GEWERBE: PRODUKTION UND HANDEL IM 11.JH. (Anmerkungen in Anh.26)

 

Einnistung von Kapital in der Stadt

Handel: Konsolidierung und Ausweitung des Raumes

Händler und Handelskapital

Waren und ihre Ästhetisierung

Markt

Transportwesen

Geld

Finanzkapital

Handwerk

Bauhandwerk

Textilproduktion

Bergbau und Metalle

Salz

Modernisierung: Spezialisierung und Arbeitsteilung

Technik und Maschinen: Einstieg in Industrialisierung

Handwerk, Handel und Stadt

Schädigung der natürlichen Lebensgrundlagen

 

 

Einnistung von Kapital in Städten

 

Wir haben bereits von der Existenz von Kapital im 11. Jahrhundert erfahren: Solches gibt es als flüssiges Geld, welches gegen Zins verliehen wird, und als Kapital, welches der Händler mit dem Verkauf seiner Waren vermehrt. Neben beweglicherem gibt es auch immobiles Kapital, sofern Land und Gebäude auf den Markt kommen, kapitalisiert werden, oder aber wie die Mieten von Häusern Gewinn abwerfen. Aber das ist, wenn auch immer häufiger, ein Randphänomen eines entstehenden (Früh)Kapitalismus.

 

Die Orte, in denen im 11. Jahrhundert vermehrt Kapital auftritt, sind vor allem die sich dafür in eine geeignete Form entwickelnden Städte, und die zwei zentralen Triebkräfte, die es ins Leben rufen, sind die Nachfrage wohlhabender und weiterhin gewalttätiger Herren und das Warenangebot eines zunehmenden und sich in einigen Gegenden aus den Händen dieser Herren emanzipierenden Handels, der an immer mehr Orten mit Kapitalbildung beginnt und anfängt, auf Massennachfrage in den wenigen größeren Städten zu reagieren.

 

Diese Entwicklung lässt sich im 11. Jahrhundert vor allem im nordwestlichen Mittelmeerraum zwischen Venedig, Amalfi, Marseille und Barcelona feststellen, während sie im Raum nördlich der Alpen zeitlich hinterher hinkt, und östlich des Rheins nur ansatzweise einsetzt.

 

Voraussetzung für Kapitalbildung in dieser Zeit sind die Zunahme der Nahrungsmittelproduktion, der Bevölkerung, welche dabei zum Teil auch in die Städte abwandert, und auch zunehmende Konzentration von mehr Handwerk in ihnen. Das Land mit den Produzenten in sich langsam wandelnder Abhängigkeit und Untertänigkeit vor allem liefert den Reichtum der Herren, der sich auf dem zunehmend freieren Markt in Rüstungs- und Luxusgüter transformiert.

Kapitalbildung selbst gibt es darüber hinaus in dem ganzen Großraum, der außerhalb des lateinischen Abendlandes auch Byzanz, den noch islamischen Süden der iberischen Halbinsel, Teile der Nordhälfte Afrikas, den islamischen Orient und Teile Asiens bis nach China betrifft. Die nun zunehmenden Handelsbeziehungen dahin werden die Entstehung von Kapitalismus im christlichen Europa befördern, ohne dass sich dort dann aber daraus auch Kapitalismus entwickeln wird. Die Verhältnisse dort bieten ihm keine hinreichenden Möglichkeiten der Entfaltung.

 

Der Vorgang der Kapitalbildung und die Akteure sind an Einzelfällen kaum nachzuzeichnen, und all das muss weitgehend erschlossen werden. Nördlich der Alpen sind das unteradelige Individuen, die versuchen, alternative Karrieren zu denen von privilegierten Kriegern und zugleich adeligen Rentenbeziehern zu entwickeln, möglichst ohne die ihnen verbotene Gewalttätigkeit und mit zunehmend unternehmerischem Elan. Es sind zum Beispiel einige der Dienstleute der Stadtherren, die ihre herausgehobene Position für langsam selbständige Aktivitäten nutzen, und andere "kleine Leute", die es mit Fleiß, Kredit und Glück zu etwas Startkapital bringen. Das gilt vor allem für Leute in den Bischofsstädten am Rhein, im damaligen Flandern und für wenige Gegenden des nördlichen (zukünftigen) Frankreichs.

Im lateinischen Mittelmeerraum kommen dazu stadtsässige Adelige, welche die Nähe zu städtischem Handel und Finanzgeschäftigen wohl dazu bringt, sich zu beteiligen.

Einen Sonderfall stellen Klöster dar, die zum Beispiel über den Besitz von Salinen in den Salzhandel einsteigen, über den Besitz von Wingerten wie auch Bischöfe in den Weinhandel. Teile der Eisenproduktion in der Umgebung des Lago Maggiore und des Comer Sees befinden sich in der Hand des Mailänder Klosters Sant'Ambrogio. (Haverkamp(2), S.216) Das fördert ihren Eisenhandel wie den Aufstieg der Mailänder Eisenschmiede.

 

Ganz langsam gewinnen Kapitalisten mehr wirtschaftliche Macht in den zunächst noch meist kleinen Städten, während sich darüber die offener und latenter Gewalt der weltlichen und geistlichen Herren wölbt, die auf Land und darauf arbeitenden Menschen sowie auf kriegerischem Gefolge beruht. Während Könige und Fürsten Stadtherren Rechte abgeben, nutzen diese das zunehmende Marktgeschehen, um seine Akteure wiederum mit Rechten auszustatten. Nur in Ausnahme-Situationen, wie der schwindenden Macht von Byzanz über ihre italienischen Hafenstädte wie Venedig, Amalfi und Genua, gelingt es Handels- und Finanzkapital, sich stärker ihrer Städte zu bemächtigen.

 

 

Handel: Konsolidierung und Ausweitung des Raumes

 

Der Handel des lateinischen Europas leidet einmal vor allem im Mittelmeerraum daran, dass die Produktion von Handelswaren im lateinischen Raum gegenüber der Qualität von Waren aus dem islamischen Raum und aus dem Reich von Byzanz erst einmal aufholen muss, was noch mehr als ein Jahrhundert brauchen wird. Zudem muss der Raum, in dem sich römisch-christliche Handelsschiffe aufhalten, sicherer werden. Dabei erweist sich die steigende Bedeutung des Handelskapitals in den Küsten-Städten, die zunehmend vorrangiger Handelsinteressen vertreten.

 

Noch für 1004 und 1011 wird von muslimischen Überfällen auf Pisa berichtet. Erst 1015/16 sind Pisa und Genua gemeinsam stark genug, um ein sarazenisches Piratennest auf Sardinien auszuheben. In der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts werden die Pisaner eine der Vormächte zur See, zum Teil weiter im Bündnis mit Genua und Amalfi. Stärkere Wirkung zeigt aber dann vor allem auch das Festsetzen der Normannen in Unteritalien. 1060 haben sie Byzantiner und Araber aus Süditalien vertrieben. Der erste normannische Angriff auf Sizilien scheitert,

1064 gelingt es den Pisanern, mit päpstlichem Segen in den Hafen von Palermo einzufallen. Nach der Rückkehr der Flotte wird eines der Schiffe mit seiner Ladung verkauft, um damit zum Bau der großen neuen Kathedrale beizutragen (Hythe, S.30). 1087 erobert und plündert eine Flotte von Pisanern und Genuesen Mahdia, die Hauptstadt des nordafrikanischen Herrschers Tamim, mit Unterstützung durch Römer und Amalfitaner. Der muslimische Herrscher muss den freien Handel von Pisa und Genua in seinem Reich dulden. Dabei raffen die Pisaner „Marmorsäulen, Goldwaren, golddurchwirkte und purpurne Stoffe“ (Pirenne, S.33) zusammen, mit denen sie ihre Kathedrale dann schmücken.

 

Während die pisanischen und genuesischen Flotten nun in Scharmützel miteinander geraten, erobern die Normannen bis 1070 Unteritalien mit Ausnahme von Neapel und gewinnen bis 1091 die Herrschaft über ganz Sizilien. Damit beginnt ein Niedergang der von Byzanz abhängigen apulischen Hafenstädte.

 

In dieser Zeit bedroht der Normannenherrscher Robert Guiskard Byzanz, während dieses gleichzeitig in Kleinasien der Gefahr von Turkvölkern ausgesetzt ist. Zum Dank für venezianische Flottenhilfe gewährt der byzantinische Kaiser Venedig Zollfreiheit für die Ägäis und das übrige Mittelmeer, was die byzantinischen Händler bald auf Kreta, Zypern und das Schwarze Meer beschränkt.

 

Städte identifizieren sich mit den Handelsinteressen ihrer Kaufleute und verbrämen diese wirtschaftlichen Interessen zunächst noch religiös, unterstützt von Päpsten. Diese Entwicklung kulminiert im ersten Kreuzzug. Der „türkische“ Druck auf Byzanz führt zu Hilferufen an den lateinischen Westen, die 1095 im Kreuzzugsaufruf Urbans II. münden. Das Heer zieht zwar über Land, aber ab 1097 findet der Nachschub auf genuesischen Schiffen statt, worauf Genua erst Handelsprivilegien im Reich Bohemunds von Tarent/Antiochia erlangt und eine Handelsniederlassung (fondaco), und dann 1104 eine regelrechte genuesische Kolonie in Akkon.

1099 greift auch eine pisanische Flotte ein, wobei Pisaner samt den dann folgenden Verbänden Niederlassungen in den levantinischen Häfen bekommen.

Neben der Lombardei und Venedig mit seinem Einflussbereich, und neben Genua blühen vor allem toskanische Städte auf: Pisa, Lucca, deutlich später Florenz.

 

Binnen rund hundert Jahren hat zwar die Produktion des lateinischen Raumes an Handelswert noch nicht aufgeholt, sich aber dazu auf den Weg gemacht, und der lateinische Handel hat sich Räume erobert, in denen seine Schiffe nun führend Warenverkehr betreiben. Um 1100 hat dieser Handel vor allem für Venedig, Genua und Pisa transkontinentale und trans-mediterrane Dimensionen angenommen, wie Goldthwaite schreibt (S.4). Solche Städte können nun stärker wachsen.

 

Neben den italienischen Städten gewinnt vor allem Barcelona an Bedeutung, dessen Handel vor allem nach Carcassonne, Narbonne und Montpellier ausgreift.

 

Die spanische „Reconquista“ erlebt einen Aufschwung durch stärkere religiöse Begründung und findet dann als weiterer Kreuzzug ihre zweite Etappe. Und nicht zuletzt durch den Wandel, der mit dem Handel einhergeht, verwandeln sich slawische Stammeskulturen in Zivilisationen, die sich nach und nach als Königreiche darstellen. Das christliche Abendland als ehemaliges Westrom expandiert nun nach außen, und zwar bis es im 20. Jahrhundert, nicht mehr sonderlich christlich, untergeht. Im Inneren herrscht nirgendwo dauerhafter Friede, aber wenigstens die Attacken von außerhalb mit ihren Verwüstungen gehen massiv zurück.

 

Ein ganz andersartiger Handelsraum ist der, dessen Zentren vom Ärmelkanal über Nord- und Ostsee bis in die Weiten des zukünftigen nördlichen Russlands reichen. Die Warenmenge ist noch vergleichsweise gering, die Städte sind klein und in großen Teilen Skandinaviens und östlich der Elbe nur in ersten Ansätzen vorhanden. Die später so mächtigen deutschen Ostsee-Städte von Lübeck bis zu den baltischen Küsten fehlen noch, aber ein riesiger osteuropäischer Raum im Übergang zwischen Stammeskultur und Zivilisation kennt schon länger stadtähnliche Siedlungen. Adam von Bremen erwähnt zum Beispiel als große Stadt Jumne, das spätere Wollin an der Odermündung, von wo aus man in zwei Wochen nach Nowgorod segelt, das wiederum Handelsverbindung mit Kiew habe, welches an Größe mit Konstantinopel konkurrieren könne, was natürlich absolut übertrieben ist.

Träger des Handels sind entsprechend oft wohlhabende Bauern, Flamen, Friesen (die bis ins schwedische Sigtuna gelangen) und Skandinavier, und zwar mit vergleichsweise kleinen Schiffen.

 

Die Skandinavier beginnen mit Raubzügen, aus denen sie als Handelsware nicht zuletzt Sklaven gewinnen, aber wie schon erwähnt, betätigen sie sich auch als Händler mit bäuerlicher Basis. Spätestens nach der Ansiedelung in der Normandie unterliegen sie dann der zivilisierenden Wirkung des Handels, die durch die „Christianisierung“ und die Ausbildung skandinavischer Reiche noch gefördert wird. Dänen und Norweger orientieren sich nach den britischen Inseln und nach dem Norden des fränkischen Reiches. In England helfen ihnen die wikingischen Kolonien ebenso wie auf beiden Seiten der irischen See, "eigentlich ein norwegisches Meer". (Dollinger, S.3)

 

Bindeglied zwischen Nord- und Ostsee wird nach der Zerstörung Haithabus durch die Wenden Schleswig. Man fährt zunehmend nicht mehr um Skagen, sondern eideraufwärts und entlädt die Schiffe in Hollingstedt, um sie über Land nach Schleswig zu befördern, von wo sie dann die Ostsee befahren.

Im Zentrum der Ostsee liegt Gotland, welches Mitte des 11. Jahrhunderts christianisiert und damit für den entstehenden Kapitalismus erschlossen wird. Es gibt zunächst noch kein städtisches Zentrum, es sind erfolgreiche Bauern, die in den Seehandel investieren. Zuerst fahren sie wohl nach Birka und dann zum Nachfolger Sigtuna. Die Schweden wiederum orientieren sich insbesondere von Gotland aus weiter in Richtung Russland.

Den Handel fördert die Verbindung aus Christianisierung mit der Etablierung von Bistümern, deren Verwaltung und Schriftlichkeit und dazu passender Reichsbildung

 

Zum Handel der Skandinavier kommt noch jener von Städten entlang des Rheins, der Maas und der Schelde. In den Städten Lüttich, Huy und Nivelles gibt es schon um das Jahr 1000 Händler, die nach England fahren. Flandern ist seit der ersten Jahrtausendwende mit den skandinavischen Handelswegen verbunden. Zugleich werden flämische Tuche schon vor 1050 bis in die Provence und nach Barcelona exportiert.

Weiter nordöstlich sinkt die Bedeutung von Tiel und die von Utrecht steigt.

Köln wird zum binnenländischen Zentrum des England-Handels, wohin man vor allem Rheinwein liefert, es treibt aber auch Handel mit dänischen Städten.

 

Der immer schneller zunehmende Handel im 11. und dann stärker noch im 12. Jahrhundert lässt sich am ehesten noch abschätzen an der Vermehrung von Städten und überhaupt Marktorten und auch der vielen neuen Messeorte. Dazu kommt die erhebliche Zunahme der Zollstellen. Eine andere Möglichkeit besteht in der Wahrnehmung der in den Texten immer häufiger auftretenden Metaphern von Markt, Ware, Handel und Geschäft, die vermutlich in dieser Zeit auch in die volkstümlichen Umgangssprachen eingehen und dort bis heute bleiben werden. 

 

Kapitalismus entsteht nicht primär im ländlichen Raum, sondern in immer enger werdenden Netzen stark wachsender Städte. Davon ist aber der nördliche Raum im 11. Jahrhundert noch deutlich entfernt. Immer noch bringt Fernhandel vor allem Luxusgüter für wenige von Ort zu Ort .

Auch für die Zeit um 1100 gilt immer noch, was Hythe so benennt: Mit Ausnahme der wenigen italienischen (und dann auch provenzalischen) Seestädte spielt Fernhandel eine geringe Rolle bei der Entwicklung der Städte und europäische Produktion noch weniger. "The chief economic role of the cities was as markets for local produce as it had been in antiquity."(S. 33, siehe auch Gilomen)

Aber zukünftig werden die wichtigsten Handelsgüter weniger Luxuswaren und mehr Massengüter wie Lebensmittel und Rohstoffe sein. Man wird nach Osten Wolle aus England und Salz von Bourgneuf liefern, dafür wird man Getreide aus Preußen bekommen, „Pelze und Honig aus Russland, Bauholz, Teer, getrocknete Fische und gepökelte Heringe aus Schonen.“ (Pirenne, S.146) Zentrale Drehscheibe des Handels wird dann dafür Brügge werden.

 

 

Händler und Handelskapital

 

Der Händler reist mit seiner Karawane oder seinem Schiff mit oder ist als Münzergenosse in/bei der Münze und dann der Wechselstube grundsätzlich vor Ort. Als Kapitaleigner neigt er bald nach Möglichkeit dazu, Handarbeit, physische Arbeit gegen (möglichst wenig) Entgelt zu delegieren.

Damit beginnt er sich wesentlich vom Handwerker, der eben darum so heißt, und vom Bauern zu unterscheiden, der ja auch "von seiner Hände Arbeit" lebt. Der immer mehr Arbeit delegierende Kapitaleigner ähnelt dem Adel insofern, als er (produktive) Handarbeit als Statusmerkmal zu verachten beginnt, unterscheidet sich aber zunächst insofern, als Adel die identitätsstiftende Tätigkeit privilegierter Gewalttätigkeit selbst ausübt, während Kapitaleigner im Verlauf der Jahrhunderte nur zu Entscheidern und Aufsehern über ihre Investitionen und deren Realisierung als Gewinn werden.

 

Dabei beschäftigt die "Firma" des Kapitaleigners in den ersten Jahrhunderten des zweiten Jahrtausends nur ganz wenige Lohnarbeiter direkt und auf größere Dauer. Noch für das späte Mittelalter wird es vor allem für den Norden heißen: "Allenfalls famuli oder knechte (Gesellen oder Kapitalführer in einer Handelsgesellschaft) und Lehrjungen werden in den Kaufmannsbüchern und anderen Quellen erwähnt und als wichtigste Partnerin die Ehefrau des Kaufmanns (...) Die Handelsbetriebe waren somit in der Regel auf die Kernfamilie beschränkt, wobei die Tätigkeiten des Geschäftsführers, Faktors, Buchhalters und Schreibers vom Kaufmann selbst und seiner Ehefrau verrichtet werden." (Hanse, S.101)

 

Etwas mehr Lohnarbeit geht in den Transport und die Lagerhaltung, und die Tendenz geht dahin, zumindest den Transport weitgehend anderen Firmen mit ihrer wiederum beschränkten Lohnarbeit zu überlassen.

 

Die Trennung von Kapital und Arbeit in der jeweiligen Firma belässt den Kapitaleigner nicht untätig, sondern reduziert ihn nur auf die entscheidenden Tätigkeiten, jene allerdings, über die er selbst verfügt und nicht ein anderer. Dabei fehlt die heute formale Trennung zwischen Arbeiter und Angestellten, die sich damals und vom Wortsinn her auch nicht unterscheiden. Länger vom Kapital eingestellte (Lohn)Arbeit umfasst dabei so wenig Leute, dass der Kapitaleigner sie zunächst noch persönlich kennt und auch einstellt, in ferneren Niederlassungen kennt er dann bald nur noch deren Chefs, als die er gerne Verwandte und dann Bekannte einsetzt.

 

Handelskapital entsteht im wesentlichen dort, wo der Produzent bzw. sein Herr über Dienstboten seine Produkte nicht mehr selbst an den Konsumenten verkauft. Zunächst ist flüssiges Kapital (immer mehr in Geldform) nötig, um Waren einzukaufen, die dann woanders mit Gewinn verkauft werden sollen. Je häufiger und erfolgreicher solcher Handel wird, desto eher sind andere, keinen Handel Treibende, bereit, Erspartes zu kapitalisieren, indem sie es Händlern in der Art eines Kredites zur Verfügung zu stellen, um dann am Gewinn anteilig zu partizipieren. Das beginnt beim venezianischen Seehandel des 10. Jahrhundert und taucht dann im 11. Jahrhundert in Pisa und Genua auf, nachdem die muslimische Piraterie ein wenig zurückgedrängt ist.

 

Die Investition von Nichtkaufleuten in Handelsgeschäfte als stiller Teilhaber wie in der Commenda des Seehandels lässt sich als eine Art investigativer „Kredit“ sehen. In der Commenda wird so nicht kaufmännisches Geld zu Risikokapital, was Handelskapital damals ohnehin in hohem Maße ist. Allerdings ist das Risiko auf die Höhe der eigenen Einlage in der„Kommanditgesellschaft" begrenzt und es kann dann auch noch durch kleinere Anteile auf mehrere Schiffe gestreut werden.

Besonders in Genua wird die Teilhaberschaft an Handelsschiffen in gleiche Anteilsscheine (partes, sortes, loca) aufgeteilt, die von jedermann in beliebiger Anzahl gekauft werden können. Diese können dann auch an Dritte weiterverkauft, verpfändet oder auch in eine Gesellschaft als Einlegerkapital eingebracht werden. werden. In der venezianischen colleganza wiederum reist ein Kaufmann mit, während andere nur Kapital einbringen.

 

Immerhin wird schon früh in italienischen Seestädten deutlich, wie Kapitaleinsatz von adeligen Großgrundbesitzern, geistlichen und weltlichen Großen bis hin in eine zunehmend sich entwickelnde unteradelige städtische Oberschicht Reichtum aus Landbewirtschaftung durch Kapitaleinsatz im Handel ergänzt und dann auch ersetzt. Wie weit das im 11./12. Jahrhundert in einigen Städten schon entwickelt ist, erweist sich daran, dass dort städtische Interessen wesentlich als Handelsinteressen, Kapitalinteressen gesehen werden (Pisa, Genua, Venedig, Amalfi)

 

Einige Fernhändler gab es durch das ganze frühe Mittelalter, aber es waren zum Teil Juden, Griechen und Syrer. Auf welchem Wege Europäer wie die Friesen aufstiegen, um sie abzulösen, bleibt im Dunkel. Auf jeden Fall müssen sie Risikobereitschaft und wohl auch eine Portion Abenteuerlust bzw. Risikobereitschaft besessen haben. An das Kapital adeliger Grundbesitzer, die in Italien zu einem guten Teil in den Städten residieren, kommen solche Leute sicher erst, nachdem sie erste Erfolge erzielt hatten.

 

Bevor im Norden mehr Händler namentlich bekannt werden, tauchen dort große Kaufmannsgilden auf: Um 1020 die Tieler Kaufmannsgilde, von Alpert von Metz abschätzig beschrieben, die caritas von Valenciennes zwischen 1051 und 1070 und die Gilde von St.Omer. Gemeinsames Essen und Trinken, eine Kasse und Totenehrung spielen eine Rolle. (*21)

 

 

Zumindest in italienischen Seestädten, wo der Adel entweder stadtsässig ist oder aber bald von den entstehenden Stadtgemeinden zum Aufenthalt in der Stadt gezwungen wird, verbindet er sich des öfteren mit dem Handel, zum Beispiel, indem er Geld dort investiert.

 

Zum anderen entwickeln adelige Grundherren in Mitteleuropa dort ihren ursprünglich grundherrlich geführten Handel weiter, wo es auf ihrem Land Bodenschätze gibt. In Reichenhall besitzen sie dann Salinen oder Anteile an Bergwerken und beauftragten von ihnen in Unfreiheit gehaltene Händler mit dem Verkauf. Daraus kann dann unter den Bedingungen eines befreiteren Handels auch schon mal eine Art adeligen Unternehmertums entstehen.

 

Namentlich bekannte, reiche „bürgerliche“ Kaufleute werden als Einzelpersonen aus Nord- und Mittelitalien bekannt. Um 1000 gibt es bereits karitative Institutionen mit ihren Gebäuden, die reiche Venezianer gestiftet haben.

„Reiche und mächtige Männer waren auch Maurus und sein Sohn in Amalfi, jener Pantaleo, der zwischen 1065 und 1076 mehrere Kirchen mit byzantinischen Bronzetoren versah und in Antiochia und im Heiligen Lande Spitäler unterhielt. In Rom gab es Kaufleute, die Salinen bei Ostia und Grundstücke und Weingärten in der Sabina besaßen und ebenso hoch über den kleinen Marktleuten und reisenden Händlern standen, wie die neuen Leute, die seit der Mitte des 11. Jahrhunderts mit dem Reformpapsttum emporkamen, die Pierleoni, Boveschi und Frangipane, darunter Männer, die bereits in der Finanzierung der hohen Politik Erfahrungen sammelten und imstande waren, anderen Kredite zu gewähren.“ (Pitz, S.249f)

 

Neben der stillen Investition in Handelsunternehmungen entwickeln sich besonders in Norditalien zeitlich begrenzte Zusammenschlüsse von Händlern für meist drei bis fünf Jahre. Dabei können die Kapitaleinlagen recht unterschiedlich groß sein. Die Entwicklung solcher Anteile zu solchen, die auf dem Markt verhandelt werden können, findet dann erst im 13. Jahrhundert statt.

 

 

Triebkraft des Handels ist zunächst vor allem das Luxusbedürfnis einer kleinen Oberschicht, welches aber teilweise auch schon durch Handwerk vor Ort gedeckt wird. Der Luxusbegriff des Historikers ist allerdings nicht klar definierbar, denn eine Definition kommt nicht darüber hinaus, Luxus als das nicht unmittelbar Benötigte zu benennen, - aber natürlich "benötigen" die Herrscher und kleineren Machthaber Luxus, um ihren Status zu begründen und darzustellen. Zivilisation bedeutet eben vor allem Luxus weniger auf der Basis der Arbeit von vielen, und das ist es auch im Sozialismus des 20. Jahrhunderts.

Andererseits gibt es schon damals auch scharfe Kritik von Kirchenmännern an der adeligen Gier nach Luxus. Um 1075 beklagt Adam von Bremen in seiner Hamburgischen Kirchengeschichte die Gier nach ausländischen Pelzen (...), deren Duft unserer Welt das todbringende Gift der Hoffahrt eingeflößt hat (...) und wir (trachten) mit guten und bösen Mitteln nach einem Marderkleid wie nach der höchsten Glückseligkeit. (so in: Hansen, S.115). Erfolg werden solche Klagen nicht haben.

 

Der im 11. Jahrhundert deutlich zunehmende Handel bezieht nun aber immer mehr Menschen ein, zum lokalisierbaren Markt(platz) kommt ein allgemeines Marktgeschehen mit einem abstrakterenden Marktbegriff. Europa wird zum Raum einer wachsenden Marktwirtschaft, in der nicht mehr nur einfach Güter, sondern zunehmend Waren produziert werden - Güter, die auf dem Markt zu Waren werden.

Für die meisten und wenig kaufkräftigen der immer mehr Konsumenten solcher Waren decken diese zunächst nur die allernotwendigsten Bedürfnisse ab, Ernährung und Bekleidung vor allem. Soweit würde kein Kapitalismus entstehen. Aber tatsächlich wächst der Handel mit der Kaufkraft von immer mehr Menschen, und der Anteil derer, die sich auf dem Markt für mehr als das schiere Notwendige eindecken, steigt, zunächst ganz langsam, an.

Kapitalismus wird sich darüber entfalten, dass das Warenangebot Nachfrage erzeugt, neue Bedürfnisse generiert, die wiederum Arbeit begründen. In einigen Gegenden Europas beginnt das schon im 11. Jahrhundert.

 

 

Waren und ihre Ästhetisierung

 

Waren werden einmal erworben, weil man sie auf Grund von Arbeitsteilung benötigt, oder weil sie Arbeit erleichtern. Zum anderen sind sie der Luxus, der zum Status gehört, und dabei und zudem aufgrund ihrer ästhetischen Qualitäten, die nicht zuletzt auch den Gesichtssinn betreffen. Im (langen) Mittelalter wird dieser ästhetische Wert immer mehr an Bedeutung gewinnen, und die Welt eines sich immer weiter entfaltenden Kapitalismus bestimmen.

 

Vorläufer allen Marktgeschehens ist das sexuelle Machtspiel in der Natur, Grundlage von lebendiger Evolution. Es ist das Elementarium auch aller menschlichen Geschichte, die sich im Ablauf der Generationen entfaltet. Warencharakter erhält es am deutlichsten in der Prostitution, der Vermarktung der sexuellen Attraktivität insbesondere von Frauen, typisches Kennzeichen von Zivilisationen. Was dort offenen Warencharakter in der Konsumierung von Körpern hat, zeigt sich in den Versuchen der Huren, ihr Talent zur sexuellen Anreizung von Kunden möglichst herauszustellen. Die Ästhetisierung des mehr oder weniger bekleideten Leibes geht mit der Erfindung der (Kleider)Moden im frühen Kapitalismus der Städte auch auf die Frauen über, die sich nicht für die männliche Notdurft prostituieren, sondern Ehe und Familie suchen, und dann in ihnen weiter dazu neigen, ihre sexuelle Attraktivität (Macht) zu zeigen, - so wie Männer die Attraktivität ihrer Macht.

Die Ästhetisierung von Waren geht also vermutlich auf die Hervorhebung menschlicher sexueller Attraktivität als dessen (bald nun modische) Ästhetisierung zurück, auf das originäre Machtspiel der Natur.

 

Der entscheidende Schritt ist die Übertragung der Ästhetisierung des menschlichen Aussehens auf Waren. Was die Natur als den gesunden und darum mächtigen Körper erkennt, der den besten Nachwuchs hervorbringt, wird zum Akzessoire des dauerpräsenten menschlichen Geschlechtstriebes, der sich ein gutes Stück weit von seiner Fortpflanzungsaufgabe gelöst hat: Die Ästhetisierung wird auf Waren übertragen, die nun die (ursprünglich sexuelle) Macht des Individuums demonstrieren und verstärken. Die sexuelle Begierde wird dabei zu solcher im Warenerwerb transformiert, die nicht lebensnotwendigen Waren werden immer stärker "sexualisiert". Im Verlauf von tausend Jahren Kapitalismus werden dabei in Wellenbewegungen die zivilisatorischen Schranken mit zunehmendem Erfolg eingerissen, vor allem in den größeren Städten, bis am Ende in den Metropolen des Kapitalismus das Ausleben des Geschlechtstriebes manchen als letzte sinnstiftende Sphäre bleibt.

 

Wie weit das ganze am Ende eines kurzen Mittelalters gediehen ist, zeigen in den rabiaten Gegenbewegungen schlagartig die öffentlichen Verbrennungen von Luxus-Waren, die Bilderstürmerei und manches mehr.

 

Der Grund für spezifische Warenästhetik, wie sie im Mittelalter sich ausbreitet, besteht auch in der erstaunlichen Bipolarität, auf der der Kapitalismus beruht, nämlich auf der von Sparsamkeit/Knappheit und Verschwendung. Die Sparsamkeit liegt beim Kapitalisten, der erst einmal Eigentum aufspart und dann so sparsam wie möglich einsetzt, damit es sich auch tatsächlich dabei vermehrt: Er spart es aus seinem Konsum aus, und er spart dann möglichst an den Kosten (für Rohstoffe, Arbeit, Transport usw.). Umgekehrt ist er aber darauf angewiesen, dass der Konsument mit dem, was er hat und zu Markte trägt, möglichst verschwenderisch umgeht, also möglichst viel Ware(n) kauft.

 

Die Knappheit im Kapitaleinsatz wird noch verstärkt, wenn mehrere Kapitalisten auf dem Markt konkurrieren, wobei bei gleicher Qualität (welcher Art auch immer) der Käufer den niedrigeren Preis vorzieht, weswegen in dieser Konkurrenz der Kapitalist mit der knappesten Kalkulation gewinnt. Er wird sich also beim Erwerb seiner Produktionsmittel auf jene Effizienz, jenen Nutzen konzentrieren, der ihm tatsächlich den größtmöglichen Gewinn beschert, und sich kaum durch warenästhetische Kriterien ablenken lassen. Umgekehrt wäre die seit dem 10./11. Jahrhundert immer stärker steigende Warenflut für den privaten Konsum teilweise und immer mehr so gar nicht mehr an den Mann (und die Frau) zu bringen gewesen.

 

Warenästhetik dient also der Verstärkung, Anheizung des Konsums und darin der Durchsetzung der eigenen Waren in der Konkurrenz. Sie ist von einer ursprünglicheren naturgegebenen Sinnlichkeit zu unterscheiden, obwohl Warenästhetik sich davon zunächst nicht völlig lösen kann.

Am Beispiel des ursprünglichsten menschlichen Bedürfnisses, der Ernährung, lässt sich das gut erklären. Der Geschmacksinn ist zum Zweck der Energiezufuhr eher auf süß geprägt, bitter warnt vor Giften und ähnlich Unzuträglichem, sauer wird nur begrenzt positiv wahrgenommen. Ähnlich wird potentielle Nahrung auch durch den Geruchs- und Gesichtssinn und manchmal auch ein wenig den Tastsinn eingeordnet.

Bis zur industriellen Produktion von Lebensmitteln seit dem 19. Jahrhundert bleibt es auch dabei. Seitdem haben Lebensmittel visuelle Qualitäten angezüchtet bekommen, die vom Nährwert ablenken bzw. diesen vortäuschen können. Schon damit werden sie warenästhetisch umgeformt. Bei Halbfertig- und Fertigprodukten kann durch den Geschmack Nahrhaftigkeit vorgetäuscht oder Appetit auf bestimmte Geschmacksviarianten anerzogen werden. Die Verpackung kann einen Nährwert vortäuschen, der durch Gewöhnung längst als „Geschmack“ dominiert. Und ein Großteil der Menschen nimmt inzwischen als Lebensmittel deklarierte Waren zu sich, die in einigen Aspekten offensiv gesundheitsschädlich sind, was zum Beispiel durch die Gewöhnung an unmäßigen Zucker oder Salz möglich wird. Der Beispiele wären viele.

Produktionsmittel sind hingegen in ihrer Verbreitung vom jeweiligen Wachstumspotential des Kapitals abhängig, dessen Zweckrationalität ästhetische Komponenten eher fremd bleiben.

 

 

Markt

 

Eine sich ausweitende, durch Handel vermittelte Marktwirtschaft ist zwar noch kein Kapitalismus, aber ein notwendiges Element. Wichtig wird sie erst, wo die Bedürfnisse des Kapitals, sein Vermehrungsdrang, das übrige Geschehen zu dominieren beginnen. Das geschieht dann zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert in immer größeren Teilen Europas.

 

Im lateinischen Abendland nimmt zwar der Fernhandel zu, aber der größte Teil der Waren wird weiterhin und wohl noch viele Jahrhunderte lang auf immer mehr lokalen (Nah)Märkten umgesetzt. Zwischen 1086 und 1300 wird sich die Zahl solcher Märkte im lateinischen Abendland insgesamt fast verdreifachen.

 

Zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert ist allerdings von Angebot und Nachfrage her nur eine Minderheit der Bevölkerung des lateinischen Abendlandes mehr als sporadisch in einen Markt integriert. Für Bauern heißt das, zu Erntezeiten Überschüsse an Nahrungsmitteln und gewerblichen Rohstoffen zu vermarkten, um davon einmal die zunehmend geldlichen Abgaben an ihre Herren zu bezahlen, und seltener, auf Märkten gewerbliche Produkte zu erwerben. Eine entstehende ländliche Unterschicht (etwa ein Viertel bis gut die Hälfte der Bevölkerung) ist davon in dieser Zeit aber wohl weitgehend ausgeschlossen.

 

Städter sind viel stärker in einen Markt integriert. Die meisten, insbesondere Händler, müssen Nahrungsmittel einkaufen oder zumindest zukaufen, und zwar von Händlern der Grundherren oder von Bauern. Handwerker kaufen zudem Rohstoffe und verkaufen Fertigprodukte. Dienstmannen der Herren haben Bedarf für einen sich hebenden Lebensstil, der aus Abgaben der Produzenten direkt oder indirekt finanziert wird. Und die hohen Herren, die als sich immer deutlicher abhebender Adel Luxusbedürfnisse entfalten, finanzieren diese ebenfalls aus den Renten ihres gewalttätigen Kriegerdaseins, die sich als Einkünfte aus Grundherrschaft ergeben.

Status und gradus erweisen sich zwar grundsätzlich an Titeln und Bezeichnungen, aber sie müssen sichtbar sein, was herausgehobene Ministeriale und wohlhabendere unter den aufsteigenden Bürgern schnell begreifen und nachahmen. Das deutsche Wort êre wird in einer stehenden Wendung mit guot verbunden, und zwar nicht nur im 'Armen Heinrich' des Hartmann von der Aue, und zur Ehre passt auch der Ruhm (prîs) und zum honor die Prächtigkeit.

Gehobener Status äußert sich dabei in dem Maße dessen, was da gerade als Luxus möglich ist.

 

Fernhandel überwindet weite Strecken über Flüsse und Meere vor allem, und er bedient Messen, auf denen sie sich mit Händlern für mittlere Strecken und zunehmend Finanziers treffen, aber in großem Maße auch Handelsstädte wie Venedig als Umschlagsplätze bedient. Die Nutzung von Sklaven in der heimischen Produktion nimmt rapide ab, aber der vom heidnischen Slawenland in den heidnischen Orient bleibt weiter bestehen und ist wohl ausgesprochen lukrativ. Rouen stellt zwar im 11. Jahrhundert den Sklavenhandel ein, aber von englischen Häfen wie Bristol aus werden sie weiter u.a. nach Irland exportiert.

Es gibt daneben freie Lohnarbeit, die sich als Ware Arbeitskraft auf einem Arbeitsmarkt zeigt, aber sie ist bis ins 12./13. Jahrhundert noch nicht häufig.

 

Andere Güter müssen erst landwirtschaftlich oder handwerklich hergestellt werden. Je weniger die Herren davon als Abgaben abschöpfen, desto eher können sie auf dem Markt zu Waren werden. Das geschieht in dem Maße, in dem Herren erkennen, dass das direkte Abschöpfen der Produkte der Arbeit weniger ergiebig wird als das indirekte Abschöpfen von Einkünften und Verteilung. Dazu gehören dann Zölle, Gebühren und Vorformen von Steuern. Die Untertanen bekommen also so viel und zugleich diejenigen Freiheiten, wie sie den Herren gewinnträchtig erscheinen.

 

Individuelles Marktgeschehen ist selten dokumentiert und am ehesten von Klöstern. Keller erwähnt ein Beispiel : „Der Vorratsverwalter des Klosters St.Trond hatte um 1100 jährlich dreißig bis vierzig Mönche einzukleiden mit Pelzmantel, kapuzenversehenem Überwurf, Kutte, Hose, zwei Hemden, acht paar Strümpfen, einem paar Stiefel und einem paar hoher Schuhe, vier paar weiterer Schuhe samt dem nötigen Schuhfett; dazu kam die Kleidung für über dreißig Diener des Konvents. All das kaufte er auf dem Markt, und die Mittel dazu musste er wenigstens zur Hälfte aus dem Verkauf der Naturalabgaben von bestimmten Höfen aufbringen.“ (Begrenzung, S.261)

 

Dies ist ein Sonderfall, denn zumindest ein Teil der einzukaufenden Waren sind standardisierte Mönchskleidung, und zudem verlangt wohl auch die Menge Übereinkünfte zwischen Kloster und Handel und Produktion.

 

Aber zunehmend wird auch für einen „Markt“ produziert, auf den Waren ohne Vorbestellung gelangen. Wenn verschiedene Handwerke in vertikaler Arbeitsteilung Tuche produzieren, sind mindestens die vorgeschalteten Produktionsvorgänge ohne Bezug zum Markt, und selbst das fertige Tuch wird zunehmend nicht mehr durch den Endproduzenten an den Kunden gebracht. Wenn nicht mehr für bestimmte Konsumenten produziert wird, und der Händler zwischen Produktion und Konsum tritt, verändert sich der Charakter der Arbeit, sie verliert ein gutes Stück weit ihren unmittelbaren sozialen Bezug.

 

Im Kern entsteht der Kapitalismus nicht nur über den Reichtum der Herren und das vor allem daraus resultierende frühe und relativ freie Handels- und Finanzkapital, sondern durch die Förderung von beidem durch die Ausweitung der allgemeinen Warenwirtschaft und des Marktes. Im Geld gerät die Ware in Gleichungen, die sinnvoll erst durch die Rechtsgleichheit der Akteure dort werden: Nur so wird die um den Markt angeordnete und von der Außenwelt abgeschlossenere Stadt zu jenem Hort an Gemeinsamkeiten, aus denen Kapitalismus als ihr Kern und wesentlicher Ordnungsfaktor hervorgeht.

 

Laut Hagen Keller erreicht Mailand diesen Zustand bereits im Verlauf des 11. Jahrhunderts: "Nicht mehr der Hof des Königs und seine Umgebung bilden den vielleicht wichtigsten Zielpunkt des Fernhandels, die auf ihn orientierten oder sogar von ihm abhängigen Kaufleute und Handwerker treten zurück; bestimmend werden vielmehr die Bedürfnisse und die Kaufkraft "der Stadt", ihrer Einwohnerschaft und ihrer "Gäste". Bevölkerungszahl, Fruchtbarkeit des Umlandes, die Nähe zu den Stätten der Metallgewinnung am Alpenrand und andere Faktorendieser Art verschaffen Mailand ebenso Vorteile gegenüber den Konkurrentinnen wie beispielsweise Kaufkraft, Lebensstil und Luxusbedürfnis des überaus zahleichen Klerus, was uns in den Chroniken des 11. Jahrhunderts sehr anschaulich geschildert wird, sowie der großen Vasallität des Erzstifts." (Keller in: Frühgeschichte, S.88f)

 

 

Transportwesen

 

Einige Fern"straßen" gibt es im 11. Jahrhundert wieder oder weiter. Adam von Bremen erwähnt um 1070 einen stark genutzten Weg von Hammaburg (Hamburg) nach Jumne (Wolin), der so gut ausgebaut sei, dass er in sieben Tagen bewältigt werden könne.

Da ist die Via Francigena von Südengland über die Alpen nach Rom, der Camino de Santiago, beide auch wichtige Pilgerwege. Dann geht es noch von Norditalien über den Großen Sankt Bernhard nach Südfrankreich, die Rhone und Saône aufwärts und dann entlang der Seine nach Paris. Alles in allem bleibt das Straßenwesen aber noch überwiegend schlecht.

Die Räume nördlich und nordwestlich Italiens können von Norden und Westen nur mühsam mit Packtieren auf abenteuerlichen Gebirgspfaden erreicht werden (und umgekehrt). Nur wenig besser sehen die zentralen Pyrenäenübergänge aus. Während der langen Gebirgswinter werden sie fast undurchquerbar.

 

Die Flüsse bleiben in Mitteleuropa wichtigste Handelswege, wobei flussaufwärts getreidelt werden muss, was Anlage und Unterhalt der Lein- bzw. Treidelpfade voraussetzt. Die (Fluss)Schiffe werden für Strecken, wo das möglich ist, tiefer, breiter und gedrungener, können nun mehr transportieren, brauchen aber bald Kais und Schiffsbrücken, werden nicht mehr einfach an Land gezogen. Das bedarf laut Stoob einer "Genossenordnung" der Schiffstransporteure "vom befahrenen Matrosen und uferbezogenen Stauer oder Träger bis zum Wiegeknecht und Lastwagenfuhrmanns" (in: Frühgeschichte, S.5) und sowohl  beaufsichtigten Zwischenlager wie auch Rastplätze.  

 

Ursprünglich wurde ein Wegezoll (teloneum) erhoben, um Mittel für die Instandhaltung zu bekommen. Aber im Mittelalter wandelt er sich immer mehr zu noch einer Steuer, die nicht mehr zweckgebunden ist, und Herren finden immer neue Orte zu seiner Erhebung. Zölle gibt es natürlich auch für die „Wasserstraßen“, am Rhein werden es Ende des 14. Jahrhunderts über 60 Zollstationen, an der Elbe über 30. Für kleinere Fürsten und andere Herren wie die Grafen von Katzenellenbogen und die Pfalzgrafen bei Rhein kann sich der Rheinzoll zur wichtigsten einzelnen Einnahmequelle auswachsen. Vorteilhaft ist für sie auch, dass der Zoll in Münze und nicht in Naturalabgaben entrichtet wird.

 

Handel, vom Handel stärker lebende Städte und Herrscher entwickeln ein gemeinsames Interesse daran, dass Zölle den Handel nicht über die Maßen behindern. Dabei sind Erleichterungen in diesem Bereich zugleich von übergeordnetem Macht-Kalkül geprägt. Deutsche (römische) Könige suchen Bundesgenossen so wie zum Beispiel Heinrich IV. im Konflikt mit sächsischen und thüringischen Großen. Als die Wormser Bürger auf seine Seite treten und ihn in einer entscheidenden Situation gegen ihren Stadtherrn unterstützen, belohnt er sie mit einem Zollprivileg. (*22)

 

 

Geld

 

Während die Masse der Menschen nach der weströmischen Antike zunächst immer weniger Zugang zu Geld hat, verfügen die hohen Herren weiter in größeren Mengen darüber. Zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert nimmt dann das in Umlauf befindliche Geld zwischen England und Sizilien und von der Elbe bis nach Galizien immer schneller zu, und es gelangt zunehmend auch wieder in die Hände von Kleinbauern und städtischer Unterschicht. Das entspricht den Interessen der Mächtigen, die im 11. Jahrhundert bereits mit größeren Geldmengen in ihren Kassen rechnen. Damit werden nicht nur zunehmender Luxus im Lebensmittelbereich, in der Rüstung und Kleidung, schließlich auch in der Ausstattung von Gebäuden bezahlt, sondern auch Hoftage, Heerzüge, überhaupt kriegerische Unternehmungen verschlingen immer mehr Geld.

 

Geld fließt vor allem in Italien allenthalben, aber auch im Norden beim Einkauf ins Kloster als Witwensitz, als Mietzahlung für die Wohnung, bei Lehen, die aus einer Geldrente bestehen, beim Verkauf ganzer Lehenskomplexe für über tausend Pfund usw.

Mit Handel und Finanzen lassen sich längst Vermögen erwirtschaften. Cives wie die Mailänder Ermenulfi, zugleich eques, leihen einem Erzpriester auf dem Lande schon einmal 70 Pfund, und eine Tochter kann dann auch in eine vornehme Kapitanenfamilie einheiraten. (KellerOberitalien, S.122)

 

Zwar entsprechen in der bald im Süden aufkommenden feudalen Theorie dem Verleihen von Land, Rechten und Ämtern nichtmonetäre Gegenleistungen, tatsächlich werden die aber durch Geschenke und Bezahlung zunehmend gefördert und begleitet. Dabei nimmt auch das Schuldenmachen und der Geldverleih immer mehr Raum ein. Aber Finanzkapital spielt in den Machtstrukturen außerhalb des lateinischen Mittelmeerraumes noch eine untergeordnete Rolle .

Dennoch: Wir können nur vage ahnen, welche enormen Geldmengen zum Beispiel die Eroberung Englands 1066-70/74 durch Herzog Wilhelm von der Normandie gekostet haben muss, und wie er sie vorfinanziert hat. Jedenfalls besteht wohl ein nicht geringer Teil seines Heeres aus Söldnern, die während der langen Wartezeit an der normannischen Küste bezahlt und durchgefüttert werden müssen. Das restliche Heer dürfte durch Landgier fördernde herzogliche Versprechungen bewegt worden sein, die wiederum erweist sich aber bei Übernahme der angelsächsischen Güter besonders als Geldgier: Ein Teil der Landräuber taucht nur selten auf seinen neuen Gütern auf und ist im wesentlichen an den Renten in Geld interessiert (Carpenter, S. 78)

 

Wie wichtig Geld inzwischen ist, belegt der erste Kreuzzug. Der erhebliche Geldbedarf für den einzelnen Krieger soll laut Urban II. vor allem in Westfranzien durch Verpachtung des Grundbesitzes und Kredit auf künftige Einnahmen beschafft werden. Viele miles beschaffen sich Anleihen bei jenen Klöstern, die über viel Geld verfügen.

Der Normannenherzog Robert erhält von seinem Bruder Wilhelm dafür 6666 Pfund, welche dieser durch ein außerordentliches geld seiner Untertanen relativ schnell zusammen bekommt. Dafür verpfändet Robert sein Herzogtum an den König.

Überhaupt dienen die frisch ausgebildeten feudalen Machtstrukturen in England zunehmend dem Zusammenraffen von Geld. König Wilhelm Rufus braucht es deshalb, weil er damit Soldaten anheuert, und sich mit dem Geld seine Haustruppe aus Rittern "from all over Europe" zusammenstellt (Carpenter, S.133).

 

Das was Moralisten später einmal Korruption nennen werden, ist spätestens seit dem 11. Jahrhundert in Italien gang und gebe und wird (spätestens) im 12. Jahrhundert das ganze lateinische Abendland überrollen. Gemeint ist die Käuflichkeit von Ämtern, Titeln, Einfluss und Verträgen. Päpste (auch die frömmeren) kaufen sich Unterstützung bei den Parteiungen im zerstrittenen Rom. Wer Privilegien und Einfluss will, reist in die Hauptstadt der westlichen Christenheit, geht zu den dortigen Geldleihern und kauft sich Beschlüsse der Kurie. Der große päpstliche Landbesitz ist verpachtet, und die Päpste verfügen über große Mengen an Gold und Silber.

Hildebrand/Gregor gewinnt Rückhalt in Rom auch über Geldgeschenke. (*22)

Geld ist bereits unübersehbar die Basis der Karriere hin zur Macht.

1084 verteilt Heinrich IV. in Rom pecunia und kann seinen Papst durchsetzen.

Roger von Sizilien kauft sich 1134 mit 240 Unzen Gold jährlich die Unterstützung der Pierleoni. Welche Rolle Korruption von da an im päpstlichen Rom durch die Jahrhunderte spielen wird, ist bekannt.

 

Die Geldvermehrung geschieht nicht nur durch eine Intensivierung der Geldwirtschaft, sondern auch ihre Ausdehnung. Um 900 gilt für Geldwirtschaft noch die Rheingrenze, um 1000 ist sie bis an die Elbe vorgedrungen. Ab etwa dieser Zeit beginnen die ostmitteleuropäischen und die skandinavischen Länder mit der Münzprägung. Noch im 11. Jahrhundert scheinen aber dort englische und Münzen des Kaiserreiches vorzuherrschen. Die Geldvermehrung hält aber oft nicht Schritt mit der Nachfrage.

 

Der Geldwert soll dem Wert des Edelmetalls der Münze entsprechen, weswegen Edelmetall in Barrenform grundsätzlich nach Gewicht auch gemünztes Geld ersetzen kann. Aber Geldentwertung gibt es schon bei den Denaren: Zum einen werden sie immer leichter und zum anderen sinkt ihr Silbergehalt. Beteiligt daran sind die geistlichen principes, an die die römischen Könige das Münzrecht im 10. und 11. Jahrhundert vergeben, also Bischöfe, Äbte, aber auch Herzöge und einige Grafen.

 

Bis in die Stauferzeit hinein gilt im Kaiserreich das silberne Pfenniggeld Karls d. Gr., der Denar. Schilling und Pfund bzw. seit dem 11. Jahrhundert die Mark sind reine Rechnungseinheiten.

 

England besitzt schon im 10. Jahrhundert landesweites königliches Geld nach karolingischem Muster aus rund 70 Münzen, meist in den burhs angesiedelt. Im Umlauf sind Silberpfennige, die auch schon mal von Nutzern zerteilt werden, ist ein Penny doch bereits der Tageslohn eines Landarbeiters. Es wird alle sechs Jahre, seit 1035 alle drei Jahre  eingezogen und durch neues ersetzt. Wie dort dann die Geldmenge zunimmt, lässt sich an folgenden Zahlen ablesen: 37 500 Pfund in Münzen sind um 1100 in Umlauf, 1320 werden es mehr als eine Million sein (Dyer, S.101)

 

Bis ins 11. Jahrhundert hinein gibt es in Spanien nur islamisches Münzgeld. Mitte des 11. Jahrhunderts beginnt sporadische Münzprägung in der Grafschaft Barcelona, die dann 1086 durch eine Münze von Jaca verstetigt wird, die Münzen aus Silber und Kupfer im Verhältnis 3 zu 2 herstellt. Etwa in dieser Zeit beginnt auch die kastilische Münzproduktion, die sich erst an solcher der islamischen Nachbarn orientiert und dann später an der von Aragón.

Die Münzproduktion im Almohadenreich ist wesentlich fortgeschrittener und differenzierter. Es gibt die silbernen Dirhems und dann auch den Dinar zu 4 Gramm, aber es existieren auch geteilte Einheiten bis hinunter zu etwa einem halben Gramm, was zeigt, das Geldwirtschaft und Markt viel verbreiteter sind als bei den christlichen Nachbarn.

 

 

Immer mehr wird käuflich. Wir gelangen in eine immer weiter sich verallgemeinernde Warenwelt, die allerdings Mensch und Natur regional in unterschiedlichem Maße erfasst. Sogar der Ablass von Sündenstrafen wird käuflich. In den Dekretalien des Bischofs Burchard von Worms wird um 1020 bereits festgelegt, dass der Reiche ein siebenwöchiges Fasten mit 20 solidi ablösen kann, der Arme mit 3. (decretum XIX, 22)

 

Das Ideal von Nächstenliebe und heiliger Armut, ursprünglich wie im Islam auch als Zinsverbot verstanden, wird aufgrund seiner extrem seltenen Praxis nun bald als Heiligkeit gefeiert. Das Ideal nicht gewinnorientierten Wirtschaftens, als notwendige Selbstversorgung schwindet. Anders würde es kaum so viele Märkte und Händler geben können.

Was davon nördlich der Alpen vor allem bleibt, ist die adelige Verachtung nicht nur für produktive Arbeit, sondern besonders auch für Handel und Finanzgeschäfte. Das gilt ganz besonders für das Vergeben von Krediten mit einem darauf liegenden Zins. Hier wird allem Anschein nach kein Arbeitseinsatz des Kapitaleigners mehr vergolten, sondern nur noch die Risikobereitschaft des Kreditgebers, die im Kern als verwerfliche Gier gilt. (*23)

 

Letztlich akzeptiert die Kirche die zunehmende Käuflichkeit, an der sie teilhat, verlangt dabei allerdings weiter einen "gerechten Preis", also einen, den sie rechtfertigen kann. Dabei darf sich Reichtum durch Spenden an Kirche und Kloster rechtfertigen und durch direkte Almosen für die Armen. Der Zins wird dann aber weiter manchmal als gerechtfertigter geduldet, wenn er von einem Wucherzins unterschieden wird, wobei die Unterscheidung sich bald schon scholastisch geübter Argumentationen bedient.

 

Im 9./10. Jahrhundert beginnt man, die kirchliche Lehre vom Verbot des Wuchers zu systematisieren. Im 11. Jahrhundert reagiert die (Papst)Kirche mit ihrem geschärften Selbstbewusstsein auch schärfer auf die sich verbreitende Geldwirtschaft und den sich einnistenden Ansatz für Kapitalismus. Zins- und Wucherverbote samt abwertenden Äußerungen zum Handel werden "zusammengetragen und unverändert eingeschärft." (Gilomen, S. 94)

 

Wie wenig aber das Wucherverbot durchgesetzt wird, zeigt das Beispiel der Zinssatzung. Bei ihr "stellte der Gläubiger einem Schuldner einen Geldbetrag zur Verfügung und erhielt dafür von diesem fruchttragende Güter, also z.B. Getreideäcker, Rebberge oder auch eine Mühle zu Pfandbesitz. Solange der Kredit nicht zurückbezahlt wurde, strich der Gläubiger die Erträge der Pfandgüter als Verzinsung ein." (Gilomen in: Heinzle, S.199)

 

Als Vorläufer des späteren Rentenkaufs, bei dem es um ein als Kauf kaschiertes Darlehen geht, welches in Geld festverzinst zurückgezahlt werden muss, ist ein solches Geschäft insbesondere bei den Klöstern beliebt, und Kreuzfahrer werden häufig Besitzungen derart verpfänden, um an Geld für ihre militärische Unternehmung zu kommen. (*24)

 

1151 werden die Zisterzienser für ihre Klöster diese Praxis verbieten und 1163 wird ihnen Papst Alexander III insoweit folgen, als er verlangt, dass das Pfand zurückzugeben ist, sobald die Erträge aus ihm zusammengenommen seinen Wert übersteigen. In der Konstruktion des Rentenkaufes wird dann erreicht werden, dass die unwiderrufliche Eigentumsübertragung gegen Zinsen legitimiert wird, da sie kein Darlehen mehr darstellt.

 

 

Finanzkapital

 

Während sich die Ansätze feudaler Strukturen herausbilden, entsteht auch der Weg in Kapitalismus, und dabei brauchen die Herren immer mehr Geld.

Größere Herren sind durch das Geschäft des Münzens und das, welches bei  dem Umtausch gemacht wird, an der Entstehung von Kapitalismus direkt finanziell beteiligt. Geldwechsler profitieren von der Vielzahl von Münzen in Europa und darüber hinaus. Zentrales Finanzgeschäft aber wird die Gabe von Krediten.

Doe Zunahme eines Kreditwesen geht einmal auf die Verschuldung bäuerlicher und adeliger Familien auf dem Lande zurück, zum anderen stellt es Mittel für Investitionen auch für Städter bereit. Sicherheit geben dabei vor allem Grund und Boden, die bei Nichterfüllung an die Gläubiger fallen.

 

Gewinn machen aus Kreditgaben, also aus dem Nehmen von Zinsen, gilt für Christen zunächst als Sünde. In Norditalien wird das schon im 11. Jahrhundert nicht mehr so eng gesehen, und man nennt solche Finanzkapitalisten dann auch allgemein Lombarden. Sie werden seitdem gern gesehene Gäste von Bischöfen und hohen weltlichen Herren im Norden. Ansonsten sind dort die großen Finanziers vor allem Juden, die dafür von den Herren geschützt werden, hindert sie doch die eigene Religion nicht an ungehemmter persönlicher Bereicherung durch Zinsnehmen.

 

Ein Sonderfall in deutschen Landen ist das bewusste Ansiedeln (colligere, herbeiholen) von Juden, wie es Bischof Rüdiger Hutzmann von Speyer betreibt, der um 1084 extra Land am Rande seiner urbs für sie erwirbt und mit einer Mauer umgibt, die sie selbst verteidigen sollen. Für das freie Recht, Gold und Silber zu wechseln sowie alles zu kaufen und verkaufen, was ihnen beliebt, zahlen sie ihm eine jährliche Abgabe. Stolz erklärt der Speyrer Bischof Rüdiger Hutzmann in der Urkunde, (cum) ex Spirensi villa urbem facerem, er wolle aus einer Ansiedlung mit dem neuen, unter seinem besonderen Schutz stehenden Judenviertel eine Stadt machen: und (ich) erkannte, dass es von unschätzbarem Vorteil wäre, wenn es mir gelänge, Juden dort anzusiedeln. (in: Hergemöller, S.108, Moore, S.232) Eine Bischofsstadt braucht Finanzkapital. Das wirtschaftliche Interesse des Bischofs verbirgt sich dabei hinter dem Ausdruck, die Ehre der Stadt tausendfach zu erweitern. (in Hergemöller, S.108)

"Das ist wohl die erste Gründung einer deutschen Stadtgemeinde, die alle Elemente enthält: Befreiter Bodenbesitz, privilegiertes Recht, Anerkennung von eigenem Recht und Gericht unter einem Rabbi, dem archisynagogus. Während ein stadtherrlicher Beamter, der tribunus urbis, dem Gericht über die Bürger vorsitzt, erhält bei den Juden ihr religiöser Gemeindevorsteher diese Funktion (...) nur der Bischof selbst als Stadtherr ist Appellationsinstanz. (Dilcher in: Frühgeschichte, S.42)

 

1090 privilegiert dann Heinrich IV. die Juden von Mainz und Speyer mit seinem ausdrücklichen Schutz. (*25)

 

Seinen Kreditbedarf deckt Wilhelm der Eroberer u.a. dadurch, dass er Juden aus Rouen nach London bringt und damit die erste jüdische Gemeinde in England schafft. Dank ihrer religiös gebotenen natürlichen Vermehrung und durch Zuwanderung gibt es ein knappes Jahrhundert später (1159) dort bereits in neun Städten jüdische Niederlassungen und um 1190 in etwa siebzehn bei einer Gesamtzahl von vielleicht 5000 (Carpenter). Das königliche Interesse an jüdischem Finanzkapital ist überall in Europa vorläufig so stark, dass Herrscher darauf achten, dass deren Kredite auch zurückgezahlt werden, insbesondere da sich Juden gut mit einer Art Schutzgeld besteuern lassen.

 

Nicht alle Juden betreiben großes Finanzgeschäft, aber als wichtigste Kreditgeber häufen manche doch erhebliche Kapitalien an, die sie zum Teil bald in veritablen Schatzkammern anlegen.

 

Im frühen Mittelalter sind es oft auch Klöster und Kirchen selbst, die über reiche Schätze an Edelmetallen und Münzen verfügen, und diese gewinnbringend einsetzen können. Um das mit der kirchlichen Lehre zu vereinbaren, wird mit dem Trick gearbeitet, genutzten Grund und Boden als Pfand zu nehmen, und die Erträge bis zur Rückgabe der Schuld einzustecken.

 

Spätestens am Ende des 11. Jahrhunderts kann man feststellen, dass nicht christliche, feudale oder ritterliche Werte Zukunft haben, sondern ausschließlich jene allgemeine Gier nach Geld, wie sie das weitere Mittelalter bestimmen wird.

 

 

Handwerk

 

Während die Basis allen nun immer komplexeren Wirtschaftens die Produktion von Nahrungsmitteln und zunehmend dann auch von Rohstoffen für das Handwerk ist, trennt sich dieses deutlicher davon arbeitsteilig ab und nimmt in den wachsenden Städten zu. Es ist dann in dem Maße, indem es sich wie der Handel von den Aufträgen der Herren löst, von vorneherein in einen Markt integriert, indem Handwerker Lebensmittel, Rohstoffe und Halbfabrikate einkaufen und selbst produzierte Fertigwaren verkaufen. Mit der Verstädterung wird es dort der Kern allen Marktgeschehens, aber sonderlich wohlhabend wird dabei zunächst kaum einer.

Wie Händler können auch Handwerker in der Regel weder lesen noch schreiben, da die Schrift als Vermittlungsebene zwischen ihm und für ihn Arbeitende und zu Käufern noch nicht nötig ist. Das Handwerk ist entsprechend zunächst schlechter dokumentiert, auch da es zunächst nicht Reichtümer hervorbringt wie der bearbeitete Boden von Grundherren oder Handel und Geldbewirtschaftung.

 

Althochdeutsch bedeutete das handwere oder handwerch noch nichts anderes als Handarbeit, deckte also ein viel weiteres Feld ab, wird dann aber im  mittelhochdeutschen Mittelalter immer mehr eingegrenzt auf das, was wir darunter als gewerbliche Warenproduktion verstehen.

Wie bäuerliche Landwirtschaft damals ist auch das Handwerk der artifices in der Regel auf Subsistenz ausgelegt, also auf die Erhaltung von Familie und Betrieb, was wenig unternehmerische Spielräume und höchstens geringes Wachstum zulässt. Damit verbindet sich die Konkurrenz um Qualität mit einem um Stabilität bemühten Menschenschlag und mit Stolz auf die eigene Leistung.

 

Handwerk benutzt bäuerliche Produkte in einem weiteren Produktionsgang, in dem Bäcker, Metzger, Brauer und andere sich immer weiter ausdifferenzieren werden. Es verwendet Rohstoffe aus der Landwirtschaft und der Jagd für die Produktion von Bekleidung, es stellt Schmuck her, aber auch Produktionsmittel für die Landwirtschaft und Produkte für den Krieg. Dazu kommen zunehmend Gerätschaften für den Haushalt.

 

Weithin sind beim Handwerk Produktion und Handel oft noch ganz in einer Hand, und Kapitalismus wird sich erst dort entfalten, wo ein dazwischen geschobener Handel Teile handwerklicher (wie landwirtschaftlicher) Produktion vermarktet.

 

Wo die Frau nicht mit Haushalt, Kindern und vielleicht daran hängender Klein-Landwirtschaft zu tun hat, liegen wie auf dem Lande manche textile Arbeiten in weiblicher Hand. (*27) Schmiede und überhaupt Metallbearbeiter sind immer Männer. Bei der Herausbildung der Hierarchie Meister (Betriebsinhaber) - Geselle – Lehrling findet man weithin Männer vor. Aber damit ist nicht ausgeschlossen, dass eine Frau als Meisterin auch schon mal, manchmal als Witwe, einen Betrieb leitet. Aber wenn meist das Familienoberhaupt den Betrieb leitet, ist es doch in der Praxis ein Familienbetrieb, und zwar unter der ergänzenden Mitarbeit der Ehefrauen und oft auch der Kinder.

 

Die Arbeitszeit wird in der Landwirtschaft grundsätzlich vom Klima und der Jahreszeit bestimmt, kennt dort aber keinen freien Tag, wo es Vieh zu versorgen gibt. Die Arbeitszeit in der Stadt ist noch stärker als auf dem Land von der Dauer des Tageslichtes bestimmt, ist im Sommer also erheblich länger als im Winter. Es gibt keinen "Urlaub", dafür aber mehr Feiertage als heute, deren Einhaltung in der Stadt eher kontrolliert werden kann.

Man hat versucht auszurechnen, dass die eher wenigen Lohnarbeiter dieser Zeit und wohl auch fast alle Handwerker im Jahres-Durchschnitt täglich etwa zwei Stunden mehr als den heutigen Achtstundentag tätig sind. Ganz anders als heute ist es im Handwerk wie in der Landwirtschaft üblich, ins Alter hinein so lange zu arbeiten, wie die Kräfte reichen.

 

Bauhandwerk

 

Ein Sonderfall handwerklicher Produktion wird seit dem späteren 10. Jahrhundert zunehmend der Bau von Gebäuden, von Kirchen, Palästen, Burgen. Zudem werden noch seltene vornehmere Wohnhäuser mit mehreren Stockwerken bei großer Grundfläche nun von professionellem Handwerk gebaut. Da sie jetzt länger haltbar sein sollen als die üblichen früheren Wohngebäude, werden manche zu einer ganz besonderen (immobilen) Ware. Meist in Auftragsarbeit gebaut, bekommen ihre Erbaung und Unterhaltung Bedeutung für einen Markt einmal durch die Nachfrage nach Rohstoffen, handwerklicher und einfacher Lohnarbeit.

Von Bischöfen, Äbten und (seltener) weltlichen Herren betriebene große Bauprojekte mit ihrer über Jahre stattfindenden Massierung von Handwerk und vor allem einfacher Lohnarbeit stimulieren den Markt nun mit der Nachfrage nach Steinen, Holz, Werkzeugen, zudem nach Lebensmitteln und Bekleidung für die dort Arbeitenden.

Auf den Markt kommen sie dann dort, wo sie verkauft oder vermietet werden. So wie das langsam immer häufiger zur Ware werdende Land werden auch sie zu einem renditeträchtigen immobilen Gut, welches dabei den Risiken des spekulativen Geschäftslebens weniger ausgesetzt ist.

 

Der städtische Bauboom beginnt in deutschen Landen in Köln, Mainz, Metz, Lüttich und Konstanz schon vor der Jahrtausendwende, in Würzburg und Worms etwa um sie herum, in Hildesheim und Paderborn kurz danach, in Münster und Osnabrück um die Mitte des 11. Jahrhunderts. (KellerBegrenzung, S.66)

 

Ihren dynastisch verstandenen Machtanspruch demonstrieren die salischen Könige/Kaiser mit dem um 1025 angefangenen und in den achtziger Jahren vollendeten Bau des Doms zu Speyer, einer Art "machtpolitischem" Gegenstück zum Bamberger Dom. Um die für den Bau benötigte Menge von Stein und Holz nach Speyer zu bringen, wird sogar ein Kanal vom Pfälzerwald zum Rhein gebaut. Mit dem Dombau wächst dann Speyer zur Stadt heran.

Die Größe von Kirchen und Palästen demonstriert Macht und Reichtum und hat weniger mit christlicher Frömmigkeit zu tun. Sichtbares Machtgehabe hilft aber denen, die für die Mächtigen arbeiten, sich mit ihnen zu identifizieren.

 

Die Zeit der großen kirchlichen Protzbauten beginnt, und sie drücken allesamt weltliche Macht aus. Auf den Kaiserdom zu Speyer folgt in Italien die Kathedrale von Pisa. Zur gleichen Zeit beginnt der Neubau von San Marco in Venedig, keine Kathedrale, sondern "nur" die Palastkapelle des Dogen.

 

Wenn in Lüttich um 1000 ein doppelchoriger Dom mit zwei Querschiffen gebaut wird, zudem der Bischofspalast ebenso wie Kreuzgang, die Häuser der Kanoniker und die Wirtschaftsgebäude renoviert werden und mehrere neue Stifte entstehen, die bald auf insgesamt sieben anwachsen, dann fördert das im Ergebnis das allgemeine Wirtschaften wie die Stadtbildung.

Mehr noch tut hier die Erweiterung der Stadtmauer aus dem 9. Jahrhundert für die Marktsiedlung. Diese beherbergt in der Zeit um 1000 längst Handwerk und Handel, sogar Fernhandel aus deutschen Landen bis nach London, obwohl ein Großteil der Mittel für die Bauten immer noch vom Lande her kommt.

Wirtschaftsförderung ist die Anlage eines neuen Maasarms, der eine Insel entstehen lässt, die offenbar planmäßig besiedelt, in Pfarreien geteilt und mit einem zweiten Marktplatz versehen wird. Am neuen Flussarm werden Mühlen angesiedelt.

 

Der bischöfliche Bauherr erkennt also schon um die erste Jahrtausendwende, dass seine Macht samt seinen Einnahmen zunehmend von der auch baulichen Entwicklung seiner Stadt abhängen. Andere, Domherren und weltliche große Eigentümer schließen sich dann an.

Bischof Meinwerk von Paderborn und sein Zeitgenosse Bischof Burchard von Worms siedeln offenbar Anfang des 11. Jahrhunderts bewusst Bauhandwerker in ihren Städten an.

 

Stefan Weinfurter erwähnt als Beispiel den hochadeligen Bischof Meinwerk von Paderborn (1009-1036): „Als er sein Bistum übernahm, war ihm der gerade im Aufbau begriffene Dom nicht prächtig genug, und er ließ unverzüglich, nur drei Tage nach seiner Ankunft in Paderborn, alles wieder abreißen und ein noch viel prächtigeres Werk beginnen. (…) Dazu kam eine neue große Kaiserpfalz nördlich des Domes mit einer kunstvollen Bartholomäus-Kapelle, die von griechischen Bauleuten errichtet wurde. Auf der Südseite entstand ein neuer Bischofspalast mit steinernen Mauern und besonders hohen Türmen. Westlich der Pfalz wurde das große Abdinghof-Kloster angelegt, im Osten das Busdorf-Stift.“ (WGeschichte, S.59)

Für die Versorgung der Klöster und Stifte entsteht ein Handwerkerviertel, und das Händlerviertel mit Markt wird vergrößert. „Aus der alten Domburg wurde nun eine durch Klöster und Stiftskirchen ausgedehnte und nach einer weit ausgreifenden Idee prachtvoll gestaltete Bischofsstadt, geradezu eine >Bischofsresidenz<.“ (WGeschichte, S. 61)

 

Verdun entwickelt sich um drei Pole herum. Da sind die Kathedrale samt Baptisterium im ehemaligen römischen Siedlungskern mit einem zugehörigen Makrt samt Handwerk und Kaufleuten auf einer Maasinsel, da ist das Kloster St.Vanne mit einem Hospital und drei Kirchen sowie vier Mühlen an der Maas und ein Pauluskloster mit Hospital und zwei Mühlen.

Der Bischof selbst lässt nun ein Mauruskloster erbauen, unterstützt aber ansonsten vor allem die Bauten anderer hoher Geistlicher, wie des Magdalenen-Stiftes durch einen Archidiakon, eines weiteren durch einen Domkanoniker, und des Neubaus der Abteikirche von St.Vanne durch dessen Abt, der zudem Weinberge, vier neue Mühlen und Brauhäuser erbaut.

Die bischöfliche Unterstützung für diese Initiativen besteht darin, dass er Zölle und andere Einnahmequellen verleiht, so dass seine eigenen städtischen Einnahmen erheblich zurückgehen (Hirschmann in: Konsumentenstadt, S.69f.)

 

Adam von Bremen berichtet um 1075 von den Plänen seines Erzbischofs Adalbert, einen neuen Dom nach dem Vorbild der großen Kathedrale von Benevent zu bauen. Dabei reißt er zahlreiche ältere Bauten ab, um Steine zu gewinnen.

Sobald wie möglich wollte er alles Abgerissene neu und schöner wieder aufbauen lassen; das Domkapitel sollte auch Speisesaal, Schlafraum, Keller und Werkstätten ganz aus Stein erhalten – wenn nur jetzt das Wichtigste, der Dombau, rasch voranschritt. Nicht selten wurde selbst kostbares liturgisches Gerät für die Baufinanzierung zerstört.

Dabei ist der Druck auf die Leute des Erzbischofs enorm groß. In einer Hungernot sind dann keine Mittel für die Versorgung der Armen mehr da. (KellerBegrenzung S.64)

 

Die Arbeitskräfte kommen zunächst meist aus den Reihen der bischöflichen Hörigen, die von ihren Höfen abgezogen und an den Baustellen versammelt werden. Der Verfasser der Eichstätter Bischofsgeschichte schreibt um 1075 über den Abbruch alter Bauten und die Erbauung neuer und klagte dabei über die Folgen. Die Bevölkerung müsse bis zur Erschöpfung an solchen Projekten arbeiten, könne die Felder nicht mehr bestellen und verarme bis zur bittersten Not. Dabei müssen sie auch ihre Abgaben und Dienste weiter entrichten. (cap.29)

 

Ein weiteres Mittel, um die Einkünfte für den Stadtausbau zu steigern, ist die generelle Aneignung des Zehnten auch dort, wo er bislang von lokalen Eigenkirchen bzw. von Klöstern eingezogen wurde, wie es von den Erzbischöfen von Mainz und Osnabrück zum Beispiel dokumentiert ist. Wo das nicht anders geht, werden gelegentlich Urkunden gefälscht.

 

Ein anderes Beispiel ist der Pilgerort St.Trond bei Lüttich, und der Zustrom von Pilgern ist eine enorme Geldeinnahme über die Spenden, die dann in Bauten investiert werden können. Aber weder diese Summen noch die Einnahmen aus der großen Grundherrschaft reichen, so dass Teile aus dem Kirchenschatz eingeschmolzen und verkauft werden müssen.  (KellerBegrenzung S.65/121f)

Beim Kirchenneubau des Klosters von St.Trond, der nur deshalb stattfindet, damit das Gebäude größer und prächtiger wird, werden die Säulen „wegen der Schönheit des Steins in der Gegend von Worms beschafft und zu Schiff nach Köln transportiert. Eine jubelnde Menschenmenge habe sie – gewissermaßen um die Wette und ohne jede Hilfe von Zugtieren, selbst die Maas ohne Brücke überquerend -von dort bis zum Kloster gezogen: über Aachen und Maastricht eine Strecke von mindestens hundertdreißig Kilometern.“ (KellerBegrenzung, S.65)

Das ist nicht verwunderlich, ist doch die Identifikation mit der Macht und ihrem Protz und Prunk typisch für die Massen aller Zivilisationen, und in den Städten wird dies Phänomen sich selbst als Masse erlebender Menschen nun immer deutlicher.

 

Bauwirtschaft im sakralen Bereich wird auch dadurch gefördert, dass es im Verlauf des Frühmittelalters zu einer zunehmenden Ästhetisierung des eigentlichen Kirchengebäudes über alle Funktionalität hinaus kommt, aus der ein erster nachantiker „Stil“ hervorgeht, die sogenannte Romanik.

In seinen 'Fünf Bücher der Geschichte' schreibt der burgundische Mönch Rudolf (Rodolfus) Glaber für die Mitte des 11. Jahrhunderts:

Fast im ganzen Erdkreis erneuerte man die Gotteshäuser. Obwohl die meisten gut und schön gebaut waren und es gar nicht erforderlich gewesen wäre, versuchte doch jede christliche Gemeinschaft, die anderen dadurch zu übertreffen, dass sie ein noch schöneres besaß. Es war gleichsam so, als würde die Welt selbst, nachdem sie, sich schüttelnd, das Alter abgeworfen hatte, allerorten ein hell leuchtendes Kleid aus Kirchen anlegen. Damals bauten die Gläubigen fast alle Kirchen der Bischofssitze prachtvoll aus und ebenso viele andere Klöster und auch die kleineren Kirchen in den Dörfern. (III,4)

 

Neu, hell, leuchtend, prachtvoll, alles als lateinische Wörter, lässt sich schwer anschaulich machen. Es handelt sich um Kirchen aus Naturstein, Holz und Lehm. Der Verdacht liegt allerdings nahe, dass schöner und prachtvoller vor allem auch größer und technisch perfekter (zum Beispiel mit geraderen Mauern und elaborierterem Gewölbe) meint. Ausbauen heißt dabei vor allem Vergrößern, und Neubauten haben ebenfalls größer zu sein. Solange es (bis ins 18. Jahrhundert) "Stile" geben wird, werden die neben ästhetischer auch mit technischer Innovation zu tun haben.

 

Ein frühes Dokument des Aufschwungs einer Bischofsstadt ist um 1016 das Lob des Wormser Domscholasters Hermann für seinen Bischof Burkhard:

Mochten auch mehrere Männer wunderbarer Heiligkeit ihm auf dem Wormser Stuhl vorangegangen sein, so war im Vergleich zu seinem Pflanzen und Aufbauen diese Kirche in geistlichen und weltlichen Dingen vor ihm sozusagen gestaltlos. Dies bezeugen Klerus und Volk, in väterlicher Liebe erzogen, bezeugt die verschönerte und vergrößerte Stadt, bezeugt das mit Gütern und viel Besitz reich gemachte Bistum, bezeugen die Klöster und Stifte, die er äußerst dürftig vorfand und mit Schenkungen überreich ausstattete, oder gänzlich neu errichtete. (…) Strahlend von allen Gütern hinterließ er selig die Wormser Kirche im Mittagsglanz. (deutsch in KellerBegrenzung, S.121)

 

Schön, groß und reich zu sein zeichnet nun Bischofsstädte aus - und nicht nur sie.

Am Ende kann Weinfurter zusammenfassen: "Nur wenig Karolingisches hat die Mitte des 11. Jahrhunderts überlebt." (Geschichte, S.58) Im langsam entstehenden Frankreich werden zwischen etwa 1000 und 1200 „mehr als 80 Kathedralen, 500 andere große Kirchen und einige tausend Pfarrkirchen gebaut oder umgestaltet. (Moore, S.70)

 

Das, was seit der sogenannten "Renaissance" als "Kunst" bezeichnet wird, ziert vorläufig die Macht der wenigen geistlichen wie weltlichen Großen. Nur sie können sich steinerne Architektur, Bildhauerkunst, Malerei und Goldschmiedearbeiten leisten. Dort, wo der Kapitalismus die Städte zu prägen beginnt, wie in Venedig, Amalfi oder Pisa, beginnen Kapitaleigner, sich daran zu beteiligen und manchmal dabei bereits eine Führungsrolle zu übernehmen.

 

Zm Bauboom gehört aber, wenig dokumentiert, auch etwas anderes: Stadt bedeutet nicht nur die durch die gemeinsame Mauer sichtbare Einheit von Machthabern, Handel und Handwerk, die sich manchmal erst später stärker vollzieht, sondern auch die durch Zuwanderung mögliche Tendenz, aus Gärten und anderen landwirtschaftlich genutzten oder "öden" Flächen in den Städten Bauland zu machen, was der Grundstücksspekulation Auftrieb gibt, und wodurch unbewegliche Güter in der Stadt immer wichtiger für Kapitalbildung werden.

Bis zum Ende des Mittelalters führt das früher oder später zu geschlossenen Bebauungen, dem Zusammenwachsen verschiedener durch Grünflächen getrennter Stadtkerne.

 

Textilproduktion

 

Nach der Landwirtschaft und neben der Metallproduktion wird die Textilwirtschaft. Dabei kommen die Rohstoffe für die Herstellung von Textilien aus der Landwirtschaft: Schafwolle, Flachs, Hanf (Leinen) und Farbstoffe von Pflanzen, die extra dafür angebaut werden. Parallel dazu entwickelt sich die Bearbeitung von Tierhäuten und Fellen durch Gerber, Lederer und Kürschner.

 

Kommerzielle Produktion von Textilien befriedigt zunächst stark Luxusbedürfnisse einer adeligen und dann auch einer bürgerlichen Oberschicht, bevor dann mehr Massenproduktion daneben tritt.

 

 

Eine frühe Textil-Landschaft entwickelt sich in Flandern mit Brügge, Gent, Ypern und mindestens fünfzig anderen dicht nebeneinander liegenden, kleineren Städten. Schon bevor die Römer kamen, gab es dort eine Tuchproduktion, deren Transport im frühen Mittelalter friesische Händler über die Flüsse besorgten. Nach und nach konzentrieren sich die Weber in den entstehenden Städten, wo sie die Rohstoffe finden und auf Walker und Färber treffen.

Bereits um das Jahr 1000 führt die Nachfrage zur Einfuhr englischer Wolle. Da diese besser ist als die flämische, verbreiten sich flämische Tuche über ganz Europa.

Die technischen Verbesserungen sorgen nicht nur für bessere Qualität, sondern auch für höhere Produktivität: „Die Weberei aber veränderte sich tiefgreifend, als man den alten Webstuhl, dessen senkrecht hängende Kettfäden man mit Tongewichten beschwerte, durch einen Webstuhl mit horizontalem Rahmen ersetzte, dessen Kettfäden an beiden Enden über Walzen liefen und mit Fußhebeln so gegeneinander versetzt werden konnten, dass der Weber das Schiffchen mühelos und rasch hindurchführen konnte. Dieses Gerät, das zum ersten Mal im Talmud-Kommentar des nordfranzösischen Rabbi Salomon Izhag Rashi (1040-1105) erwähnt wird, nahm mehr Raum ein und erforderte eine gewisse Investition von Geldmitteln, die es zur Verwendung im bäuerlichen Nebenverdienst ungeeignet machte. Auch trug es dazu bei, die Weberei, die vorher hauptsächlich Frauenarbeit gewesen war, zur Beschäftigung für spezialisierte männliche Arbeitskräfte zu machen. Vor allem aber konnte man damit feinere und längere Tuche herstellen als je zuvor (…) Für diese Tuche und ihre kunstvolle Fertigung lohnte es sich nun auch, als Rohstoff statt der einheimischen die feinere englische Wolle zu verwenden, obwohl dies höhere Kosten verursachte.“ (Pitz, S. 231)

 

Mit Verlagerung der Tuchproduktion vom Land in die Städte, das heißt aus den ländlichen Grundherrschaften heraus, setzt sich stärker eine Trennung der Produktion von Rohstoffen und Fertigprodukten durch,  und mit der Entwicklung des neuen Webrahmens übernehmen statt hörigen Landfrauen Männer die Weberei, während die Vorarbeiten wie Wollkämmen, wie Kunkel-Spinnen und auch Fadenproduktion von Frauen gemacht werden. Nach dem Weben wird das Rohtuch dann gewalkt, geschlagen, erneut gewalkt und manchmal gefärbt, bevor der Stoff in den Handel kommt. Verschiedene Materialien und verschiedene Arbeitsschritte führen dabei zu immer größerer Spezialisierung.

 

Diese Tuche sind Luxus für eine kleine Minderheit, die sie sich leisten kann. Sie tauchen dann später auf den Champagne-Messen genauso wie auf der von Nowgorod auf, und nicht zuletzt auch in den italienischen Seehandelsstätten. Mit ihnen werden Städte wie Gent, Brügge, Lille und Arras reich. Pirenne spricht vom Scheldebecken (en francais!) als einer ersten „industriellen Gegend“ (S.41) Bezeichnend dafür, also für diese räumliche Spezialisierung, ist der Verzicht auf den eigenen Transport, den bald die Frühformen der Hanse und italienische Firmen übernehmen werden. (*28)

 

Hier wie dann auch an der Scheldemündung, der mittleren Maas, im Rheintal von Straßburg bis Köln ist der werdende städtische Kapitalismus in Territorien eingebettet, die von hochadeligen Herren kontrolliert werden, Bischöfen, Grafen, Herzögen, die ihn ökonomisch fördern, seine ökonomische Macht aber für sich instrumentalisieren wollen. Überall werden mehr oder weniger, in besserer oder minderer Qualität auch Tuche hergestellt

 

1043 geht es in einem Brief von Abt Siegfried von Gorze an Abt Poppo von Stablo um die kanonische Unkorrektheit der Ehe von Agnes von Poitou mit dem König. „Daneben gab der Abt auch seiner Sorge Ausdruck, dass in diesen Zeiten allerorten und gerade auch am Königshof eine neuartige Prunksucht ausgebrochen sei, dass man sich in Kleidung, Haartracht, Rüstung und Reiterei nun herausputze und sich dabei am Vorbild der Bewohner des Westfrankenreiches (Francisci) orientiere.“ (WeinfurterGeschichte, S.88)

 

Alles bei den hohen Herren muss teuer, also kostbar, und kunstvoll, also technisch auf dem neuesten Stand sein, um der Darstellung von Status und individueller Eitelkeit zu dienen. Die Moden, die sich daraus entwickeln, und die wir im großen Maßstab später als "Stile" zu erfassen suchen, lassen sich an den immer schneller werdenden Veränderungen in der Bekleidung und der Haartracht deutlich wahrnehmen, wobei in deutschen Landen erste Einflüsse aus dem Westen und Süden beginnen.

 

Erste nicht mehr mit menschlicher Energie betriebene Gerätschaften, sondern mit Wasserkraft betriebene Maschinen werden die Mühlen. Zunächst zum Mahlen von Getreide verwendet, gelingt es im 11. Jahrhundert, sie an einigen Orten für früheste "industrielle", also maschinenbetriebene Produktion einzusetzen. Das beginnt in unserer Zeit mit den Walkmühlen für die Textilproduktion, die aber zunächst noch wenig verbreitet sind.

 

Grundsätzlich ist in fast allen Städten damals Tuchproduktion verbreitet, wie in Huy, wo der Bischof von Lüttich dann auch als Stadtherr 1066 ausdrücklich die Entstehung eines städtischen Rechtsbezirks fördert, der indirekt auch die Handelsbeziehungen bis England, Schweden und Nordrussland unterstützt.

 

In der zweiten Städtelandschaft, in der sich immer mehr Handwerk einnistet, Norditalien und Toskana, werden im 11. Jahrhundert einfache Wollstoffe für den lokalen und regionalen Verbrauch produziert, die auf italienischer Wollproduktion beruhen.

Wanderherden zwischen Appeninenhängen und den südwestlichen Maremmen liefern Wolle, wenn auch eher einfacher Qualität, was die Ausgangsbasis für Tuchproduktion in den meisten größeren Städten der Toskana liefert. Safran von San Gimignano und Arezzo, Färberwaid von Borgo San Sepolcro und Arezzo und von letzterer Stadt zudem Krapp geben den Tuchen Farben, und die können mit Alaun von Piombino fixiert werden. Damit kann den besseren Tuchen aus Flandern kaum Konkurrenz gemacht werden, aber auch sie sind ein Handelsgut. Und ganz langsam werden die Tuche in Florenz, Mailand, Verona und wenigen anderen Städten besser, um so in den nächsten Jahrhunderten in den Nahen Orient und den Mittelmeer-Raum verkauft werden zu können.

 

Über China, den Nahen Osten und Byzanz gelangt die Seidenproduktion ins lateinische Europa. zunächst wohl nach der Residenzstadt Salerno. In dieser Zeit, also um 1050, zählt man in dem noch byzantinischen Kalabrien bereits 24 000 Maulbeerbäume, ein kostbares Gut. (Mitterauer, S.191) Von Salerno sind Anfänge der Seidenproduktion damals wohl auch schon nach Lucca gelangt.

 

Bergbau und Metalle

 

Wo es nicht Könige sind, sind es vor allem mächtige und reiche Klöster, die nicht nur von Agrarprodukten und handwerklichen Erzeugnissen einer von ihnen beherrschten Bevölkerung Reichtümer und Macht anhäufen, sondern auch vermittels des Bergbaus. Dazu kaufen sie erzreiche Gebiete, die zum Teil viele hundert Kilometer von ihrem Zentrum entfernt sind. St. Denis bei Paris besorgt sich so erzhaltige Gebiete im Breisgau, ähnlich wie Lorsch und St. Gallen (usw.). An Klöstern angesiedelte Waffen- und Alltagsgüter-Produktion deckt so ihren Rohstoffbedarf.

Ähnliche Bedeutung hat der Bergbau für Stadtherren. Der Basler Bischof schafft es so, im Zuge der Burgund-Politik deutscher Könige/Kaiser die Kontrolle über  die Silberproduktion und die Münze im Breisgau zu erlangen. Indem er zugleich den Wildbann dort erhält, kann er die Ausplünderung der Erde mit jener rabiaten Nutzung des Holzes der Wälder als Brennstoff verbinden, die aus Erzen erst Metalle macht.

 

Die Pisaner eignen sich mit Elba dessen Eisenerz an, und verpachten die Minen an reiche städtische Kaufleute. Bergarbeiter  und Schmiede kommen zum Teil aus der Lombardei. Im Winter wird das Eisen abgebaut und verhüttet, im Sommer wird das Eisen in der Stadt zu Werkzeugen und Waffen verarbeitet oder weiterverkauft. (Mitterauer(2), S.222)

 

Die Erzgewinnung, bislang siedlungsnah und durch Schürfen an der Oberfläche durch Bauern betrieben, gerät im 10./11. Jahrhundert stärker in den Blickpunkt der Adelsherrschaften, die Leute losschicken, um ortsfernere Vorkommen zu suchen. Schächte werden dann bald auch in die Erde getrieben, es wird mit Förderkörben oder einfachen Grubenkarren gearbeitet. Werden Stollen tiefer in die Erde getrieben, muss Wasser abgeführt werden, was dann erst gegen Ende des 12. Jahrhunderts durch Ablaufstollen gelingen wird.

Die Bereitschaft, die harte und elende Arbeit des Erzabbaus zu betreiben, verweist auf die Not in den Reihen der ländliche Produzenten, die solchen zusätzlichen Erwerb erstrebenswert macht. Tatsächlich wird eine erste, noch bescheidene Industrialisierung, die nun langsam einsetzt, auf dem Rücken eines ländlichen Proletariats betrieben, welches mit seiner zunehmend erfolgreichen Vermehrung manchmal auch seine eigene Verarmung betreibt.

 

Seit der Antike wird das Eisenerz in Rennöfen bei Temperaturen von 1200 bis 1400 Grad mit Hilfe von Holzkohle herausgeschmolzen.Was sich dabei langsam ändert ist die Höhe der Öfen und die gesteigerte Temperatur durch mechanisch betriebene Blasebälge, welche dem Feuer Sauerstoff zuführen.

 

Südlich von der Tuchindustrie, an der mittleren Maas, entsteht aus eigenen Rohstoffvorkommen eine Kupfer- und Messingindustrie mit Zentren in Namur, Dinant und Lüttich. Dinant hatte schon in der Karolingerzeit einen Übergang über die Maas, der den Niederrhein, die Nord-Champagne und Ostflandern miteinander verband. Über den Fluss ist die Stadt mit der Nordsee verbunden. Der Herr, der Graf von Namur, sorgt dafür, dass die seinen Reichtum fördernden, zunächst noch unfreien Leute eine Art Rechtsgleichheit in der Stadt erhalten und Schutz vor rechtlichen Ansprüchen von Herren von außerhalb. 

 

Aufgrund der Nachfrage für Landwirtschaft und Krieg müssen bald Rohstoffe aus weiter entfernten Gegenden eingekauft werden, so wie auch die Produkte in immer größere Ferne geliefert werden.

Ende des 11. Jahrhunderts beginnt dann auch in diesem Bereich das Maschinen-Zeitalter mit Eisenhämmern und Schleifmühlen. Im Rheinland und in Oberitalien entstehen weitere Städtelandschaften eisenverarbeitenden Gewerbes, die sich nicht zuletzt wie beispielsweise Mailand als Waffenproduzenten hervortun.

 

Waffen liefern nicht nur Mailand und Brescia (in gehobener Qualität), sondern auch die tuszischen Produzenten bei Pescia und die von Pistoia, die erst deutlich später von denen in Florenz überrundet werden. Das Eisenerz nicht nur von Elba gelangt über den Arno und das Elsatal in die bewaldeten Hügel, wo es mit Wasserkraft und Holzfeuer prozessiert wird. Kapitaleigner stellen Subunternehmer ein, die das Erz der Verarbeitung in Unternehmungen (Mühlen, Hütten und Schmelzöfen) zuführen, davon einen Großteil an das größere Kapital zurückgeben und den Rest selbst vermarkten.

Erze gibt es nicht nur auf diesen Inseln, sondern auch im toskanischen Binnenland, insbesondere in den danach benannten colline metallifere südlich von Volterra. Zusätzlich gibt es dort Quecksilber und Schwefel.

 

In dieser Zeit teilt sich die Rüstung auf in die ritterlich-höfische und die des in Lohn stehenden Kriegers, zunächst meist ein Infanterist. Schließlich wird in der Prunkrüstung des zunächst noch zu Pferde kämpfenden Adeligen das, was als lederne und metallene Schutzbekleidung und hölzerne mit Metall versetzte und dann ganz metallene Waffe den Krieger ausmacht, zu einer seinem ursprünglichen Zweck entzogenen Ware, aber eine auf dem Markt immer wichtiger werdende. Sie ist soweit ästhetisiert, dass sie für den kriegerischen Gebrauch kaum noch tauglich ist. Im Gegensatz dazu werden Rüstung und Waffen des Reiterkriegers und des nur noch für Geld kämpfenden Söldners bzw. Soldaten auf Effizienz ausgelegt, nämlich auf Verletzen und Töten und Zerstören. (*29) Da sie für den Gebrauch bestimmt sind und dabei zerstört werden, gibt es dauerhafte Nachfrage. Rüstungs- und Waffenproduktion sind also elementare frühe „handwerkliche“ Warenproduktion und wichtiger Ort der Innovation.

 

Das Salz

 

Ohne Salz gibt es kein Leben von Tier und Mensch. Letztere verbrauchen im Jahr maximal 2 kg (wohl inklusive Konservierung bei Borgolte 15 kg), Kühe über 30 und Pferde an die 18 kg. Darüber hinaus ist Salz zum Konservieren von Lebensmitteln von erheblicher Bedeutung. Fisch und Gemüse werden eingesalzen und ebenso nicht direkt verbrauchtes Fleisch. Ungesalzenes Brot schmeckt europäischen Gaumen nicht.

Salz ist also, da nicht überall vorhanden, ein enorm wichtiges Handelsgut und die Verfügung darüber bedeutet Macht und Reichtum. "Nach Brot und Wein behauptete es sich respektabel auf dem dritten Platz." (Spufford, S.223)

 

Meersalz wird an vielen Stellen durch Verdunsten in Salinen und dem manchmal darauf folgenden Sieden gewonnen, wofür im wesentlichen Massen an Holz und manchmal auch Torf verwendet werden. In Salzgärten wie bei Bourgneuf kann es dank hinreichender Sonnenwärme auch einfach durch Verdunsten gewonnen werden. Die Salzgärten von Chioggia machen im 10. Jahrhundert einen Großteil des Wohlstandes Venedigs aus.

Rom, noch bevölkerungsreichste Stadt des lateinischen Abendlandes, kann sich relativ lange mit Meersalz aus der Tibermündung versorgen, bei Ostia und Porto. Die künstlich angelegten Salinen sind in pedica und fila, also in kleine und kleinste Einheiten, aufgeteilt. Besitzer sind fast ausschließlich etwa 25 Kirchen und Klöster, mehrheitlich innerhalb der Stadtmauern. Diese verpachten sie für viel Geld an reiche und mächtige Große, aber auch zum Teil an Priester, Handwerker und andere Geschäftsleute, die sie entweder unterverpachten oder direkt Saisonarbeitskräfte einstellen, die zeitweilig in Hütten untergebracht sind. Die salinarii haben ihre eigene scola bzw. ars, die von einem Prioren geleitet wird.

 

Salzsole aus Quellen gibt es zum Beispiel in Lüneburg, wo bereits 956 eine Saline in einer Urkunde Ottos I. erwähnt wird.

 

Steinsalz wird ausgewaschen, ausgeschwemmt und dann ebenfalls gesotten. Wie in der Eisenindustrie kommt es auch hier zu enormem Energieverbrauch mit den entsprechenden Schäden in der Landschaft und der Luft. Steinsalz aus Salzburg/Hallein wird schon seit der frühesten Antike gefördert und macht dann im frühen Mittelalter bereits den Reichtum des dortigen Bischofs aus.

 

Bis die Salzgewinnung in norddeutschen Salinen ergiebiger wird, wird an der Nordseeküste Salz auch gewonnen, indem Torf gestochen und verbrannt wird, um dann aus der Asche das Salz auszulaugen und einzudampfen (Salztorfabbau, DMeier, S.210f.) In den Niederlanden wird der Prozess bis zur Asche an der Küste durchgeführt, worauf Kapitaleigner die Siederei dann in Städten des Hinterlandes betreiben lassen.

 

Erst Mitte des 13. Jahrhunderts nimmt die Salzgewinnung durch Bergbau in die Tiefe zu. Bis in das späte Mittelalter wird dabei ein enormer Raubbau insbesondere am Wald betrieben werden, dessen Holz bereits im 11. Jahrhundert in England wie auf dem Kontinents in Massen hin zur Salzproduktion transportiert wird.

 

 

Modernisierung: Spezialisierung und Arbeitsteilung

 

Je kleiner ein Ort und je weniger Handwerker, desto weniger sind sie aufgrund der beschränkten Nachfrage imstande und geneigt, sich zu spezialisieren.

 

Spezialisierung im Handwerk ist horizontale wie vertikale Arbeitsteilung. Vertikal meint hier, dass mehrere Arbeitsschritte hintereinander von spezialisierten Arbeitenden vollzogen werden, was im einzelnen Handwerksbetrieb unüblich ist, weswegen unterschiedliche Betriebe diese Schritte hintereinander vollziehen. Das bekannteste Beispiel ist die Wolltuchproduktion, die sich erst auf drei, vier, dann im Laufe der Zeit auf zehn, zwanzig und schließlich bis zu sechsundzwanzig beschriebene verschiedene Arbeitsschritte und dann auch Betriebe verteilt - vom Spinnen über das Weben bis zum Färben.

 

Aber selbst dort gibt es zugleich nach und nach mehr horizontale Arbeitsteilung, von der im Prinzip gleichzeitigen Herstellung von Bettdecken bis zu Tuchen für Oberbekleidung, also am Endprodukt orientiert. Bei der Lederverarbeitung beispielweise herrscht solche horizontale, am Endprodukt orientierte Arbeitsteilung überhaupt vor, auch wenn die Gerber zumindest diesen vorgelagert ist: Da gibt es Schuster, Gürtler, Sattler, Handschuhmacher, Taschner und andere. Ebenfalls davon getrennt sind jene Kürschner, die für eine kleine Schicht von Wohlhabenden produzieren.  

 

Spezialisierung kann Einschränkung der Bandbreite an Rohstoffen bedeuten, eine Erleichterung im Einkauf, weswegen die Gold- und Silberschmiede schon immer vom übrigen Schmiedehandwerk getrennt waren. Es bedeutet zudem Konzentration auf weniger Arbeitsschritte, die sorgfältiger und verfeinerter durchgeführt werden können. Vor allem ist es aber Anzeichen für einen sich ausweitenden Markt - es gibt entsprechend mehr Käufer von Waren, also mehr Leute, die mit hinreichend viel Geld in das Marktgeschehen eingreifen. Der Marktanteil der Leute, die zu den wenigen Wohlhabenden gehören, ist dabei viel größer als ihre Zahl, dennoch steigt der Anteil an Waren für jenen Teil der Städter, die immerhin im Vergleich zum Gros der Landbevölkerung sich selbst als etwas wohlhabend betrachten können.

 

Als Beispiel für Spezialisierung kann auch das Bauen dienen: Bauern bauen sich ihre Behausungen manchmal bis ins zwanzigste Jahrhundert selbst, oft mit der Hilfe von Nachbarn und Verwandten. Der Bischof ließ sich zunächst seine Kirche oder seinen Palast von den Abhängigen aus der Grundherrschaft bauen. Mit steigenden technischen und ästhetischen Ansprüchen werden aber dann zum Beispiel mehr Steinmetze eingesetzt, die Quader so zurechthauen, dass das Sichtmauerwerk, wie es im 12. Jahrhundert häufiger wird, des Mörtels entbehren kann. Steinmetze, die von Baustelle zu Baustelle und durch die Lande ziehen, werden dabei zu einem spezialisierten Beruf. Dort, wo es solche Steine nicht gibt, beginnt sich im selben Jahrhundert der Ziegelbau durchzusetzen, in dem sich ein Maurerhandwerk professionalisiert. Und dort, wo immer kunstvolleres Fachwerk auf die Mauern aufgesetzt wird, entsteht ein spezialisiertes Zimmermanns-Handwerk.

 

Spezialistentum gibt es beim Schreiben im Kloster und am Königshof. Dabei handelt es sich um Kleriker und Mönche, bei denen man nicht immer im engeren Sinne von Professionalisierung reden kann. Aber wohl zuerst in Italien entsteht mit den Notaren, die Urkunden auch für Bürger aufsetzen, daraus ein Beruf, wenn auch kein Handwerk, keine ars mechanica, sondern einer, der (im besten Fall) auf der Unterrichtung in den artes des trivium (Grammatik, Rhetorik, Dialektik) beruht.

 

Hier wie im Beruf des Lehrers, der bald in den Städten häufiger wird, entsteht Profession in jenem Wortsinn, der sich dann im Begriff des Professors niederschlagen wird. Lehrer sind dann einmal Geistliche und Mönche, die von den Abgaben ihrer Schüler ihren Lebensunterhalt bestreiten, oder aber vornehmlich Notare, die im Nebenberuf sich ein Zubrot mit Unterricht erwerben, bis dann städtischen Schulen mit hauptberuflichen Lehrern aufkommen, die ein geregeltes Salär erhalten.

 

 

Technik und Maschinen: Einstieg in Industrialisierung

 

Das griechische Wort Technik (techne) bedeutet so etwas wie Kunst, Kunstfertigkeit oder Handwerk und wird von den Römern durch ars ersetzt und im deutschen  Mittelalter durch Kunst, also das meisterliche Können: Die Versorgung einer spätmittelalterlichen Stadt mit Wasser wird etwa durch Wasserkunst geleistet.

 

Viele grundlegende (Produktions)Techniken für Antike und Nachantike stammen bereits aus der Jungsteinzeit wie Töpferei und Textilproduktion. Andere werden aus der Antike bis ins Mittelalter tradiert. Das Neue des bald kapitalistischen Mittelalters wird die beschleunigte Innovation, mit der Europa den Rest der Welt im 12./13. Jahrhundert technisch überholen wird, um ihn dann in der Kombination von Kapital, Waffentechnik und Brutalität zu erobern und im Prozess der Ausbeutung zu zerstören.

Diese Verbindung von entstehendem Kapitalismus und beschleunigter Innovation wird zu untersuchen sein. Es wird nicht einfach nur Nachfrage, sondern ganz wesentlich der Spielraum von Kapital sein, der die Beschleunigung der Veränderung in Gang setzt und dabei zur Nachfrage das Angebot bietet, um es in der Konkurrenz auf dem Markt durchzusetzen. Die Erfindung oder später protowissenschaftliche Forschung selbst kann dabei manchmal den Rückhalt des Kapitals noch entbehren, aber sie findet, um öffentlich zu werden, diesen immer recht schnell. 

 

Die Entwicklung von Technik und Kapitalismus ist ganz eng miteinander verbunden, aber technische Fortschritte hängen zunächst an adeligem Reichtum. Die Verfeinerung der Goldschmiedekunst oder der Elfenbeinschnitzerei im frühen Mittelalter bedarf vor jedem Kapitalismus adelig-geistlicher Nachfrage und der herrscherlichen Bereitschaft, Geschenke zu machen, und auch so mit dem Gold und den funkelnden Edelsteinen zu protzen.

Ähnlich ist die Ausbreitung der Wassermühle, der wichtigsten Maschine seit dem frühen Mittelalter, zunächst in hohem Maße eine Sache der grundherrschaftlichen Klöster.

 

Längst sind Wassermühlen aber auch in und vor allem um Städte herum angekommen. Für den Winter 1073/74 konstatiert Lampert von Hersfeld in seinen Annalen Brotmangel, denn weil die Flüsse zugefroren waren, standen die Mühlen überall still, und konnten das Getreide, welches man noch fand, nicht mahlen. Städtische Bevölkerung und Heere waren also so groß geworden, dass sie längst auf Wassermühlen zur Brotherstellung angewiesen waren. Mit eigener Kraft mahlen reichte nicht mehr.

 

Neben dem Kapital zur Errichtung der Mühle muss zunächst eine einigermaßen durchgehende Wasserführung des Fließgewässers vorhanden sein, dazu muss ein adquater Zuweg eingerichtet werden. Die Mühlen sind zuerst unterschlächtig, das heißt, das Wasser fließt unten gegen das Mühlrad und bewegt dieses. Oberschlächtige Mühlen bedürfen dann eher eines künstlich hergestellten Gefälles. Daneben gibt es horizontale Mühlräder und seit dem 10. Jahrhundert solche, die auf Schiffe montiert werden wie in Köln.

 

Mit insbesondere der Nutzung der Wasserkraft und der Umwandlung der Drehbewegung der Mühlen durch die Nockenwelle, die eine rotierende in eine lineare Bewegung überführt, also mit der ersten Maschine, beginnt seit dem Ende des 11. Jahrhundert eine erste Industrialisierung der Wirtschaft, die dann durch die nächsten Jahrhunderte mit immer neuen Innovationen anhält. Die Erinnerung daran ist in England dadurch erhalten geblieben, dass Fabriken bis ins 20. Jahrhundert Mühlen heißen, mills eben. Hier gibt es 1086 laut domesday book in 9250 Gutsbetrieben bereits 6082 Mühlen, von denen manche schon Jahrhunderte vorher eingerichtet worden waren. In etwa dieser Zeit sind im heutigen Département Aube (Frankreich) 14 Mühlen belegt. Im 12. Jahrhundert werden es 60 sein und im 13. Jahrhundert 200. (Ertl, S.73)

 

Was mit Mühlen nun an handwerklicher Arbeit oder einfacher Lohnarbeit ersetzt werden kann, wird ersetzt, und das Leben und Arbeiten von immer mehr Menschen hängt dann direkt und meist indirekt zunehmend auch von dem Betrieb der Mühlen ab. Diese liefern nicht wie neuzeitliche Manufakturen Endprodukte ab, sondern solche für weitere Verarbeitung, wie das Mehl für den Bäcker und Eisen für den Hufschmied. Durch das Mittelalter sind so alles in allem Mühlen für die Ausweitung und Spezialisierung der Handwerkerschaft eher nützlich, während Fabriken im 19./20. Jahrhundert das produktive Handwerk ruinieren werden.

 

Mühlen sind teuer und bedürfen zur Errichtung und Unterhaltung größerer Geldmengen. Sie sind darum zunächst oft herrschaftliche Einrichtungen und unterliegen dem Bann. Dabei dienen sie allerdings nicht unmittelbar der Kapitalisierung von Reichtum, werden die Einnahmen aus ihrer Nutzung doch als Renten zum nicht geringen Teil in Konsum und immobile Vermögenserweiterung umgesetzt. Das grundherrliche Monopol der Bannmühle (für Getreide) wird dabei Teil einer sich allgemein durchsetzenden Banngewalt, die auch den öffentlichen Backofen, die Öl- oder Weinpresse und so manches andere neben den Abgaben und Diensten an den Grundherrn betrifft.

 

Mühlen beeinflussen in großem Maße das Textil- und Eisengewerbe, dort wo sie dafür dann auch eingesetzt werden. Das beginnt im Textilbereich mit einer ersten dokumentierten Walkmühle in der Toskana 983 am Serchio. Es folgen weitere im 11. Jahrhundert in Westfranzien, 1086/87 ist eine für Saint-Wandrille in der Normandie belegt, und im 12. Jahrhundert in England (ab 1185) und Flandern. Bis dahin wurde mit den Füßen oder durch Schlagen Tierhaar oder Gewebe daraus verfilzt. Mühlenbetriebene Walkhämmer schaffen das im drei- bis vierfachen Tempo, indem sie Hämmer auf die Tuche in einer Walklauge fallen lassen, und sie ersetzen so bis zu vierzig Fußwalker. In derselben Zeit werden auch frühe Mühlen zum Brechen von Hanf und Flachs erwähnt wie beim Kloster Admont. Aber das sind in unserem Jahrhundert noch Einzelfälle wie auch mit Wasserkraft betriebene Gerbereien.

Noch seltener sind im  11. Jahrhundert Schleifmühlen, die metallene Geräte und Waffen schärfen. Laut Gilomen soll zudem bereits 1073 in Nordspanien eine Mühle das Gebläse eines Schmelzofens betrieben haben (S.71), ein molinum fornacinum. Im Domesday Book werden für 1086 "Mühlen genannt, die Eisen abzuliefern hatten." (Borgolte, S.324) Für 1135 wird eine erste Schmiedemühle in Frankreich erwähnt.

 

 

Handwerk, Handel und Stadt

 

Da es im lateinischen Mittelalter ganz unterschiedliche Städte gibt, erscheint eine allzu enge Definition des Begriffes wenig sinnvoll. Hier soll nur die Stadt vom Dorf abgegrenzt werden, und zwar primär dadurch, dass in der Stadt und von ihr aus nicht landwirtschaftliche Produktion dominiert, sondern Handwerk und Handel vorherrschen, die zunächst auf Herren und ihre Bedürfnisse ausgerichtet sind, weshalb Städte vielfach einen herrschaftlichen Kern haben oder auch mehrere. Das kann eine Kathedrale oder ein Kloster sein, eine königliche Pfalz oder eine Burg weltlicher Herren. Der Siedlungskern kann aber auch unabhängig von herrschaftlichem Einfluss entstehen und dann erst diesem unterworfen werden.

In solche Städte fließt ein Teil des in der Landwirtschaft oder durch kriegerische Unternehmungen gewonnenen Reichtums ab und wird durch Handwerk, Handel und zunehmend bald auch Geldbewirtschaftung vermehrt. Deshalb haben Städte einerseits mindestens einen Marktplatz und werden andererseits gegen (Raub)Überfälle von außen durch Wälle und Gräben bzw. Mauern geschützt.

Mit besonderen Vorrechten, die an Herren und dann auch an einzelne Einwohnergruppen verliehen werden, setzt sich die Stadt vom Land ab, und diese besondere Situation der Städte schafft neue Formen von Selbstbewusstsein bei jenen Einwohnern, die sich nach und nach als "Bürger" ihrer Stadt betrachten.

 

Man kann für die Zeit zwischen 950 und 1300 in Mitteleuropa von einer deutlich ansteigenden Bevölkerung sprechen, ohne dass es dafür genauere Zahlen gibt. Während die Bevölkerungsdichte vorher durch Hunger und Gewalt niedrig gehalten wurde, nimmt sie nun durch eine gewisse Steigerung der Produktivität in der Landwirtschaft, durch massive Ausweitung der landwirtschaftlichen Produktionsflächen und manchmal steigenden inneren Frieden in einzelnen Gegenden zu. Verdichtung der Bevölkerung wird zur ersten Voraussetzung für Verstädterung, denn die Städte wachsen wesentlich über Zuzug vom Lande.

 

Verstädterung wiederum meint zweierlei. Einmal verbinden sich Siedlungskerne um Kirchen, Klöster und Pfalzen mit Handwerker- und Händlersiedlungen zu einem immer geschlosseneren Gebilde mit sich langsam verdichtetender Bebauung, wobei neben dem Handwerk vor allem der Nahhandel stadtbildend ist. Zum anderen nimmt die Zahl der völlig neuen Städte rapide zu: „In einem Zeitraum von weniger als zweihundert Jahren hat sich in Mitteleuropa die Zahl der Städte mindestens verzehnfacht.“ (KellerBegrenzung, S.252).

"Um 1100 war Straßburg die einzige civitas im Elsass, zu jener 'Mutterstadt' kamen bis 1250 14 'Gründungsstädte' und von 1250 bis 1350 noch einmal 70 'Kleinstädte' hinzu." (Dirlmeier, S.68) Zwischen dem Domesday Book 1086 und der Zeit um 1300, also in etwa einem Jahrhundert, verdoppelt sich nach einer Schätzung in etwa die städtische Bevölkerung im vorläufig noch etwas zurückbleibenden England. Am Ende, Mitte des 14.Jahrhunderts, lebt in Norditalien und Flandern bereits etwa ein Drittel der Bevölkerung in Städten, im Westen Deutschlands wohl immerhin etwas mehr als ein Sechstel.

 

Dazu kommen später weitere Stadtlandschaften durch die „deutsche“ Ostsiedlung zwischen Elbe und Oder insbesondere und dann auch weiter im Osten. Diese läuft ähnlich ab wie die Binnensiedlung, wie sie zum Beispiel von Fürsten mit Privilegien für Zuwanderer aus Holland und Flandern nach Norddeutschland zur Kultivierung von Sumpf- und Marschlandschaften vonstatten geht. Dabei entstehen mehr oder weniger planmäßig Dörfer und Städte.

 

Städte sind besonders im Norden noch recht klein. Größere haben wenige tausend Einwohner, aber manche wachsen nun deutlich. (*30) Sie entstehen als Ergänzung eines Dombezirkes, von Klöstern und Stiften, Pfalz oder Burg durch Siedlungen von Handwerkern und Händlern. Im Wachsen und Zusammenwachsen der Stadt lässt sich eine gewisse Zuordnung von Handwerk einmal in die Nähe des herrschaftlichen Bereiches erkennen, was vor allem deren Luxusbedarf betrifft, und zum anderen die eines wohlhabenderen bzw. auch der allgemeineren Ernährung dienenden Bereiches rund um den Markt, der der bürgerlichen Entwicklung der Stadt verbunden ist.

Unterhalb der Herren emanzipieren sich Fern- wie Nah-Händler und manchmal auch einige Handwerker je nach Möglichkeit ein Stück weit von herrschaftlichen Aufträgen und verselbständigen sich so nach und nach. (*31) Dem Handel und Handwerk werden erste Ansätze von Selbstverwaltung zugestanden, die aber bezahlt werden müssen.

 

Zudem verteilt sich das Gewerbe durch Aufgliederung und Spezialisierung auf unterschiedliche Teile der Stadt. Für Würzburg beschreibt Schulz so, dass Schmiede sowohl am Markt, in Domnähe als Feinschmiede als auch im Rand- und Außenbereich als Grob- und Kesselschmiede angesiedelt sind, letztere wohl wegen ihrer erheblichen Lärmentfaltung. Transportgewerbe wiederum verlagert sich in die Nähe der Stadttore und eines eventuell vorhandenen Hafens. Natürlich gibt es zudem auch andere standortbezogene Handwerkerviertel, die wegen des üblen Geruchs am Rande liegen oder vom Wasser abhängig sind wie die Färber oder Gerber.

Man kann zumindest in deutschen Landen wohl nicht selten von der gemeinsamen Ansiedlung einzelner Handwerke in einzelnen Straßen reden. Schustergassen, Büttnergassen, Fleischstraßen und Brotstraßen zeugen bis heute davon. Das muss aber nicht immer heißen, dass dort nur ein Gewerbe alleine angesiedelt war, manchmal verweist der Straßenname nur auf das jeweilige Zunfthaus.

 

Die Häuser der meisten Leute sind bis nach 1100 im wesentlichen aus Holz (Fachwerk etc), mit Holz oder Stroh gedeckt, noch nicht mit Glasfenstern versehen und sehr selten mit einer anderen Wärmequelle als dem offenen Herd. In elenden Einzimmer-Wohnungen leben Lohn- und Gelegenheitsarbeiter.

 

Das Handwerk wohnt überwiegend in Mietwohnungen - und Häusern, Renditeobjekten jener Kapitaleigner, welche beginnen, die Städte politisch stärker für sich zu vereinnahmen. Vermieten und Verpachten (auch von Land außerhalb der Mauern) wird zu einem Kapitaleinsatz, der von Betriebsabläufen unabhängiger macht und die Betätigung in Ämtern zum Beispiel erleichert. Aber natürlich können auf dem allgemeinen Markt erfolgreiche einzelne Handwerker ihr Geld ebenfalls in einem eigenen Haus oder dem Teil eines solchen anlegen bzw. ein solches selbst als Renditeobjekt erwerben.

 

Während der Marktwert von nutzbarem Grund und Boden auf dem Lande langsam um ein Mehrfaches steigt, wächst er in den durch Mauern eng umgrenzten italienischen Städten um das zehn, zwanzig- oder dreißigfache, auch wenn in einer Stadt wie Brescia im 11. Jahrhundert noch hauptsächlich Holzbauten stehen. Zur Bodenspekulation kommt hier noch die Investition in auf ihnen stehende Immobilien, die zunehmende Renten abwerfen. Bald gibt es in den nunmehr größeren Städten einzelne adelige, kirchliche und bürgerliche Immobilienbesitzer von zwanzig, dreißig Häusern in den besten Lagen. Kluge Unternehmerfamilien streuen Hochrisikokapital (vor allem dem „politischen“ Risiko unterworfen) in der Geldbewirtschaftung und im Fernhandel mit dem „nur“ an Konjunktur-Schwankungen des Marktes gebundenen produktiven Gewerbe und den relativ risikofreien Anlagen in Immobilien in Stadt und Land. Da nicht nur Teile des Adels an der Kapitalisierung der Wirtschaft teilhaben wollen, sondern das große Kapital nach aristokratischer Lebensführung strebt, nutzen letztere später Landgüter dann als quasi aristokratische Zweitwohnungen, aus denen im späteren Mittelalter dann die „Sommerfrische“ für die Familie im sommerheißen Italien wird.

Umgekehrt verschaffen sich Adelsfamilien in Italien städtische Dependancen oder verlagern ihren Lebensmittelpunkt ganz in die Städte. In dem Maße, in dem der Kapitalismus sich in den Städten hier als neue Form des Wirtschaftens Bahn bricht und den lokal gebundenen Markt territorialisieren will, wird die Tendenz aufkommen, den Adel auch in die Städte zu zwingen, indem ihm verordnet wird, dort ein Haus zu besitzen und sich wenigstens einen Teil des Jahres dort aufzuhalten.

 

 

Schädigung der natürlichen Lebensgrundlagen

 

Zwischen Stadt und Land entsteht immer deutlicher Arbeitsteilung: Das Land liefert, grob gesagt, der Stadt Nahrungsmittel und Rohstoffe, und die Stadt wiederum Fertigprodukte gewerblicher Art. Die Stadt verbraucht aber auch in zunehmendem Umfang Naturraum, Erde, Wasser und Luft, wobei die beiden letzteren mehr oder weniger verschmutzt an das Umland zurückgegeben werden, und sie erzeugt Abfall, Müll in einem viel größeren und das Umland viel stärker bedrohenden Maße als zuvor. 

 

Das, was u.a. Schott als "Stoffwechsel der Stadt" bezeichnet (S.19), ist ein Verbrauch von Naturraum, der weit über die Stadtgrenzen hinausgeht. Da es bald viele Städte mit Tausenden von Einwohnern gibt, besonders in Flandern und Norditalien sogar einige mit zehntausend oder mehr Bewohnern, decken Städte ihren Bedarf an Nahrungsmitteln und Rohstoffen aus Gegenden von hunderten oder tausenden Kilometern Entfernung. Dabei verbrauchen sie auch weit entfernt erhebliche Flächen, die der Natur entzogen und kultiviert oder gar an einigen Stellen zerstört werden.

Für diesen Flächenverbrauch entwickelten Rees/Wackernagel den Begriff vom ecological footprint, dem ökologischen Fußabdruck, den jeder Stadtbewohner im statistischen Mittel hinterlässt, und um das zu veranschaulichen, erwähnten sie für 2002, dass London für seine Versorgung das etwa 300fache seiner Stadtfläche verbrauche, das Doppelte der Fläche Großbritanniens (Schott, s.o.).

Städte verbrauchen aber nicht nur Naturräume, die so verschwinden, sie verbrauchen Luft und Wasser, indem sie sie verschmutzt an ihre Umwelt abgeben. Jedes Haus hat seine Kloake, insgesamt geben in großen Städten tausende von Menschen täglich Urin und Fäkalien auf engem Raum ab. Der tägliche Wasserbedarf steigt, wird manchmal schon durch öffentliche Brunnen gedeckt. In den nächsten Jahrhunderten werden dann erste Stadtbachsysteme gebaut. 

Schließlich verschmutzen und vergiften Städte Naturräume in ihrer Umgebung unmittelbar und mittelbar durch die Waren, die allesamt irgendwann als Müll Naturräume kontaminieren, die sehr weit entfernt sein können. Am Ende des Mittelalters wird es kaum noch intakte Naturräume in Mitteleuropa, England und Italien geben.