ZEIT DER ENTFALTUNG (12.Jh.bis 1250) (Anmerkungen unter Anm3)

 

Rückblick / Überblick

Königreiche (England / Frankreich / Deutsche Lande / Sizilien /  Spanien / Übrige)

Geld, Kapital und Macht

Kapital und Macht: Die Kreuzzüge

Feudalisierung

Ritter

Burgen

Fürsten

Volk und Sprache

Späte Zivilisierungen: Kelten, Germanen und Slawen

 

 

Ein Rückblick

 

Wieweit sind wir bisher gelangt? In der Bronzezeit kam zur Differenzierung von Bauern, wenigen Handwerkern und noch weniger Händlern nach Glück und Talent die Machtergreifung von Herren samt Kultexperten, die frühe Formen von Verfügung über Land und Leute schafft, Zivilisationen eben, Unfreiheit der meisten Menschen. Im letzten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung gelingt es dem kleinen Kreis der Mächtigen in dem nach der urbs Roma benannten Reich, diese Verhältnisse im Interesse weniger Reicher und Mächtiger zu systematisieren, d.h. die relative Armut und Ohnmacht der Vielen zu verrechtlichen und u.a. über viele Gebiete auszudehnen, in denen viel später Kapitalismus dann seine Anfänge hat. Die nachantiken und dann die mittelalterlichen Reiche werden nach Möglichkeit all das übernehmen und auf weitere Gebiete durch Eroberung und Beeinflussung ausdehnen.

 

Auf dem Boden des antiken Imperiums haben sich also bis etwa 1100  die Jahrtausende alten zivilisierten Verhältnisse der Macht von wenigen und Ohnmacht fast aller sowie der Verfügung entsprechend weniger über das Land und die arbeitende Bevölkerung verfestigt, auch wenn inzwischen Geld beginnt, all dies langsam zu entpersonalisieren, quasi zu verflüssigen. In solchen Fluss geraten die Verhältnisse mit der Verbreitung von Kapital in den Städten, in denen dessen Eigner langsam Rechte und Macht einzunehmen beginnen, die ihrer zunehmenden wirtschaftlichen Bedeutung entsprechen, während das dort sich ausbreitende Handwerk, langsam über das Kapital an einen Markt gebunden, bald unter ein Bündnis aus alten Herren und großbürgerlichen Aufsteigern gerät.

 

Über den Städten stehen in West- wie Ostfranzien mächtige Fürsten und von ihrer Unterstützung abhängige Könige, wobei vor allem in deutschen Landen mancher geistliche Stadtherr beginnt, in die Fürstenriege aufzusteigen, während in Italien eine gewisse Emanzipation der Städte von Fürsten und Königen/Kaisern stattfindet. In Richtung auf einen Zentralstaat beginnen sich die anglonormannischen Herrscher zu begeben, und man kann erahnen, dass das sich auch im süditalienischen Normannenreich so entwickelt. In Skandinavien und dem slawischen Osteuropa beginnen mächtige Familien, tastend und zugleich so gewalttätig wie überall, nach eigenen Reichen zu suchen.

 

Konflikte zwischen den an Untertänigkeit gewohnten Nahrungsproduzenten und ihren Herren finden nur dort statt, wo die ersteren sich für unrecht gehaltenen Übergriffen ausgesetzt sehen, und das betrifft genauso das Kapital und das Handwerk. Sie finden vielmehr und zudem oft sehr gewalttätig zwischen den Herren statt. Dabei gibt es selten größere Schlachten, vielmehr werden Zermürbungskriege geführt, die sich vor allem gegen die bäuerliche Bevölkerung und damit die wesentliche Lebensgrundlage des Feindes richten. Größere Kriege von Fürsten und Königen bedürfen immer mehr des Geldes, welches nicht nur der Masse der Bevölkerung abgepresst wird, sondern immer mehr auch als Kredit gegeben wird.

 

Ein Überblick über die Zeit der Entfaltung von Kapital

 

Zwischen der Jahrtausendwende (im nördwestlichen Mittelmeerraum) - bzw. etwa 1100 im Norden - und etwa 1250 vollzieht sich jene Wende, in der sich entfaltender Kapitalismus und neue Konturen gewinnende Formen von Herrschaft bzw. Staatsmacht dauerhaft miteinander verbinden. Zwar bleibt die große Mehrheit der Menschen dabei auf dem Lande und ist vorrangig mit der Produktion von Nahrungsmitteln beschäftigt, zwar etabliert sich ein sich neuartig konstituierender Adel mit seinen Privilegien und feudalen Strukturen immer mehr als Stand über Bauern und Bürger, aber alle Beteiligten hängen nun von einem allgemeinen wie auch regionalen und lokalen Marktgeschehen ab, welches in seiner Spitze an Kapitaleinsatz hängt, welcher zum zentralen Motor der Entwicklung wird. Anschaulich wird das für Zeitgenossen in der zunehmenden Bedeutung des Geldes.

 

Die Nahrung und gewerbliche Rohstoffe produzierende Landwirtschaft bedeutet für die Bauern weiterhin vor allem Selbstversorgung, aber zunehmend darüber hinaus Produktion für einen Markt. Die Preise für Getreide und andere landwirtschaftliche Produkte steigen an und werden auch bezahlt. Warentausch wird dabei häufiger über Geld vermittelt, und dieses braucht der Adel für Erhalt und Ausbau seiner Macht und für eine allmählich prächtigere Lebensführung, und brauchen die Fürsten und Könige für nicht zuletzt kriegerische Machtentfaltung. Am Ende werden darum selbst ländliche Dienste immer mehr durch Geld abgelöst. Die bäuerlichen Spielräume für eigenes Wirtschaften nehmen etwas zu. Es kommt zu ersten größeren Einkommensdifferenzierungen zwischen Bauern und im Adel, die einkommensmäßig immer weniger homogene Gruppen bilden.

 

In Dörfern zusammensiedelnde Bauern entwickeln Formen von Kooperation und Selbstverwaltung. Dasselbe geschieht intensiver in den Städten, die mehr und größer werden. Außerhalb Nord- und Mittelitaliens haben Städte überall Herren, wobei diese weit weg sein können, wie der Kaiser für seine Städte, oder nah wie ein kleinerer Fürst mit seiner Hauptburg in der Nähe. Aber selbst im entstehenden Frankreich, wo Städte nicht dieselben politischen Rechte bekommen werden wie oft im Kaiserreich, wächst ihre Bedeutung als befestigte Großburg und als Abgaben leistendes Wirtschaftszentrum.

 

Für Fürsten und als erste unter ihnen die Könige steigt die Bedeutung von Einnahmen, die ihnen zunehmend aus unternehmerischer Tätigkeit in ihren Herrschaftsbereichen entstehen, einmal direkt, aber auch indirekt durch die Anstöße, die Kapital dem allgemeinen Wirtschaften gibt. Ihre erste Aufgabe bleibt Machtentfaltung vor allem durch Kriege, und die verschlingen immer höhere Ausgaben, da die Kriegsfolge leistenden Vasallen zunehmend mit Geld gelockt werden müssen, und zudem ganze Gruppen des Militärs vorübergehend in den Sold von Machthabern treten. Küstenstädte bieten Flotten auf, die bezahlt werden müssen, Proviant muss beschafft werden, auch wenn das Plündern weiter anhält, und sowieso Teil der Kriegführung ist. Es gibt zudem immer mehr professionalisiertes Söldnertum.

 

Außerdem beginnt hier und da der Aufbau von Verwaltungen, die die Resultate von Gewalt "friedlich" absichern, und diese müssen bezahlt werden. In ihnen gelingt ersten "Bürgerlichen" als Fürstendienern der Aufstieg in den Kreis der Macht, in den Sizilien Friedrichs II. wie im Frankreich von Philippe II. Auguste und bald auch in England. Weiterer und nicht zu unterschätzender Geldbedarf entsteht in der fürstlichen Hofhaltung, die fürstlicher Selbstdarstellung und Repräsentation ihres Status dient. 

Dabei wird nicht nur Adel als Partner fürstlicher Macht vorübergehend an Höfe gezogen, sondern die Identifikation mit der Macht bei den breiten Scharen "kleinerer Leute" erreicht. 

 

Der Kapitalismus entfaltet sich so nicht mehr nur aus der hochadeligen Nachfrage nach Luxusgütern, sondern vor allem auch über den allgemeinen fürstlichen und dann auch bürgerlichen Geldbedarf. Der aber muss durch Bauern und Handwerker erarbeitet und zunehmend durch Händler auf einem Markt zu Geld werden. Dann gelangt ein Teil davon durch Abgaben "nach oben", woraus auch die punktuellen Ansätze von Wirtschaftsförderung finanziert werden.

Den Rest liefert ein immer wichtiger werdendes Kreditgewerbe, welches auch Handelsunternehmungen in größerem Maßstab finanziert. An ihm hängen die größten Risiken und Gewinne.

 

Der Geldbedarf verschiebt die Gewichte der Großregionen. Nachdem die Erzvorräte im Mittelmeerraum sich erschöpfen, springen solche in Mitteleuropa dafür ein. In südenglischen, flämischen und nordfranzösischen (und damit oft auch englischen) wie in Städten am Rhein, besonders in Köln, später in Süddeutschland, beginnen Unternehmer - etwas später als in einigen italienischen Städten -  zunehmend erheblichere Kapitalien anzusammeln.

 

Die Kreuzzüge mit ihrer ursprünglich kirchlichen Begründung helfen dabei mit, das Gewicht im Handel langsam vom bislang reicheren islamischen Orient in das lateinische Europa zu verschieben, noch einmal verschärft durch die Eroberung von Byzanz durch die Kreuzfahrer und insbesondere durch Venedig. Nach und nach kehrt sich die Ost-West-Handelsbilanz um. Der Niedergang des Orients kündigt sich an und zugleich der Aufstieg eines Europas nördlich der Alpen.

 

Im Handels- und Finanzgeschäft sammeln sich die größeren Kapitalien. So wie diese Kapitaleigner wirtschaftliche Macht gewinnen, sind sie doch "politisch" abhängig von fürstlicher Gunst, spätestens sobald es Mitbewerber auf dem Markt gibt. Dann ist der fürstliche Herr nicht auf den einzelnen Kapitalisten, aber dennoch auf den Erfolg des Kapitals insgesamt angewiesen.

Dieses sammelt sich in den Händen weniger Unternehmerfamilien, die aber nicht nur auf Fürsten, sondern auch in steigendem Maße auf Massenkaufkraft und Massenproduktion angewiesen sind. In dieser Zeit sind es vor allem Getreide und Wein, auf die sich Gegenden immer mehr spezialisieren, und die beides nun zunehmend für den Markt produzieren. Besonders die größere Überschussproduktion von Getreide antwortet auf massenhaftere Kaufkraft besonders in den Städten. Insofern sind die Handwerker, Facharbeiter und kleinen Gewerbetreibenden bei steigendem Konsumniveau dort direkt in den Aufstieg des Kapitalismus integriert. 

 

Dies sind sie aber auch dadurch, dass immer mehr Rohstoffe insbesondere für die Textilproduktion aus spezialisierter Massenproduktion vom Lande kommen: Wolle, Flachs für Leinen, pflanzliche Farbstoffe. An immer mehr Stellen wird handwerkliche Produktion auf diese Weise kapitalintensiver, wie ebenso auch im metallverarbeitenden Bereich. Mit der Lieferung von Rohstoffen und dem Verkauf der Produkte tritt größeres Kapital in den Bereich der Produktion, und Bau und Unterhalt von Mühlen als frühe Maschinen für die Massenproduktion steigern ebenfalls den Kapitalbedarf, hier zunächst beim wohlhabenderen Adel. 

 

Das Stichwort heißt nicht Ursache und Wirkung, sondern Interdependenz vieler Faktoren. Heraus ragt dabei zunächst der biologische: Die bäuerliche Bevölkerung vermehrt sich auch dank entstehendem Kapitalismus und fördert diesen wiederum. Mehr Kinder erreichen das Erwachsenenalter und zeugen selbst wieder Kinder. Sie gründen neue Dörfer und füllen die Städte auf. Zudem steigt in beispielloser Weise die Anzahl der Städte. Verglichen damit wirkt der technische Fortschritt in seinen Auswirkungen etwas geringer: Die Produktivität bei den Nahrungsmitteln steigt insgesamt nur gering an, aber mehr Menschen erhöhen den Überschussanteil insgesamt. Mehr Städter produzieren mehr Güter, es erhöht sich das Angebot an umlaufenden Geld, welches auch nachgefragt wird. Mehr Geld kann in mehr Kapital münden und damit dann am Ende Herrschaft in Richtung auf "mehr Staat", also erweiterte Herrschaftsinstrumente intensivieren.

 

Mehr Markt und mehr Geld differenziert die von Autoren wahrgenommenen Stände, die nun nach ihren Funktionen aufgeteilt sind, immer mehr auseinander. Dabei entsteht eine Schicht von zehn bis zwanzig Prozent Armen, die in das Marktgeschehen nur hineingeraten, indem sie ihre schiere Arbeitskraft anbieten. Sie werden Tagelöhner auf dem Lande und daneben etwas stetiger Dienstboten und beim Handwerk angestellte Arbeitskräfte. Aber ohne ihre Arbeit zum Beispiel saisonal bei der Weinlese oder bei Baumaßnahmen würde der aufstrebende Kapitalismus nicht mehr weiter expandieren können.

 

Kapitalismus ist Wachstum,  Kapital existiert nur im Prozess seiner Vermehrung, und die erste Voraussetzung dafür ist die Zunahme der Bevölkerung bei Zunahme der Produktion und der Abnahme von Waren. Beides wird in der ersten Hälfte des 14 Jahrhunderts mit klimatischen Veränderungen, Hungersnöten und Seuchen enden. Aber dann ist der Kapitalismus ein so integraler Bestandteil des Lebens geworden, dass er auch die Rezession überlebt. Er hat die Lebensverhältnisse der Menschen von den Reichen zu den Armen, von den Mächtigen bis zu den Untertanen soweit in Besitz genommen, dass er für die meisten nicht mehr wegzudenken ist, auch wenn nur wenige verstehen, was da geschieht. In diesem Moment beginnt dann weltliches utopisches Denken in ersten Beispielen die christlichen Endzeiterwartungen abzulösen.

 

 

Königreiche

 

Inzwischen ist das derzeitige lateinische Abendland in Königreiche aufgeteilt, deren Grenzen von der Macht der jeweiligen Könige bestimmt werden und sich darum immer wieder verändern. Diese Macht hängt einmal an dem militärischen Gefolge, welches über Vasallität und Lehen an den Herrscher gebunden werden kann, und zum anderen zunehmend an der Finanzkraft des Herrschers, die an seinem Besitz und immer mehr auch an der Entfaltung von Kapitalismus hängt und damit auch der von Städten.

 

Wir befinden uns weiter in Zeiten ungenierter Gewalttätigkeit von Herrschern und unter ihnen etablierter Herren, die mit ansteigender Reconquista und Kreuzzügen auch kirchlich als "Rittertum" idealisiert wird. Die Gewalt der Herrscher richtet sich nach innen und außen und ihr entspricht eine Tendenz zu bürgerkriegsartigen Zuständen im Inneren insbesondere in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Sakralisiert wird aber nicht nur die ritterliche Gewalt, sondern auch die königliche, die von hohen geistlichen Würdenträgern in einer Krönungskirche verliehen wird. Man wird nun Machthaber von Gottes Gnaden. Alle legitime Gewalt leitet sich so aus himmlischen Gefilden her.

 

England

Das anglonormannische Reich ist zunächst eines fremder Herren, und es wird erst mit dem Verlust der Normandie für die "englische" Krone und den Adel zu einem englischen werden. Die Tatsache, dass es einer Familie gelingt, die Königsmacht unter sich zu vererben, hindert immer wieder nicht daran, dass kriegerische Auseinandersetzungen um die Krone ausbrechen. Insofern geht es hier durch das ganze 12. Jahrhundert kaum reibungsloser ab als beim Wahlkönigtum des römischen (deutschen) Reiches.

 

Neben der kriegerischen Gewalt wird Familienpolitik betrieben. Den anglo-normannischen Herrschern, ohnehin mächtigste Herrscherfamilie in Europa, gelingt auf diese Weise der Zugriff über die Normandie hinaus auf große Teile Westfranziens durch die Heirat des zweiten Heinrich mit Eleonore von Aquitanien. Der "englische" König wird sich dann häufiger in der Normandie und im Anjou aufhalten als in England.

Die englische Krone ist zunächst viel reicher als die französische. Zum einen entwickelt sie einen durchgehenderen  und finanziell effizienteren Verwaltungsapparat, in dem königlich eingesetzte Sheriffs und baillis Aufgaben der Barone übernehmen und sich ein Beamtentum entwickelt, zum anderen entfaltet sie insbesondere am Hof von Poitiers luxuriösere "höfische" Lebensformen, die solchen Reichtum demonstrieren. Zweimal im Jahr werden in den pipe rolls die Abgaben an die Krone verzeichnet. Der exchequer kontrolliert dann Einnahmen und Ausgaben. Damit können auch mehr Soldritter bezahlt werden. Das Marktgeschehen wird mit einer erheblichen Zahl neuer Städte intensiviert.

Es gelingt in gewissem Umfang, königliche Rechtsprechung des common laws  über kirchliche Gerichte und die der Barone zu setzen. Das Festungsrecht fällt wieder an den König, der auf repräsentativen königlichen Schlössern residiert.

 

Aber der ganze kontinentale "Besitz" des "angevinischen Reiches" geht dann mit den gewalttätig ausgetragenden Machtansprüchen seiner Söhne zugrunde. Bei all dieser Gewalt fließen aber unterdessen immer wieder erhebliche Geldsummen, mit denen Loyalität oder Gnade(n) erkauft werden. Neben ihrer Brutalität zeichnet sich die ritterliche Kriegerkaste durch Beutegier und letztlich Geldgier aus.

 

Während König John ("Lackland") am Ende alle kontinentalen Gebiete verloren hat, ist in England der Weg eingeschlagen zu einem zentral organisierten Reich mit einem einheitlichen Münzwesen und einer verschriftlichten wachsenden Verwaltung und dem zunehmend erfolgreicheren Weg, über die Gerichte königliche Macht auszuüben. Das königliche Finanzwesen löst sich langsam von den Einnahmen aus königlichen Gütern und geht zu immer weniger feudalen Einnahmequellen über, die besonders in England hin zu einer geordneten Besteuerung der Bevölkerung führen werden. Ähnlich wie in (West)Francien werden dabei Juristen einbezogen. (siehe Anhang 34)

 

Frankreich

Noch vor der anglonormannischen Herrscherfamilie haben die Kapetinger in Westfranzien ein Erbkönigtum dynastisch betriebener Familienpolitik durchgesetzt. Dieses ist aber zunächst auf die Îsle de France und kleine angrenzende Gebiete beschränkt, während das restliche Land unter mächtigen Fürsten de facto selbständig ist und dann zu einem guten Teil unter anglonormannische Kontrolle gerät.

Die Besonderheit, von einem kleinen Zentrum aus seine Macht ausweiten zu müssen, führt ähnlich wie in dem von fremden Herren eroberten England zu Anfängen eines Zentralismus mit zentraler verschriftlichter Verwaltung, zentralem Münzwesen und zentralen königlichen Finanzen. Darüber hinaus führt das Ausbreiten französischer Macht insbesondere im 12. Jahrhundert zur propagandistischen Nutzung eines frühen Nationalismus.

 

Schon früh stellt der Abt Suger von Saint-Denis fest, dass der sich im Konflikt mit Kaiser Heinrich V. befindliche Papst Paschalis II. nach seiner Verbindung mit dem französischen König erfüllt von Liebe zu den Franzosen und von Furcht und Hass auf die Deutschen nach Rom zurückkehrt (in: Borgolte, S.111). Zwar geht es eigentlich nur um Könige und Kaiser, aber der Autor identifiziert ungeniert die Völker mit ihnen.

 

Ein Jahr vor der vernichtenden Niederlage bei Brémule wird 1118 Abt Suger von St.Denis enger Berater König Ludwigs VI. Ein Jahr danach wird der "heilige" Dionysius zum Patron des Königreiches und löst damit den "heiligen" Remigius (St.Rémi) ab. Dies symbolisiert der König, indem er die Krone seines Vaters dem nun führenden Kloster (St.Denis) übergibt.

1124 wird der Heilige zum Retter vor einer Invasion Kaiser Heinrichs V., und das Kloster wird weiter privilegiert. Wenig später tritt neben ihn Karl ("der Grroße") als Urvater einer sich sehr langsam entdeckenden Nation.

 

Die Könige stützen sich in der Île de France "auf eine relativ homogene Schicht von stadtsässigen und Burgen haltenden Vasallen niederer Herkunft, die sog. milites regni". Es gelingt ihnen im Laufe der Zeit, diese "rechtlich zu nivellieren und alle Lehnsträger, vom Herzog bis zum einfachen châtelain oder Burgvogt,einheitlich als barones zu qualifizieren." (Laudage in: Laudage/Leiverkus, S.87)

 

Im nunmehr entstehenden Frankreich fehlt der allodiale Besitz, in dem sich noch ein Gutteil deutscher Lande befinden. Da alles Land einen Herren hat, fallen hier wie auch in England feudale Strukturen und Herrschaft zusammen. Die französischen Könige werden bei der Expansion, also der militärischen oder friedlichen Einvernahme benachbarter Fürstentümer durch große Gebiete unter anglonormannischer Herrschaft eingeschränkt, die erst Anfang des 13. Jahrhunderts mit Ausnahme der Gascogne eingenommen werden. Nach der Schlacht von Bouvines 1214 ist der französische König (Philippe II. "Auguste", 1180-1223) dann allerdings reichster und mächtigster Herrscher im lateinischen Europa, auch wenn ihm noch der Zugriff auf den Süden des ehemaligen Galliens fehlt.

 

Ihm gelingt es mehr noch als seinem Vater, die Burgen in seinem engeren Machtbereich unter seine Kontrolle zu bekommen. Wie Henry II. setzt er beamtete baillis ein, die Verwaltungs- und richterliche Aufgaben versehen, dabei im Lande umherreisen und die prévots vor Ort kontrollieren. Dann versucht er, die anderen französischen Fürsten lehnsrechtlich an sich zu binden. Dazu dient das vom königlichen Hofgericht durchzusetzende Recht.

Der König fördert auch die Neugründung und den Ausbau von Städten, die ihm Zölle, Salzsteuern und andere Abgaben bringen sollen. (ausführlicher siehe Anhang 35)

 

Deutsche Lande

Im Unterschied zu England und Frankreich entwickelt sich auch weiterhin kein Deutschland. Die deutschen Lande sind ein sehr unklarer Begriff, verweisen sie doch einmal auf die Sprache von Deutsch-Flandern bis in den neuen deutsch werdenden Osten, von Holstein bis an den südlichen Alpenrand, umfassen aber als Herrschaftsraum der römischen Könige im Westen und Süden auch romanisch-sprachige Gebiete und im Osten das überwiegend slawisch sprechende Böhmen mit einer wachsenden deutschen Minderheit.

Zum anderen heißen sie aber römische Könige auch deswegen, weil sie als solche die Anwartschaft auf die vom Papst in Rom zu verleihende Imperatorenkrone haben, die später Kaiserkrone heißen wird.

 

Es existiert ein vages "Wahl"recht der regionalen Herren, wobei mächtige Herrscher aber Dynastiebildung in diesem Rahmen durchsetzen können. Der Machtantritt muss allerdings mit Geschenken erreicht werden, mit dem Versprechen von Lehen, Titeln und immer mehr auch von Geld. Dabei nehmen die der Krone zustehenden Güter immer weiter ab.

 

Im sogenannten Wormser Konkordat heißt es 1122: ... all dies wurde bewirkt mit der Zustimmung und dem Rat der Fürsten (der principes).  In deutschen Landen bilden sich im 12. Jahrhundert so deutlicher Fürstentümer heraus, deren Existenz die Staufer anerkennen und mit deren Hilfe sie regieren müssen. Römisch-deutsche Könige müssen mit einem Reich leben, welches sich seit den späten Saliern zunehmend als Fürstenföderation versteht. Feudale Strukturen weiter unten werden darum weiter oben ergänzt durch solche, die nun das Reich zusammenhalten sollen.

 

Das römisch-deutsche Reich als Fürstenkonföderation stellt sich am deutlichsten auf Hoftagen dar, zu denen der König einlädt und denen die Fürsten aufgrund ihrer Pflicht zur Hoffahrt auch nachzukommen haben. Nur hier und auf den Heerzügen wird es sichtbar, - eben auch in seinen jeweiligen Ausmaßen, und im 12. Jahrhundert wird daraus auch das Recht der Mitbestimmung abgeleitet. Eine Art Staat mit dauerhaften Grenzen und einer klaren politischen Verfasstheit wird das aber nicht.

 

Die römischen Könige/Kaiser leben zunächst von ihren Krongütern und ihrem Familienbesitz, zudem von den wenigen königlichen Rechten, Regalien, die noch nicht vergeben sind. Macht ausüben können sie aber jenseits ihrer Hausmacht nur noch in Zusammenarbeit mit den Fürsten, die in die Regierung einbezogen werden und auf deren Dienste der König angewiesen ist. Insbesondere Friedrich I. stützt sich dabei auf die geistlichen Fürstentümer und versucht dort mit einem gewissen Druck seine Leute durchzusetzen, wie in Köln, Magdeburg, Mainz und Trier. Auf seinem zweiten Italienzug befinden sich wenigstens 19 deutsche Bischöfe in seinem Gefolge. Auf dem sechsten entstammen rund 85 Prozent des Heeres aus den deutschen Bistümern. Aber schon auf dem ersten Italienzug weigern sich die Bischöfe von Hamburg-Bremen und Halberstadt und werden mit dem Entzug von Lehen bestraft.

Als Kaiser versucht insbesondere Friedrich I. und nach ihm Friedrich II. (von Sizilien aus) das reiche Nord- und Mittelitalien unter kaiserlicher Kontrolle zu halten, um daraus Einnahmen zu ziehen, es geht vor allem um Geld. Carlrichard Brühl spricht, möglicherweise übertreibend, von 70.000 bis 80.000 Pfund, was in etwa den Einnahmen der französischen und englischen Könige entsprechen würde.

 

Das scheitert aber fast völlig an der neuen Macht zunehmend kapitalistisch strukturierter norditalienischer Städte, die sich untereinander und mit (italienischen) Päpsten verbünden. Nach dem Frieden von Konstanz 1183 versuchen italienische, über Territorien herrschende Städte durch Bündnissysteme Zentralstaatlichkeit zu ersetzen (Rösch).

Schon wache Zeitgenossen wie Otto von Freising sehen, wie das italienische Engagement wenig Gewinn für die Könige bringt, dafür aber die Königsmacht in deutschen Landen schwächt (siehe Anhang 29 'Staufer').

 

Nach Friedrich I ("Barbarossa") schwindet der Einfluss der Könige auf Norddeutschland und der auf das alte Mittelreich zwischen den burgundischen Fürstentümern, und die französische Krone beginnt, Einfluss auf Lothringen zu nehmen, während langsam eine Ostorientierung nördlicher deutscher Fürsten beginnt.

 

Je weniger der Titel des Westkaisers noch reale Macht bedeutet, desto mehr wird er unter den Staufern propagandistisch aufgewertet. Konrad III., der selbst nie den Kaisertitel erwirbt, bezeichnet sich selbst dennoch als solchen und weist bei dieser Gelegenheit dem Ostkaiser eine untergeordnete Stellung zu. Für

Friedrich I. ist dieser dann nur noch der König der Griechen und der Papst nur eine gleichrangige Macht. Als Vertreter der stadtrömischen Oberschicht ihm den Kaisertitel antragen, weist er sie damit zurecht, dass die Hand der Franken und der Deutschen (sic!) über ihnen herrsche und sie darum ihm gar nichts anzubieten hätten.

Anlässlich des Konfliktes von Besancon formuliert er in einem Rundschreiben: Wir haben Königtum und Kaisertum durch die Wahl der Fürsten allein von Gott empfangen, der bei dem Leiden Christi, seines Sohnes, den beiden Schwertern, die notwendig sind, die Regierung des Erdkreises überantwortet hat. (in: Borgolte S. 37).

Das Reich wird nun auch als heilig bezeichnet.

 

Das, was die Engländer und Franzosen zunehmend als deutsche Großmannssucht erleben, wird von ihnen immer deutlicher abgelehnt. Die Könige beider Reiche begreifen sich schließlich de facto als mit dem Kaiser gleichrangig. Tatsächlich ist der französische König bereits in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts dem römisch-deutschen an Macht und Reichtum weit überlegen.

 

Dass Deutsche als Fremde unter dem Vorwand des Kaisertums seit dem zehnten Jahrhundert in regelmäßigen Abständen in die italienische Halbinsel einfallen, beginnt im 11. Jahrhundert langsam als Fremdherrschaft angesehen zu werden, und Deutsche sind dann unter den Staufern deutlicher Fremde im Land. 1177 sollen die Abgesandten der Lombarden Papst Alexander III. gesagt haben, universa Italia stehe gegen den Kaiser und man trete für honor et libertas Italie ein. Italia steht hier für die Italiener des Nordens, genauer für die Stadtstaaten dort. Diese ethnische Komponente von Kriegen wird sich immer weiter verstärken, und Juni 1241 kann dann Friedrich II.an den König von Ungarn schreiben: Krieg gegen die Lombarden findet statt unter Verströmung deutschen Blutes (…) und mit Hilfe deutscher Schwerter (Heinisch, S.510).

 

Es ist die oft gewalttätige Konfrontation, die im Anderen das Fremde hervorhebt und so das Eigene erkennt. Da verbindet sich Ablehnung von Fremdherrschaft bei denen, die nun immer deutlicher zum Volk neuen Types werden, mit der Propaganda der Mächtigen da oben, die sie zunehmend nun für ihre Interessen einsetzen. Wenn Konstanze dann die von den Staufern nach Sizilien geholten Deutschen fortschickt, dürfte das bei Menschen dort auf Zustimmung gestoßen sein.

 

Dass die allmählich hergestellte Volkszugehörigkeit auch auf den Gewalttaten der Mächtigen beruht, lässt sich an der Zweiteilung dessen, was geographisch die italienische Halbinsel ist, sehr gut erkennen. Das Königreich beider Sizilien umfasst Süditalien und die Insel und von ihm blickt man auf einen Norden, der als Italien bezeichnet wird. Jedenfalls gehören oft das Königreich bzw. die Königreiche beider Sizilien nicht dazu, spricht man dort auch eine etwas andere Sprache als im Norden

 

Norditalien wird oft mit Lombardia gleichgesetzt, aber manchmal heißt auch das ganze Gebiet nördlich der Toskana Italia. Oft ist aber wie bei Romuald von Salerno mit Italia auch das ganze Reichsitalien gemeint, selbst wieder ein sehr unklarer heutiger Begriff.

 

 

Die wirklich supranationale, völkerübergreifende Macht im lateinischen Abendland, die von Rom aus herrscht, nämlich die durch die Kirchenreform gestärkte Papstkirche, kann zwar im Zusammenspiel mit den neuen Mächten, mit Königreichen und Städten, das Kaisertum in enge Schranken weisen, verfügt außerdem zunehmend über enorme finanzielle Mittel und einen immer beachtlicheren Hofstaat, aber nur über ein kleines Territorium, den sich ausweitenden Kirchenstaat.

 

Zwischen Gregor VII., Innozenz IV. und später Bonifaz VIII. wird so zwar von den Päpsten ein effektiver, in manchem kaiserähnlicher monarchischer Anspruch vertreten, eine Art Oberhoheit im lateinischen Abendland, aber er lässt sich gegenüber den Königreichen nicht dauerhaft durchsetzen. Die Herleitung von Gott über Christus und Petrus als Stellvertreter Gottes auf Erden beeindruckt außer wenigen Frommen vergleichsweise wenig gegenüber jener Macht, die mit hinreichend militärischer Gewalt verbunden ist.

 

Das Papsttum errichtet in seinem mittelitalienischen Bereich eine Sonderform von Fürstentum mit seinem entstehenden Kirchenstaat und der Hauptstadt Rom samt Residenz im Lateran. Ein päpstlicher Hof (curia) aus Kardinälen, Kanzlei, Kapelle, Kammer und Gericht residiert in Rom. Diese werden immer weniger aus dem römischen Adel rekrutiert und haben zunehmend ein akademisches Studium hinter sich gebracht. Effektiviert wird vor allem auch die päpstliche Finanzverwaltung, für die der Kämmerer Cencius 1192 ein 'Liber Censuum Ecclesiae Romanae' anlegt.

 

 

Frühformen von Staatlichkeit versucht auch Friedrich II. auf der Basis normannischer Vorarbeit in seinen Sizilien einzuführen. Dabei wird zentrale Verwaltung ergänzt durch eine bis ins Detail gehende Regulierung von Ämtern und Wirtschaftsleben, die an ein paar Stellen bereits an die Durchregulierung des Lebens im Europa des 20. Jahrhunderts gemahnt.

Nachdem schon Friedrich I. ("Barbarossa") einen Großteil der Zeit seiner Herrschaft in Norditalien (vergeblich) damit verbringt, die dortigen Städte in brutalen Heerzügen zu unterwerfen, versucht Friedrich II. dasselbe (ebenso vergeblich) von seiner soliden Machtbasis des Königreichs Sizilien (samt Süditalien) aus. Die Regierung im deutschen Teil seines Machtbereichs muss er Söhnen überlassen, was zu Konflikten führen muss.

 

Die hoffnungslose Fixierung der Kaiser auf Italien stärkt die Macht deutscher Fürsten, die der erste Friedrich mit der Entmachtung des übermächtigen Heinrichs ("des Löwen") noch einmal in den Griff bekommt. Und auch gegenüber dem zweiten, sizilianischen Friedrich weigern sich die norditalienischen Stadtstaaten, eine Unterordnung wie im staufischen Kernreich im Süden hinzu nehmen

Er scheitert dabei auch an einem Papsttum, welches im Bündnis nicht zuletzt mit Frankreich keine Unterordnung unter (deutschstämmige) Westkaiser wie noch bei den frühen Saliern hinnehmen möchte. Damit ruiniert der Staufer mit seiner Kaiserfiktion letztlich ebenfalls das normannische Erbe, auf dem er zunächst einmal aufbaut, auch wenn aus herrschaftlicher Solidarität die Könige von Frankreich, England, Ungarn und Kastilien dem Kaiser Hilfstruppen stellen.

 

Nicht zuletzt aber führt das alles nach 1241 zur dauerhaften Entmachtung römisch/deutscher Könige zugunsten konsolidierter deutscher Fürstentümer, und die wenigen Könige, die danach noch den Kaisertitel in Rom erringen, können damit keinen Machtzuwachs mehr verbinden.

 

Sizilien

Nachdem Apulien und das Fürstentum Tarent an Roger II. gefallen sind, macht der (Gegen)Papst Anaklet II. ihn 1130 zum König seines Reiches, und der lässt sich Weihnachten 1130 in Palermo krönen. 1137 gewinnt er Neapel dazu.

und 1139 erkennt ihn Papst Innozenz II. an

 

In Palermo richten die Könige einen auf zentralisierter Herrschaft basierenden Hof ein, nachdem schon die Päpste, allerdings in sehr eigenartiger Form, sich zu uneingeschränkten Despoten erklärt haben. Adelige Teilhabe fehlt, denn auch sie sind Untertanen. Eine hierarchisch gegliederte Beamtenschaft verwaltet das Reich. Den König unterstützen bei Hofe eine Kanzlei, die Spitzen der Rechtsprechung der Finanzverwaltung laufen bei ihm zusammen. 1172-89 herrscht Wilhelm II., welcher die Tochter Rogers II. mit Heinrich VI. verheiratet.

Zwischen 1198 und 1220 kommt es zur Krise, in der zentrale Herrschaft nur noch über Insel-Sizilien ausgeübt wird, während auf dem Festland Adelsgeschlechter erstarken. Es gelingt Heinrich VI. Sizilien zu erobern. Nach dem Tod des Herrscherpaares überrnimmt Papst Innozenz III. die Regentschaft, und das Reich zerfällt.

 

Kaiser Friedrich II. rekurriert auf die zentralistischen normannischen Strukturen, und er verstärkt die typischen Aspekte despotischer Herrschaft noch ganz erheblich, insbesondere, nachdem er die Residenz nach Foggia in der nordapulischen Capitanata, in die Nähe seiner sarazenischen Militärkolonie und Festung Lucera verlegt, wo er mit ihnen eine ihm auf Gedeih und Verderb ausgelieferte, weil in seinem Reich völlig isolierte, muslimische Leibgarde und Elitetruppe von Bogenschützen besitzt.

Kanzlei, Kammer für die Finanzen, Großhofjustiziare mit weitreichenden (auch Verwaltungs)Kompetenzen und Vertraute wie Petrus de Vinea mit weitreichenden beratenden Aufgaben bestimmen die Machtausübung. Mehr als anderswo entsteht im Laufe der Zeit ein Gebilde, welches auf despotischer Überwachung, Angst und dem Gefühl allgegenwärtiger (vorgestellter) Anwesenheit des Königs beruht.

 

Spanien

1104-34 herrscht Alfonso ("El Batallador") über Aragon und Navarra. 1109 heiratet er die Thronerbin Urraca von Kastilien/León, um kurz darauf Krieg gegen sie zu führen. Bis 1113 verliert er ganz Kastilien. Dafür kann er Ende 1118 Zaragoza erobern. Ein Feldzug führt ihn dann bis Andalusien. Mit seinem Tod endet die Personalunion Aragons mit Navarra und wird auf der anderen Seite die mit Katalonien (Barcelona) eingeleitet, die dann 1164 festgeschrieben wird. Damit wird Aragon dann Seemacht, und Kastilien entwickelt sich weiter als Landmacht.

 

Der König Afonso I. ("O Conquistador") gilt als Begründer Portugals, über das er 1139-85 herrscht. Dies geschieht durch Erweiterung der nördlichen Grafschaft Portucale nach Süden. Mit Hilfe französischer Kreuzritter kann Afonso 1147 Lissabon einnehmen und später dann das Alentejo.

 

Mit dem Tod König Pedros II. von Aragon 1213 und dem Verlust der südgallischen Gebiete bis auf Montpellier, die nun an die französische Krone fallen, orientiert sich die aragonesische Krone unter Jaime I. (1213-1276), nun aggressiv ihren Handelsinteressen folgend, hin zur Hegemonie über das westliche Mittelmeer. Dabei werden Valencia und Teile von Murcia erobert.

 

Übrige Reiche

1204 geht das wirkliche (ost)römische Kaiserreich im Ansturm des von Venedig beeinflussten Kreuzzuges unter. Hof und Verwaltung fliehen nach Kleinasien, und es bilden sich zwei griechische Nachfolgereiche, von denen aus dann die Rückeroberung von Byzanz/Konstantinopel stattfinden wird. Aber dieses Reich wird dann in einen hoffnungslosen Abwehrkampf gegen Bedrohungen aus allen Richtungen verwickelt werden.

 

Zur Trennlinie zwischen griechischem Byzanz und lateinischem Abendland kommt die entsprechende zwischen orthodoxem und römisch-katholischem Christentum. Während das oströmische Kaiserreich nicht nur am Ansturm des Islam, sondern zugleich auch eines vorwiegend feindlich gesonnenen lateinischen Westens seinem Untergang entgegengeht, erweitert sich die Orthodoxie über die Russen auf die Karelier und Samen (Lappen) im Norden und im Süden auf die Bulgaren und Serben. Zwar stört die Religion wie auch beim Islam nicht den Handel, nicht einmal die Kapitalbildung, aber doch die freiere Entfaltung des Kapitals samt den politischen Räumen, die es sich erobert. Aus Städten werden so keine Kommunen, es gibt keine Gemeindebildung. Von Russland über den Balkan-Binnenraum bis Griechenland wird Kapitalismus bis ins zwanzigste Jahrhundert ein unbedeutender Faktor bleiben. Der zivilisatorische Abendland-Begriff wird damit große Teile des geographischen Europas in der weiteren Entwicklung ausnehmen.

 

Die Reichsbildung mit ihrem Entstehungsprozess von Völkern findet in Skandinavien bei instabilen Grenzziehungen und Expansionsbestrebungen nur langsam statt. Die dänische Krone beherrscht Schonen und dehnt sich auf die südliche Ostseeküste und das Baltikum aus, Norwegen Island, Grönland, Färöer, die Shetlandinseln und den Norden Schottlands, Schweden dehnt sich nach Finnland aus.

 

 

Geld, Kapital und Macht 1

 

Feudale Strukturen reichen von den Königen bis zu den kleinen Herren und den langsam aufsteigenden Dienstmannen. Finanziert werden diese Rechtsbeziehungen über bäuerliche und handwerkliche Arbeit, die Abgaben aus dem Handel und durch das sich entfaltende Finanzwesen. Um diese zunehmend auch in Geldform fließenden Einnahmen zu erweitern, wird sich um Effizienzsteigerung in der landwirtschaftlichen Produktion bemüht und den Bauern dabei tendenziell freiere Hand gelassen. Handwerk und Handel werden weiter durch Privilegierungen gefördert. Sich entfaltende feudale Strukturen und Kapitalismus entstehen gleichzeitig und bedingen sich dabei gegenseitig.

Man darf dabei nicht vergessen, dass Zivilisationen auf Herrschaft beruhen, die wiederum ihren ersten Zweck in dem Erzwingen von Abgaben ihrer Untertanen sehen. Historiker sprechen dabei für das 12. Jahrhundert von einem zunehmenden "Fiskalismus", also dem steigenden Augenmerk der Machthaber auf monetäre Einnahmen. Zu diesem Zweck engagieren sie sich überall in immer mehr Wirtschaftsförderung.

 

Das zunehmende Zirkulieren von Geld beruht auf Vermehrung der Produktion für einen Markt, die eine Ausweitung von Handel und Finanzwesen ermöglicht. Dabei nimmt der Handel mit jenen Regionen außerhalb des lateinischen Abendlandes zu, welche zwar keinen entfalteten Kapitalismus entwickeln, aber immerhin Waren anbieten. Zugleich beruht der zunehmende Geldumlauf auf einer Zunahme der Nachfrage.

Mehr Geld im Umlauf erhöht wiederum die Chancen für Kapitalbildung; Kapitalismus wird daraus durch Freiräume, die dem heimischen Kapital eine wirtschaftliche Machtposition einräumen. Der zunehmende Geldumlauf verändert dabei die Menschen und ihre Beziehungen zueinander in dem Maße, in dem er zwischen sie tritt. Dieser Prozess der Kommerzialisierung lässt sich nirgendwo besser beschreiben als bei der Prostitution, also dem Ausagieren des Geschlechtstriebes gegen Bezahlung, was die Beziehung zwischen den Geschlechtern nicht nur dort massiv verändert. Im Kern verändert Kommerzialisierung aber überhaupt die menschlichen Beziehungen entsprechend, weshalb ein übrig bleibender Schutzraum des Privaten vorläufig an Bedeutung gewinnt.

 

Im zwölften Jahrhundert regiert Geld zwar nicht die Welt, aber große Teile Europas. 

Die für 1130 erhaltene pipe roll König Heinrichs I von England gibt an, was Barone dem König für das Jahr an Abgaben schulden: Beim Earl Ranulf II von Chester sind das 1613 Pfund, bei Geoffroy de Mandeville 846, und beim Earl Roger von Warwick immerhin noch 218 Pfund, allesamt enorme Summen (Carpenter, S.161)

 

Indem auch die Beziehungen zwischen Herr und Knecht ansatzweise kommerzialisiert werden, wird es nötig, ein Feudalrecht davon abzulösen, welches eben nicht primär über Geld vermittelt ist. Da es rechtlich über den Sphären von Produktion und Markt steht, kann es im lateinischen Abendland Beziehungen persönlicher Art rechtlich klarer formulieren. Andererseits basieren diese feudalen Rechts-Strukturen, die sich um Grundherrschaft und Militärdienst ranken, bereits auf den Einkünften der geschichteten Herren, die zunehmend in Geldform ankommen, und nicht mehr erst auf einem Markt in Geld verwandelt werden müssen. Königsmacht gründet sich dann auf zwei Strukturen, einer zunehmend kommerzialisierten und einer, die immer mehr ständisch strukturiert wird und den aufsteigenden Kapitalismus möglichst lange zu leugnen versucht, ohne mehr ohne ihn auszukommen. Mitte des Jahrhunderts formuliert Bischof Otto von Freising in seinen Gesta Kaiser Friedrichs I. so, als ob Auseinandersetzungen sich oft um viel immateriellere Wertvorstellungen drehten.

 

Die Wahrnehmung der massiv zunehmenden Käuflichkeit der Menschen äußert sich in Texten des 12. Jahrhunderts sehr verschieden. In der Lebensbeschreibung des Abtes Guibert von Nogent von 1115 erscheint die Geistlichkeit vom Priester bis zum Bischof so korrupt wie die Masse der weltlichen Herren, anders gesagt, hier ist der höchste Wert meist das Geld:  Moris enim est, ut audito auri nomine mansuescant. Es ist Sitte, dass die Erwähnung von Gold die Herzen erweicht. (De vita sua, III,4)

 

Überall, wo Krieg geführt wird oder Lösegeld (wie für Richard Löwenherz) beschafft werden muss, tritt nun Hochfinanz auf. Erzbischof Philipp von Köln finanziert seine Teilnahme am fünften Italienzug Friedrichs I. mit einem Darlehen der Stadt Köln von 1000 Mark, die dafür die Münze erhält, und einem weiteren von 650 Makr nur von Gerhard Unmaze, der dafür Zölle und ein Stadthaus verpfändet bekommt.

Der französische König Philippe II. Auguste mietet "im Februar 1190 für 5850 Mark genuesische Schiffe, um 650 Ritter, 1300 Schildknappen und 1300 Pferde sowie Verpflegung für acht und Wein für vier Monate aufzunehmen." (Borgolte, S.224)

 

Der Jude Aaron aus Lincoln wird bei seinem Tode 1186 vor allem an hohe englische Herren ausstehende Kredite besitzen, die knapp dem englischen "Staats"haushalt entsprechen.

William fitz Florence "aus St.Omer konnte sowohl die französische Invasion in England von 1216 finanzieren als auch die Abfindung Englands für den Verzicht des französischen Thronprätendenten, insgesamt die horrende Summe von 6000 Mark Silber." (N.Fryde in: Stromer/Fees, S.81)

 

Richards Lösegeld wird auch durch Privatkredite wohl von Gerhard Unmaze, der Bank Speroni & Bagaroti und von Hugh Oisel aus Ypern bezahlt. (Stromer/Fees in: Stromer, S.39) Die enorme Lösegelderpressung von der englischen Krone finanziert die Eroberung Siziliens durch Heinrich VI. und den Ausbau von Wien.In dieser Zeit kauft ein Lusignan den Tempelrittern Zypern für 40 000 syrische Besant ab und wird dort König.

 

Überall wo gewählt wird, ist es nun naheliegend, mit Geld nachzuhelfen.

Treue, der Eid und ritterliche Ideale schwinden rapide, sobald sie in der Literatur auf den Podest gehoben werden. Käuflichkeit tritt an ihre Stelle. „Erzbischof Arnold von Köln soll für den Übertritt zu Philipp vom Staufer 5.000 oder gar 9.000 Mark erhalten haben (…) Dass Otto IV. nach dem Tod Philipps als dessen Schwiegersohn allgemein als König anerkannt wird, kostet ihn nach der Braunschweiger Reimchronik wol zwe und zwenzich dhusent marc, ... dhe he gaph dhen herren.“ (KellerBegrenzung, S.434) Und das sind keine Einzelfälle.

 

Die Kölner Kapitaleigner Gerhard Unmaze, Constantin teleonarius und Lambert, an der Unterstützung ihres Englandhandels interessiert, entscheiden sich 1198 für die Wahl des England-nahen Welfen Ottos IV. und finanzieren sie wohl zum größten Teil. Schon an seinem Krönungstag zahlt Otto mit einem Privileg für die Stadt zurück. (Hanse, S.11) Da er ein enormes Vermögen übernimmt, treten die Reichsministerialen einigermaßen geschlossen zu ihm über. Er hat viel zu bieten. Philipp von Schwaben wiederum berichtet dem Papst 1206, habuimus pecuniam multam, und dieser unterstützt ihn 1208. (in: Stromer, S.30)

In dieser Zeit entscheidet womöglich " eine verschleierte Vermögenstransaktion über die >Hausbank< der Ziani, Bernardus teotonicus&Co. zwischen den drei aussichtsreichsten Prätenden" der Dogenwahl, und Petrus Ziani gewinnt. (Stromer/Fees in: Stromer, S.39)

 

Um 1214 vermitteln Genter Kaufleute englische Subsidien von am Ende 30 000 Pfund, wofür sie ein Handelsprivileg für alle flämischen Städte erhalten. 1216 rettet ein Kredit über sagenhafte 6000 Mark Silber des Bankiers William fitz Florence aus St.Omer den englischen Henry III. vor dem Bankrott. Als Gegenleistung erhält er die Ausfuhrzölle für Häute und Wolle.

 

Einen ersten Höhepunkt der zunehmenden Käuflichkeit wird in der Doppelwahl des römischen Königs 1257 erreicht. In der Fortsetzung der 'Gesta Treverorum' heißt es dazu sehr parteiergreifend:

Der Herr Konrad nämlich, Erzbischof von Köln, wählte wegen der ungeheuren Menge Geldes, die er bekommen hatte, (...) nicht aus Eifer für das Recht, sondern wegen des Wunsches nach Geld. Und er zog den Herrn Gerhard, Erzbischof von Mainz, der damals in Thüringen gefangen gehalten und für 8000 Mark Sterling des genannten Grafen von Cornwall freigelassen wurde, und den Pfalzgraf bei Rhein, der mit 10 000 Mark gewonnen wurde, auf seine Seite. Der Herr Arnold aber, Erzbischof von Trier, wollte (...) auf keinen Fall einen fremden Mann wegen des Geldes wählen. 15 000 Mark Sterling waren dem Erzbischof Arnold von Trier angeboten worden, doch sie konnten seine Haltung nicht ändern. (in: Kaufhold(1), S.56)

 

Auf die Zahlen des die Trierer Sache vertretenden Schreibers ist kein Verlass, eine englische Quelle gibt noch höhere Summen an (Kaufhold(1), S.62), und dass zwischen den Mächtigen immer mehr Geld fließt, ist nicht neu, nur die Quantität steigert sich. Das Kölner Viertel St. Columba "mit 889 Objekten wurde im Jahr 1286 mit einem Immobilienwert von etwa 29 000 Mark taxiert. Das war ungefähr die Größenordnung der Summe, die Richard von Cornwall für seine Königswahl zahlen musste." (Kaufhold(1), S.63)

Klar ist auch, dass für alle Königswähler ihre übergeordneten Machtinteressen eher den Ausschlag geben. Aber es wird auch deutlich, dass schon längst Gratifikationen als offene Bestechung angesehen und propagandistisch ausgeschlachtet werden können. Und ein anderer englischer Autor, Matthäus Parisiensis, beklagt durch seine ganze Chronik die Rolle des Geldes im Geschäft der Macht, wie käuflich die Menschen bereits sind, welche andere für der Bestechung wert halten. Er hat besonders dabei das Papsttum im Auge.

 

Nach und nach kommt es inzwischen auch in deutschen Landen zu Elementen der Selbstverwaltung der unteradligen Spitzengruppen in der Stadt und in geringerem Umfang auf dem Lande. Es handelt sich dabei vor allem um unternehmerisch denkende und handelnde Kapitaleigner oft ministerialen oder after-vasallischen Ursprungs, von denen zunächst im Mittelmeerraum und dann auch im Norden einige vor Ort in Bezug auf Reichtum am niederen Adel vorbeiziehen. Dabei orientieren sie sich in Selbstverständnis und Lebensstil an diesem und entfernen sich so weiter von der Masse der städtischen und ländlichen Bevölkerung.

 

Kurz vor 1180 schreibt der Leiter des königlich-englischen Exchequer Richard Fitz Nigel eine Abhandlung unter dem Titel 'Liber de Scaccario', in dem er die Bedeutung des Geldes für die Ausübung von Herrschaft unterstreicht:

Wir wissen natürlich, dass Königreiche regiert und Gesetze aufrechterhalten werden vor allem durch Klugheit, Tapferkeit, Maß, Gerechtigkeit und andere Tugenden, weshalb die Herrscher der Welt diese mit ihrer ganzen Kraft beherzigen müssen. Aber es gibt Gelegenheiten, bei denen eine richtige und kluge Staatsführung viel schneller wirksam wird durch die Macht des Geldes. (so in: Borgolte, S.103)

Er hätte auch schreiben können, dass in Zivilisationen nichts geht ohne Geld, und dass soweit Geld längst die Welt regiert. Aber als treuer Diener seines Herrn muss er dessen Tugenden, also das, was ihn persönlich tauglich macht, natürlich in den Vordergrund stellen, so wie es die Geschichtsschreibung bis heute tendentiell weiter tut - und die persönliche Befähigung zur erfolgreichen Machtausübung gehört tatsächlich eben auch dazu.

 

 

Der Krieg ist der Vater aller Dinge, auch wenn Heraklit dabei mit polemos wohl jede Form von Machtentfaltung in der Natur meint. Zivilisationen beruhen alle wesentlich auf offener oder latenter Gewalt. Die mittelalterliche beruht auf einer privilegierten Herrenschicht, deren weltlicher Teil aus Kriegern besteht, aus der militia. Bis ins hohe Mittelalter bildet deren Militärdienst - nunmehr als "Ritter" - die vornehmste Machtbasis der Könige. Aber zunehmend müssen Herrscher diese subventionieren und dann ergänzen durch Fußsoldaten, also bezahlte und vorübergehend angeheuerte Söldner.

Kriege wie die italienischen von Kaiser Friedrich I. dienen der Erschließung von Finanzquellen, und gewonnene wie der gegen Polen 1157 enden auch in finanziellen Unterwerfungsgesten: König Boleslaw verspricht am Ende, dem Kaiser 2000 Mark zu geben, den Fürsten 1000, der Kaiserin 20 Mark Gold und dem Hof 200 Mark Silber. (Rahewin in OttoGesta, S.403, III,5)

 

Zu den enormen Kosten der nach außen gelenkten Kriege kommen die zur "Befriedung" im Inneren. Schließlich verlassen sich Könige nicht mehr auf Vasallentreue, sondern auf bezahltes Militär am Hofe, wofür der englische dritte Heinrich alleine 1228 siebzig Berittene finanziert. Im späteren Mittelalter wird dann vielerorts begonnen werden, daraus ein stehendes Heer einzurichten.

Ein riesiger Anteil des königlich-englischen Haushaltes geht schon im 12. Jahrhundert für Burgenbau drauf. In England kostet jetzt eine größere königliche Burg tausende von Pfunden. Daneben müssen Pfalzen/Paläste gebaut und erhalten werden und zudem repräsentative Kirchenbauten, und all das repräsentiert die Macht, die aus Gewalt entspringt, und erzeugt entsprechenden Respekt.

 

Während Herrschaft im 11. Jahrhundert sich immer mehr des Geldes bedient und auf die Anhäufung von Geld abzielt, lernt sie im 12. Jahrhundert die Machtausübung über das Schuldenmachen und wird zunehmend dabei von Finanzkapital abhängig. Gelernt wird das gezielte Schuldenmachen ursprünglich im Fernhandel, wo bei größeren Transaktionen nicht die entsprechenden Silberpfennigmengen mitgeführt werden können, bevor dann Goldwährung eingeführt wird. 

 

Könige und Barone bzw. Fürsten benötigen situativ Geld für Kriege und dabei insbesondere für Sold, zudem für Käufe von Land und für Großbauten. Mit dem angevinischen Herrscher Heinrich II besitzen wir den ersten dokumentierten Fall einer zum großen Teil kreditfinanzierten Herrschaft. Zwischen 1155 und 1166, so hat man nachgerechnet, finanziert er Unternehmungen mit wenigstens 12 000 Pfund aus Krediten. Teile der Kriegführung laufen bei ihm darüber, dass Barone keine oder nur wenige Ritter schicken, sondern lieber dafür scutage bezahlen, manchmal ein Pfund pro angefordertem Ritter, wofür der König dann Militär mieten kann. Auch dafür versucht der englische König eine vollständige Aufstellung der Ländereien mit ihren tenants für sein Reich zu bekommen.

Dass es Henry II. gelingt, die vereinten Kräfte des französischen Königs, seiner Gemahlin und seiner Söhne bis auf Johann samt denen englischer Granden, die sich anschließen, und zudem die des schottischen Königs zu besiegen, liegt an einem kaum noch feudal zu nennenden Heer, welches sich zum großen Teil aus Söldnern zusammensetzt, wobei Niederländer herausragen, pauschal nach einer der Herkunftsgegenden als Brabantiner bezeichnet. Das sind Söldnertruppen, die auch Friedrich I. Barbarossa in dieser Zeit einsetzt.

 

Dieser deutsche Kaiser verlässt sich aber militärisch noch überwiegend auf die Vasallentreue seiner Fürsten, deren Ausbleiben hart bestraft wird. Für seinen Kreuzzug kann er immerhin 4000 Ritter und über 10 000 übriges militärisches Personal versammeln, wobei allerdings unter den hohen Herren Erzbischöfe und Bischöfe herausragen. Die alle sollen sich eigentlich aus eigenen Mitteln versorgen, aber tatsächlich muss der Kaiser erhebliche Summen beisteuern, die den Städten, Kirchen und Abteien des Reiches abgepresst werden. Sein Geld reicht aber dann tatsächlich auch, um Welf VI. sein schwäbisches Welfenerbe abzukaufen.

 

Heinrich VI. wird Süditalien durch Bereitstellung einer genuesisch-pisanischen Flotte erobern, was enorme Summen kostet. Finanzieren kann er das nur durch Nutzung eines Teils des Lösegeldes, welches die Untergebenen von Richard ("Löwenherz") für seine Freilassung zahlen. Auch dieses Geld ist erst einmal von Bauern und Handwerkern erarbeitet und von Handel und Finanzgeschäften erwirtschaftet worden.

 

Dass der angevinische König John überhaupt noch Wert auf feudal gewonnenes Militär legt, liegt nicht zuletzt auch daran, dass Heeresgefolgschaft immer noch, wie bei Barbarossa und Philippe Auguste, Repräsentanz feudal begründeter Macht und ihrer Bindekräfte ist. Aber auch so gewonnene Ritter werden indirekt bezahlt über prests, geliehenes Geld, welches kaum noch zurückgezahlt wird. (Carpenter, S.269)

 

Unter solchen Bedingungen ist es nicht verwunderlich, dass große Kaufleute und Finanziers in die Finanz- und Wirtschaftsverwaltung der angevinischen Krone einziehen, in das Amt des Exchequers, die Chamber, Wardrobe und das Excambium. Dazu gehört Londoner Großkapital, darunter auch schon mal ein Deutscher, vor allem aber englisches Kapital der Festland-Besitzungen.

 

Einen wesentlichen Teil des Finanzkapitals stellen noch im 12. Jahrhundert Juden, der wohlhabendere Teil jüdischer Gemeinden, deren Reichtum sich in prächtigen Stadthäusern zeigt. Der Aufbau ihres Kapitals ist schwer nachzuvollziehen, also die auffällige Anhäufung von Finanzkapital nördlich der Alpen in den Händen einer etwas exotischen Religionsgemeinschaft. Nach England kommen sie erst mit Wilhelm dem Eroberer nach 1066, wobei sie zunächst wohl hauptsächlich mit Gold- und Silberbarren (bullions) operieren und zudem den obligaten Geldwechsel an der Grenze übernehmen.

 

Ihr Reichtum ist wohl vor allem aus kurzzeitigen, maximal einjährigen Krediten zu 20-43% Zinsen per annum hervorgegangen. Als Pfand dient oft Land, welches besonders in England bei Nichtzahlung der Schuld in jüdische Hand übergeht. In der Mitte des 13. Jahrhunderts sind es dort schon mal um die 80 000 Pfund, die Juden in einem Jahr als Gläubigermasse halten.

Die Könige tendieren dazu, "ihre" Juden zu schützen, und zwar nicht nur als Kreditgeber, sondern vor allem als regelmäßige Einnahmequelle durch Schutzgelderpressung, die Judensteuer, in England eine tallage. Zwischen 1241 1256 nimmt der englische König insgesamt 73 000 Pfund an regulärer Judensteuer ein.

Schützen sollen sie dort königliche justices of the Jews, die um 1200 zu den exchequers of the Jews werden, und die unter anderem die Sheriffs dazu anhalten sollen, darauf zu achten, dass ihnen die Schulden bezahlt werden.

 

Im zweiten und dritten Laterankonzil werden Wucherer mit dem Kirchenausschluss und dem Ausschluss vom christlichen Begräbnis bedroht, massiven Diffamierungen also. 1163 wird die Pfandsatzung zur Umgehung des Kreditverbotes verboten, 1185/87 der Kreditkauf zu erhöhtem Preis mit demselben Ziel, 1127/34 das Seedarlehen. (Gilomen, s.o.). Inzwischen werden Wucherverbote auch explizit für Klöster ausgesprochen.

 

Hatte man den Juden als geduldeten Heiden bislang selbst hohe Zinsen oft stillschweigend gestattet, so setzen nun nicht nur, von der Kirche allerdings nicht unterstützte, Pogrome gegen sie ein, die auch eine brutale Form der Schuldentilgung für Christen bedeutet, sondern es kommt schließlich zur Erlaubnis, Juden für die Finanzierung von Kreuzzügen zu enteignen.

 

In genau der Zeit immer verschärfterer Wucherverbote und der Judenverfolgung in mehreren Ländern findet aber, und das wird wesentlich tiefgreifender, zugleich eine zunehmende Einschränkung dieser Verbote durch die Bestimmung von immer mehr Fällen erlaubten Gewinnes statt. "Neben dem Risiko (periculum sortis) und der Ungewissheit (ratio incertitudinis) war dies ein tatsächliche erlittener (damnum emergens) oder ein virtueller, für die Zukunft als möglich gedachter Schaden bzw. entgangener Gewinn (lucrum cessans). Unter dem titulus morae konnte eine Entschädigung für Zahlungsverzug geltend gemacht werden (poena convntualis, interesse). War mit der Ausleihung eine Mühewaltung verbunden, so konnte dafür ein Lohn verlangt werden (stipendium laboris). Außerdem war eine Verzinsung bei Verwendung des Geldes durch Fürsten und Herren zur Prachtentfaltung (ad pompam) erlaubt." (Gilomen, S.95)

 

Solche und andere Möglichkeiten zur "christlichen" Erlangung eines Gewinns werden dann in der Wirklichkeit des späten Mittelalters das Kreditwesen und den Handel immer weiter vorantreiben.

1179 wird auf dem großen Laterankonzil festgestellt, dass Handel seinen Gewinn als Lohn aus dem Dienst zieht, den der Händler den Menschen leistet. Schließlich hat der Händler auch Auslagen, muss sich mühen und ein Risiko eingehen. Was weiter und noch von Thomas von Aquin beklagt wird sind sogenannte überhöhte Preise. Aber in der Praxis hat das dann mit dem sogenannten gerechten Preis des frühen Mittelalters in der christlichen Doktrin kaum noch etwas zu tun.

 

 

Kapital und Macht 2: Die Kreuzzüge

 

Religiös begründete Gewalt entfaltet das Christentum seit dem vierten Jahrhundert und der Islam von Anfang an. Als Papst Urban II. 1095 zum später sogenannten ersten Kreuzzug aufruft, ist der Islam auf kriegerische Weise bis Anatolien auf der einen Seite, und auf der anderen bis Spanien vorgedrungen, und unterdrückt dort überall das Christentum zunehmend. Umgekehrt halten christliche Machthaber den Krieg gegen anzivilisierte Heiden in Osteuropa und gegen den Islam im nördlichen Mittelmeerraum für gottgewollt. Auf beiden Seiten bilden Macht und Religion, wenn auch in unterschiedlichen Formen, eine Einheit.

 

Während lateinisch-europäische christliche Herrscher im 10./11. Jahrhundert auch über Mittel der Konsensbildung mit ihren Großen Macht nach innen ausbilden, sind die islamischen Reiche despotische Militärdiktaturen, und während in Europa ein Bürgertum immer mehr Elemente der Selbstverwaltung entwickelt, wird im islamischen Raum eine solche (bürgerliche) Verselbständigung wesentlich unterbunden. Dass es sich tatsächlich um einen Kampf zwischen erheblich unterschiedlichen Zivilisationen handelt, ist aber noch wenig absehbar und wird durch das lange lateinische Mittelalter hindurch auch nur selten so gesehen.

 

Der Aufruf zum ersten Kreuzzug verbindet die Interessen eines vom (westlichen) Kaiserreich bedrängten und nach mehr Macht strebenden Reformpapsttums mit der Beutegier einer vor allem westfränkischen Ritterschaft.

Haupt-Leidtragender der Kreuzzüge wird das ostchristliche Byzanz, zeitweilig ein wenig auch der islamische Orient, schnell stellt sich andererseits bald das große Kapital des lateinischen Abendlandes als der große Gewinner heraus. Demnächst wird es die islamische Welt zwischen Nordafrika und dem Nahen Osten an Wirtschaftskraft überflügeln.

 

Mustergültig ist die frühe Rolle Pisas, dessen Erzbischof Dagobert (Daimbert) nicht nur bei Papst Urbans Kreuzzugsaufruf in Clermont anwesend ist, sondern dann auch selbst in Pisa zum Kreuzzug aufruft.

1098 wird er zum päpstlichen Legaten ernannt und er reist ins "heilige Land" ab.

Begleitet wird er von einer pisanischen Flotte, die unterwegs Raubüberfälle auf die zum Byzantinischen Reich gehörigen Inseln Korfu, Leukas, Kephalonia, Zante, sowie auf Zypern verübt. Den darbenden Belagerungstruppen vor Jerusalem liefern genuesische Schiffe dann Lebensmittel und Material für Gerätschaften zur Einnahme der Stadt.

 

Daimbert kommt erst nach der Eroberung von Jerusalem dort an. Er lässt sich dort zum Patriarchen wählen und versucht daraufhin, das neue Königreich zu einer kirchlichen Herrschaft unter dem Papst zu machen. Er muss sich dann aber mit Balduin von Boulogne arrangieren.

Als der Patriarch versucht, sich selbst zu bereichern, wird er abgesetzt und geht ins Exil nach Antiochia. Derweil verlieren die Pisaner zunächst fast alle ihre Privilegien im eroberten Orient.

 

Darauf reagiert Byzanz 1110/11 mit einem Vertrag, in dem die Pisaner sich verpflichten, die Rückeroberungs-Pläne von Byzanz gegen die Kreuzfahrer-Staaten zu unterstützen, worauf Pisa dann auch seine Privilegien in Antiochia verliert. Erst nach der Jahrhundert-Mitte gelingt es ihnen wieder, in Jerusalem und Antiochia Fuß zu fassen.

 

1104 gelingt es mit Hilfe eines genuesischen Geschwaders, Akkon einzunehmen. 1107 scheitert ein "Kreuzzug" Bohemunds gegen die "byzantinischen Verräter" bei Durazzo. 1110 sind genuesische und pisanische Schiffe an der Eroberung von Beirut beteiligt, und dann noch mit der Unterstützung norwegischer Schiffe Sidon.

 

Inzwischen gibt es längst heftige Konkurrenz zwischen Genua, Pisa und Venedig um Handels-Niederlassungen und Vorteile. Inzwischen gibt es auch mehr Einwanderer aus den Städten Italiens. Der Seehandel von Palästina und Nordsyrien nach Europa ist fest in deren Hand. Ihrem Wunsch nach Privilegien steht der der christlichen Herrschaften gegenüber, aus diesem Handel ihre einzigen soliden Einkünfte zu ziehen. Andererseits haben diese Herrschaften keine eigene Flotte, sind aber auf steten Nachschub aus Europa angewiesen. Sie bestehen aber auf der Pilgersteuer eines Drittels des Passagepreises, Liegegeldern in den Häfen und Steuern beim Reparatur-Aufenthalt in den Arsenalen. (Favreau-Lilje in: Stromer/Fees, S.216f)

 

Ähnlich wie die Interessen Pisas und Genuas sind grundsätzlich auch die Venedigs gelagert, welches sich aber weniger engagiert. 1100 verhilft eine venezianische Flotte zur Einnahme von Haifa. 1123 kommt es zu einer Übereinkunft zwischen dem Patriarchen Warmund von Jerusalem und der Republik Venedig. Nachdem die Fatimiden bedrohlich in das Königreich Jerusalem eingedrungen sind, schickt Venedig eine Hilfsflotte. Bevor die Venezianer (erfolgreich) Akkon angreifen, konzediert Jerusalem ihnen ihre eigenen Kirchen, Straßen, Bäder, Märkte, Maße,  Mühlen und Backöfen in den Städten außerhalb der Hauptstadt. In Akkon sollen sie ein voll autonomes Viertel der Stadt erhalten. im noch zu erobernden Tyros und Askalon ein Drittel der Stadt und ein Drittel des Umlandes. Bei Tyros erhält Venedig dann Land, auf dem es seit islamischer Zeit Zuckerrohrfelder und Zuckerrohrmühlen gab. "Die Kultivation der Plantagen bewerkstellen sie mittels Frondiensten, Sklaveneinsatz und Lohnarbeit." (Mitterauer(2), S.218) Es entsteht ein frühkapitalistisches Kolonialunternehmen.

Nur die Pilgersteuer soll weiter an den König fallen.

 

Venezianer integrieren sich am wenigsten in die Kreuzfahrerstaaten, Genuesen schon deutlich mehr, aber es sind vor allem Pisaner, die burgenses der Kreuzfahrerstädte werden. Insgesamt bleiben die Zahlen aber niedrig. Über die "fränkischen" Siedler schreibt schon früh Fulcher von Chartres etwas irrtiert:

Die wir Abendländer waren, wurden zu Orientalen; wer ein Römer oder Franke war, ist in diesem Land zum Galiläer oder zum Palästinenser geworden. Wer aus Reims oder Chartres stammte, wurde zum Tyrer oder Antiochener. Schon haben wir die Stätten unserer Geburt vergessen, schon sind sie den meisten von uns unbekannte, nie gehörte Namen. Der eine besitzt hier ein Haus mit Gesinde, als wie vom Vater ererbt, der andere heiratete eine Frau, nicht  nur eine Landsmännin, sondern auch eine Syrerin (...) oder hgetaufte Sarazenin (...) Wer ein Fremder war, ist jetzt gleichsam einheimisch geworden (...) Die dort arm waren, hier macht Gott sie reich. (Historien von Jerusalem, III, in: Haas, S.127f)

 

Was immer religiöser Grund oder Vorwand sein mag, die Konflikte mit den (christlichen) Byzantinern bleiben, die sich zu Recht betrogen fühlen, von denen aber die neuen Herrschaften abhängig sind. Daneben nehmen Konflikte untereinander  zu.

 

Ritterorden markieren eine neue Etappe der Militarisierung des römischen Christentums. Je bedrohter die neuen Herrschaften in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts werden, 1144 fällt Edessa, desto betonter wird ihr militärischer Auftrag.

 

Der 2. große Kreuzzug von 1147-49, vom französischen und deutschen König betrieben, scheitert. Im 12. Jahrhundert eines Bernhard von Clairvaux finden sich Analogien zwischen Verkaufen von Waren und von Religion. Dieser ruft dazu auf, wie ein kluger Kaufmann zu rechnen und sich mit der Teilnahme am (zweiten) Kreuzzug die Rettung der Seele zu erkaufen. Zudem heißt es bei ihm:

Freue dich, starker Kämpfer, wenn du im Herren lebt und siegst! Aber mehr noch frohlocke und rühme dich, wenn du stirbst und dich mit dem Herrn vereinst (...) Ein Ritter Christi tötet mit gutem Gewissen, noch ruhiger stirbt er. Wenn er stirbt, nützt er sich selber, wenn er tötet, nützt er Christus. (Dinzelbacher, S.249)

 

Für die Eroberung/Missionierung des nordöstlichen Slawenlandes erlaubt der Papst 1145 das Privileg einer Art "ständigen Kreuzzuges" (Mittermaier(2), S.217).1147 ruft dann Papst Eugen III. extra zu einem Wendenkreuzzug zwecks (gewaltsamer) Missionierung auf.

 

Erfolgreicher ist die Reconquista auf der iberischen Halbinsel, während der gegen die Wenden ebenfalls außer Grausamkeiten wenig Folgen hat. Immerhin erklärt Bernhard von Clairvaux zu letzterem: Ihr tötet nicht Menschen, sondern das Böse. (in: Haas, S.135)

Mit Nureddin von Mossul wird ein als Dschihad erklärter Krieg gegen die Christen im Osten immer erfolgreicher. Der erobert Damaskus und dann Ägypten. 1187 siegt Nachfolger Saladin bei Hattin und gewinnt dadurch Jerusalem. (*1) Papst Gregor VIII. ruft zu neuem Kreuzzug auf, und erwartet ihn von den christlichen Königen. Kaiser Friedrich I. nimmt Kredite auf dem venezianischen Finanzmarkt auf, kann sich aber den teuren Seeweg nicht leisten; die englischen und französischen Könige erheben bei entwickelteren königlichen Finanzen einen Zehnten.

 

Barbarossa stirbt auf dem Hinweg, und sein Heer versucht, irgendwie die Rückreise anzutreten. Der König von Frankreich und der von England sind zu Hause Gegner und auf dem Zug nach Südosten schon in Sizilien voller Misstrauen aufeinander. Der Kreuzzug scheitert wieder und Jerusalem kann nicht eingenommen werden. Wie fromm das christliche Zeitalter ist, demonstriert die Gefangennahme von Richard Löwenherz und die immense Lösegeld-Forderung. Die christlichen Herrschaften im "Heiligen Land"  konzentrieren sich nun, ganz im Interesse der italienischen Seemächte, auf den Küstenstreifen.

 

Nach 1187 lässt das Interesse der italienischen Städte am Markt in den Kreuzritter-Herrschaften etwas nach; die Privilegien werden weniger und es gibt längst Alternativen. Die Ritterorden nehmen an der Versorgung der Kreuzfahrer-Herrschaften teil und ein Teil der Pilger nach Jerusalem reist über Ägypten, Zudem gibt es mehr Direkthandel vor allem mit Damaskus und Aleppo, und dann sind die christlichen Städte nur noch Durchgangssationen. Aber Pisaner und Genuesen konkurrieren wie zuvor heftig um Marktanteile, während Venedig nach 1204 andere Interessen wahrnimmt.

 

 

Die Kreuzzüge und der Dschihad unterbinden immer nur kurzzeitig die Handelsbeziehungen zwischen christlicher und islamischer Welt, die auf beiderseitigem Interesse beruhen. Auch weiterhin gelangen zum Beispiel Gewürze, Weihrauch, Zucker, Seide, Baumwolle, Färbemittel, Edelsteine, Elfenbein und Gold über den Orient aus Indien nach Europa.

 

Seit den 1190er Jahren konkretisiert sich der Wunsch der italienischen Seemächte, Byzanz anzugreifen, und der des Papstes, sich die oströmische Kirche unterzuordnen. Derweil will Innozenz III. einen neuen Kreuzzug unter Leitung eines päpstlichen Legaten und ruft 1198 dazu auf.

Nach Saladins Tod 1193 fehlt eine zentrale islamische Führung. Das lateinische und griechische Abendland sind sich längst fremd geworden und das steigert sich gelegentlich bis in gegenseitigen Hass hinein.

Byzanz wiederum verliert neben dem Verlust eines italienischen Stützpunktes 1172 den Zugriff auf das Inland Kleinasiens an die Seldschuken und konzentriert sich nach Norden in Richtung Balkan, was die Reibungsfläche mit dem lateinischen Abendland verstärkt. Ende des Jahrhunderts gelingt einem dritten Kreuzzug die Eroberung von Akkon, aber das Binnenland wird immer stärker vom Islam kontrolliert. Friedliches Pilgern nach Jerusalem bleibt allerdings möglich, wenn auch nicht mehr unter dem Schutz der Tempelritter.

 

 

Die Werbung für einen neuen (vierten) Kreuzzug hat nicht die erwarteten Ergebnisse und das Einsammeln von Geld ebenso wenig. Venedig soll den Transport von Rittern, Knappen und Fußsoldaten gegen erhebliche Gelder und die Hälfte aller Beute an Land und Habe übernehmen. Die Stadt bestimmt dann auch den von Brutalität gekennzeichneten Weg an der Küste entlang über Zara bis Konstantinopel, welches 1204 unter enormer Zerstörungswut und Raubgier eingenommen wird. Ein lateinisches Kaiserreich entsteht, welches aus schwachen Fürstentümern besteht, die Fremdkörper bleiben. Den Löwenanteil der Beute aber erringen die Venezianer, drei Achtel von Konstantinopel und große Teile der Inseln. (ausführlicher in: Stadt It2)

 

Die Pervertierung des Kreuzzugsgedankens wird von den Päpsten weitergeführt mit sogenannten Kreuzzügen gegen christliche Abweichler. Kurz nach der Katastrophe von 1204 erklärt Papst Innozenz III. den Kreuzzug gegen die Katharer in Südgallien, dann wird es so weiter gehen gegen die Stedinger und am Ende gegen die Hussiten.

 

In Kleinasien hält sich ein wirtschaftlich zunächst schwaches byzantinisches Reich von Nicaia und im Norden ein Despotat Epirus, beides Kaiserreiche. Nördlich davon konsolidiert sich das Bulgarenreich und die Albaner, Serben und Kroaten. Der lateinische Kaiser hat kaum Einfluss auf die "fränkischen" Fürstentümer. Etwas aufblühen können ein Herzogtum Athen und ein Fürstentum Morea. 1261 wird ein Kaiser von Nicaia Konstantinopel zurück erobern.

 

1217/18 fahren österreichische und ungarische Truppen nach Palästina, und wenden sich dann nach Damiette im Nildelta, welches sie, nun im Verein mit "fränkischen" Rittern und den beiden Ritterorden, erobern und gegen Jerusalem austauschen wollen. Die Stadt fällt nach 18 Monaten Belagerung 1219, aber anstatt auf das Angebot eines erneuten Tausches mit Jerusalem einzugehen, versucht man nun Kairo einzunehmen, was scheitert und dann auch zum Verlust von Damiette führt.

1229 gelingt Kaiser Friedrich II. die Übergabe eines unbefestigten Jerusalem an die Christen und ein zehnjähriger Waffenstillstand, aber die Konflikte im "heiligen Land" nehmen zu. Papst, Deutschordensritter, Johanniter und Pisa stehen gegen Templer, große Barone, Genua und Venedig. 1244 fällt Jerusalem erneut und nun endgültig.

1248-50 versucht sich König Louis IX. an der Eroberung Ägyptens und scheitert militärisch. Aus der Gefangenschaft wird er nur durch ein Lösegeld von 500 000 Livres tournois ausgelöst, wozu die Tempelritter nur widerwillig beitragen. Vier Jahre lang wird er sich dann in Palästina wie ein dortiger König aufführen. Danach werden feudale Interessen der Barone und kapitalgetragene von Genua, Pisa und Venedig den Rest des "heiligen Landes" zerreißen.

 

Inzwischen haben 1250 die Mameluken in Ägypten die Macht an sich gerissen. 1260 besiegen sie in Galilea die dort eingefallenen Mongolen. 1268 wird der Mameluken-Sultan Baibar Antiochia einnehmen. 1270 scheitert ein "Kreuzzug" von König Louis IX. gegen Tunis, bei dem dieser stirbt. 1291 fällt mit Akkon die letzte christliche Stadt im Nahen Osten. Die Einwohner werden massakriert

 

 

Feudalisierung

 

Im zwölften Jahrhundert deuten sich Anzeichen eines Weges in neuartige Staatlichkeit an, die in England und Frankreich zu Zentralisierung führen, während diese in deutschen Landen dezentral auf der Ebene der Fürstentümer geschieht und ebenso dezentral in Italien auf der Ebene von Städten. In allen Fällen steht am Anfang die Verbindung eines dinglichen Elementes, des Lehens, mit einer Verpflichtung zur Vasallität.

Dem zu Grunde liegt, dass zunächst Freiheit und Herrentum auf dem Eigentum an und der Verfügung über nutzbaren Grund und Boden beruhte, die nicht üblicherweise als Waren auf einem Markt zur Verfügung standen. Land und andere Immobilien wurden meist nicht verkauft, sondern verliehen, und zwar im wesentlichen, um militärische und/oder zivile Unterstützung zu erhalten. Marc Bloch übertreibt zwar, wenn er schreibt: "Der Boden selbst galt nur deshalb als so wertvolll, weil er die Möglichkeit bot, sich "Leute" zu verschaffen, die man mit ihm, dem Boden, entlohnte." (in: La société féodale).  Der Boden ist zunächst wertvoll, weil er durch menschliche Arbeit Lebensmittel und Rohstoffe hervorbringt. Aber tatsächlich beruht Macht über andere Freie darauf, dass man ihnen etwas verleihen kann, zum Beispiel ein Amt, eine Burg oder einfach nur einen Weinberg oder ein paar Wiesen. 

Das unterscheidet die Adelswelt der Herrenmenschen von der bürgerlichen, die wesentlich auf Warenbeziehungen beruht und zunächst nicht an der Macht partizipiert, ihr politisch bis ins 18./19. Jahrhundert hinein immer ein Stück weit unterworfen bleibt, obwohl sie den Staat schon lange als Agentur ihrer Interessen begreifen kann.

 

Die Nordhälfte Italiens ist auf dem Weg zu Stadtstaaten Vorreiter dieser Entwicklung hin zu neuer Staatlichkeit. Schon im 11. Jahrhundert beginnt hier das Interesse am römischen Recht zu wachsen, welches ohnehin in einigen Bereichen noch im Gebrauch ist. Indem dieses nun nicht nur teilweise tradiert, sondern in seiner Systematik neu betrachtet wird, und zwar von den neuartigen Rechtsgelehrten (siehe Großkapitel 'Intellektualität'), kann es dann auch auf die vorhandenen Strukturen ansatzweise übertragen werden.

In fünf Abhandlungen, die zwischen dem Ende des 11. Jahrhunderts und 1136 entstehen, entwickeln "Feudisten" nun in später so genannten libri feudorum ein normierendes Rechtssystem des Lehnswesens, der feuda also. Das beginnt so:

Weil wir von feuda handeln wollen, sollten wir zunächst betrachten, welche Leute ein feudum geben können. Ein Erzbischof, ein Bischof, ein Abt, eine Äbtissin, ein Probst, wenn es von alters her ihre Gewohnheit gewesen ist, können ein feudum geben; außerdem ein Markgraf und ein Graf, die eigentlich 'Capitane des Königs' heißen. Es gibt noch weitere Leute,, die von den bisher genannten ein feudum empfangen und eigentlich 'Valvasares des Königs' heißen, aber heute 'Capitane' genannt werden; auch sie können selbst feuda geben. Diejenigen aber, die von ihnen feuda empfangen, heißen 'kleine Valvassores'. (in: Patzold, S.52)

 

Danach geht es auf der Basis der Konstitution Konrads II. so weiter:

In ältester Zeit (...) war ein feudum so in die Gewalt der Herren eingebunden, dass sie es, wann immer sie wollten, wieder entziehen konnten. Später aber kam es dazu, dass es auf Lebenszeit des Getreuen weitergeführt wurde. Aber da sich das nicht nach Nachfolgerecht  auf die Söhne bezog, ging es so weiter, dass es bis zu den Söhnen kam, wobei freilich der Herr das Lehen bestätigen wollte. Das ist heute so verfestigt, dass es sich auf alle gleichermaßen bezieht. (in: s.o., S.53)

 

Und dann wird noch zwischen ritterlichen Lehen (feuda) und bäuerlichen (beneficia) unterschieden:

Es ist zu beachten, dass über dasjenige beneficium, das von den Capitanen des Königs und von den Valvassoren des Königs anderen geliehen wird, ausschließlich nach dem ius feudi gerichtet wird, über jenes dagegen, das von den kleineren anderen übertragen wird, nicht nach dem ius feudi gerichtet wird; sondern, wann immer sie wollen, können sie es mit Recht wieder entziehen - es sei denn, sie wären mit ihnen im Heer nach Rom gezogen, in welchem Fall ihr beneficium in das ius feudi übergeht. (in: s.o., S.54)

 

Verlieren soll man sein feudum dann, wenn man in der Schlacht seinen Herrn verlässt, obwohl dieser am Leben ist, oder wenn man mit der Frau, Tochter oder Frau des Sohnes schläft, wenn man die Burg angreift, von der man weiß, dass der Herr oder die Herrin gerade dort ist, wenn man den Bruder oder Sohn des Bruders des Herrn tötet oder wenn man mehr als die Hälfte seines feudum verpfändet. (usw., alles nach Patzold, S.55, siehe auch ...)

 

Während Ende des 11. und Anfang des 12. Jahrhunderts aus der Kenntnis der König Konradschen Bestimmungen so etwas wie ein Lehnsrecht formaljuristisch fixiert wird, fehlt so etwas noch im Norden, obwohl sich ähnliche Formen immer stärker in der Praxis durchzusetzen beginnen. Der Graf von Flandern gründet seine Herrschaft einmal auf der Huldigung durch die Untertanen und zum anderen auf eine offenbar schon eingeübte Form der Belehnung. Der Geistliche und gräfliche Notar Galbert von Brügge erzählt von einem solchen Ereignis. Die Vorgeschichte ist, dass ein Borsiard den Grafen Karl den Guten während des Gebetes in der Kirche des Stiftes St. Donat erschlage hat und König Ludwig VI. von Frankreich Wilhelm Clito, Enkel Wilhelms des Eroberers, zu seinem Nachfolger macht. Auf einer Rundreise lässt sich der neue Graf huldigen, im April auch in Brügge. Danach schildert Galbert für den 7. April folgenden Akt:

Zuerst leisteten sie ihm auf folgende Weise hominium: Der Graf fragte, ob er ganz und gar sein Mann sein wolle, und dieser antwortete: "Ich will." Dann umschloss der Graf die zusammengefalteten Hände des anderen mit seinen Händen und sie verbündeten sich durch einen Kuss. Als zweites gab derjenige, der Mannschaft geleistet hatte, dem prolocutur (Vorsprecher) des Grafen ein Treueversprechen mit folgenden Worten: "Ich verspreche, in meiner Treue von jetzt an dem Grafen Wilhelm treu zu sein und ihm die Mannschaft ganz und gar gegen alle zu wahren in guter Treue und ohne List." Drittens schwor derselbe über den Reliquien von Heiligen einen Eid. Anschließend erteilte der Graf mit dem Stab, den er in der Hand hielt, all denen, die auf diese Weise Sicherheit, Mannschaft und Eid geleistet hatten, die Investitur. (in: Patzold, S.61)

 

 

In ein Lehnsverhältnis tritt man also dadurch ein, dass man dem Herrn Mannschaft leistet, indem man seine gefalteten Hände in die des Herrn legt, wie das Vasallen schon früher taten, und dann einen Treueid leistet. Darauf erfolgt die Investitur des Mannes mit dem Lehen. Lehen werden langsam auch in deutschen Landen erblich, wobei sie aber beim Tod des Mannes oder des Herrn formell erneuert werden müssen.

Dem belehnten Vasall leistet der Herrn militärischen und rechtlichen Schutz für sein Lehen. Der Mann wiederum muss wie Vasallen schon früher an Heerfahrten seines Herrn teilnehmen (auxilium), ihm mit Rat bei Hofe zur Seite stehen (consilium) und im Lehnsgericht mitwirken. In der Praxis werden diese Leistungen aber nicht von allen Vasallen bei jeder Gelegenheit geboten. In der Regel werden sie auch nicht schriftlich festgehalten, sie sind Gewohnheitsrecht.

Zugleich mit der Verbindung von Vasallität und Lehen kommt es zu Konfliktsituationen, da Adel unterhalb des Fürstenrangs in der Regel mehrere, manchmal wie Werner von Bolanden sehr viele Lehnsherren besitzt. Dem wird durch Treuevorbehalte für einen oder mehrere Herren versucht, Ordnung in das Beziehungsgeflecht zu bringen. Seit dem späten 11. Jahrhundert wird in Frankreich und England versucht, eine "ligische" Vorrangbindung an einen Herrn einzurichten. Wenn der militärische Treue-Konflikt auftritt, ist der Mann genötigt, dem einen Herrn Treue und Lehen aufzukündigen, was Herren dann wiederum vertraglich zu verhindern versuchen. Man kann erkennen, dass das sich langsam auch nördlich der Alpen etablierende feudale System konfliktgeladen ist. Versammelt sind die deutschen Vasallen nun in Lehnskurien, wie es sie an den norditalienischen Bischofshöfen schon viel länger gibt, und im Lehnsgericht, welches vom Herrn eingeladen wird. Dort ist der Herr entweder Richter oder aber er setzt als Konfliktpartei einen seiner Mannen dazu ein (Spieß, S.36f).

 

 

Ein sich entfaltendes Lehnswesen gelangt in die deutschen Lande vermutlich auch über Vermittlung der italienischen Neuerungen. Im Verlauf des 12. Jahrhunderts wird das Wormser Konkordat immer stärker lehnsrechtlich interpretiert. Auch daraus entsteht ein geistlicher Reichsfürstenstand, der um 1200 47 Erzbischöfe und Bischöfe umfasst. Dazu kommen dann noch 29 Äbte und 17 Äbtissinnen (Spieß, S.42). Mit Friedrich I. "Barbarossa" und seinem ihn intensiv beschäftigenden Versuch, aus der Nordhälfte Italiens noch einmal erhebliche Einkünfte gewaltsam herauszupressen, gelangt der deutsche Teil des Reiches in dauerhaften Kontakt mit Italien.

 

In deutschen Landen scheint die "Feudalisierung" des Reiches zunächst an einzelnen Punkten dokumentiert auf: Da ist das Privilegium Minus und der Umgang mit Heinrich dem Löwen, da ist die Fürstenerhebung des Grafen vom Hennegau zum Markgrafen von Namur (1184). Die Fürsten werden so strukturell zu Hebeln der königlichen Macht, die sie zugleich einschränken, indem sie sich in ihrer Gesamtheit als das "Reich" verstehen, ein Vorgang, der schon unter Heinrich IV. einsetzt. Daneben versucht die Krone zunehmend auch kleine Edelfreie zu Kronvallen zu machen und die Reichsministerialen erreichen bei ihrem Übergang zu "Ritteradeligen" , dass ihre Dienstlehen zu echten Reichslehen werden. (Spieß)

 

Im Lehnsgesetz von Roncaglia 1158 gibt es zwar den Vorbehalt, dass "bei allen Treueiden die Person des Kaisers auszunehmen sei", aber  der König verliert doch jetzt den direkten Zugriff auf seine Untervasallen. (Spieß, S.47) Zudem verstehen die Fürsten nun zwar ihr Fürstentum als Ganzes als Lehen, nehmen davon aber ihren Eigenbesitz und dessen Vasallen aus.

Das Auseinanderdriften des Reiches geschieht auch darüber, dass Fürsten immer wieder und oft auch ungeahndet weder ihrer Pflicht zur Heerfahrt noch zur Hoffahrt nachkommen, und in königsfernen Gebieten im Norden auch ganz auf den Vorgang der Belehnung verzichten.

Da die Vasallität an das dingliche Lehen gebunden ist, kommt es zum Beispiel beim Verkauf eines Lehnsgutes durch den Besitzer zu der Tendenz, dieses als Allod zu betrachten, "Zusammenfassend lassen sich zahlreiche allodiale Elemente in der Reichsverfassung festhalten, die gegen eine vollständige Feudalisierung sprechen." (Spieß, S.49)

 

Verliehen werden kann im Prinzip fast alles, Land (und darauf arbeitende Leute), Städte, Burgen und Ämter, die mit Einkünften aus Höfen, Münzen, Rechtsprechung mit ihren Bußgeldern, Vogteien, der Mühlenbann, Zollstellen und so weiter.

 

Dabei hat die Systematisierung eines Lehnswesens für die deutschen Lande und Frankreich bzw. England ganz unterschiedliche Folgen. Zunächst einmal ist das Westreich unter den Kapetingern eine Erbmonarchie, was dazu führt, dass das Familieninteresse und das königliche in eins fallen, während die Mischung aus Erb- und Wahlmonarchie im Osten die Könige dazu bringt, ihre Familieninteressen punktuell über die ihres königlichen Amtes zu setzen. (Werner Goez)

Zudem und damit zusammenhängend verfügen die "deutschen" (römischen) Könige über einen einigermaßen geschlossenen, wenn auch sehr dezentral organisierten Reichsverband, während ein solcher im zukünftigen Frankreich erst einmal hergestellt werden muss. Französische Fürsten stehen "auf Augenhöhe" (Patzold) mit ihrem König, und dieser muss sie sich erst einmal unterordnen. Das klassische Mittel dort wird mit dem ranghöchsten Vasallen, dem englischen König, 1202 in einem lehnsrechtlichen Prozess praktiziert, das Lehen nämlich einzuziehen und der Krondomäne zuzuschlagen. In deutschen Landen hingegen werden Fürstentümer erst zwischen der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts und und dem 13. Jahrhundert zu Lehen, und wenn sie fällig werden wie im Fall Heinrichs des Löwen, werden sie umgehend wieder ausgegeben. Die deutschen Könige besitzen nämlich im Unterschied zu den französischen noch kein Instrumentarium wie zum Beispiel eine Finanzverwaltung, um sich große Gebiete nutzbringend einzuverleiben. (Hanna Vollrath)

Schließlich setzt sich in Frankreich die Tendenz durch, dass aller Boden lehnsrechtlich eingeordnet wird, was bis zur sogenannten Revolution von 1789 zu dem Spruch nulle terre sans seigneur führt. Damit entwickelt sich über das Lehnsrecht die Möglichkeit, über alles Land Kontrolle zu gewinnen, während in deutschen Landen viel Grund und Boden Allod, Eigengut bleibt, auch wenn die entstehenden Landes-Fürstentümer versuchen werden, über das Lehnswesen Territorialisierung zu erreichen. (Werner Goez)

 

 

Eine juristische Systematisierung des Lehnswesens wie in Italien findet zwar in deutschen Landen noch nicht statt, aber mit dem Sachsenspiegel erscheint in der späten Stauferzeit ein erstes umfassenderes Rechtsbuch, welches Recht und Lehnswesen miteinander verbindet. Verschriftlichung nimmt zu, die Vergabe von Lehen wird häufiger in einem Dokument festgehalten. Erste Verzeichnisse von Lehen und Vasallen wie das des Grafen Siboto IV. von Neuburg-Falkenstein von etwa 1065 (siehe Großkapitel Land 3) und das des Reichsministerialen Werner von Bolanden von etwa 1190 sind erhalten. Solche Auflistungen werden dann im 13. Jahrhundert häufiger. 1217/27 zählt ein Graf Heinrich von Regenstein 150 Vasallen auf, im selben Jahrhundert können die Edelherren von Eppstein ähnlich wie die von Bolanden rund 200 Vasallen aufbieten.

 

Ansätze von "Territorialpolitik" haben wir schon bei rheinischen Bischöfen im späten 11. Jahrhundert erwähnt. Diese, also die Herstellung eines möglichst geschlossenen Hoheitsgebietes, in dem sich möglichst viel Eigenbesitz und einseitige Bindung von Vasallen an einen Lehnshof paaren, nimmt im 12. und 13. Jahrhundert rapide zu und führt bis 1400 in eine extreme Zersplitterung des römisch-deutschen Königreiches, der deutschen Kernlande also.

Das sich verallgemeinernde Feudalwesen fördert einerseits diese Zersplitterung, aber die entstehenden Territorialherrschaften nutzen es andererseits doch auch zur Abrundung ihrer Gebiete. Einerseits basiert das entstehende Territorium auf den wichtigsten Burgen, Ämtern, Gerichten und Vogteien im Eigenbesitz, andererseits in Lehnsauftragungen von Burgen und dazugehörigem Land, manchmal freiwillig, oft durch erheblichen, auch kriegerischem Druck erzwungen oder durch die Zahlungen beträchtlicher Summen "erkauft", wobei Herren im Laufe ihres Lebens schon mal zigtausende Mark aufwenden.

Wo möglich wird die als Lehen aufgetragene Burg mit einer Öffnungsklausel versehen, die es dem Lehnsherr ermöglicht, diese im Kriegsfall selbst zu nutzen. Ansonsten muss sie nun vom Vasall samt der Mannschaft versorgt werden, ist aber zugleich Stützpunkt der Herrenmacht. Wo man anders an das Lehen eines anderen Herren nicht herankommt, greift man zu Scheinlehen, wie sie Friedrich I. im Lehnsgesetz von Roncaglia 1158 beschreibt:

Indem wir ferner den Machenschaften (machinationibus) gewisser Leute entgegentreten, die nach Empfang des Kaufpreises gleichsam unter dem Deckmantel der Investitur - die ihnen nach ihrer Aussage zustehe - Lehen verkaufen (feuda vendunt) und auf andere übertragen, verbieten wir gänzlich, dass derlei Betrug oder Ähnliches künftig (...) ausgedacht werde. (in: Spieß, S.78)  

 

Das Netz persönlicher Beziehungen, wie sie Lehnswesen und Vasallität und immer noch auch in hohem Maße Verwandtschaft darstellen, bedarf in zunehmend höherem Maße des Mittlers Geld. Was sich als Geschenk oder Verleihung ausgibt, ist oft durch größere Geldsummen vermittelt. Das bezeugen die hohen Summen, die bei der Erhebung des Grafen Balduin 1184 in den Fürstenstand fließen (siehe Anhang 30), oder die, mit denen Erzbischof Konrad von Mainz nach 1183 verlorenes Mainzer Terrain wieder zurückkauft: 200 Mark für die Ebersburg, Burg Wasungen für 15 Pfund, 300 Mark für die municio Döbritschen usw. Sein Nachfolger Philipp lässt dann auf seinem Grabstein festhalten, dass er 50 000 Mark insgesamt für den Ausbau seines Herzogtums ausgegeben habe, worunter der Kauf zahlreicher Burgen fällt. Solche Burgen werden dann allerdings in der Regel an Getreue wieder als Lehen ausgegeben, denn eine direkte Verwaltung ihrer entstehenden Territorien ist für die Fürsten noch nicht möglich.

 

 

Die zwingende Verbindung von Lehen und Vassalität beruht auf der Gewalttätigkeit der Herren, der Legitimität von Krieg und Fehde und der dazu allgegenwärtigen illegitimen Gewalt. Wie schon die Erlasse Lothars und Friedrichs I. belegen, geht es darum, über Krieger (milites) zum Zwecke der Gewaltausübung mittels deren gesicherter Versorgung zu verfügen. Die sich aufbauende Ständeordnung ordnet dabei vor allem, wer von wem Lehen empfangen kann, wie also das System der Krieger gestaffelt ist. Sie verlangt aber die Erblichkeit der Lehen, so dass ein adeliges Geschlecht sie ebenso wie das Eigentum als gesicherte Versorgungsgrundlage bzw. als jeweils standesgemäße Ausstattung begreifen kann.

Diese feudalen Strukturen entstehen zugleich mit dem Phänomen der Mehrfach-Vasallität, welches einer Systematisierung der Ordnung wiederum entgegensteht. Wie solche Konflikte manchmal dem Anschein der Quelle nach auch friedlich gelöst werden, zeigt folgendes Beispiel: Erzbischof Rainald von Köln hatte ein Lehen in Lechenich an den Grafen Hermann von Müllenarck vergeben, von dem es wiederum ein Hermann von Dyck zu Lehen nimmt. Als der Graf seine Dienste in Anspruch nehmen will,

hat der nach wohlerwogenem Rat seiner Freunde geantwortet, weil er mehr sowohl die Herrschaft des Grafen von Ares als auch dessen Lehen liebe, wolle er daher lieber diesem dienen. Was er auch gemacht hat.

Damit fällt das Lehen an den Grafen zurück, vom dem es dann Erzbischof Philipp von Köln um 1170 zur Abrundung seines Herrschaftsraumes zurückkauft. (in: Spieß, S.85)

 

Mit der zwingenden Verbindung von Lehen und militärischem Vasallendienst entsteht eine militärisch wie ständisch definierte Rangordnung im (Kaiser)Reich wie in den einzelnen Fürstentümern. In der nun entstehenden Heerschildordnung wird der Empfang von Lehen geregelt, der möglich ist, ohne den eigenen Rang zu erniedrigen. (Patzold, S.109). Die Rangordnung im Sachsenspiegel beginnt so oben beim König, es folgen die geistlichen Fürsten, dann die weltlichen, danach die "freien Herren", dann die schöffenbaren Freien und schließlich deren Lehnsleute.

 

Nachdem für das frühe Mittelalter vor allem klösterliche Urbare über die großen Wirtschafts- und Machtkomplexe Auskunft geben, erfahren wir mit der zunächst kaum in schriftlichen Quellen nachvollziehbaren Entwicklung eines allgemeinen Lehnswesens in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts mit dem Falkenstein-Verzeichnis (s.u.) und dann dem Lehnsverzeichnis des Reichsministerialen Werner (II.) von Bolanden um 1190) mehr über die Dimensionen und zugleich die bestehende Zersplitterung geradezu "aristokratischer" weltlicher Besitzungen an Allod und Lehen. Dieser Werner zählt 45 Lehnsherren auf und zudem rund 100 Vasallen mit ihren Lehen (Ausschnitt in: Spieß, S.95ff). Diese Familie begann ihren Aufstieg in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts als Ministeriale der Mainzer Erzbischöfe,  um dann in der zweiten Hälfte als Reichsministeriale vom Donnersbergraum aus über das Nahegebiet bis in den Wormsgau Grundsteine für den Aufbau eines Territoriums zu legen.

 

 

Ritter (ausführlicher in: Anhang 32)

 

Vom König über Fürsten bis zum niederen Adel und immer mehr auch zu den Ministerialen sind alle Krieger nur durch ihren Status samt Macht und Reichtum unterschieden. Solche Krieger (milites) als Vasallen sind längst beritten, aber erst im Verlauf des 12. Jahrhundert werden sie zu Rittern aufgewertet, zu chevaliers, caballeros oder knights, im sportiven wie im kriegerischen Kampf auf dem geschmückten Pferd, gekleidet mit Kettenhemd und Waffenrock, erst später mit dem Plattenharnisch, und mit einem Helm, der immer mehr vom Kopf bedeckt. Zur Abwehr kommt ein manchmal bemalter Schild dazu.

In der Regel braucht der Ritter zunehmend einen Knappen, der ihm die Rüstung an- und auszieht und ihm im Kampf assistiert, und ein Packpferd für das Gepäck.

 

Wichtigste Angriffswaffen sind ein beidseitig scharf geschliffenes Schwert und und eine gut drei Meter lange schwere Lanze aus Eschenholz, dazu können noch Dolch, Streitkolben und Streitaxt kommen.

Zur Ausrüstung gehören vor allem auch ein Marschpferd (palefridus) und ein Streitross (dextrarius), welches ebenfalls gepanzert und darüber mit einer Decke versehen ist. Als destrier ist es von lateinisch dexter, rechts abgeleitet, da der Knappe dies Pferd außerhalb der Schlacht mit der rechten Hand führt. (Tuchman)

 

Je teurer das alles wird, desto exklusiver wird diese hierarchisch gegliederte kleine Minderheit der Bevölkerung, für die es eines hinreichend großen Lehens bedarf. Je aufwendiger die Ausstattung des Ritters wird, desto geringer wird ihre Zahl im 12./13. Jahrhundert werden. Darunter verarmt dann nach und nach ein niederer Adel und sinkt später manchmal sogar in das Bauerntum ab.

Andererseits steigt in deutschen Landen ein stattlicher Teil der rechtlich unfreien Ministerialen über seine steigenden militärischen Aufgaben und den Sitz auf einer Burg in die Ritterschaft auf, nähert sich so dem niederen Adel an und wächst dann in Einzelfällen sogar darüber hinaus. Fürsten und Könige andererseits betrachten ursprünglich Ritter als ihre militia, d.h. ihnen Untergeordnete, sehen dann aber in ritterlichem Auftreten für sich selbst Vorteile.

 

Das Ideal

Die Kirche stellt seit den Friedensbewegungen um die Jahrtausendwende, seit der bewussteren Christianisierung der spanischen Reconquista und dann auch mit den Kreuzzügen das Ideal des deutlicher christlich inspirierten Kriegers auf, der Kirche, Klöster, Kaufleute, Witwen, Waisen und Arme schonen bzw. schützen  und seine Gewalttätigkeit gegen die Heiden und andere Feinde der Kirche wenden soll. In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts beginnen epische Texte das zu einem ritterlichen Ethos zu verdichten.

 

Dieses verbindet sich mit neuen Lebensformen an den Höfen wohlhabender und mächtiger geistlicher wie weltlicher principes, von denen ein Teil erfolgreich nach neuartiger Landesherrschaft in geschlosseneren Territorien zu streben beginnt, und die wir nun Fürsten nennen. In Frankreich sind sie zunächst oft noch mächtiger als der König, und erst in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts gelingt es diesem langsam, sie stärker zu lehnsgebundenen Vasallen zu machen. In deutschen Landen kristallisiert sich in der Zeit Friedrichs I. ("Barbarossa") eine feste Zahl solcher Fürsten heraus, auf deren Unterstützung und Rat der König angewiesen ist.  

 

Über das Lehen sind Ritter als Vasallen mit den Höfen ihrer Herrren verbunden, denen sie entsprechend Mannschaft zu leisten haben. Umgekehrt ist ein vornehmerer Herr darauf angewiesen, ein solches militärisches Gefolge an sich zu ziehen. Wenn man dabei von feudalen Strukturen sprechen möchte, sind das solche des Gebens und Nehmens, die durch die Arbeit von Bauern und zunehmend auch Handwerkern und Händlern zu finanzieren sind.

 

Der Hof ist eine größere Burg bzw. Pfalz (palatia), wie sie Könige und Fürsten besitzen. Der Hof ist aber nicht nur ein Gebäude, sondern auch eine Versammlung von Menschen, die dort entweder dauerhaft und gelegentlich zusammen kommen.

Am jeweiligen Hof treffen vornehmer Adel, Fürsten und Könige mit ihrer Ritterschaft zusammen. Diese orientiert sich an deren modischem Auftritt und dem ritterlicher Kollegen. Mode ist der neueste "Schick", mit dem man zeigt, wo man dazu gehört.

 

Höfische Lebensformen dringen im 12./13. Jahrhundert aus Frankreich nach Osten in die deutschen Lande und nach Norden nach England. Sie entwickeln sich an Fürstenhöfen wie denen Poitous/Aquitaniens, Blois/Champagne, Anjou und Normandie.

 

Das alte Kriegerideal von Kraft und Stärke, Ehre und Tapferkeit, nunmehr zudem von der Kirche mit neuen Idealen versehen, wird durch höfische Ideale wie staete, triuwe und Schönheit angereichert, soweit der neue Rittersmann sich das leisten kann. Dazu gehören ungenierte Prachtentfaltung, die großzügige Freigebigkeit (die largitas) als Ausdruck von Reichtum, die Milde (milte), sich in Empathie äußernde Barmherzigkeit (misericordia), mit der ein gewisser Gefühlshaushalt in eine von heftigeren Emotionen zerrissene Welt einziehen kann. All das geht im 12. Jahrhundert von England und Frankreich ausgehend in Heldenepen ein, die an den Höfen sehr populär werden, und die das neue Ritterideal propagieren.

 

Einen weiteren Gefühlshorizont entfaltet Literatur an den Höfen, die Liebe jenseits von arg zugreifender Geschlechtlichkeit propagiert, passenderweise in poetischer Form der Troubadoure und dann auch der deutschen Minnesänger. Dazu passend werden nun die Körperformen in Skulpturen und Bekleidung immer deutlicher betont. Bei Hofe beginnen sich zuweilen feinere Manieren durchzusetzen, zum Beispiel bei Tisch oder im Umgang mit Frauen.

 

Zur kriegerischen Körperertüchtigung gehört neben der Ausbildung in der Jugend, gerne an fremden Höfen, auch die Jagd, für die sich Könige, Fürsten und Adel immer größere Forste reservieren, und die auch als Vergnügung zu einer Frühform von Sport und auch so benannt wird (desportes). Auch durch die Jagd werden Bauern immer mehr aus Wäldern vertrieben. Noch näher an dem, was später in das Wort Sport mündet, sind die Turniere, Massenkampfszenen und Einzelkämpfe, die zunehmend mit Festen verbunden werden.

 

Die Wirklichkeit

Die Ideale, wie sie in Texten und Abbildungen dargestellt werden, färben mehr oder weniger in die alltägliche Wirklichkeit ab, aber eben nur manchmal und nur ein wenig. An französischen, englischen und bald auch ersten deutschen Höfen wie dem von Thüringen oder dem des Kaisers dient ihre Verwirklichung vor allem öffentlicher Selbstdarstellung bei Festen, in Einzelfällen dienen sie auch einer gewissen ritterlichen Regelhaftigkeit, aber im Alltag sind sie eher seltener.  

 

Ritterlicher Kampf ist Nahkampf größerer Kriegermassen, der mit der Lanze, beginnt, mit der vom Pferd gestoßen werden soll, und dann vor allem mit dem Schwert, welches ein übles Gemetzel und Zerstückeln herbeiführen soll. Diese Gewalttätigkeit wird in vielen literarischen Texten als höchstes Lebensglück neben den großen Festen gefeiert. Zur Ritterlichkeit gehört dabei auch die List, als Klugheit dargestellt, und oft selbst die Hinterlist.

Tatsächlich kämpfen Ritter aber nicht so oft auf Leben und Tod miteinander, auch da das Schlachtenglück trügerisch ist. Stattdesssen wird das Land des Gegners verwüstet, abgebrannt und die Gewalttätigkeit an wehrlosen Bauern und ihren Frauen ausgelassen, gelegentlich auch an Mönchen und Nonnen. Danach werden manchmal auch Städte und Burgen belagert und auf das Brutalste ausgehungert, bis sie sich ergeben müssen, worauf dann oft geplündert und zerstört wird.

Quellen berichten dann schon mal von jener infernalischen Grausamkeit von Kriegern, welche die Kirche eigentlich den Folterqualen der Hölle zuschreibt. Das betrifft zwar sicher nicht jeden Ritter, da das auch mit dessen Persönlichkeit zusammenhängt, aber schon tenzenziell jenen Eifer des Gefechts, der im Blutrausch enden kann. Und es betrifft auch jene Herren, die beim Foltern von Gefangenen gerne zuschauen, wie es zum Beispiel Guibert von Nogent für einen Herren von Coucy beschreibt. Dann werden Feinde bei lebendigem Leib gehäutet, man schlägt Wehrlosen Gliedmaße ab, blendet sie, lässt sie langsam verhungern oder was dem Raubtier Mensch sonst so alles einfällt.

 

Im Krieg kommt es immer wieder vor, dass nicht nur Söldner, sondern auch Ritter Frauen als Freiwild betrachten. Zu den Verheerungs- und Verwüstungsfeldzügen scheinen auch Vergewaltigungen fast als die Regel gehört zu haben, auch wenn oft darüber aus naheliegenden Gründen geschwiegen wird. In der Zeit, in der Richard ("Löwenherz") unter der Oberhoheit seines Vaters versuchte, Aquitanien sehr grausam unter seine Kontrolle zu bekommen, wird berichtet, er habe sich allenthalben Mädchen und Frauen nach Gutdünken "genommen", wie es schon damals hieß, und sie nach Gebrauch an seine Gefolgsleute weitergereicht.

 

Festzuhalten ist auch, dass die angestrebte Disziplin höfischen Verhaltens, die Arbeitsdisziplin von Bauern und Handwerkern und die Perspektivlosigkeit von Armut allesamt oft in nicht unerheblichem Alkoholkonsum münden. Dabei geht es um Prozesse der Enthemmung, einer drogeninduzierten "Fröhlichkeit" im Gelage, die erst die Leitungsfunktion der Vernunft und dann zunehmend die ganze Verstandestätigkeit reduzieren. Vorübergehende Verblödung wird mit Lebensfreude in dem Maße gleichgesetzt, in dem sie ohne Drogenkonsum schwerer fällt.

In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, als der Niedergang des Rittertums bereits eingeläutet ist, verweist der junge Helmbrecht des Wernher ("der Gaertenere") auf das, was für ihn zum Beispiel Rittertum ausmacht:

Höfisches Leben sieht heute so aus: "Trinkt, Herr, trinkt und trinkt!" Früher traf man die vornehmen Herren bei den schönen Damen an, heute findet man sie im Wirtshaus. Von früh bis spät sind ihre größten Sorgen, dass ihnen der Wirt, falls der Wein ausgeht, auch ja eine ebenso gute Sorte herbeischafft wie die, die sie so in Hochstimmung versetzt hat. (etc.)

 

Zwar betonen Historiker immer wieder - und in gewissem Sinne auch zu Recht - dass der Alkoholgehalt dieser Getränke niedriger war als heute, und dass sie auch getrunken werden, weil in Städten reines Quellwasser fehlt, aber Alkohol ist immer wieder auch Genussmittel als Treibstoff von Geselligkeit und Festen.

 

Wer keine Burg samt Land und darauf arbeitenden Bauern erbt, muss als Ritter erst einmal Karriere machen. Man tritt oft in den Dienst von Herren, von denen man Gegenleistungen erwartet, und man zieht auch von einem Herren zum anderen. Einige schaffen es auch, über die Preisgelder bei Turnieren wohlhabend zu werden. Immer aber geht es vorrangig um Besitzgier. Deshalb achtet man in kriegerischen Aktionen oft darauf, den (wohlhabenden) Gegner möglichst nicht zu töten, sondern als Geisel gefangen zu nehmen, um dann Lösegeld zu erpressen. Das bekannteste Beispiel ist die hinterhältige Gefangennahme von Richard Löwenherz durch den österreichischen Herzog.

 

***Militär und Geld***

 

Militärdienst kann schon unter den Karolingern in Einzelfällen durch Geld abgelöst werden. Mit solchem Geld können zunehmend dann eine Art Lohnritter bezahlt werden. Im 11. Jahrhundert nimmt das Söldnerwesen zu, sowohl von Berittenen wie von Fußtruppen, welche Ritterheere ergänzen, und dabei dann bald auch unritterliche Distanzwaffen wie Bogen oder Armbrust mit sich bringen. Wer sich Erfolg im Krieg nun leisten will, muss Handel und Gewerbe fördern und damit die Einkünfte. Der Grad der Entfaltung von Kapitalismus bedeutet jetzt das Maß fürstlicher Machtentfaltung.

 

1094 befiehlt Wilhelm Rufus seinen milites, sich für einen Kriegszug gegen Bruder Robert Curthose von der Normandie zu sammeln. Dort kassiert dann Ranulf Flambard von ihnen Geld ein. "Jeder gab die zehn Schilling, die er als Kostgeld mitgebracht hatte, dann wurden die Leute wieder nach Hause geschickt. Söldner waren effizienter und verlässlicher." (Moore, S.201)

 

Wenn die staufischen Könige Heere nach Italien bringen wollen, dann müssen sie die ursprünglich zur Heeresfolge Verpflichteten immer mehr mit Geld (und natürlich Beute) locken. Kaiser Friedrich II. muss die Krieger bezahlen, die ihm in seinen Kreuzzug folgen. Tendenziell werden Kriege zudem immer stärker kreditfinanziert. Auch städtische "bürgerliche" Milizen, die Friedrich ("Barbarossa") seine empfindlichste Niederlage in der Lombardei beibringen, werden immer mehr durch Söldner ergänzt.

 

Für seinen vierten Italienzug wirbt Erzbischof Christian von Mainz für Friedrich Barbarossa in Brabant Söldner an, die sogenannten Brabanzonen, die über die Lombardei und die Toskana herfallen und die auf dem Rückweg dann die Champagne plündern. Der französische König und der Kaiser kommen darauf überein, solche Leute nicht mehr zu benutzen, halten sich dann aber genauso wenig wie der englische König daran.

 

Die okzitanischen soudadiers sind selbst zum Teil "Ritter", also Leute mit ritterlicher Ausrüstung und Ausbildung, die sich für den Kriegsdienst verdingen.

Im 'Tristan' aus Franzien, dort wo Forscher die Entstehung des Rittertums annehmen, heißt um 1180 die Tätigkeit des Söldners soudoyer, woraus im frühen Spätmittelalter der soudard wird und am Ende des Mittelalters der soldat, der dann mit dem italienischen soldato auch ins Deutsche gelangt. Mit dem Rittertum gleichzeitig entsteht also die Profession der besoldeten Auftragskrieger. Dort, wo die feudalen Stukturen für ein Lehnsaufgebot regulär nur vierzig Tage Kriegsdienst vorsehen, müssen ohnehin auch schon mal Söldner eingeplant werden.

 

Die reinen Söldner, beutegierige Totschläger, Mordbrenner und Vergewaltiger, kommen zunächst vor allem aus den (späteren) Niederlanden, dann auch aus der Schweiz und schließlich von überall her. Sie gelten als noch brutaler als die edlen Ritter, von denen sie zunächst als pöbelartiges Fussvolk verachtet werden, und natürlich als Konkurrenz. Wilhelm von Malmesbury beschreibt mit Robert FitzHubert einen solchen (anglisierten) Flamen als einen Mann von äußerster Grausamkeit, der keinem an Bosheit und Frevelhaftigkeit gleichkam. "Es heißt, er habe seine Gefangenen gerne nackt ausgezogen. mit Honig bestrichen und dann den Angriffen der Stechmücken überlassen. Und er soll sich damit gebrüstet haben, er habe entzückt zugesehen, wie achtzig Mönche in einer brennenden Kirche in Flandern in den Flammen elendiglich zugrunde gingen." (Ashbridge, S.46)

 

Im 13. Jahrhundert gewinnt dann auch in Katalonien professionalisiertes Söldnertum wie das der Almogávares an Bedeutung, welche sich Anfang des 14. Jahrhunderts in ihrem Freibeutertum zu Lande mit seinem Unheil immer mehr auf byzantinische Gebiete konzentriert.

 

Die Kreuzzüge als das ritterliche Projekt überhaupt hängen von Anfang an am Geld, welches sie überhaupt erst ermöglicht. Kreuzritter verpfänden oder verkaufen ihr Gut, so welches vorhanden, um ihre lange Reise nach dem Nahen Osten zu finanzieren. Pisaner, Venezianer und Genuesen vermieten ihre Schiffe und werden reich dadurch. Die von italienischen Händlern mitgeprägten Küstenstädte generieren dabei erhebliche Reichtümer.

 

 

Die Burg im Norden

 

Im 10./11. Jahrhundert entwickeln die Normannen in der Normandie und dann in England steinerne Wohntürme, Donjons, die später als Bergfriede Teil der Burgen bleiben. Im Verlauf des 11. Jahrhunderts entstehen wie manchmal am Niederrhein oder in der Wetterau die ersten steinernen Burgbauten des deutschen Adels mit Wall bzw. Mauer und Türmen, manchmal auf einem künstlich aufgeschütteten Hügel, und steinerne Burgen eines vornehmeren Adels nehmen dann im 12. Jahrhundert schnell zu. Dabei werden oft zusätzliche, zunächst kleinere Wohngebäude an den Turm angebaut, die dann später zum Palas ausgebaut werden können. Immer dazu gehört eine Kapelle. Ministeriale und niederer Adel residieren in burgähnlichen Holzhäusern in oder neben den Dörfern und führen eine Art großbäuerliches Leben, welches sich u.a. durch erhöhten Fleischkonsum von den übrigen Bauern abhebt. Hier oder auch an Stadtmauern kann sich eine steinere Burg entwickeln.

Mangels Natursteinen beginnt man in den Niederlanden in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts mit Burgbauten aus Ziegelsteinen. Mangels Bergen beginnt man im Flachland im 13. Jahrhundert dann mit Wasserburgen.

 

In Westfranzien entwickelte sich schon im 9. Jahrhundert ein königliches Befestigungsrecht, welches dann vor allem außerhalb der Île de France verfällt und erst im 12. Jahrhundert langsam wieder eingeholt werden kann. In deutschen Landen ist der Burgenbau etwa vom 10. Jahrhundert bis zu Friedrich II. königliches Recht, welches verliehen werden kann. Aber in beiden Reichen ist dies Recht oft nicht durchsetzbar, und spätestens im 13, Jahrhundert ist es in deutschen Landen auf die Fürsten übergegangen.

 

Burgen dienen sowohl der Verwaltung von Grundbesitz, der Unterordnung der Beherrschten wie auch dem Schutz vor kriegerischen Nachbarn.

Von Burgen aus werden Straßen, Flüsse oder ganze Gebiete beherrscht und verwaltet und sie sind Zentren eines Wirtschaftsbetriebes. Neben den nunmehr steinernden Befestigungs- und Wohnteilen gibt es die meist hölzernen Wirtschaftsbereiche, Ställe, Scheunen usw. Es gibt lautes Vieh, Pferde, bellende Hunde lärmen und verbreiten Gestank, wie noch Ulrich von Hutten nach 1500 klagen wird. Von der Burg wird so ein unmittelbarer Bereich direkt bewirtschaftet, neben dem übrigen Land und Dörfern. Wer als Burgherr einigermaßen in der Nähe einer Stadt lebt, wird spätestens ab dem 13. Jahrhundert, wenn er es sich leisten kann, einen komfortableren Stadthof besitzen wie die Ravensburger in Würzburg.

 

Ritter ist ein Kriegerstatus und dafür muss man kein Burgherr sein. Bis zum 12. Jahrhundert sind auch vor allem Könige, Fürsten und Grafen Burgherren. Dann nimmt der Anteil von niederen Adeligen und Ministerialien zu, der Masse der Ritter. Zu den Besatzungen von Burgen gehören spätestens seit dem 13. Jahrhundert auch Ritter, die aus der besoldeten Burgmannschaft hervorgehen.

 

Stadtsässige Ritter bauen sich in den Stadtmauern Wohntürme, und das geschieht besonders in Italien, wo ohnehin ein Großteil des Adels seinen Lebensmittelpunkt weiter in den Städten seinen Lebensmittelpunkt hat.

 

 

Fürsten und ihre Höfe nördlich der Alpen

 

Als im Mittelhochdeutschen das Wort Fürst auftaucht, beginnt es den lateinischen princeps zu ersetzen. Beides bezeichnet ursprünglich den Vordersten, Ersten (englisch. first), und dann auch den Vornehmsten. Kurz darauf wird in der altfranzösischen Volkssprache aus dem princeps der prince, der dann im 13. Jahrhundert auch im Deutschen als Prinz auftaucht und immer deutlicher den Abkömmling eines Fürsten benennt.

 

Im 11. Jahrhundert ist die Bezeichnung noch nicht formal eingeengt und bezeichnet so alle Großen des Reiches von den Grafen aufwärts. Er bezeichnet also Leute mit Amts- und Herrschaftsfunktionen in einem klar benannten Raum, insbesondere Bischöfe und Herzöge, auch wenn die Besitz- und Rechtsverhältnisse zunächst zersplittert sind und zudem Streubesitz anderswo beinhalten.

Eine deutlichere Abgrenzung geschieht erst im zwölften französischen, englischen und deutschen Jahrhundert, unter den Staufern durch die Eingrenzung der Zahl der Fürsten, unter Philippe II. (Auguste) durch den Aufstieg der Krondomäne zu einem zentraler gelenkten Raum, die Annektion von Gebieten der englischen Krone in der Francia und stärkere Verpflichtung der regionalen Fürsten, in England wiederum durch den steigenden Dualismus von Baronen und Königen.

 

Zu Fürsten werden Adelsgeschlechter, die sich nach und nach ganze Regionen unterwerfen und das mit erfindungsreichen Familiengeschichten begleiten, die ihre besondere Vornehmheit verkünden. Das sind dann noch keine geschlossenen Territorien, denn sie sind durchzogen von Eigentum und Rechten anderer Herren.

Wirkliche Macht beginnt bei dem Eigengut, dem wirklichen Besitz der fürstlichen Familie. Dazu kommen Lehnsgüter, Grafschafts- und Vogteirechte vor allem. Aber mit solchen Fürsten haben die Könige inzwischen umzugehen und sie in ihre Machtausübung einzubeziehen.

 

Ein Musterfall für die Herausbildung eines geistlichen Fürstentums bietet Erzbischof Adalbert von Mainz (1109-37) aus Saarbrücker Grafenhaus, der zunächst als Kanzler Heinrich V. unterstützt, dann aber die Endphase des Investiturstreites dafür nutzt, sowohl für die Familie wie für das Bistum Territorialpolitik zu betreiben. Dabei geht es vor allem auch um die Bildung eines Territoriums zwischen Saarbrücken und Mainz. Im Streit mit dem Kaiser um die Burg Trifels wird er 1112 von diesem gefangen genommen, der ihn selbst als seinen ehemaligen Kanzler eingesetzt hatte. (*2)

 

Mehrere Jahre schöpft nun der Kaiser die Mainzer Ressourcen für sich ab und feiert 1114 hier auch auf einem festlichen Hoftag die Hochzeit mit der englischen Königstochter Mathilde. Nachdem der Sachsenaufstand im Februar 1115 zu einer Niederlage des Kaisers führt, zwingen die Mäinzer Bürger ihn mit dem Sturm auf die kaiserliche Pfalz, ihren Bischof wieder freizulassen. Sie stehen allerdings unter der Führung der bischöflichen Verwaltung mit dem Vogt an der Spitze. Kaum ist er wieder frei, tritt er als Führer der antikaiserlichen Opposition auf.

 

1116-18 ist Heinrich V. zum zweiten Mal in Italien und überlässt die Geschäfte im Norden den Staufern. Mit diesen werden nun von den Mainzern Kämpfe um das Gebiet zwischen dem südlichen Hunsrück und dem Elsass ausgetragen. Bis 1117 hat Adalbert sich in seiner Diözese in Zusammenarbeit mit seinen Bürgern gegen Friedrich II. von Schwaben durchgesetzt und betreibt darauf wieder Famlieninteressen im angrenzenden salischen Raum. Im Juli 1118 setzt er mit dem päpstlichen Legaten die Exkommunikation des Kaisers und seines Gegenpapstes durch. In dieser Zeit erobert er dann sogar die staufische Burg Oppenheim. Zum Dank gibt Adalbert seinen Bürgern 1118/19 ein großes Stadtprivileg, etwas, was bislang Königsrecht war. Darin wird ihnen unter anderem zugestanden, ihr Gericht in der Stadt dem des Vogtes außerhalb vorziehen zu können.

Der Erzbischof ist nun neben anderen mit Lothar von Sachsen und dem Erzbischof von Köln verbündet. Als Heinrich 1121 gegen Mainz anrückt, sammelt sich ein Heer, um die Stadt und das Erzbistum zu schützen. Eine Schlacht wird aufgeschoben bis zum Hoftag von Würzburg. 1122 befestigt er ohne königliche Einwilligung die Siedlung Aschaffenburg  Als der Kaiser sie darauf angreifen will, halten ihn die päpstlichen Legaten zurück. (Büttner in: Investiturstreit, S.395ff)

 

Kaiser Friedrich I. definiert schrittweise ein (deutsches) Reichsfürstentum über Einzelakte wie das Privilegium Minus und den Umgang mit Heinrich ("dem Löwen"), oder wie mit der Erhebung des Grafen Balduin V. von Hennegau zum Markgrafen von Namur (also zum Fürsten) 1184. Damit gewinnt der Fürst Königsnähe und partizipiert an der Reichsgewalt. Ihm gehört ein in Landschaften geteiltes Land.

 

Fürsten müssen nun danach streben, sich alle Herren im Fürstentum unterzuordnen, wozu das Lehnsrecht besonders gegenüber den Grafen dient, und als weiteres Instrument die Wahrung des Landfriedens im weitesten Sinn des Wortes. Schon unter Kaiser Friedrich I. wird zudem das Geleitrecht immer wichtiger. "Dabei wurde stets eine enge Verbindung hergestellt zwischen der Erhebung von Straßen- oder Schiffszöllen, der Pflicht zur Ausbesserung von Straßen und Brücken sowie dem Geleitsrecht, das man als Verpflichtung verstand, allen Reisenden innerhalb des eigenen Machtbereichs sicheren Schutz zu gewähren.“ (KellerBegrenzung, S.353) Mit der Gewährung des Geleites wird dann am ehesten das Fürstentum zu einer geographischen Einheit.

 

Den Flicken eigenen Gutes im Teppich des Fürstentums werden in deutschen Landen nach Möglichkeit nicht mehr Adelige zugeordnet, sondern unfreie Ministeriale, denen man leichter befehlen und die man leichter austauschen kann. Diese werden aber dabei auch als berittene Krieger, also Gewalttäter gebraucht, legen sich eigene Burgen zu und versuchen es als Ritter, dem niederen Adel gleichzutun. Einige werden in Sachsen in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts sogar zu Grafen ernannt und so an den Hof gebunden. Aber ritterliche Treue von Adel und selbst von Ministerialen reicht oft nicht weiter, als die Macht des Fürsten sie durchsetzen kann.

 

Fürsten entwickeln in den nächsten Jahrhunderten Landesherrschaft, die nun geographisch und nicht mehr durch ein personales Beziehungsgeflecht definiert wird. Grenzen bekommen so eine neue Bedeutung wie auch die ständisch gegliederte Untertänigkeit. Deutsche Fürsten machen nun also das, was anglonormannische Könige schon lange und französische Könige besonders seit der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts tun. Das ist Reichsbildung und entwickelt sich zu Staatsbildung. In Italien machen das frühkapitalistische Städte mit ihren contadi, ihrem Umland. Überall entstehen so Ansätze neuartiger Staaten, die aber erst viel später so genannt werden.

 

Mit der Herausbildung von Fürstentümern schwindet nach und nach bei ihnen die einseitige Dominanz des adelig-kriegerischen Aspektes, stattdessen werden Fürsten zunehmend auch zu Herren von Ansätzen einer Verwaltung, deren vornehmstes Ziel die Generierung von Einnahmen ist, und sie entwickeln mit ihren Mitteln neben der Kriegführung zunehmend die Hofhaltung als Zentrum fürstlichen Handelns.

 

Fürsten tendieren darum dazu, Hauptorte und zentrale Residenzen zu haben, wie als frühes Beispiel die Wartburg der Landgrafschaft Thüringen, und wie der Adel unter ihnen zentrale religiöse Zentren, die zum Beispiel als Begräbnisorte der Familie fungieren (Reims/St.Denis oder Westminster Abbey für Könige). Dies gilt nicht für die Könige, die kurioserweise "römische" heißen und nicht deutsche, obwohl das da hinein integrierte Langobardenreich nie dauerhaft unter ihrer Kontrolle ist, und die Stadt Rom schon gar nicht.

 

Bischöfe residieren ohnehin in dieser Zeit meist noch in ihrer Kathedralstadt, die zugleich Hauptstadt ist, und seitdem ein Zähringer sich mit Freiburg zur Burg noch eine Stadt errichtet, wächst die Tendenz, sich nicht nur auf Burgen, sondern auch auf Städte zu stützen. Generationen nach der Gründung von Freiburg konzentriert sich ein Heinrich ("der Löwe") bereits immer mehr auf eine Art Hauptort als Residenzstadt, nämlich Braunschweig.

Zentrale Burgen werden mit dem Ausbau oder der Neugründung von Städten verbunden, die noch keine Residenzstädte sind wie die bischöflichen es längst wurden, und die der Versorgung der Burg und als Wohnsitz fürstlichen Personals dienen können und den Reichtum der Fürsten vermehren.

 

Aber auch Fürsten, nicht nur Könige, müssen vorläufig mit dem sie umgebenden Hof weiter herumreisen, um ihre Gebiete unter Kontrolle zu halten. Mit ihrem reisenden Hofstaat, Vorläufer späterer Staatlichkeit, müssen sie zudem durch Zurschaustellung von Reichtum und Macht imponieren, und dort, wo sie sich gerade aufhalten, sowohl den regionalen Adel wie ihre Dienstleute an diesen Hof ziehen. Der Ausbau höfischer Lebensformen und von "gehobenen" Manieren bei Hof, zunehmend aus dem Westen übernommen und von Autoren propagiert, soll Fürsten dabei von denen abheben, die untergeordnet sind.

Auf seinen Wegen versucht der königliche oder fürstliche Hof dann die Barone der Gegend an sich zu ziehen, den höheren Adel nämlich. In der Einzahl ist ursprünglich der baro ein Vasall, in der Mehrzahl benennt das Wort hohe Adelige überhaupt. (EhlersHeinrich, S.243) Wo sich der Adel mehrheitlich dem entziehen kann, wie am Hof Heinrichs ("des Löwen"), treten wichtige Ministeriale an die Stelle.

Das Herumreisen der Machthaber dient nicht nur der wenigstens gelegentlichen  Präsenz der Machtausübung, sondern ist auch der Tatsache geschuldet, dass die jeweiligen örtlichen Resourcen für Hofhaltung oft schon nach kurzer Zeit erschöpft sind. Die Konzentration auf weniger Residenzen und schließlich die Entstehung von Hauptstädten hängen also am steigenden Geldvolumen in einer Gegend, von dem Machthaber so viel abschöpfen können, dass sie länger andauernde lokale Hofhaltung mit Geld bezahlen können, und zudem an einer Ausweitung des Handels, die für Geld genügend Waren auch von weiter her heranschafft.

 

In Westfranzien sind hauptstädtische feste Residenzen zum Beispiel in Paris, Provins und Toulouse vorhanden. Hier ist im Verlauf des 12. Jahrhundert die Entwicklung von Hauptorten zu einer Hauptstadt bereits weit gediehen. Nachdem Teile des Adels dann dank zunehmender Geldwirtschaft und Marktorientierung ihrer Güter diese verwalten lassen, richten sie sich Adelshöfe in den Residenzstädten ein, wo sie zumindest einen Teil des Jahres verbringen, um einmal dort Einfluss auf die Fürsten auszuüben und zum anderen möglichst viel von den neuen Annehmlichkeiten der Städte zu profitieren. Nur dort bekommt man auch direkt die neuesten Moden mit, an denen sich diese Schickeria orientiert und mit denen sie sich identifiziert.

In England konzentriert sich dabei alles auf die eine Hauptstadt London, wo sich der höhere Adel entlang der Strand und später bei ihren Nebenstraßen ansiedelt. Für die Nordhälfte Italiens ist eine solche Entwicklung nicht nötig, ist der städtische Adel doch immer zu einem stattlichen Teil in den Städten verblieben.

 

Städte basieren auf dem Zufluss von Agrarprodukten des Landes, deren Preise möglichst niedrig gehalten werden, aber manche florieren auch über die Konsumausgaben der Herren, die diese Mittel wiederum erst einmal ihren Untertanen abnehmen. Mit dem Abzug der Luxuskonsumenten z. B. aus dem bisherigen Champagne-Hauptort Provins sinkt die Bedeutung der Stadt, sie schrumpft, und mit der sinkenden Bedeutung der Messen fällt sie in die Bedeutungslosigkeit zurück.

 

Wenn der Hof nicht ständig reist, sondern ortsgebunden wird, also eine zentrale Residenz erhält, vergrößert er sich alleine schon deshalb, weil er Besucher von überall aus dem Herrschaftsraum dorthin konzentriert. Das Musterbeispiel ist von Anfang an der päpstliche Hof. Bis zur Emigration nach Avignon ist er deshalb in Rom, weil Bischöfe auf ihre Bischofsstadt, ihre cathedra und deren Gebäude, die Kathedrale, sowie auf ihren Bischofspalast bezogen sind. Mit dem Ausbau des Papsttums zu einem mächtigen und reichen, wenn auch sehr speziellen Fürstentum, welches seit dem elften Jahrhundert die Kirche als seinen und damit den modernsten und größten Verwaltungsapparat in Europa behandeln kann, lässt sich dann die Residenz verlegen, ohne dass die Machtvollkommenheit dabei auf Dauer allzu großen Schaden erleidet.

 

 

Volk und Sprache

 

Wenn man "Volk" notdürftig einmal mit einer gemeinsamen Sprache gleichsetzt, muss man es deutlich trennen von der jeweiligen Bevölkerung unter einem Herrscher. Die anglonormannischen Machthaber im England des 11./12. Jahrhunderts sprechen eine andere Sprache als ihre englischen nichtadeligen Untergebenen, unter denen sich langsam ein Mittelenglisch entwickelt, und als ihre Unterworfenen in Wales und Irland. Henry II. beispielsweise als anglonormannischer Herrscher spricht nur Mittelfranzösisch und Latein, und auch seine Gemahlin Eleonore von Aquitanien wird nur mittels eines Dolmetschers mit der angelsächsisch sprechenden Bevölkerung komuniziert haben können, falls sie so etwas jemals getan hat.

 

Dieses Mittelfranzösische muss übersetzt werden, wenn nach der Eroberung Südgalliens jemand mit den nun unterworfenen Menschen und ihrem Okzitanisch kommunizieren will. Wenn andererseits Heinrich der Löwe vom einen Herzogtum Sachsen nach dem anderen von Bayern reist, muss er zwei recht unterschiedliche deutsche Idiome beherrschen oder braucht einen Dolmetscher. Der zeitgenössische Graf Adolf von Schauenburg, Herr über die Holsten und bald auch über Slawen, soll immerhin laut Helmold von Bosau nicht nur das Lateinische und Niederdeutsche, sondern auch "das Slawische" gesprochen haben. Kaufleute aus Venedig oder Mailand wiederum werden erhebliche sprachliche Probleme im Umgang mit jenen aus Neapel oder Palermo gehabt haben.

 

Die meisten Menschen sind vor allem Opfer der Machtgelüste ihrer hohen Herren. Es sind den Herrschern zuarbeitende Mächtige, die im entstehenden (königlichen) Frankreich im Konflikt mit dem (deutschen) Kaiserreich deutlichere Ansätze eines "Nationalismus" entwickeln, der die adelige Oberschicht um den König scharen soll. (*3) In wieweit das in dieser Zeit bereits auf das Volk als die große produktive Mehrheit durchschlägt, ist noch kaum nachzuvollziehen.

 

Das, was viel später einmal sich in Nationalismus im Vollbild verwandeln wird, gibt es nicht nur zwischen Franzosen und Deutschen, sobald sie sich deutlicher als solche verstehen, sondern auch zwischen Engländern und Franzosen und Engländern und Deutschen. Dabei reiben sich Menschen aus im Prozess der Zivilisation weiter fortgeschrittenen Völkerschaften auch immer wieder am Kaisertum "deutscher Nation".(*4)

 

Wenn in unserem Text von deutschen Landen und nicht von Deutschland die Rede ist, dann deshalb, weil sich die Vorstellung von einem solchen erst langsam herausbilden wird. (*5) Aber in vielen damaligen literarischen Texten sehen sich Deutsche bereits als Gemeinschaft, auch wenn diese nicht klar definiert wird. Solche zwar höfisch konzipierte Dichtung wird aber von Rittern oder unteradeligen Kreisen geschrieben. (*6)

Für den deutschen Autor des Nibelungenliedes haben die Völker unter Etzel jeweils ihre site, nach der sie leben (22,1336), unter denen eine die hunnische site ist (23,1386). Stämme/Völkerschaften sind also nicht nur nach der Sprache unterschieden, sondern auch nach ihren Lebensformen, den Gebräuchen, bei Chrétien de Troyes la costume (Erec 38) und die usages (E1761). Dabei werden im angedeuteten neuen Volksbegriff Land und Sitte miteinander verbunden zur site von ir lant (31,1861) mîn lantsite, zum Landesbrauch (T4,2828).

 

Im deutschen Sprachraum des Mittelalters gehören Volk, Reich und Land zusammen, aber da sie noch nicht in klare Rechtsformen einer Staatlichkeit gegossen sind, weicht ihre Bedeutung je nach Kontext und zivilisatorischer Entwicklung ab. Dazu genügt ein Blick in die deutschen Heldenromane um 1200.  Das rîch ist im Kern der Machtbereich eines Herrschers, denn reich und mächtig fallen oft zusammen. Noch um 1200 ist das so.(*7) 

Erst im zwölften Jahrhundert taucht dann auch ein Dûtisce rîche auf, ein volkssprachlicher Versuch, etwas aus dem offiziell so heißenden „römischen Reich“ herauszulösen.

Um 1200 sind lant und liute unter Herrschaft so verschmolzen, dass sich daraus ein neuer Volksbegriff wird entwickeln können, so unklar, wie er eben sein wird, und er wird dennnoch die Vorstellung von einer Abstammungsgemeinschaft oft aus der Stammesvorstellung herleiten. Siegfried spricht so im Nibelungenlied von mîns vater lant (3,105), und Kriemhild sieht Männer von ir vater lande (27,1713), also aus Burgund. Das ist noch nicht das neuzeitliche Vaterland, sondern der Herrschaftsbereich des Vaters, aber es wird sich dazu entwickeln. Wo Land und Volk zusammengehören, ist der lantman der Landsmann (P9,434 / T7,3935) und  mîn lantgesinde sind meine Landsleute (T12,8860).

Im Altfranzösischen liegen die Dinge natürlich anders. Bei Chrétien taucht wenige Jahrzehnte zuvor terre als Reich auf (Erec2725), und so eines ist auch Alemaigne (E6590).

 

Inzwischen tritt aber das Land auch als Gegensatz zur Stadt auf. In Wien kommen nicht alle Recken in der Stadt unter, viele müssen in daz lant Herberge nehmen, also auf dem Lande (Nibelungenlied 22,1360). Beim Reisen geht es über lant unde velt (NL22,1375). (*8)

 

In einer weiteren Entwicklung ist Volk längst in einer anderen Bedeutung die unterschichtige Masse der Menschen. In den 'Gesta' Ottos von Freising wird Abaelard bedrohlich, weil homo ille multitudinem trahit post se et populum, qui sibi credat, habet. Die Menge und das Volk stehen zwar nebeneinander, die ersteren zieht er hinter sich her und letztere glauben ihm, aber das ist wohl Rhetorik geschuldet. Da nun aber die meisten Leute Untertanen sind, sinkt der Volksbegriff immer mehr zu diesen hinab und bekommt einen verächtlichen Beigeschmack.

 

 

Späte Zivilisierungen: Kelten, Germanen und Slawen

 

Kulturen, also durch Tradition und geringe und wenig institutionalisierte Machtstrukturen geprägte Gemeinschaften, werden uns vor der Kolonisierung Nordamerikas und des pazifischen Insel-Raumes erst schriftlich vermittelt, wenn sie bereits im Kontakt mit Zivilisationen stehen und durch diese beeinflusst sind. Das betrifft schon die Germanen jenseits des römischen Imperiums und dann noch die Sachsen vor ihrer blutigen Unterdrückung unter die Herrschaft des großen Karl. Die Archäologie hilft da nur geringfügig weiter. Grundsätzlich hat bei Kelten, Germanen und Slawen für unsere Zeit bereits ein Ansatz der Zivilisierung durch Einflüsse von außen und interne Vorgänge der Machtergreifung stattgefunden. Dazu kommt nicht selten langsame Eroberung von außen.

Was neben dem offenen Gewaltcharakter von Zivilisierung geschieht ist die damit verbundene sich langsam einschleichende und von oben geförderte Kapitalisierung der Wirtschaft. Auf die zunehmend verbriefte Einführung des Eigentums an Grund und Boden und die daraus resultierende Privatisierung der (Verwandtschafts)Beziehungen zwischen den Menschen, deren gesellschaftsbildender Charakter dabei verloren geht, folgen der Ausbau von Marktwirtschaft, Kommerzialisierung und ein sich ausweitender Konsumsektor, die zunehmend auch als attraktiv erlebt und genutzt werden

 

Neben die gewaltsam von oben und außen durchgesetzte Zivilisierung tritt so die Attraktivität von Zivilisation. Der Preis ist zunehmende Untertänigkeit und Entrechtung, - zusätzlich zu "natürlichen" Zwängen.

Dabei ist es aber sinnvoll, nicht in eine Idealisierung des "Natürlichen" oder "Kulturellen" zu verfallen. Die nordeuropäischen Viehzüchterkulturen zum Beispiel mit ihrer Vermischung von Raub und Handel waren tendenziell bereits gewalttätig, es herrschte ein starker Konkurrenzdruck um die Macht, neben den vielen Freien, die Gemeinschaften und Gesellschaften prägten, gab es mehr oder wenige Unfreie bis hin zu Formen von Sklaverei.

Das Unheil, welches Zivilisierung durch die letzten Jahrtausende über die Menschheit und ihre natürlichen Lebensgrundlagen bringt, löst keine auch nur ansatzweise paradiesischen Zustände ab. Aber Zivilisierung lässt das Unheilspotential immer weiter wachsen und das Potential zu einer anderen Entwicklung bald völlig ersticken. 

 

Dabei lässt sich Grundsätzliches über die Zivilisierung von Kelten, Germanen und Slawen sagen: Durch wirkliche und ideelle Verwandtschaft gekennzeichnete lockere bis festere Gemeinschaften werden abgelöst durch vertikale Strukturen von Untertänigkeit, welche die Bezeichnung Gesellschaften nicht mehr verdienen, da es sich wesentlich um Gewaltverhältnisse handelt. Machthaber übernehmen die Kontrolle über eine nun nicht mehr tradierte und durch Erfahrung korrigierbare Weltsicht, und setzen dafür das Christentum ein, welches mit Druck und Gewalt die neuen Machtverhältnisse legitimiert und durchsetzen hilft. Mit den tradierten Kulten verschwindet ein an Naturkräften orientierter und für Veränderung offener Polytheismus und ein nur in verabsolutierten Abstraktionen definierbarer Gott der Mächtigen, des Krieges und der neuen Herrschaftsverhältnisse wird stattdenen eingesetzt.

 

Das bislang vornehmlich auf Selbstversorgung abzielende Wirtschaften wird durch eines ersetzt, welches nun auch die Kirche, die Klöster und die weltlichen Herren zu ernähren und zu finanzieren hat. Damit dringt der Kapitalismus nicht mehr nur über erweiterten Konsum, sondern über die neuen Besitz- und Machtverhältnisse dort ein, wo ihm dafür von den Zivilisierern genügend Freiräume gelassen werden. (*9)