt folgenden Satz: Was sie gemäß dem bäuerlichen Wesen (rusticitas) und der Gewöhnlichkeit (vulgaritas) ihrer Sprache burmal nennen. (S.105) Die bürgerliche Oberschicht seiner Stadt spricht also nicht sein höfisches Latein, sondern die Sprache der Bauern und des vulgus, des Pöbels.