Schwellenzeit
Der größere Rahmen
Das ostfränkische Reich vor den sächsischen Königen
Das Reich der sächsischen Könige bis Otto III.
Italien
Das westfränkische Reich
Die Kirche der Bischöfe
Kloster und Reform
Freie, Herren, Adel
Weltliche Adelsmacht und lokale Herrschaft
Adel in Italien
Das Volk
Schwellenzeit
Unser Text hat inzwischen im Schnelldurchgang den Weg von den Besonderheiten der Natur des Menschen, ihrer Bewältigung durch Kultur(en) zu dem Übergang zu Zivilisationen institutionalisierter Macht, zu den städtischen Zivilisationen des Mittelmeerraums, der Bildung eines großen römischen Imperiums und dessen Zerfall im Westteil genommen, um dann die Bildung von zunächst germanisch dominierten Nachfolgereichen zu betrachten, die Ende des 9. Jahrhunderts weithin verfallen sind, mit der Ausnahme angelsächsischer Königreiche, die erst 1066 untergehen werden. In einigen Erbteilen dieser Reiche wird Kapitalismus entstehen.
Mit der Zeit der Reichsgebilde des 10. Jahrhunderts wird die Spanne zwischen Antike und Mittelalter beendet, die hier Nachantike heißen soll. Der Bezug zur antiken Welt, noch in der Zeit Karls d.Gr. deutlich, weicht langsam neuen Ansätzen.
Nicht mehr die schwindende Erinnerung an institutionalisierte antike Zivilisation, sondern ein Geflecht von persönlichen Beziehungen, in dem ständig Macht und Rang neu mit Drohgebärden oder Gewalt abgewogen werden, konstituiert nun vor allem das west- und das ostfränkische Reich. Die meisten Menschen sind zunehmend darin eingeordnet, indem sie ganz unten untergeordnet sind. Der Kapitalismus entsteht nun dort, wo das antike Erbe aufgezehrt scheint, und es entsprechend zu Veränderungen und Neuanfängen kommt.
Deshalb lassen wir ein Mittelalter nicht wie einige Gelehrte des 15./16. Jahrhunderts und fast alle darauf folgende Historiker mit dem Ende des weströmischen Reiches beginnen, und mit diesen Gelehrten zu ihrer Zeit enden, sondern halten es für angemessener, seinen Anfang im 10./11. Jahrhundert mit seinen vielen Neu-Anfängen in Richtung Kapitalismus einsetzen zu lassen, und es erst mit seinen Umbrüchen im 18./19. Jahrhundert zu beenden, die die Macht von Kirche, Adel, Fürsten und Königen beiseite schieben, bäuerliche Landwirtschaft und produktives Handwerk zerstören, wobei das alles in wiederum neuartigen Strukturen aufgeht. Damit fällt auch die besonders von deutschen Historikern entwickelte Aufteilung in frühes, hohes und spätes Mittelalter als unbegründet fort. (*1)
Die nun folgende Betrachtung ungefähr des 10. Jahrhunderts krankt weiter an der geringen Menge des zu betrachtenden Materials. Wir wissen wenig, weil die Zahl schriftlicher Quellen eher gering ist, ihre Überlieferung ein gutes Stück dem Zufall überlassen war, und das, was erhalten ist, oft weiterhin nur mühsam auf irgendeinen "Tatsachengehalt", also eine Relation zu einer damaligen Wirklichkeit zu überprüfen ist.
Man hat geschätzt, dass rund 90 Prozent aller schriftlichen Quellen eines kurzen Mittelalters der (meisten) Historiker erst dem 14. und 15. Jahrhundert entstammen. Dabei kommen die meisten schriftlichen Überreste zwischen dem 10. und 13. Jahrhundert aus der Feder von Mönchen und Klerus bzw. einer kleinen weltlichen Oberschicht. An direkten Äußerungen der weit über 90 Prozent der übrigen Bevölkerung mangelt es zunächst völlig.
Dort, wo mehr Kontinuität aus der Römerzeit erhalten ist, wie in Teilen Westfranziens und Italiens, bleibt etwas mehr Schriftlichkeit, während sie nach Osten und Norden bis auf Kloster und Kathedrale fast völlig verschwindet bzw. nie dagewesen ist.Fast alle Menschen sind auf mündliche Kommunikation beschränkt.
Die Sprache der Kirche und der Verwaltung von Macht und Reichtum ist weiter lateinisch, und dieses wird durch die Ausbildung von Volkssprachen gegen Ende des 8. Jahrhunderts auch in Gallien, im 9. Jahrhundert in Südgallien und Nordspanien, und in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts in Italien für die meisten Menschen zur Fremdsprache. Im Ostfrankenreich bilden sich langsam jene Idiome heraus, die etwas später gemeinsam als "deutsch" bezeichnet werden. Aber auch hier sind die wenigen schriftlichen Zeugnisse weit überwiegend auf Latein verfasst.
Dabei wird das Lateinische immer mehr - zwar weiterhin lingua franca der Reichen und Mächtigen - zu einer Art Kunstsprache weniger Leute, dem Mittellateinischen.
Der Raum, den Menschen damals kennenlernen können, um daraus ihre Welten zu konstruieren, reicht nicht weiter, als er zu Fuß erschlossen werden kann, bei wohlhabenderen Leuten zu Pferd, und zudem auf Booten oder Schiffen. Hilfreiche Karten gibt es kaum, und sie sind den meisten Menschen nicht zugänglich. Sie taugen auch nicht zum Reisen, dafür gibt es einige wenige Itinerare, Wegbeschreibungen, aber meist erst nach dem 10. Jahrhundert. Vermutlich sind damals die meisten nicht aufgeschrieben, sondern werden mündlich vermittelt. Wo kaum jemand Zugang zu schriftlich niedergelegten Texten hat, ist das Gedächtnis vermutlich viel besser trainiert als heutzutage.
Das macht aber nichts, denn die meisten Leute sind nicht weit gereist, sie haben weder die Mittel noch die Möglichkeiten dazu. Aber es gibt einzelne Fernreisende, zum Beispiel Pilger, die sich von England nach Rom begeben und in den nächsten Jahrhunderten solche, die quer durch deutsche Lande nach Santiago de Compostela pilgern werden. Dann gibt es reitende Boten von Königen zu Königen, zu Fürsten oder zu Pfalzen. Könige reisen in ihrem Reich herum oder zu Königen ins Nachbarland. Bischöfe dürften eine gewisse Vorstellung von dem Bistum haben, aus dem vor allem sie ihren Reichtum beziehen, und von den Gegenden, in denen sie sonstwo noch Besitzungen haben. Händler reisen mit ihren Waren und verfügen darum über mehr Welt als andere. Die so furchtbar häufigen Kriege lassen Heerscharen wenigstens ein bisschen Land und Leute kennenlernen, wobei sie das eine verwüsten und die anderen töten, verletzen, vergewaltigen und berauben. So lernten schon Franken Sachsen unter "dem großen" Karl kennen.
Ob die Erde eine Kugel oder eine Scheibe ist, ist den Menschen wohl gleichgültig, außer vielleicht der Kirche, die Welt aus Geschichtsmythen, Sagen und Legenden konstruiert. Man weiß, dass es westlich der iberischen Halbinsel und eines weithin unbekannten Afrikas einen riesigen Ozean gibt und sonst nichts. Man weiß im Osten vom Reich des römisch-griechischen Kaisers von Konstantinopel, vom sogenannten Heiligen Land, wo es einst mehr Juden gab, von Indien und China, wo Luxusgüter über Zwischenhändler herkommen, - man weiß, dass es da etwas gibt, aber man weiß fast nichts außer mehr oder weniger unterhaltsamem Unsinn darüber.
Religion
Das Christentum beruht weiter auf einer Mixtur aus altjüdischen und ausgewählten evangelischen Texten, angereichert durch solche der Kirchenväter und spätere Ergänzungen. Der kriegerische jüdische Gott ist längst der christliche, von dem die Juden abgefallen sind, da sie sich nicht durch Jesus als Christus haben erleuchten lassen. Immerhin werden sie vorläufig weiter geduldet, während die "Heiden" Feinde sind.
Dieses Christentum bietet weiter nicht die Botschaft Jesu, sondern vertritt eine ganz andere Lebensrealität. Mönche und Nonnen sollen immerhin auf einem gewissen Weg der Heiligung unterwegs sein, während Bischöfe und Priester weitgehend in "die Welt" integriert sind. Den Kriegern wird nur ein kirchlich-rituell ausgestaltetes Bekenntnis abverlangt, dem Nächstenliebe und Armutsideal zum Beispiel völlig fremd bleiben. Die produktive Masse der Menschen, illiterat wie die Krieger, verharrt in minimalen, von vorchristlichen Vorstellungen durchsetzten Glaubenssätzen, die alle darauf hinauslaufen, ihren Grundherren und der Kirche Gehorsam zu leisten. Daneben werden sie an den Kirchenwänden durch gemalte Darstellungen von sagenhaften und legendären "Geschichten" beeinflusst.
Neben dem Kirchenbesuch zu den vorgeschriebenen Veranstaltungen wird die Beichte vor dem Priester, die weithin die vor der Gemeinde ablöst, immer wichtiger. Dort wird ein Katalog von dem abgearbeitet, was abwechselnd Sünde und Verbrechen (crimen) heißt, und der von oben so verordnet ist wie in den später entstehenden Staaten Gesetze. Mit der Aufzählung der Sünden wird das Ableisten der vorgeschriebenen Buße verbunden. Dieses Leistungsprinzip kann zunehmend für den, der hat, durch Geldleistungen ergänzt oder ersetzt werden. Der Blick ist dabei mehr oder weniger furchtsam auf das sogenannte Leben nach dem Tode gerichtet, auf Himmel bzw. Paradies oder Höllenqualen. Vermutlich wird nicht nur für Heilige erhofft, dass man möglichst schnell und in möglichst angenehmem Körper in die ewige Seligkeit gelangt. Da der Mensch allemal sündigt, muss er entsprechend viel dafür als Kompensation tun. Wie auf den Märkten und beim Handel gilt es dabei, einen "gerechten Preis" einzuhalten, was auf dem Markt selbstredend nicht funktioniert.
So wie biblische Geschichten naheliegender sind als abstraktere Theologie, so sind auch die Heiligen im Himmel leichter zu vermenschlichen und eher Ansprechpartner als ein ferner Richter-Gott. Ihnen kommt man inzwischen am nächsten über ihre Überbleibsel, die Reliquien, also Knochenreste und anderes, was in Berührung mit ihnen gekommen war und nun in Kirchen im oder beim Altar aufbewahrt wird. Dorthin, wo so etwas besonders wirksam wird, werden Wallfahrten unternommen, so dass man am Ziel um Heilung von Krankheiten, Wohlstand oder was sonst gerade anliegt, flehen kann.
Kapital
Auf der Schwelle von der Nachantike zum Mittelalter treffen sich Zerfallserscheinungen und Anfänge von Neubeginn, woraus dann Rahmenbedingen für die Entstehung von Kapitalismus werden. Das heißt, dass im 10./11. Jahrhundert jene Schwelle erreicht wird, deren Überschreiten zu dem führen wird, was hier als Einnistung von zunehmend mehr sich freier bewegendem Kapital im Rahmen der Machtstrukturen bezeichnet werden wird. Von nun an wird die Bedeutung des Grundbesitzes ganz langsam abnehmen und die von Kapital entsprechend zunehmen. Im Laufe der Zeit werden dann Kapitaleigner versuchen, an der Macht auf ihre Art vor Ort zu partizipieren.
Kapital gab es in der Antike und dann deutlich weniger in den Jahrhunderten der Nachantike bis in die Karolingerzeit, ohne dass es diese Zeiten sonderlich prägte. Als wohl eher kleineres Handels- und Finanzkapital tauchte es in den Händen von Juden, Syrern und Friesen vor allem auf, Leuten am Rande und unterhalb der Machtstrukturen, die ihnen eine gewisse Freiheit im Raum hochgradiger Unfreiheit der meisten Menschen gewähren.
Bodenständigeres Kapital taucht, heute wenig nachvollziehbar, an Küstenorten von Nord- und Ostsee, und geringfügig deutlicher sichtbar in einigen Handels-Städten der lateinischen Mittelmeer-Küsten insbesondere von Italien wie Venedig und Amalfi auf, ohne das wir viel davon wissen. Solchen Städten gelingt es, sich stärker von übergeordneter Herrschaft zu emanzipieren und neuartige interne Strukturen zu erproben, von deren Entfaltung wir erst aus dem 11./12. Jahrhundert genaueres erfahren werden.
Von den Großstädten im christlichen Raum mit mehreren hunderttausend Einwohnern ist nur Konstantinopel übriggeblieben, das Kalifat hat mit Städten wie Antiochia und Alexandria die übrigen geerbt, unter islamischen Herrschern solche wie Cordoba oder Palermo zu neuer Blüte gebracht und neue wie Bagdad geschaffen. Aber nicht in dieser Welt großer Städte und großer Reichtümer wird der Kapitalismus entstehen, sondern in einer derzeit überwiegend bis fast ganz landwirtschaftlich geprägten Welt, in der außerhalb des Mittelmeerraumes Städte von wenigen tausend Einwohnern wie Inseln in einer agrarischen Welt mit noch viel Naturlandschaft dazwischen herausragen, und wo die alten Städte auch im mediterranen Raum massiv geschrumpft sind.
Vorteilhaft für die Entstehung von mehr Kapital ist einmal eine Klimaverbesserung, mehr landwirtschaftliche Produktion, Bevölkerungs-Vermehrung und das Ende der Verheerungen durch räuberische Invasoren, die Normannen, Sarazenen und Ungarn, im Laufe des Jahrhunderts. Dabei haben die Ungarn immerhin bis 962 Streifen ihrer weiten Raubzüge bis Westfanzien und Italien gründlich verheert.
Kapital existiert in dieser Schwellenzeit meist nur in geringem Umfang als Handels- und daneben auch schon ein wenig als Finanzkapital. Grundlegende Voraussetzung ist die Nachfrage nach Waren und nach Geld, dabei vor allem auch nach Krediten. Eine solche Nachfrage existiert bei einer wohlhabenden geistlichen und weltlichen Herrenschicht, die ihren Reichtum aus der Verfügung über die Erträge großer Landgüter bezieht, in denen sie einen Teil der Produkte der bäuerlichen Arbeit abschöpft und zunehmend auch auf einen Markt bringt.
Warenproduktion betreiben in zunächst geringem Umfang manche Handwerker und Bauern, die produktive Basis von Stadt und Land. Die aber besitzen kein unternehmerisches Kapital, sie arbeiten im wesentlichen, um zu (über)leben, nicht um Gewinne einzufahren. Über ihnen existiert weiter Grundherrschaft und eine darauf gegründete kriegerische Herrenschicht, der es in der Francia und Italien gelungen ist, das Königtum erheblich zu schwächen, während ein solches sich in einem entstehenden England zeitweise etwas stabilisiert.
Gesteigerte Produktion bei günstigerem Klima, Zunahme von Handwerk und Handel und erste Ansätze neuartiger Stadtstrukturen treffen auf relativ schwache Könige und erstarkende Fürstentümer, die es immerhin schaffen, äußere Feinde soweit abzuwehren, dass sie als ein gewisser Ordnungsfaktor für Kapitalbildung dienen können. Diese Machtstrukturen sollen darum nun als erstes in groben Zügen beschrieben werden.
Der größere Rahmen
Während sich die Teilung der Francia bei inneren Zerfallserscheinungen in ein westliches und ein östliches Reich konsolidiert, der Ostteil dann erneut auf das zersplitterte Italien übergreift und das angelsächsische Königtum von Skandinavien aus bedroht wird, nimmt dort und im Gebiet der Slawen ein Prozess der Zivilisierung Fahrt auf, in dem als erstes in Dänemark ein zunächst instabiles Königtum auch über die Einrichtung zunehmend von Franzien unabhängiger kirchlicher Strukturen erreicht. Norwegen folgt darin erst am Ende des 10. Jahrhunderts, und im zukünftigen Schweden besiegen dann die Svear die Götar, und es setzt auch dort mehr Christianisierung ein. Mit Ribe und Birka gibt es schon früh stadtähnliche Handelsorte.
Ganz im Osten entstehen aus Handelszentren der skandinavischen Waräger (byzantinisch: Rus) einzelne Fürstentümer wie Nowgorod und Kiew, wobei in den wenigen Städten Skandinavier, Slawen und andere Völker in einer gemeinsamen slawischen Sprachfamilie aufgehen. Von Kiew aus wird dann gegen Ende des 10. Jahrhunderts ein Reich vom Ladogasee bis zum Schwarzen Meer errichtet, dessen Herrscher zum Christentum byzantinischer Machart übertreten. Seine Hauptstadt Kiew hat um das Jahr 1000 mehrere tausend Einwohner, große Kirchenbauten, und kann sich auch sonst mit gleichzeitigen deutschen Städten messen.
Derweil ist die herrschende Schicht der benachbarten Chasaren jüdisch, und etwa um dieselbe Zeit tritt ein Seltschuk am Aralsee mit seinen Oghusen zum Islam über.
Weiter südwestlich wird ein großmährisches Reich um 900 von den Ungarn zerstört, während sich ein kroatisches länger hält.
Ganz im Westen formiert sich im 10. Jahrhundert unter böhmischen Fürsten von Prag aus ein durch Gebirge abgegrenzter Machtraum, von dem aus dann versucht wird, sich in Richtung des entstehenden Polens und des geschwächten Mährens hin auszudehnen. Die um Gnesen und Posen beheimateten Polen schaffen unter dem Piasten Mieszko eine rapide Expansion Richtung Ostsee, die aber ohne klare Grenzen bleibt. Aber ähnlich wie slawische Stämme gegen "deutsche" Herrschaft, so stehen andere auch vorläufig gegen die polnische auf. (alles ausführlicher unter *2)
Auf der iberischen Halbinsel kommt der islamische Vormarsch zum Stillstand und nimmt die Rückeroberung durch lateinisch-abendländische Herrscher ganz langsam Fahrt auf. Den asturischen Königen gelingt es in fünfzig Jahren bis 910, ihr ursprünglich kleines Gebiet zu verdreifachten.
Aber unter Abdalrahman III. (912-61), der sich 929 gegen die Fatimiden zum Kalifen erklärt, nimmt der Druck mit jährlichen Raub- und Zerstörungszügen zu. Mit seinen Heeren ziehen beutehungrige Freiwillige des Heiligen Krieges, wie sie sich nennen. Christliche Könige und Grafen des Nordens zeigen sich zeitweilig eher unterwürfig. Kalif und Oberschicht in El Andalus werden auf der Basis von Landwirtschaft, Handwerk und Handel enorm reich.
Derweil entsteht ein Fürstentum Aragon, und die Grafschaft Barcelona expandiert am Pyrenäenrand und nach Süden. 965 werden die Markgafen von Barcelona formell von der Markgrafschaft Toulouse getrennt, bleiben aber zunächst noch in engem Kontakt mit Westfranzien.
Nach Abdalrahmans Sohn übernimmt seit 981 ein sich Almansor nennender Machthaber das Kalifat und dringt auf Raubzügen immer weiter nach Norden vor. (ausführlicher unter *3)
Zwischen dem 7. und frühen 8. Jahrhundert erobern islamische Araber mit dann verbündeten unterworfenen Völkern den Nahen Osten, Ägypten, Nordafrika und den größten Teil Spaniens, bilden aber außerhalb Kernarabiens nur eine dünne Oberschicht. Von den Römern übernehmen sie anders bzw. stärker als beispielsweise die Franken Verwaltung, Steuern und stehendes Heer. Mit der Übernahme einiger der reichsten römischen Provinzen und ihrer Verbindung mit dem Iran und Zentralasien entsteht ein prosperierender Handelsraum mit dem Dinar (vom Denar abgeleitet) als gemeinsamer Währung. Bagdad wird im 9. Jahrhundert zu einer der größten Städte außerhalb Chinas.
Während das Christentum zunächst offiziell Besitzgier, Gewinnstreben und damit auch Kapitalbildung eher ablehnend gegenüber steht, hat der Islam damit weniger Probleme, war doch schon Mohammed laut den Legenden über ihn selbst Kaufmann gewesen.
Anders als Skandinavier, Rus und große Teile Schwarzafrikas ist neben Byzanz und dieses überflügelnd die islamische Welt zwischen Bagdad, Sizilien und Spanien im 10. Jahrhundert dem lateinischen Abendland an städtischer Zivilisation, Schriftlichkeit, Handel und technischen Errungenschaften noch weit überlegen. Deren Abbassidenreich zerfällt schließlich in Teilreiche wie das der Almoraviden in Spanien und das der schiitischen Fatimiden von Marokko, die um 970 bis Ägypten vordringen und dort Kairo ("Die Siegreiche") gründen, welches schnell auf eine halbe Million Einwohner anwächst. Sie nehmen dann Damaskus ein und bringen Mekka und Medina unter ihre Kontrolle. Derweil geraten die Abbassiden in ihrem Palast in Samarra immer mehr unter die Kontrolle von Turk-Truppen.
Überall sind die islamischen Handelsstädte an der südlichen Mittelmeerküste Transitorte für den Handel aus Schwarzafrika und ab Alexandria mit Asien. In unserer Schwellenzeit lassen sich zunächst Händler aus Amalfi dort nieder und beginnen, den Warentransit ins lateinische Abendland muslimischen Händlern abzunehmen. Zu Sklaven und Gold vermittelt Kairo auch Elfenbein, Kupfer und Bronze nach Europa. (*3a)
In den großen Rahmen integriert ist auch Schwarzafrika, welches mit Gold und Sklaven über die Welt des Islam bis nach Europa ausgreift (*3b), in mancher Beziehung bedeutender ist aber Asien als Produzent von Waren, Raum großer städtischer Zivilisationen und von bedeutenden Reichsbildungen. (*3c)
Als altes christliches Großreich hat nur der Ostteil des römischen Imperiums überlebt, dessen Versuche, wieder auf den Westen überzugreifen, mit dem Einmarsch der Langobarden in Italien einerseits und der visigotischen Rückeroberung der Region um Cartagena anderseits scheitern. Nur kleinere Gegenden auf der italienischen Halbinsel stehen im Westen jetzt noch unter nomineller oder tatsächlicher oströmischer Hoheit. Im südost-europäischen Teil wird Byzanz von Awaren, Bulgaren und anderen Völkerschaften bedroht und gerät unter slawischen Siedlungsdruck, und jenseits von Resten in Kleinasien hat es alle orientalischen und nordafrikanischen Gebiete an die stracks durchmarschierenden Heere des triumphierenden Islam abgeben müssen, an jenes Kalifat, welches nun größtes Reich auf ehedem römischem (und christlichem) Boden ist. Immerhin gelingt es Nikephoros Phokas, Kreta (960) und Kilikien zurück zu gewinnen und Vorstöße nach Syrien zu machen, nach Antiochia und Palästina. (ausführlicher unter *3d)
Zwischen den derweil orientalisch überformten Sizilien und des Großteils von Hispanien gibt es muslimisch kontrollierte Küstenstädte, Militärstützpunkte und Piratennester im nördlichen Mittelmeerraum. Von Fraxinetum (La Garde Freinet) gelingt es islamischen Herren, im 10. Jahrhundert durch das Rhonetal vorzustoßen und die Westalpen mit dem Pass des Großen Sankt Bernhard zu kontrollieren. Die lateinischen Herrscher sind zunächst zu schwach für Gegenwehr. (*3e) Als dann auf dem Pass der Abt Maiolus von Cluny auf der Rückreise von Italien gefangengenommen wird, und das Aufsehen erregt, beginnt das Abdrängen der Muslime aus den Westalpen.
England und keltische Gebiete
Alfred ("the Great") stirbt als "König der Angelsachsen", und das Reich scheint nun langsam mit England zusammenzufallen. Sein Sohn erobert East Anglia und schließt 919 Mercia ganz an sein Königreich an. Herren (ealdormen) aus Wessex bilden bald dort die Oberschicht. Dessen Sohn Aethelstan erklärt sich 931 zum "König von Britannien" und 938 zum basileus der Engländer und aller umliegendenVölker. (Wickham(3), S.458)
Dabei entwickeln die Könige im 10. Jahrhundert mit einer auf sie orientierten Herrenschicht ein stärker durchverwaltetes Reich als die Nachbarn auf dem Kontinent zur selben Zeit, wiewohl hier fränkischer Einfluss durchscheint (Wickham).
Das Reich wird in Grafschaften, die shires aufgeteilt, und die werden königlichen "Beamten", shire reeves (späteren sheriffs), unterstellt. die für Gerichtsbarkeit und Heeresaufgebot zuständig sind. Bei solchen Gerichtsverhandlungen (placita) soll auch der Bischof und der ealdorman anwesend sein samt den edlen thegn. (Wickham(3), S. 453f)
Unter Edgar werden Klosterreformen durchgeführt und einige Kathedralkirchen werden von Bischöfen aus dem Mönchtum in Klöster verwandelt. Englische Mönche reisen in diesem Zusammenhang auch in fränkische Klöster.
Es kommt zu Versuchen, eine lockere Oberhoheit über Cornwall, Wales und Schottland herzustellen, die allerdings ihren keltischen Charakter vorläufig beibehalten.
Um 980 nehmen die dänischen Angriffe wieder zu und werden nach 992 gezielte Eroberungsversuche durch die norwegischen und dänischen Könige. Sie werden seit den 90er Jahren bis 1012 unter Aethelred II. ("the Unready") mit immer größeren Tributzahlungen abgewehrt, die durch eine sehr effektive Art Dänensteuer mit großer Härte eingetrieben werden.
1013 wird Sven Gabelbart zum König von England gekrönt, dem nach wenigen Monaten Sohn Knut bis 1033 folgt. Innerhalb von neun Jahren sterben seine drei Söhne, worauf dann Ethelreds Sohn Edward bis 1066 folgt.
Kelten waren aus dem einst großen antiken Siedlungsgebiet durch Romanisierung, dann Anglisierung und wohl auch Vertreibung zum großen Teil mit ihren Sprachen verschwunden. Geblieben sind sie in Cornwall und zunächst auch noch Devon, in Wales, in Schottland und Irland.
In Wales entwickelt sich wegen der englischen Bedrohung ein Gemeinschaftsgefühl als Cymri und seit der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts zudem der immer neue Versuch eines Fürstenhauses von Gwynedd, das ganze Land unter seiner Macht zu vereinen, ohne ihm allerdings Verwaltungsstrukturen aufzwingen zu können.
Im schottischen Alba setzt sich im 10. Jahrhundert immer mehr irischer Einfluss durch. Der hohe Norden und die Inseln sind allerdings skandinavisch und Moray verselbständigt sich, während Lothian gegen Ende des Jahrhunderts hinzu gewonnen wird.
In Irland herrscht weiter Viehzucht vor, daneben gibt es Hafer, Gerste und Weizen und relativ wenig Roggen. Mitte des 9. Jahrhunderts gehen die Nordmänner in Irland von räuberischen Überfällen zu Ansiedlungen über und entwickeln mit Dublin, dann Waterford, Cork und Limerick erste Städte auf der Insel. Dublin wird ein relativ bedeutendes Handelszentrum mit Produktion von Gegenständen aus Knochen, Leder, Holz und von Textilien. So wie etwa zeitgleich in Wales versuchen auch in Irland Häuptlinge ein zentrales "Hochkönigtum" zu errichten.
Überall entwickelt sich jene Zivilisierung, die sie nach und nach in einen europäischen Markt integriert, einmal über Christianisierung mit Kirche und Kloster, dann über die Etablierung von Normannen vor allem in Irland, deren Orte später zu Städten werden. Ähnliches wird in Teilen Schottlands unter englischem Einfluss seit dem 11. Jahrhundert geschehen.
Das ostfränkische Reich vor den sächsischen Königen
Die wenigen Mächtigen drücken allen anderen ihre Sprachregelungen auf, und so behalten die beiden aus einer Francia entsprungenen Reiche den Namen bei, wiewohl Franken im Westen inzwischen weitgehend in den heimischen Völkerschaften aufgegangen sind, und im Osten vor allem im unteren Maingebiet auftauchen, und ansonsten meist eine sehr dünne Herrenschicht darstellen.
Die Königsmacht ist im Verlauf des 9. Jahrhunderts zugunsten der von regionalen Großen zurückgegangen, und Macht wird stärker von Bischöfen, Grafen und duces, Herzögen ausgeübt. Im Osten verstärkt sich diese Entwicklung unter Arnulf von Kärnten und Ludwig ("dem Kind") bis 911, und das Machtvakuum füllen nun sogenannte Stammesherzöge wie in Alemannien und Bayern als Nachfolger karolingischer regna, und das zunehmend unter Liudolfingern zusammengefasste Sachsen.
Es gelingt so im Ostreich einigen Familien, sich, zunächst immer noch als Grafen oder Markgrafen, durch Ansammlung mehrerer Grafschaften und von immer mehr Privilegien von den anderen abzuheben, dabei eben Ämter, Besitz, Klöster, Lehen, Vasallen usw. auf sich zu vereinen. Solche (zunächst noch) Amtsträger ordnen sich dann als Herzöge von geradezu fürstlichem Rang "Stammesgebiete" zu: Konradiner in "Franken", Liudolfinger in Sachsen, wobei erst die Billunger nach 953 ein Stammesherzogtum herstellen. Dazu gibt es die Luitpoldinger in Bayern, die Reginare in Lothringen.
Die Entstehung der Machtposition der inzwischen mächtigen Herzöge hat die Schwäche des Königtums und ihre Unfähigkeit, äußere Feinde abzuwehren, zur Voraussetzung. Die Position des Herzogs, dux, ist aber dabei nicht ethnisch definiert, sondern in ihrem Rang und Prestige gegenüber dem König einerseits und den Großen im Herzogtum andererseits. Insofern lässt sich auch die etwas spätere Einsetzung der vielen Söhne, Enkel und Urenkel des Sachsen Heinrichs I. in Schwaben, Bayern, Kärnten und Lothringen als nicht ungewöhnlich erklären. Als Nebeneffekt werden diese königlichen Nachkommen dabei den Königen in Sachsen und Franken nicht ins Gehege kommen. (Keller, S.69ff) Mit der Einsetzung von Herzögen durch die Könige erhalten ihre Positionen zunehmend Amtscharakter, auch wenn diese im Laufe der Zeit erblich werden.
In die Reihe der Fürstentümer steigen unterhalb bzw. neben der herzoglichen Ebene Markgrafen an den Grenzen Ostfrankens, der bald deutschen Lande auf.
Die Bildung der beiden neuen Reiche ist dabei, Besitzungen und Verwandtschaften zu zerschneiden. Es handelt sich beim Besitz wohlhabenderer Herren um Streubesitzungen, die sich über das ganze ehemalige Reich Karls des Großen verteilt hatten. Adelsfamilien heiraten zudem zunächst weiter über neue Reichsgrenzen hinweg und verklammern so vor allem vorläufig noch Gallien und Germanien. Seit Karl der Große Franken als Verwalter seiner Herrschaft nach Nord- und Mittelitalien schickte, die sich dort einwurzeln und dann romanisiert werden, gibt es solche Bindungen auch dorthin.
Es existiert insgesamt eine großgrundbesitzende und kriegerische "adelige" Herrenschicht, aus der die von Historikern heute geschätzten gut 200 Personen hervorgehen, die eine Art Führungsschicht im Ostreich bilden. Sie gewinnen Reichtum und Macht auch dadurch, dass sie verliehenes Gut und Amt als erblich ansehen, was oft geduldet wird, um ihre Treue zu erhalten. Bei Keller heißt das, "dass trotz des rechtlichen Charakters des Lehnsverhältnisses in ihm kaum noch institutionelle Garantien liegen, sondern dass sein Funktionieren als Treueverhältnis weitgehend von der aktuellen Gestaltung personaler Beziehungen abhängig geworden ist." (S.16) Diese Oberschicht heiratet untereinander und schließt sich so immer weiter ab. (Althoff S.239)
Die gesamte weltliche wie geistliche Herrenschicht außerhalb fast jeder Form von Staatlichkeit regelt ihr Leben im wesentlichen selbst, wobei sie gemeinsame Vorstellungen von Ehre (honor), Rang und Status weiter entwickelt, die mehr oder weniger ineinander verschränkt sind. Werden sie verletzt, gibt es das Recht auf den bewaffneten Konflikt und zumindest bis tief in die Zeit der sächsischen Könige ganz selbstverständlich auch gegen den König selbst als obersten Edlen.
Nicht ganz unwichtig für die Entstehung des Kapitalismus wird sein, dass Status und Rang nicht nur als kriegerische Macht, Macht über Menschen und Grund und Boden auftreten, sondern sich in Statussymbolen als demonstrierter Reichtum äußern. Dabei gehen Kirche und Kloster mit ihren goldenen, silbernen und mit Edelsteinen verzierten heiligen Gegenständen voran, bei denen es vor allem blitzen und funkeln muss.
Daneben spielen in einer fast schriftlosen Welt symbolische Handlungen eine wichtige Rolle, Unterwerfen als Kniefälle, das sich flach auf dem Boden Prosternieren, oder die Rituale der Aufnahme in die Huld des Mächtigeren. In der Regel werden solche Vorgänge vorbesprochen und dann öffentlich inszeniert, was ihnen fast Urkundencharakter gibt, wenn auch mit tatsächlich beschränkter Gültigkeit.
Unter dieser geistlichen und weltlichen Herrenschicht gehen langsam weiter in einer gemeinsamen Schicht mit Sklaven und persönlich abhängigen Landbewohnern Reste freier Bauern auf, die Schutz suchen vor den verheerenden Einfällen von Normannen, Ungarn oder Slawen oder von Adeligen aus der Nachbarschaft. Im 9. Jahrhundert gewinnen sie erste Ansätze von „Rechtssicherheit“ über ihren Status (Althoff/Keller S.228), und in ersten Einzelfällen einen gehobeneren Status über Dienste für ihre Herren, die solche „Ministeriale“, Dienstleute, dann manchmal in Wohlstand und viel später sogar in den Adelsstand erheben werden.
Rechtlich genauso in die Familien der Herren eingeordnet sind die wenigen, produktiv arbeitenden Stadtbewohner, die bei allgemeiner Bevölkerungszunahme und anfangender Landflucht langsam zu einer stärker wahrnehmbaren Gruppe werden. Herrschaft über sie, manchmal über die des Herrn seiner familia hinaus, übt eine Art Stadtherr aus. Da es sich meist um Bischofsstädte handelt, ist das nach Maßgabe seiner Bevorrechtung (Privilegierung) der Bischof selbst, der geistlich und zum Teil weltlich über seine Diözese herrscht.
Möglicherweise stellt sich bei weltlichen und geistlichen Großen der inzwischen herausgebildeten Stämme neuen Typs ein in den erhaltenen Texten nicht näher erklärtes Gemeinschaftsgefühl heraus, welches dazu führt, dass sie sich nach dem Aussterben ihres Karolinger-Zweiges nicht an die westfränkischen, weithin romanisierten Karolinger um eine Herrschaftsübernahme wenden, sondern sich auf einen der Ihren einigen, den "fränkischen" Herzog Konrad (911-18) mit Macht und Besitz an Mittelrhein und Mainfranken. Dieser hatte sich zuvor gegen die anderen mächtigen Adelsgeschlechter, vor allem die fränkischen Konkurrenten der Babenberger-Familie und die sächsischen Liudolfinger, behauptet und die Nähe zum König gesucht und gefunden.
Mit der Entscheidung für Konrad stellen sich die Lothringer, kein Stammesgebiet wie Alemannien, Bayern oder Sachsen, unter die Oberhoheit des westfränkischen Karolingers Karl („des Einfältigen“). Damit fehlt Konrad ein beträchtlicher Teil seiner Besitzungen.
Er gründet seine Macht vor allem auf fränkischen Familienbesitz und einem Rest-Erbe königlichen Besitztums aus der Zeit zuvor auf. Das Königsgut in Alemannien und Bayern ist dabei zur Gänze verloren. Daraus folgt vorläufig „das nahezu völlige Fehlen herrscherlicher Tätigkeit im Bereich dieser Herzogtümer.“ (Althoff/Keller, S.212)
Auch die kleinen Ansätze von Staatlichkeit, die der "große" Karl entwickelt hatte, Befehlsgewalt durch Kapitularien und über Synoden, Einsetzung von Grafen und deren Kontrolle durch Königsboten, all das auf gewaltigem Krongut basierend, sind verschwunden. Verwaltung über Schriftlichkeit findet zunächst kaum noch statt.
Ohne Hauptstadt, also ohne geographisch fixiertes Zentrum, wird königliche Herrschaft auch weiter auf Reisen mit Höflingen und Hofkapelle ausgeübt, vor Ort, und zwar nicht nur für das jeweilige Gebiet, sondern theoretisch für das ganze Reich. Der erste Konrad stützt sich dabei auf Bistümer (die alten lothringischen sind erst einmal verloren), die seines Schutzes bedürfen, und versucht zudem mehr Reichsabteien für sich zu gewinnen. Man kommt zu ihm, so wie er nach Möglichkeit in die Nähe seiner Fürsten kommt.
Im schwierigen Versuch, die Zentralgewalt gegen die Stammesherzöge herzustellen und die Verheerungen durch die Ungarn abzuwehren, verschleißt sich die sehr geringe Königsmacht.
Um 900 haben die Ungarn die Morawier/Mähren besiegt und das spätere Ungarn eingenommen. Als der Sachse Heinrich die slawischen Daleminzier bedrängt, rufen diese 906 die Ungarn zur Hilfe, was dazu führt, dass ihr Gebiet von nun an zum ungarischen Aufmarschgebiet in den Westen wird. Dies wiederum gibt den Kämpfen sächsischer Heere im Osten eine zusätzliche Bedeutung.
Die sächsischen Könige bis Otto III. (siehe auch Anhang 15)
Offenbar versteht schon Konrad, dass das Königtum eine stärkere Machtbasis braucht, und zumindest die fränkischen Großen sehen das und entscheiden sich mit den sächsischen Großen für den sächsischen Liudolfinger Heinrich (I.) mit seiner starken Stellung in Sachsen und immerhin reichem Besitz am Westharz und westlich davon (Gandersheim, Grone usw.).
Es wächst die Einsicht in die Nützlichkeit etwas stärkerer Könige, die ein entsprechendes Vasallenheer vor allem gegen die Ungarn aufstellen können. Vielleicht gehört dazu auch der Wunsch, die Sicherung des inneren Friedens mit gesteigerter Schutzmacht des Königs besser zu gewährleisten.
Zwischen dem ersten Heinrich und dem dritten Otto wird diese liudolfingische Dynastie darauf bedacht sein, das Reich nach außen zu stabilisieren und nach innen Königsmacht zu stärken.
Die Außengrenzen
Heinrich I. kann in westfränkischen Thronkonflikten bereits 925 Lothringen an sein Reich binden, wobei er das Elsass abspaltet und an Schwaben abgibt. Im Laufe der Zeit wird es sich in Nieder- und Oberlothringen aufspalten und weiter wenig inneren Zusammenhalt besitzen. Zunächst (bis 942) muss auch Otto I. seine Hoheit über diesen Teil seines Reiches durch längere Feindseligkeiten hindurch gegen den westfränkischen König Lothar behaupten, um dann als eine Art europäische Vormacht agieren zu können.
Unter Otto II. kommt es dann wieder zu gegenseitigen Drohgebärden mit Westfranzien um Lothringen, einen Feldzug des einen bis nach Aachen und des anderen bis vor Paris.
Erst spät und nach einem Waffenstillstand samt einer Art Militarisierung des Reiches kann Heinrich I. 933 in einer großen Schlacht die Ungarngefahr für eine gewisse Zeit ausschalten. Endgültig werden dann für den größten Teil des Reiches Ungarneinfälle beendet, als Otto I. mit breiter Unterstützung 955 die Ungarn auf dem Lechfeld bei Augsburg triumphal besiegt.
Alle seine Probleme schließen aus, dass Heinrich I. südlich der Alpen präsent sein könnte. Als sich Otto I. hinreichend gestärkt fühlt, wird er in einem ersten Heerzug nach Italien 951 nicht nur Gemahl der dortigen Königswitwe, sondern auch König der Langobarden. Offenbar will er schon da vergeblich vom Papst die Kaiserwürde erlangen.
Zunächst ist das regnum, welches mehr oder weniger Italia meint, und welches als das der Langobarden bezeichnet wird, formell von einem Reich der Franken abgetrennt, und die Grenze ist einigermaßen eine zweier "Völker". Dabei ist der ostfränkische König der Langobarden in Italien immer nur soweit präsent, wie seine Truppen in hinreichender Zahl anwesend sind, und soweit er königliche Amtsträger benutzen kann.
Die Entscheidung, wie seine karolingischen Vorgänger Italien zu erobern und 962 durch einen Kaisertitel mit dem Norden zu verklammern, wird fatale Folgen für die entstehenden deutschen Lande haben. Nur militärische Präsenz wird solide herrschaftliche Präsenz im Süden gewährleisten, und die häufige Abwesenheit der Herrscher in Italien wird die zentrifugalen Kräfte im Norden weiter begünstigen, so dass es nie zu einem Reich der Deutschen kommen wird, und am Ende heute nur ein so von den Nachbarn akzeptiertes kleines Rest-Deutschland übrig bleiben wird.
Dazu kommt damals der mörderische Verschleiß an Menschen und der finanzielle Aufwand, der vom Norden abgezogen wird. Schließlich wird die Bindung an zunächst willfährige und dann widerspenstige Päpste, derer es für den Kaisertitel bedarf, Unheil über die deutschen Lande bringen, wie sich schon im nächsten Jahrhundert zeigen wird.
967 kommt es zu einem weiteren Kriegszug nach Italien, schließlich zu neuer Annäherung an Byzanz und 972 zur Heirat des Thronfolgers mit der byzantinischen Prinzessin Theophanu.
Seit 980 ist Otto II. in Italien, von wo aus er auch den Norden regiert. Er versucht nun, auch Venedig und Süditalien in sein Reich einzubeziehen, was aber am Ende nicht gelingt. Dabei verbringt er mehr als die Hälfte seiner Zeit mit Kämpfen, vor allem auch gegen die Sarazenen. Derweil werden von ihm immer ungenierter befreundete Päpste eingesetzt, die es aber schwer haben, sich ohne kaiserliche Anwesenheit zu halten.
Otto III. regiert weniger als drei Jahre von Ostfranzien aus und seit 996 vorwiegend von Rom (Kaiserpfalz auf dem Palatin) und Ravenna, wo er mit von ihm eingesetzten Päpsten zusammenarbeitet. Auf einer Abbildung wird dem Kaiser von Gallia (also Lothringen), Germania, Italia und Sclavinia (ostfranzische Westslawen) gehuldigt. Kritik gegen seine Italien-Orientierung und die Konzentration auf das Kaisertum hin (Renovatio Imperii Romanorum) übt beispielsweise der Mainzer Erzbischof Willigis.
Im wesentlichen hält dieser dritte Otto sich in Italien auf, wo er mit seinen Päpsten Hand in Hand arbeitet. 1101 wird er von den Römern aus ihrer Stadt vertrieben und stirbt bald danach. Das ostfränkische Kaisertum, 962 begründet, erlischt damit zunächst. Ottonische Herrschaft über Italien bricht zusammen wie ein Kartenhaus.
Im Osten wird das Reich zunächst seinen Einfluss ausdehnen, weil die Nachbarn dort slawische Stammeskulturen am Übergang in einen zivilisierten Status sind, die missioniert und damit auch ansonsten langsam überfremdet werden können. Kriegerisch wie die vor noch nicht langem zwangs-christianisierten Sachsen neigen auch Slawen östlich der Elbe zu Raubüberfällen. Die sächsischen Großen sind dabei daran interessiert, von den heidnischen Nachbarn Tribute und Abgaben und dafür mit erheblicher Brutalität eine gewisse Oberhoheit zu erzwingen, manchmal auch mit königlicher Hilfe. In den (lateinischen) Texten der sehr langsam zu Deutschen zusammenwachsenden Völker sind sie vorwiegend Barbaren, Ausdruck der Art von Verachtung, wie sie schon Griechen und Römer gegenüber solchen kannten. Es kommt früh zur Gründung von Meißen.
Aus einer Art anzivilisierter Stammeskulturen werden östlich von Ostfranzien an Punkten der Verdichtung von Macht Kerne für Reiche, die nicht wie einst bei Germanen aus mehr oder weniger kriegerischen Wanderungsbewegungen entstehen, sondern eben erst deutlich danach, aber eben auch aus Kontakten mit Zivilisation, wie das zum Beispiel schon in der Karolingerzeit für Großmähren galt, wo eine Familie mit Christianisierung und Verbindung mit den östlichen Karolingern für eine gewisse Zeit Fürstenstatus erreichte.
Mit Böhmen und dem zukünftigen Polen kristallisieren sich langsam zwei neue „christliche“ Reiche heraus, die wiederum gegenseitig kriegerisch ihre Grenze zu bestimmen suchen. Um das Handelszentrum Prag (wie um Brandenburg) bildet sich das Zentrum einer Fürstendynastie, welche sich der Tributpflicht unter den ostfränkischen Königen immer einmal wieder zu befreien sucht, wogegen Otto II. Krieg führen wird, während die nördlichen Westslawen, zwischen Reich und einem sich um Gnesen und Krakau verdichtenden Polen eingeklemmt, langsam in eine bedrohliche Situation geraten.
983 gelingt es diesen ostelbischen Slawen, den deutschen Einfluss durch einen großangelegten Aufstand wieder, und für lange Zeit abgesehen vom sorbischen Raum, bis an die Elbe zurück zu drängen. In der nächsten Zeit kommt es zu brutalen Überfallen in slawisches Gebiet, die von Sachsen und Meißen aus geführt werden.
Mit seiner Pilgerreise nach Gnesen demonstriert Otto III. die auch sonst offensichtliche Frömmigkeit, die gut zu seiner Unterstützung durch Bischöfe und Äbte passt. Die neuen Erzbistümer Gnesen und Gran lösen Polen und Ungarn etwas mehr aus dem (Kaiser)Reich.
Im Norden gilt es, sich zunächst der ("heidnischen") Wikinger und Normannen und ihrer Piraterie zu erwehren, die dann durch die Bildung zunächst instabiler skandinavischer Herrschaftsräume abgelöst wird. Heinrich I. gelingt am Ende seines Lebens eine gewisse Unterwerfung der Dänen, deren Christianisierung nun einsetzt, und zu neuem Krieg unter Otto II.
Herrschaft im Inneren
Kriegerische Erfolge und Misserfolge nach außen und innere Stabilisierung des königlichen Machtanspruchs, hier der Übersicht halber getrennt, gehören zusammen. Die erste Klammer besteht dabei darin, dass Könige als oberste Kriegsherren einerseits weiter auf persönlich untergebene Vasallenkrieger angewiesen sind, die kleine militärische Einheiten führen, wie ebenso die Herzöge, Markgrafen, die Bischöfe und großen Äbte unter ihnen, wobei die Heeresfolge weltlicher Fürsten erst in der zweiten Hälfte des zehnten Jahrhunderts verbindlicher durchgesetzt wird. Dabei bilden bischöfliche Gefolgschaften die Masse des königlichen Heeres, dessen Kern schwerbewaffnete Panzerreiter sind.
Königliche Hoheit über die Herzöge besteht einmal darin, ihnen Verpflichtungen wie die Heeresfolge und die gelegentliche Anwesenheit und Mitarbeit bei königlichen Hoftagen und Festen aufzuerlegen, oder aber darin, die Herzogtümer mit dem König verpflichteten Getreuen zu besetzen bzw. sie ganz unter königliche Regie zu stellen. Solche Hoheit muss immer wieder neu durchgesetzt werden, denn die Fürsten haben die Möglichkeit, sich königlichen Entscheidungen zu widersetzen, was zu kriegerischen Konflikten führen kann und oft auch führt.
Zu allererst müssen die Könige ihre Macht gegenüber den fürstlichen Mächtigen überhaupt entwickeln und ausbauen. Heinrich I. gelingt es im Verlauf seiner Regierungszeit, Arnulf von Bayern (920/21) zu unterwerfen und einen von ihm abhängigen Herzog Hermann in Schwaben durchzusetzen (926), obwohl er in beiden Gebieten kaum herrscherlich eingreifen kann.
Nach der Krönung wird das Gebiet königlicher Hoheit in einem Umritt „besichtigt“ und die Huldigung entgegengenommen. Im 10. Jahrhundert findet diese erste Rundreise zunächst nur in Sachsen und Franken statt, bis dann am Ende der Ottonenzeit Herrscher genauso auch in Schwaben und Bayern präsent sind.
Immerhin reicht Heinrichs Macht, um Sohn Otto ("den Großen") als Nachfolger präsentieren zu können, womit sich das monarchische Prinzip nun dauerhaft gegen Erbteilungen durchsetzt und die Herrschaftsräume der Könige etwas stabilisiert werden.
Zwischen 936 und 941 muss der neue König erst einmal einen gangbaren Weg finden, um die Herzogtümer unter seine Hoheit zu bringen und zugleich seine Verwandtschaft abzufinden. Es gelingt dann dadurch, dass er beides miteinander verbindet, wozu auch Heiratspolitik gehört. Aber die Kontrolle von Schwaben und Bayern bleibt geringer als die weiter nördlich. Immerhin wird nach dem Tod des aufständischen Eberhard von Franken 939 das Herzogtum nicht wieder ausgegeben.
Nachdem Otto das monarchische Prinzip gegen seine aufbegehrenden Brüder durchgesetzt hat, designiert er unangefochten Sohn Liudolf, den er zuvor mit der Tochter des sohnlosen Hermann von Schwaben verheiratet hat. Der wird 950 Herzog von Schwaben, stirbt aber schon wenige Jahre später. Bruder Heinrich wird schließlich Herzog in Bayern, Bruder Brun in Lohringen und Sohn Liudolf in Schwaben.
Vor seinem zweiten Italienzug lässt Otto seinen Sohn Otto (II.) dann zum Mitkönig und damit Nachfolger machen - und dann auch zum Mitkaiser. Nach dem Tod des Vaters 973 findet für den Sohn nur noch ein förmlicher Huldigungsakt statt. Aber es offenbart sich schnell die tatsächliche Schwäche königlicher Macht. In den ersten Jahren müssen Aufstände niedergeworfen werden, die sich gegen königliche Eingriffe im Süden des Reiches richten. Otto macht seinen Neffen zum Herzog von Schwaben, unterwirft mühsam seinen Vetter Heinrich ("den Zänker") 974/976 und 977, worauf der in Haft muss, und bindet Bayern unter Abtrennung Kärntens, Veronas und Friauls an den Schwabenherzog an.
983 kann der zweite Otto seinen dreijährigen gleichnamigen Sohn zum Mitkönig machen, der dann in Aachen geweiht wird. Der minderjährige König ist sehr lange unter der Regentschaft von Mutter Theophanu und dann Großmutter Adelheid. Dabei kämpfen geistliche und weltliche Große wie der wieder frei gekommene Heinrich ("der Zänker") um Einfluss und Machtausbau.
Nach Herrschaftsantritt des dritten Otto 994 kann dieser die Verhältnisse im Norden einigermaßen stabilisieren, wobei er die Machtstrukturen seiner beiden Vorgänger weiter zu verfestigen sucht. Aber selbst die schiere Präsenz der "römischen" Könige bleibt zunächst im größten Teil Alemanniens und in Bayern im wesentlichen auf Durchzüge nach Italien begrenzt. Erst ab Otto III. werden auch einige Bischofsstühle in Alemannien und Bayern mit Mitgliedern der Hofkapelle besetzt; überall nimmt nun die Privilegierung der Bischöfe (und von Äbten) zu, und nun werden Hoftage in wesentlich höherem Maße überall in Bischofsstädten abgehalten.
Anders als in Westfranzien findet dann spätestens mit dem Salier Konrad II. im nächsten Jahrhundert der Umritt nach dem Herrschaftsantritt im ganzen Reich statt: Der König herrscht nun erst vom ganzen Reich aus im ganzen Reich. (siehe Keller(2), S.53ff)
Daneben wird weltlicher Hochadel mit großem Besitz insbesondere in Ostfranzien als (Mark)Graf mit erheblichen, vom Königtum abgeleiteten Herrschaftsfunktionen ausgestattet, wobei sich mächtige "Grafensippen" entwickeln, die auf Erblichkeit und Machtanhäufung beruhen, auch wenn das alles formell als Lehen gegründet ist. (Goetz)
Königliches Herrschen als Regieren ist dabei der stete Versuch der Konsensbildung mit Großen im Reich und findet in allen Konfliktfragen im Geheimen statt, so dass Zeitgenossen und wir davon erst erfahren, wenn entweder ein Konsens bereits gefunden und dann öffentlich inszeniert nachberaten wird, oder wenn ein Dissenz dazu tendiert, in Gewalttätigkeit hinein zu führen. Dabei bestimmt der König die Themen, und die Rede geht dann zunächst an den Ranghöchsten. Eine "kontroverse Diskussion in der Öffentlichkeit war mit der Ehre der Beteiligten nicht vereinbar." (Althoff(3), S.17) Eingebunden in Entscheidungen sind dann diejenigen, die an ihr beteiligt waren. Wir haben es also im sogenannten römischen Reich der Deutschen wie in dem des entstehenden Frankreich zunächst nach antiken Schemata mit einer Mischform aus Aristokratie und Monarchie zu tun.
Zur Macht gehört auch ein immaterieller Status. Mit dem ersten Otto beginnt eine intensivere Sakralisierung des Königtums, nachdem sich schon die Karolingerherrscher deo gratia (von Gottes Gnaden) eingesetzt sahen. Dies drückt sich in der Rolle des Erzbischofs bei der Thronerhebung aus, aber danach auch in intensiverem religiösem Engagement, zu dem demonstrative Akte und Zur-Schau-Stellungen von Frömmigkeit gehören.
Indem die sächsischen Könige die Bischöfe zunehmend mit ihren Verwandten und Vertrauten besetzen und materiell immer besser ausstatten, können sie bei ihnen auf militärische Gefolgschaft, gastliche Aufnahme bei ihrer Reisetätigkeit und religiöse Legitimierung hoffen.
Instrumentalisierung der Kirche und Osterweiterung gehen Hand in Hand. Gegen den langen Widerstand des Mainzer Erzbischofs und des Bischofs von Halberstadt wird Magdeburg 968 zum Erzbistum erhoben und ihm werden die Bistümer Brandenburg und Havelberg aus der Mainzer Diözese zugeordnet. Außerdem werden in Merseburg, Meißen und Zeitz neue Bistümer errichtet.
In Nachfolge des Vaters werden von Otto II. neben der Einsetzung von Verwandten in weltliche Machtpositionen immer rücksichtsloser Kirche und Kloster in die Machtbehauptung eingespannt. Äbte und Bischöfe bilden inzwischen die Masse des königlichen Heeres und ihre königliche Einsetzung wird immer wichtiger. Mit der königlichen Besetzung von Bischofsämtern aus der hochadeligen Hofkapelle entsteht das, was Historiker dann als Reichskirchensystem bezeichnen werden. Mit der Privilegierung solcher Bischöfe für ihre Städte beginnt deren nun deutlicherer Aufschwung.
Die Ottonen basieren ihre Macht ideologisch weiter auf göttliche Berufung, müssen sie aber tatsächlich weiter als große Krieger, Jäger und geschickte Verhandler belegen und auch als Bauherren durch Prachtentfaltung zeigen. (*4)
Königliche Herrschaft wird auf Reisen ausgeübt. Heinrich reist weiter mit Kapelle, nun auch auch mit daraus entstehender Kanzlei, dem Personal und Gefolge, von einer seiner befestigten Besitzungen (dem palatium oder Pfalz) zur nächsten und beköstigt „Hof“ und Gäste aus denselben, oder der Weg geht über Bischofssitze und Abteien.
In diesem Jahrhundert werden, nachdem die Herrscher immer größere Teile des Kroneigentums und Familienbesitzes an geistliche und weltliche Große verleihen oder verschenken, um sich ihre Freundschaft und Gefolgschaft zu sichern, die Pflichten der Gastgeberschaft als servitium regis, Königsdienst, insbesondere an geistliche Magnaten übertragen. Was ihnen vom König gegeben wurde, sollen sie an ihn auch gewissermaßen wieder zurückgeben, wenn er sie mit seinem Besuch beehrt. Das kann allerdings, wenn regulär hunderte und bei großen Hoftagen tausende zu Gast sind, eine enorme Belastung werden.
Herrschen auf Reisen ist auch Leben auf Reisen. Ein Familienleben sesshafter Menschen findet so nicht statt, die Königskinder werden zur Erziehung weggegeben, und auch die Gemahlinnen der Könige sind nicht immer dabei. Geliebte oder inoffizielle Nebenfrauen werden derweil unter dem Einfluss des Bündnisses der Kirche mit weltlicher Macht nur noch stillschweigend geduldet.
Gelehrtere Geistlichkeit versammelt sich in besagter mitreisendender Hofkapelle, ursprünglich mit geistlichen Aufgaben betraut. Aus ihr ragt dann erst einmal langsam das Notariat heraus, die Schreibkunst der zunehmend hochadelig-geistlichen Notare. Dabei wird bald immer mehr eine Art weltliche Kanzlei ausgegliedert, die Ansätze von Verwaltung betreibt. Zu Kanzlern werden bald mächtige Erzbischöfe wie die von Köln und Mainz gemacht. Die Fürsten unterhalb des Königs entwickeln später nach und nach ähnliche Hofkapellen und Kanzleien.
Dabei finanziert sich der König über das Reichsgut, also den dem König zugeordneten Besitz, und durch das Hausgut der herrschenden Familie, oft kaum davon unterschieden. Dazu kommen Steuern, wo möglich Tribute, Gerichtseinnahmen, Heeresgelder, Zölle usw.
Königs-Herrschaft nach innen bleibt bescheiden und für fast alle Untertanen im Vergleich zu heutigen Staaten oft kaum spürbar. Königliche Macht reagiert dabei vor allem, und zwar dort, wo sie es für erforderlich und möglich hält, und im Kontakt mit höherem Adel. Die meisten Menschen sind vor allem Untertanen ihrer unmittelbaren Herren.
Das zehnte Jahrhundert ist in Europa auch Schwellenzeit für jene übergeordneten Machtstrukturen, aus denen später Staaten werden. (*4a) Gerd Althoff spricht in einem Buchtitel von den Ottonen und ihrer "Königsherrschaft ohne Staat", Hagen Keller in einem Aufsatz von "Staatlichkeit" in Anführungsstrichen. (Keller (2). Tatsächlich verschwinden die sehr kleinen Ansätze von "Staatlichkeit" im Reich Karls ("des Großen"), nämlich "Zentralität, Amt, Gesetzgebung, Schriftlichkeit" (Keller(2), S.16) im Verlauf des neunten Jahrhunderts. Vielmehr sind die Ottonen um des Machterhaltes willen darauf angewiesen, immer mehr ihrer Machtmittel an den Adel abzugeben und in Westfranzien verläuft all das noch viel drastischer.
In der Lebensgeschichte des Johannes von Gorz, den Otto um 956 zum Kalifen Abderrahman III. von Cordoba geschickt hatte, lässt der Autor den Kalifen folgendes zu ihm über Ottos Reich sagen:
Er behält die Herrschaftsgewalt (potestas) in seinem Machtbereich nicht sich selbst vor, sondern lässt in weitem Umfang jeden der Seinen eigene Herrschaftsgewalt (potestas) ausüben. Er teilt die Gebiete seines Reiches unter sie auf, gewissermaßen, um ihre Treue und Unterwerfung noch fester zu machen. Doch es kommt ganz anders: Daraus gehen Hochmut (superbia) und Auflehnung (rebellio) gegen ihn hervor. Gerade jetzt ist dies wieder bei seinem Schwiegersohn geschehen, der durch Treulosigkeit (per perfidiam) auch noch den Königssohn auf seine Seite gebracht und eine Art öffentlicher Gegengewalt (publica tirannis) gegen den Herrscher ausgeübt hat, und zwar bis dahin, dass er das auswärtige Volk (gentem externam) der Ungarn zum Plündern durch die Reiche des Königs geleitete.(Deutsch in Keller, S.20, lateinisch S.192)
Solche eingeschobene wörtliche Rede ist wie immer entweder nachempfunden oder mehr oder weniger frei erfunden. Es ist hier durchaus möglich, dass der Autor seine eigene Einschätzung wiedergibt und – sicher ist sicher – dem Kalifen in den Mund legt, ohne dessen Ansichten aber dabei zu widersprechen. Kenntnis und Einsicht in das Geben und Nehmen zwischen Monarch und Hochadel dürfte bei einem Despoten in Cordoba eher weniger gegeben gewesen sein.
Alles das wird zusammen gehalten durch einen Verbund von Personen, die mittels persönlicher Machtverhältnisse zusammen gehören. Der wird kaum schriftlich fixiert, sondern über "ein ganzes System von Regeln, Gewohnheiten und Bräuchen" (Althoff(7), S.19) immer neu definiert in Beratungen mit den nach Rang und Ehre Mächtigeren, und dabei, je selbstbewusster weltliche Mächtige werden, desto mehr in zunehmendem Maße mit den Bischöfen.
Neben Kriegszügen, Verhandlungen mit anderen Herrschern spielen dabei auch Heiraten und Verheiratungen von Kindern für Erhaltung und Erweiterung von Macht eine Rolle. Solche Heiraten werden wesentlich aus machtpolitischen Überlegungen heraus geschlossen, aber offenbar nicht immer ganz. Thietmar von Merseburg berichtet vom (späteren) Heinrich I., er habe um die Erbtochter eines Grafen wegen ihrer Schönheit und der Nützlichkeit der Erbschaft und des Reichtums geworben, später aber sich in Mathilde wegen deren Schönheit und Besitz verliebt, und sich darum von seiner Frau getrennt. (I,5 und I,9)
Recht
Die Vorstellung von Recht, also von dem, was "allgemein" für richtig angesehen wird, sich also bewährt hat und Gewohnheit geworden ist, geht weiterhin davon aus, dass die christlich gedeutete Weltordnung schon ein Recht enthalte, welches von den Altvorderen her tradiert immer wieder neu hergestellt (reformiert) werden müsse, um erhalten zu bleiben. Von daher setzen die Machthaber nach ihrer Auffassung kein Recht, sondern sie beschützen es und setzen es dabei durch. Diesen Charakter ändert es nur sehr eingeschränkt dadurch, dass es als Volksrecht in der Merowingerzeit in mehreren Reichen aufgeschrieben und so vereinheitlicht wird. Welche Bedeutung das dann in einer immer schriftloseren Zeit bekommt, bleibt für uns heute eher unklar. Rechtswesen und Gerichtsbarkeit bleiben erst einmal weitgehend der mündlichen Sphäre verhaftet. Oberster Rechtswahrer hat dabei der König zu sein. Zudem gibt es zunehmend auch ein wenig königliche Rechtsetzung. Tatsächlich wird die dann aber immer wieder auch neuen Verhältnissen angepasst.
Was der schrumpfenden Zahl der Freien dabei noch lange erhalten bleibt, ist das Fehderecht, also die eigene (auch gewaltsame) Suche von mächtigeren "Freien" nach Recht dort, wo man findet, dass es einem nicht von oben gewährt wird.
Mehr oder weniger Unfreie fallen da heraus, da sie dem allerdings erst seit dem 11. Jahrhundert aufgezeichneten Hofrecht ihres Grundherrn unterliegen und seiner Gerichtsbarkeit.
Selbst hier in der familia des Grundherren ist der Friede offenbar auch immer wieder gefährdet, wie man dem Hofrecht des Bischofs Burchard von Worms von etwa 1025 entnehmen kann, wo es im Paragraphen 30 heißt:
Wegen der Morde aber, die fast täglich in der Hausgemeinschaft von St.Peter wie bei wilden Tieren geschahen, weil häufig wegen einer Nichtigkeit oder in Trunkenheit oder aus Übermut einer wie wahnsinnig über den anderen so in Wut geriet, dass im Laufe eines Jahres 35 Knechte von St.Peter unschuldig von Knechten dieser Kirche umgebracht wurden und die Mörder sich dessen mehr gerühmt und gebrüstet haben als dass sie Reue gezeigt hätten. Mörder müssen Wergeld zahlen, und sollen mit glühendem Eisen an der Wange gebrandmarkt werden. (in: Goetz, S.125)
Dabei soll aber der Rachegedanke durch ausgleichendere Genugtuung ersetzt werden, aus welcher Friede zwischen der Verwandtengruppe der Opfer und derjenigen der Täter hervor zu gehen hat. Ein Teil des Wergeldes soll deshalb an die Freunde des Opfers gehen. (cap.23)
Geistliche unterliegen dem kirchlichen Recht und seiner Gerichtsbarkeit. Die oft nicht mehr allzu vielen Freien wiederum unterliegen dem Grafengericht. Seit Karls ("des Großen") Zeit finden Schöffen (scabini) das Urteil, welches der Gerichtsherr vollstrecken lässt. Schöffen, Zeugen etc. werden zunehmend auf einen kleinen Kreis von boni homines eingeschränkt. Bevor diese immer wichtiger werden, spielen Eidhelfer für beide Seiten eine wichtige Rolle.
Oberstes Interesse der hohen Herren ist der Friede unterhalb von ihnen, mit dem ihrer wirtschaftlichen und militärischen Macht am ehesten gedient ist. Deshalb ist nach Unterwerfung unter ein Gericht für Freie bzw. Herren der (Interessen)Ausgleich in der reconciliatio, der Aussöhnung das vorzugsweise Ziel, und dazu muss der unterlegene (also schuldige) Teil satisfactio leisten, also Genugtuung bzw. compositio. Funktioniert alles nicht, spricht der König als oberste Instanz bei höheren Herren ein Machtwort. Bevor deutlich später die Strafe immer wichtiger wird, ist also die Buße als Wiedergutmachung, also Schadensausgleich von vorrangiger Bedeutung.
In der Kriegergesellschaft auch des 10. Jahrhunderts ist Gewalt weiterhin das konstitutive Element der Zivilisation. Damit gewinnt das Moment der Ehre eine über das psychische Moment weit hinausgehende Bedeutung: Ehrverletzung macht den Krieger zum Opfer auch zukünftiger Gewalt, wenn die Ehre nicht wiederhergestellt wird. Und gerade deshalb geht es im Gerichtsverfahren unter den Herrenmenschen weniger um irgendeine exakte Gesetzestreue, sondern um das "Wahren des Gesichtes", denn nur so kann Friede wieder hergestellt werden, manchmal allerdings eben auch nur bis zur nächsten Ehrverletzung
Italien
Eine detailliertere Darstellung der Ereignisse in Italien, wo Kapitalismus früher als anderswo einziehen wird, soll etwas von den dortigen Verhältnissen und Enwicklungen verdeutlichen.
Ein langobardisches Königtum kontrollierte einst vor allem den Norden, während im Süden sich selbständige langobardische Fürstentümer breitmachten, und ganze Regionen mehr oder weniger byzantinisch bleiben. Die fränkische Eroberung ändert an dieser Aufteilung wenig, wobei Sizilien inzwischen unter nordafrikanisch-islamische Herren gerät. Eine Sonderrolle nimmt Rom mit dem Papsttum ein, welches Ansprüche auf ein größeres Territorium erhebt.
Friaul, Ivrea, Toskana, Spoleto sind teilautonome Herzogtümer bzw. Markgrafschaften, in denen sich wiederum bedeutende Städte nach und nach verselbständigen, so dass am Ende des Jahrhunderts nur noch die Toskana (Tuscien) nördlich von Rom als einigermaßen zusammenhängende Regionalherrschaft funktioniert.
In der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts versuchen wie in den Jahrzehnten zuvor wechselnde Könige/Kaiser (lockere) Herrschaft über den Norden Italiens auszuüben. Hauptstadt ist weiterhin Pavia mit königlichem Hof und bedeutender zentraler Rechtsprechung. Hierhin appellieren die mit iudices bestückten und von Grafen oder ihren Vertretern geleiteten Gerichtsversammlungen.
889 setzt sich ein Wido von Spoleto gegen Berengar von Friaul als König durch. 891, nach seiner Kaiserkrönung, macht er seinen Sohn Lambert erst zum Mitkönig und dann 892 zum Mitkaiser. Wido stirbt 894 und Lambert wird Nachfolger. 896 erzwingt der ostfränkische Arnulf gegen Lambert seine Kaiserkrönung, zieht dann aber wieder ab, worauf Lambert als Kaiser zurückkehrt. Ab 899 und bis nach 950 überfallen ungarische Reiterscharen die Osthälfte Norditaliens, deren Abwehr königliche Aufgabe wird.
901 wird Ludwig III. von Nieder-Burgund König, den Berengar 905 blenden lässt. Markgraf Berengar von Friaul scheitert aber militärisch dabei, sein Reich zu schützen und fördert darum den Bau von Mauern und Kastellen, die allerdings in "privater" Initiative entstehen. Auch ansonsten ist er gezwungen, immer mehr königliche Rechte und Machtbefugnisse weg zu geben, um seinen königlichen Status wenigstens pro forma aufrecht zu erhalten. Die Macht teilen sich zunehmend Laienadel auf dem Lande mit Gerichtsrechten und Bischöfe in den Städten, die allerdings mit dem städtischen Adel kooperieren müssen.
Von den Sarazenen wird die Westküste Süditaliens erst 915 durch eine Allianz von Papst Johannes X. mit Byzanz und Berengar I., befreit, den der Papst in Rom im selben Jahr noch mit dem Kaisertitel belohnt, worauf der bald wieder von dort abzieht. Damit ist der frühe Aufstieg von Handelsstädten wie Amalfi und Salerno ansatzweise gesichert.
Als Berengar 920 ungarische Söldner ins Land holt, um sein Heer zu verstärken, nutzen das italienische Große im Nordwesten, um den Welfen König Rudolf II. von Burgund zu rufen. Der lässt sich 921/22 zum König von Italien erheben und besiegt 923 Kaiser Berengar. 924 brennen Ungarn Pavia nieder. Im selben Jahr wird Berengar ermordet.
Graf Hugo von Vienne/Provence und Graf von Arles gelingt es 924, sich Niederburgunds zu bemächtigen. Danach holen ihn 926 italienische Große ins Land. Zusammen mit ihnen wendet er sich gegen Rudolf II., und dieser wird vertrieben.
Hugo macht bald Sohn Lothar zum Mitherrscher und versucht überhaupt (bis 947), durch die Besetzung von (Mark)Grafschaften und Bischofsämtern mit Verwandten zu herrschen. Sohn Boso wird Bischof von Piacenza. Bruder Boso und ein illegitimer Sohn werden nacheinander Markgrafen von Tuscien. 932 verheiratet er sich mit der in Rom herrschenden Hochadeligen Marozia, deren Sohn Alberich aber die Mutter gefangen nimmt und den Stiefvater aus Rom vertreibt.
Vorläufig gibt es unter dem römischen Stadtpräfekten Alberich keine Kaiser mehr, dafür gab es alleine zwischen 882 und 914 fünfzehn Päpste, und danach nur noch solche, die Alberich höchst persönlich einsetzt.
Ein Versuch des bayrischen Herzogs Arnulf 934, auf Einladung von Bischof und Graf von Verona den italienischen Königstitel zu erringen, scheitert militärisch. Bischof Rather muss zum ersten Mal ins Exil. Hugos Herrschaftsversuche werden offenbar immer gewalttätiger.
937 wird er nach dem Tod Rudolfs versuchen, dessen jungem Erben Konrad Niederburgund zu entreißen, was an König Ottos I. Unterstützung für diesen scheitert. In den vierziger Jahren versucht er, Berengar II. von Ivrea zu übertfallen. Der wiederum, von Hugos Sohn Lothar gewarnt, kann aber zu Otto I. entkommen und kehrt 945 mit Militär nach Italien zurück. Hugo muss in die Provence fliehen und Lothar behält einen zumindest nominellen Ttel für Italien.
Markgraf Berengar II. von Ivrea rebelliert 940 gegen Hugo, scheitert und muss in die deutschen Lande fliehen. 945 marschiert er mit deutschem Militär in Norditalien ein, wobei immer mehr Bischöfe und weltliche Große zu ihm überlaufen. 947 stirbt Hugo, und Berengar kämpft weiter gegen Hugos Sohn Lothar, der 950 stirbt, was Berengar und Sohn Adalbert die Königskrone bringt.
Als Lothars ebenfalls junge und schöne Witwe Adelheid, Tochter des burgundischen Welfen Rudolfs II., sich weigert, Adalbert zu heiraten, wird sie als Nukleus der Anti-Berengar-Fraktion in einen Turm am Gardasee eingesperrt. Sie kann bis zum befestigten Reggio im Machtbereich der tuszischen Markgrafen entkommen und König Otto um Hilfe anrufen, was sich dieser zunutze macht, um einzumarschieren, die junge Königswitwe Adelheit zu "retten", und dann bis hinunter nach Rom durch zu marschieren. Es kommt zu der fast stillschweigenden Übernahme des langobardischen Königstitels.
Der erste Heerzug Ottos d.Gr. 951 trifft auf ein nicht nur von inneren Machtkämpfen, sondern auch von den regelmäßigen Einfällen und Raubzügen von Sarazenen und Ungarn geschädigtes Land. Adel und Landbevölkerung ziehen darum vielerorts in Burgen und befestigte Orte, was einer gewissen Verstädterung Vorschub leistet. In Kathedralstädten übernehmen die Bischöfe die Stadtherrschaft auch ohne jene königliche Förderung, wie sie in deutschen Landen üblich ist.
Dabei hat Norditalien als Besonderheit mit Pavia eine auf die Langobarden zurückgehende Hauptstadt:
„Dort hatte die königliche Kammer ihren Sitz, der regelmäßige, zentral verwaltete Einkünfte zuflossen: die Einnahmen aus den Zöllen an den Alpenklausen, aus Flusszöllen, aus der Goldwäscherei in den von Alpen und Appenin herabströmenden Wasserläufen. Bestimmte Waren, die die Kaufleute Venedigs oder Amalfis aus den Mittelmeerländern in das Regnum brachten, sollten nur dort zum Verkauf angeboten werden. Von Pavia aus organisierte der Pfalzgraf an Stelle des Königs die Rechtsprechung im Reich, dort lag das Orientierung gebende Zentrum für die im Regnum tätigen Pfalz- und Königsrichter. Dort besaßen vor allem viele der Bischöfe, Klöster und weltlichen Großen Ober- und Mittelitaliens ein Haus, das sie bei ihren Aufenthalten am Königshof aufsuchen konnten und das ihnen sozusagen institutionell eine Präsenz in der Haupstadt des Reiches sicherte.“ (Althoff/Keller, S.192)
Otto I. schickt von Pavia eine Gesandtschaft, die mit dem Papst Agapet II. über die Kaiserwürde verhandelt. Dort herrscht Alberich II. im weltlichen Bereich und kontrolliert das Papsttum. Er ist an keinem Kaiser über sich interessiert. Otto zieht wieder nach Norden ab, ohne Berengar II. nennenswerten Schaden zugefügt zu haben. 960 kommt dann die Wende. Papst Johannes XII., Sohn Alberichs, war wegen seines wenig frommen Lebenswandels und durch Berengar II. von Ivrea unter Druck geraten und bietet nun Otto die Kaiserkrone an. Der wird 962 in Rom gekrönt. Wesentliches Herrschaftsinstrument Ottos ist dabei neben königstreuen Bischöfen die Überlegenheit des fränkisch-"deutschen Heeres, wenn es denn einmal auftaucht.
Während er sich dann gegen Berengar wendet, aber dabei offenbar dem Papst in Italien zu mächtig wird, nähert sich dieser Berengars Sohn Adalbert an. Otto kehrt nach Rom zurück, verjagt Johannnes und macht Leo VIII. zum Papst. Kaum ist der Kaiser abgezogen, holt Rom Johannes zurück und Papst Leo muss flüchten. Johannes stirbt kurz darauf und wird in Rom durch Benedikt V. ersetzt. 964 kehrt Otto mit militärischer Gewalt nach Rom zurück und lässt Benedikt nach Hamburg eskortieren, um dann selbst nach Norden aufzubrechen. Seine Statthalter in Rom setzen nach dem Tod Leos Papst Johannes XIII. durch.
966 zieht Otto wieder mit einem Heer nach Italien, vor allem offenbar, um seinen jungen Sohn Otto (II.) zum Mitkaiser krönen und so würdig erscheinen zu lassen für eine byzantinische Prinzessin. Der byzantinische Kaiser lehnt ab, eine solche zu schicken, was der Situation in Süditalien Schärfe verleiht. Hier herrscht seit 961 Pandulf Eisenkopf als Fürst über Capua und Benevent, der sich für seine Interessen an Apulien mit dem Kaiser verbündet. Der Fürst fällt kurzzeitig in die Hände der Byzantiner, die nun ganz Kalabrien und Apulien kontrollieren. Otto schickt ein Heer, welches gegen die Byzantiner vorgeht. Pisa leistet Unterstützung.
Im Norden Italiens setzt sich im Verlauf des Jahrhunderts die Tendenz durch, königliche Herrschaft wie auch nördlich der Alpen zunehmend auf die Bischöfe zu stützen, und nur noch in wenigen Gegenden auf Markgrafen wie die Canossa und einzelne Hochadelige wie die Obertenghi, während die ursprünglich fränkischen Grafen ein Eigenleben führen und an Bedeutung für die Könige verlieren. Überall herrscht Eigeninteresse vor dem königlichen vor, in Dörfern, Städten, bei Bischöfen und entstehendem Adel.
978 zieht Otto II. auf einen Hilferuf von Papst Benedikt erneut nach Italien, wo er versucht, gegenüber Venedig und den langobardischen Fürsten direktere königlich-kaiserliche Herrschaft durchzusetzen und sowohl die Sarazenen als auch Byzanz zurück zu drängen. Nach ersten militärischen Erfolgen scheitert er und stirbt 983 dort.
Im Unterschied zum recht griechisch geprägten Kalabrien gelingt es Byzanz nur recht oberflächig, das lateinische Apulien zu kontrollieren, an dessen Küste sich dann Anfang des 11. Jahrhunderts (Handels)Städte wie Bari oder Trani immer mehr verselbständigen werden.
Seit 996 ist der dritte Otto hauptsächlich in Italien. In dieser Zeit baut Markgraf Arduin von Ivrea seine Macht insbesondere gegen Bischöfe aus. 998 lässt ihn Otto III. verurteilen und entmachten.
Unter Ottos I. Nachfolgern wird der Versuch gemacht, auch Süditalien zu erobern, was aber an den Sarazenen, Byzantinern und der fehlenden Bereitschaft langobardischer Fürsten scheitert, sich dauerhaft unterzuordnen.
Die Halbinsel mit ihren nahen großen Inseln ist also unter Herren von ganz unterschiedlichen ethnischen Wurzeln und Rechtsvorstellungen aufgeteilt, langobardischen, fränkischen, dann ostfränkischen, oströmischen und nordafrikanischen.
Das Westfranken-Reich
Das Westfranken-Reich wird am Ende vom Namen her das Erbe der Francia antreten. Schon seit den Karolingern entwickeln dabei südliche Regionen jenseits der Loire bzw. deren Machthaber ein Autonomiebedürfnis. Zwei romanische Großdialekte werden gesprochen, die langue d'oeil im Norden und die näher am Lateinischen bleibende langue d'oc im Süden, die im Laufe der Zeit immer weiter südlich abgedrängt wird.
Wie in Italien ist auch im Süden Galliens die Kontinuität römischer Strukturen und Rechtstraditionen stärker geblieben, und französische Könige werden ihn sich erst im Zuge der Vernichtung der Katharer einverleiben können.
Neben diese grobe Zweiteilung treten eine Vielzahl von Fürstentümern, die sich zwar zumindest nominell dem König unterordnen, tatsächlich aber immer ungestörter ihre Eigeninteressen vertreten. Sie sind nicht ethnisch begründet, sondern schaffen sich eigene Regionen durch Ausweitung von Familienbesitz und Hoheit. Unter ihnen zerfallen besonders in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts manche Regionen in lokale Burgherrschaften.
Einen Fremdkörper im Norden stellt die Normandie dar, jenes Gebilde, welches der französische König den Normannen zur Verfügung stellt. Der Herzog betrachtet hier, wie später in England, alles Land als seinen Besitz, duldet also keine Allodien, sondern gibt Land nur als Lehen aus, auf deren Status er aufmerksam bedacht ist.
Ein weiterer Fremdkörper in Gallien ist die Bretagne mit ihren keltischen Besonderheiten. Umstritten ist zunächst (Rest)Lothringen, welches dann an das Reich der Sachsenkönige fällt. Im späteren 9. Jahrhundert entstehen Hoch- und Niederburgund neu, vereinigen sich 933 zum Arelat, und dieses nähert sich unter Konrad I. (937-93) etwas dem römisch/deutschen Reich an.
Vom Loireraum bis zum Mittelmeer und den Pyrenäen führen Herrschaften ein Eigenleben so wie im Norden die Bretagne und die Normandie. Überall hier hin begeben sich keine westfränkische Könige.
Das (schwache) Königtum ist insbesondere zwischen der immer schwächer werdenden Familie der Karolinger und den aufsteigenden Robertinern umkämpft. Das Ostfrankenreich entwickelt sich derweil zur überlegenen Macht, die gelegentlich in die inneren Konflikte im Westreich eingreifen und dort ihre Interessen vertreten kann.
Um 840 kommt ein Robert ("der Tapfere") vom Rheingau aus an den Hof Karls ("des Kahlen"), wo er palatinus wird. Er zeichnet sich als Heerführer des Königs gegen Bretonen und Normannen aus. 888 wird sein Sohn Odo westfränkischer König bis 899, und dessen Bruder Robert wird Graf von Paris. Odo kann sich aber südlich der Loire nicht durchsetzen. 893 führen die Misserfolge gegen die Normannen dazu, dass der Erzbischof von Reims den inzwischen erwachsenen Karolinger Karl ("den Einfältigen") einsetzen kann, wobei Robert nicht nur für Paris, sondern auch für die Robertiner-Besitzungen zwischen Seine und Loire bestätigt wird. Damit ist der König auf den Hauptort Laon angewiesen. Ihm fehlt auch die Macht, Grafen oder Herzöge einzusetzen, und dasselbe gelingt ihm auch nur für wenige Bischöfe im Norden.
Um 900 beginnt die Zersplitterung in große Regionalmächte zuzunehmen. Die Robertiner, Heribert von Vermandois an der Grenze zu Lothringen, Graf Balduin von Flandern, Fulko von Reims, der Herzog Richard von Burgund, Herzog Wilhelm ("der Fromme") von (Ost)Aquitanien und der Graf von Toulouse kontrollieren dabei selbst tatsächlich nur noch Teile ihrer nominellen Herrschaften. Dezentrale Strukturen von Vasallität derer, die sich eine entsprechende militärische Ausrüstung leisten können, nehmen zu. Immerhin: Die Ansiedlung der Normannen 911 unter Rollo als Grafen von Rouen beendet nach und nach die Normannengefahr.
920 rebellieren laut Flodoard fast alle Grafen der Francia. 922 wird Karl von den Großen abgesetzt und Robert wird König. Er wird allerdings schon im nächsten Jahr in einer Schlacht getötet. Sein Nachfolger wird sein Schwiegersohn Rudolf I. von Burgund (923-36).
Mit dem ersten König aus dem Haus der Robertiner (später: Kapetinger) beginnt die Abkapselung des Westreiches vom Ostreich noch deutlicher zu werden. Da aber anders als dort oder in England die Herrschaft über das Reich nur eine nominelle ist, es also überhaupt erst hergestellt werden muss, werden darüber im 10. Jahrhundert im Zentrum die ersten Funken von etwas geschlagen, was viel später sich zur Flamme eines allerdings vorläufig noch diffusen Nationalgefühls entfalten wird.
König Rudolf regiert vorwiegend in Burgund und von dort aus. Karl ("der Einfältige") wird von Heribert II. von Vermandois gefangen genommen und als Druckmittel gegen den König benutzt. 925 nutzt Heinrich I. das, um auf Lothringen zuzugreifen, wo sich ihm Herzog Giselbert unterwirft.
927 macht Heribert Karl im Konflikt mit Rudolf zum König, behält ihn aber als Gefangenen, bis er 929 im Gefängnis stirbt.
936-87 regieren Karolinger in unmittelbarer Folge. Der Robertiner Hugo ("der Große") holt beim Tod Rudolfs Ludwig IV., Sohn von Karl, aus dem englischen Exil zurück. Als dux Francorum kontrolliert Hugo mehr oder weniger gleichgewichtig zum König das Zentrum des Westfrankenreiches, während die Fürstentümer faktisch unabhängig sind. 945-46 sperrt Hugo seinen König gar ein. 948 reist der zu Otto ("dem Großen") nach Ingelheim, um Unterstützung zu bekommen. 950 schließen beide Frieden.
Nach dem Tod des Vaters 954 wird der dreizehnjährige Lothar König und seine Mutter Gerberga regiert für ihn, und mit dem Tod Hugos 956 nimmt ihr Spielraum zu: Hugos Sohn Hugo ("Capet") ist erst elf Jahre alt. Ottos I. Bruder Brun sorgt dafür, dass Hugo Sohn 960 den Herzogtitel (dux) bekommt.
987 stirbt Lothars Sohn, und Erzbischof Adalbero von Reims setzt mit des Hugo ("Capet") Vasallen und verwandten Fürsten durch, dass Hugo in Noyons zum König gekrönt wird. Der hat fast nur noch Besitzungen und Einfluss zwischen Paris, Orléans und Angers und muss sich bis 991 gegen Karl von Niederlothringen durchsetzen.
Zwischen 991 und 997 kommt es zu schweren Auseinandersetzungen um das Erzbistum Reims. Hugo Capet hatte dort Arnulf eingesetzt, der sich aber bald als Parteigänger Karls von Lothringen entpuppt. Um ihn abzusetzen, beruft er eine allgemeine französische Synode ein, die, ohne den Papst zu fragen, Arnulf absetzt, worauf Gerbert von Aurillac zum Nachfolger gewählt werden kann. Auf der Synode wendet sich der Bischof von Orléans gegen das Papsttum. „Die Rede gehört zu den schärfsten Angriffen, die im Mittelalter gegen das Papsttum gerichtet worden sind. Dieses Papsttum, einst eine Zierde der Kirche, war danach völlig verkommen in Unwissenheit, Verbrechen und Schande; wie sollten würdige Bischöfe sich ihm beugen.“ (Holtzmann, S.317)
Die Grafen von Anjou und Blois verselbständigen sich immer mehr, und bald wird der von Blois auch noch die Champagne erwerben (1021). 927 sterben die Herzöge von Aquitanien aus, und westlich von ihnen steigen die vom Poitou auf, die bald nach der Auvergne greifen und zu einer weiteren Großmacht werden. Daneben sind die Grafen von Toulouse und von Barcelona ebenso mächtig wie selbständig. In vielen Gegenden zerfallen Herrschaften aber weiter in Grafschaften und diese in kleinere Burg-Herrschaften.
Die Kirche der Bischöfe
Das unter den Sachsenkaisern wieder hergestellte Bündnis von Papsttum und Reich, noch unter Aufsicht weltlicher Herrscher, stärkt auf die Dauer die Päpste, die als Stadtherren von Rom, seines Umlandes und eines erst noch zu verwirklichenden größeren Kirchenstaates bestrebt sind, sich über die Machtkämpfe einer sich immer aristokratischer gebenden römischen Oberschicht
zu erheben. Darüber hinaus rivalisieren sie mit den Bischofskirchen der Reiche, die ihre Selbständigkeit zu halten suchen.
Im Unterschied zum familiengebundenen weltlichen Adel, dessen neuartige Herrschaft bei fehlender männlicher Nachkommenschaft immer vom Aussterben bedroht war, sind die in der Regel adeligen Bischöfe aufgrund ihres Amtscharakters durch Kontinuität ausgezeichnet. Die Urbanität bischöflicher Herrschaft drückt sich auch in einem dem weltlichen Adel vorausgehenden Effizienzdenken aus, welches das Wirtschaften (Erzielen von Einnahmen) und die Verwaltung gleichermaßen betrifft. Dabei verwandeln sich die klerikalen Untergebenen des Bischofs immer mehr in Beamte mit spezifischen Aufgaben.
In der Zeit der Klosterreformen beginnen Könige aus der sächsischen Familie der Liudolfinger (Ottonen) im ostfränkischen Reich damit, ihre Herrschaft noch stärker auf die Bischöfe zu stützen. Dafür intensivieren sie die sehr weltliche Ausstattung der Bistümer, um sie als Verbündete der Herrscher zu gewinnen und wirtschaftlich und militärisch so potent zu machen, dass sie diese mit ihrem stattlichen Hof bewirten und ihnen auf Heer- und Kriegszügen (was sich kaum klar unterscheiden lässt) folgen zu können, sowie an den königlichen Hoftagen teilzunehmen. Im Laufe des 10. Jahrhunderts werden sie so zur wichtigsten Stütze königlicher Macht.
In einem Aufgebot von Kaiser Otto II. stellen Bischöfe drei Viertel des Reichsheeres, so mancher zeichnet sich durch Wehrhaftigkeit und kriegerisches Verhalten aus. Wichtig für die Herrscher ist auch ihre Verpflichtung zur Beherbergung und Verpflegung des umher reisenden Königs. Dementsprechend werden diese hohen kirchlichen Herren mit immer neuen Privilegien versehen, die ihnen entsprechend Aspekte von Beherrschung ihrer civitas verleihen.
Bischöfe werden welt-orientierter, ähnlich wie auch die Domherren. Am Ende nähern wir uns der Trennung in die Kirche mit ihren geistlichen Aufgaben, die die Bischöfe in ihrer zum Teil häufigen Abwesenheit ohnehin delegieren, und der Kirche als weltlicher Macht, die sich im 11. Jahrhundert als Hochstift herauskristallisieren wird. „Das neue Bischofsideal ist durch eine Hinwendung zum tätigen Leben, zur vita activa als Vorstufe eines Amtsgedankens, einer Verantwortung des Bischofs für seine Diözese gekennzeichnet.“ (Schubert in Bernward, S.101)
Bischöfe werden eigentlich von Klerus und Gemeinde gewählt, was im 10. Jahrhundert heißt, dass der höhere Domklerus sich oft für einen aus seinen Reihen entscheidet. Aber weltliches wie geistliches Machtinteresse sorgen dafür, dass Könige oder andere Fürsten beginnen, solche Leute auch in ihrer Hofkapelle heranzuziehen und dann dem Bistum auch schon mal gegen dessen erklärten Willen aufzuoktroyieren. Hochadel und Könige lassen Wahl nur noch dort zu, wo ihnen Bistümer eher uninteressant sind.
Ausnahmen werden durch Privilegien markiert, wie das des Domklerus von Magdeburg, dem Otto II. 979 das ius speciale der freien Wahl verleiht.
Nun gibt es ohnehin das Bewusstsein einer Einheit von weltlicher und geistlicher Macht, wie sie seit Konstantin und dann auch der ersten Reichssynode Chlodwigs demonstriert wurde. Diese Einheit gewinnt neue Qualität nicht zuletzt über die seit den Karolingern verstärkte Sakralität des Königtums, die immer weiter verstärkt wird.
Mit der Entstehung neuer Reiche geht daraus dann jene Tendenz hervor, die Reichskirchen schafft, wie die west- und ostfränkischen, wobei für das Ostreich zwischen 916 und 1056 rund 100 vom König initiierte Synoden bekannt sind. (GoetzEuropa, S.219) Landeskirchen entstehen dann auch durch Errichtung von Erzbistümern im entstehenden Polen, in Ungarn oder noch später in Dänemark, welche sich dabei aus der ostfränkischen Kirche lösen.
Das, worauf Kloster- und Kirchenreformen schon immer abzielten, den autonomen Raum eines konsequent (kirchlich definiert) christlichen Lebens, wird dabei grundlegend gefährdet. Neben das nicht regulär umgesetzte Zölibat in der Priesterschaft tritt dabei ein zweites Problem, der Vorwurf durchgängiger Korruption, auch wenn sie damals nicht so genannt wird.
Wer ein geistliches Amt will, zeigt sich beim jeweiligen weltlichen Herrn dafür erkenntlich. Je einträglicher dieses Amt ist, desto größer der Obolus, der dafür entrichtet wird. In der Reformbewegung nach der Jahrtausendwende wird das unter den Vorwurf der Simonie fallen. Zusammen mit dem erneut verweltlichenden Lebensstil von Bischöfen und Klerus baut sich so ins 11. Jahrhundert eine Art kirchlicher Reformstau auf, der Schritt für Schritt auch in Konflikte zwischen geistlicher und weltlicher Gewalt münden wird.
Während die von Cluny, Gorze und vielen anderen Orten ausgehenden Reformversuche das klassische benediktinische Mönchtum zu bewahren und zu retten versuchen, wird es doch in dieser Zeit in seiner Bedeutung langsam durch Bischofskirche und Papsttum zurückgedrängt, mit denen sich die Könige des römisch-deutschen Reiches immer deutlicher verbünden. Das führt zu Verweltlichung.
Höherer Adel, wie er sich unter den Bedingungen neuer Bildung von Reichen und Fürstentümern im 10./11.Jahrhundert entwickelt, wird in der Familie vererbt wie Besitz und Rechte. Hohe geistliche Ämter sind für Mitglieder dieser Familien eine Alternative: Sie implizieren hohen Adel und entsprechende Macht als Ziel einer Karriere. Darum versuchen Familien, sich möglichst für längere Zeit des Bischofsamtes zu bemächtigen. In Limoges wird der Bischofsstuhl ab 969 sukzessive von drei Familien der Vizegrafen besetzt.
Weiteres Ziel wird das Erringen mehrerer Bischofsstühle in einer Hand. Ein aus der örtlichen Grafenfamilie entstammender Manasse wird 914 Bischof von Arles. 926 folgt er dem Grafen Hugo nach Italien und erringt die Bischofsitzen von Verona, Trient und Mantua dazu. Bei einem weiteren Italienzug gewinnt er um 950 auch noch das Erzbistum Mailand.
Heribert von Vermandois, Graf von Soissons und Laienabt eines Klosters in Soissons, erreicht mit Blick auf das Kirchengut vom schwachen Erzbischof Seulf mit Unterstützung König Roberts I. die Designation zum neuen Reimser Erzbischof, was nach dem Tod Seulfs dann dergestalt stattfindet, dass der noch nicht einmal fünfjährige Hugo (von Vermandois) das Amt antritt. Die geistlichen Angelegenheiten soll der Bischof von Soissons besorgen, die weltlichen Graf Heribert (schreibt Flodoard).
In Mailand werden große Vasallen aus kirchlichem Besitz belehnt, den zuvor der Klerus innehatte.
Thietmar von Merseburg findet es verständlich, dass Könige und Kaiser Bistümer besetzen, da sie ja Stellvertreter Christi auf Erden sind.
Trotzdem habe ich vernommen, dass manche unter der Herrschaft von Herzögen und, noch schlimmer, von Grafen schwere Beeinträchtigungen erleiden; nichts dürfen sie tun als was solchen Weltkindern zum Nutzen ist. (I,26)
Ausnahmen von hochedler Herkunft gibt es unter Bischöfen wenige. Die Mutter des von Otto II. eingesetzten, zuvor Kanzler gewesenen, Willigis als Erzbischof von Mainz war eine paupercula gewesen, eine relativ arme Freie, und wegen seiner geringen Herkunft wenden sich viele gegen die Ernennung. Erst Robert ("der Fromme") wird im nächsten Jahrhundert in Westfranzien häufiger Leute niederer Abkunft einsetzen.
Ein gutes Beispiel für hochadeliges Selbstbewusstsein jener Schicht, die die hohen Kirchenämter einnimmt, liefert Gerhards Lebensbeschreibung des 890 geborenen Bischofs Udalrich (Ulrich) von Augsburg, der eine herausragende Rolle in der Schlacht auf dem Lechfeld spielen und heiliggesprochen werden wird. Die gräflichen Eltern bringen ihn zur Erziehung ins hochadelige Kloster Sankt Gallen, und dort erhält er dann einen Karriereposten beim Augsburger Bischof. Danach macht er eine Pilgerreise nach Rom. Als er zurückkommt, ist ein neuer Bischof im Amt:
Dieser war nicht von so hohem Adel, dass Ulrich in seinen Dienst hätte treten mögen. Und weil inzwischen sein Vater gestorben war, ging er ins Elternhaus zurück und übernahm die Versorgung der Mutter (…) und verwaltete alles, so gut es in seinen Kräften stand. (in: WGoez, S.28)
Erst vierzehn Jahre später wird er als naher Verwandter des Herzogs Burchard von König Heinrich I. zum Bischof ernannt und lebt dann zwischen dem, was er unter persönlicher Frömmigkeit versteht, und sehr weltlichem Königsdienst, der manchmal auch direkten Dienst mit der Waffe bedeuten kann.
Er macht seinen Neffen Adalbero zum Kommandanten der bischöflichen Vasallen, lässt seine Familiaren einen Treueid auf ihn leisten und macht ihn zu einer Art Stellvertreter im Bischofsamt, wogegen sich eine Synode seiner Amtsbrüder wehrt, die aber akzeptiert, dass der Neffe sein Nachfolger werden soll.
Der hohe Klerus entstammt adeligen Familien, ebenso wie viele Mönche und Nonnen. Welche Lebensweise das trotz aller Reformversuche des 9. Jahrhunderts normalerweise nach sich zieht, lässt sich implizit am Sonderfall der idealisierten Lebensweise der Hildesheimer Domherren unter Bischof Bernward in der Zusammenfassung von R. Schieffer ablesen, die das Gegenteil beschreiben soll:
"So ernst sei damals dort der Dienst für Gott genommen worden, dass man sich bei der kanonikalen Lebensform einer 'mönchischen Zucht' (districtione monastica) erfreuen mochte. Unerbittlich sei bereits jede Verspätung beim Chorgebet, am gemeinsamen Esstisch oder im Schlafsaal geahndet worden, und innerhalb der Klausur habe man eher noch mehr auf Strenge gehalten als in der Schule, was das tägliche Schreibpensum sowie die auswendige Beherrschung der liturgischen Texte und Gesänge anging. Auffällige Kleidung habe man so wenig erstrebt wie reichliches Essen, die schlichte Denkungsart dem höfischen Witz vorgezogen und um des geistlichen Auftrags willen jeden Ehrgeiz in der äußeren Welt aufgegeben." (in: Bernward, S.270)
Solche Disziplin eröffnet höhere Karrieren, und so werden die sächsischen Könige und Kaiser aus den Reihen der Hildesheimer Kanoniker immer wieder Leute in ihre Hofkapelle ziehen und sie dann zu Bischöfen im Reich machen.
Üblicher ist aber wohl, was Bischof Rather von Verona von seinem Domkapitel berichtet, und zwar von Würfelspiel, Alkohol, Falken- und Hundejagd (Falkenau, S.282)
Status ist zugleich reale ökonomische und militärische Macht, die an der Person und direkt um sie herum sichtbar gemacht werden muss. Eine aristokratische Kirche braucht große Besitzungen, um nicht nur mit allem Lebensnotwendigen versorgt zu werden und den Dienst am König, das servitium regis zu leisten, sondern um zudem mit der Pracht ausgestattet zu sein, die ebenso wie bei weltlichen Herren den gehobenen Status widerspiegelt.
Die Kirche wie das Adelskloster besitzen nur als gemeinsam deklarierten Besitz, aber der macht auf dem Weg ins Mittelalter bereits einen Großteil des Landes in den Reichen aus. Dabei gehört kirchlicher Besitz (nominell) den jeweiligen Heiligen, man beschenkt nicht so sehr den Bischof oder Abt, sondern den heiligen Patron, aber die Wirklichkeit sieht anders aus: Die Größe der Kathedrale und ihre Ausstattung künden tatsächlich von Macht und Status des Bischofs und sind sein höchst persönliches Anliegen. Gold, Silber und Edelsteine, Elfenbein und Marmor dienen offiziell dem Lobe Gottes, aber dies ist kaum von dem des Abtes oder Bischofs zu trennen...
Ekkehard (IV) von Sankt Gallen berichtet von einer Italienfahrt des mächtigen Mainzer Erzbischofs Hatto im Auftrag des Königs.
Man sagte aber, aus Misstrauen gegen seine Mainzer habe er alles, was er an Schätzen besaß, mit sich geführt, um es bis zu seiner Wiederkehr seinem Kumpan anzuvertrauen, und der war Salomo, Bischof von Konstanz und Abt von Sankt Gallen (Ekkehard, S.56).
Vor allem Gefäße aus Gold und Edelsteine werden erwähnt. Das alles wird aus der Mitte des 11. Jahrhunderts erzählt, von der aus der Reichtum des Bischofs als sein persönlicher auftaucht. So heißt es denn auch wenig später geradezu beiläufig: Jener reiche Mann kehrte aus Italien sehr reich zurück... (cap.23).
Entsprechend betreiben die Bischöfe wie weltliche große Herren eine möglichst prächtige Hofhaltung. Selbst der Bischof von Carcassonne hat einen Kämmerer, einen Ökonomen, einen Seneschall und einen Kellermeister. (Fichtenau, S.269) Neben diesem Personal und einem möglichst großen Gefolge von Vasallen dient dabei zunehmend gegen Ende des Jahrhunderts eine Bautätigkeit, die nicht nur Burgen und Stadtmauern betrifft, sondern auch immer größere Kathedralen. Schließlich werden Bischöfe auch als große Jagdfreunde bekannt.
Unter den sächsischen Königen und Kaisern wird die Kirche (und so manches Kloster) durch Privilegierung und Ausstattung in erheblichem Umfang in den weltlichen Machtapparat integriert. Umgekehrt sind Macht und Reichtum elementare Ziele von Bischöfen und Klöstern, beide in den Händen einer adeligen Herrenschicht. Entsprechend können jederzeit Konflikte zwischen Bischöfen aufbrechen, wie ganz massiv 968 anlässlich der Einrichtung des Erzbistums Magdeburg unter den Ottonen oder 1007 bei der Gründung des Bistums Bamberg. "Weder Kirchenprovinz- noch Standesbewusstsein konnten letztlich zu einem einträchtigen Handeln des hohen Klerus führen, dessen Interessen sich einerseits auf das Verhältnis zum König und andererseits auf das Wohl der eigenen Diözese erstreckten." (GoetzEuropa, S.219) Die Erzbischöfe von Trier, Mainz und Köln streiten immer wieder um ihre Vorrangstellung in deutschen Landen.
Konflikte gibt es aber auch zwischen ihnen über die klerikale Hoheit über Klöster, wie der Gandersheimer Streit aus der Zeit der Minderjährigkeit Ottos III. zeigt. Dort geht es um die Machtentfaltung der Hildesheimer Bischöfe und der Mainzer Erzbischöfe. (siehe Anhang 16)
Diese Verquickung weltlicher und geistlicher Aufgaben und Interessen macht Bischöfe oft abwesend von ihrer Diözese, und dabei gelangen immer mehr Aufgaben in die Hände der Domgeistlichkeit. Mit der Aufteilung von Bistümern in Archidiakonate gewinnen Archidiakone über die Mithilfe bei der Vermögensverwaltung und der Beaufsichtigung des Klerus bald eigene Spielräume für die Verwaltung ihres jeweiligen Bereichs samt einer eigenen Gerichtsbarkeit. (GoetzEuropa, S.223)
Kirchliches Recht beruhte vor allem auf Konzilsbeschlüssen und päpstlichen Festlegungen, auf denen immer neue Bestimmungen aufbauen, was eine damals einzigartige Normierung von Machtausübung bedeutet, die immer wieder einmal auch in den weltlichen Bereich ausgreift. Sammlungen solcher Beschlüsse, Vorstellungen und Ansichten wie die des Abtes Regino von Prüm Anfang des 10. Jahrhunderts sind noch kein Gesetzbuch, aber ein erster Weg dahin, wie er für weltliche Machtausübung in diesem Jahrhundert völlig fehlt, und wohl auch gar nicht vorstellbar ist. Ein solches Handbuch für (kirchliche) Amtsausübung und Verwaltung in modernerer Form stellt dann über hundert Jahre später Bischof Burchard von Worms zusammen, das 'Decretum'. Es wird sich in wenigen Jahrzehnten über die Reichsgrenzen hinaus nach Reichsitalien und Frankreich als vorbildhaft verbreiten.
Nach Kirchenrecht haben Priester keusch zu leben, aber es ist klar, dass das wohl die meisten nicht schaffen. Gelegentlich setzen Bischöfe und Priester (Ehe)Frauen als Erben in ihre Testamente, wie von Katalonien z.B. bezeugt. Atto von Vercelli stellt in einem Rundschreiben fest, dass Priester öffentlich sichtbar mit Ehefrauen wohnen und essen, die ihrem Haushalt vorstehen, und die als Erbinnen eingesetzt werden. Manche Bistümer wie das von Pistoia werden durch mehrere Generationen vom Vater auf den Sohn vererbt.
Dem Domstift von Arezzo stand ein Viertel der Güter und Einkünfte für den Unterhalt seiner Mitglieder zu. Reich geworden, nahmen sie Frauen und zeugten mit ihnen Söhne und teilten die Kirche unter sich auf. "Sie mieteten einen Mönch, der den Kirchendienst besorgen sollte und sandten zu den Terminen, an denen die Gläubigen ihre Opfergaben darzubringen hatten, Diener in die Kirche, um die Gaben abzuholen." (Fichtenau, S.162)
Wie dieser hohe wie niedere Klerus auf die produktive Masse der Menschen wirkt, die ihn ernährt und ausstattet, bleibt unklar. Von weitergehender Christianisierung der Produzenten durch ihre Ideologen ist wenig die Rede. Vielleicht begnügen sich die meisten den Herren Unterworfenen mit den Ritualen und Zeremonien des Kirchgangs und haben ansonsten genug mit sich selbst zu tun.
Spätestens im 10. Jahrhundert werden die weltlichen Herren zunehmend illiterater und auf die Hilfe weniger Lesekundiger angewiesen. Solche finden sich zunächst am ehesten noch unter an Klöstern ausgebildeten Bischöfen und in Klöstern selbst, wobei man über den Anteil der dort ernstlich Schriftkundigen über Scholaster, Lehrer an Klosterschulen hinaus kaum etwas weiß. Das alles drückt nichts anderes als einen Rückgang der Zivilisation aus, also des von mehr als mündlich vermittelten, verfeinerten Machtstrukturen und deren Propagierung. Zeichenhafte Rituale nehmen an Bedeutung zu.
Mit steigender Bedeutung der Bischöfe wird dann aber die Belesenheit und Gelehrsamkeit ein Stück weit aus dem Monopol der Klöster entlassen und findet zunehmend eine neue Bleibe in den Domschulen, in denen die eingeübte Demut des klösterlichen Skribenten einem neuen, etwas intellektuelleren Selbstbewusstsein weicht, welches sich stärker antiken (auch heidnischen) Autoren öffnet.
Reste an Bildung werden von Geistlichen wie Mönchen in teils weit auseinander liegenden Orten gepflegt, in Reims, wo einzelne Autoren wie Flodoard und Richer Texte schreiben, in St. Gallen, in Corvey mit dem Sallustkenner Widukind, dazu kommen dann noch Quedlinburg, Magdeburg und das Gandersheim der von Vergil und Terenz beeinflussten hochedlen Nonne Hrosvitha. Bedeutend sind auch die gereimte Prosa des Bischofs Rather von Verona und der das Griechische beherrschende Bischof Liutprand von Cremona.
Kloster und Reform
Während unter den Karolingern Christianisierung als Machtbasis vorangetrieben wurde, als Vereinheitlichung im Sinne der Zentralmacht, tauchen im 10. Jahrhundert neue Reformbestrebungen auf, die dem Kloster mehr Autonomie geben wollen. Es geht dabei um Machtfragen, die mit stärkerer Heiligung der Einrichtungen verbunden werden.
In die Wirklichkeit von Klöstern, abgeschlossen, wie es schon ihr Name sagt, lässt sich nur schwer und nur an wenigen Stellen hineinschauen. Seltene Einblicke gibt es dort, wo Konflikte auftauchen, die nach außen getragen werden. Ein Grundzug mittelalterlichen Klosterlebens ist aber die Tendenz zur Abweichung von der vorgegebenen Klosterdisziplin, also in "Verweltlichung", die zu immer neuen Reformbewegungen führt: Benedikt von Aniane, Cluny, später die Zisterzienser, die Bettelorden.
Sexuelle Enthaltsamkeit geht zurück. Zudem stehen viele Klöster unter der Kontrolle von Hochadeligen, die wie die Welfen und die Robertiner einen Teil ihrer Macht auf sie und ihren Besitz begründen. Fulko I., Graf von Anjou, ist 929/30 (Laien)Abt im Kloster St. Aubin und im Stift von Angers. Bis 1027 setzen diese Grafen dann Äbte ein, ohne die Mönche zu befragen. Graf Balduin III. von Flandern baut dem Kloster St.Bertin einen Wehrumgang und ist dann vor seinem Tod 962 eine Weile dort Laienabt, vererbt das Amt an seinen Sohn und der an seinen Bruder. (Fichtenau, S.311)
Über sein Kloster St.Maximin in Micy schreibt Mönch Metald:
"Sein Abt war durch einen Güterprobst des Bischofs von Orléans verdrängt worden und die Brüder mussten zusehen, wie Räumlichkeiten als Pferdestall okkupiert wurden. Es gab eine Falknerei, einen Hundezwinger, einen Fechtplatz für die Jungmannschaft; die Webstühle klapperten, und die Frau des Propstes ging mit ihren Dienerinnen umher." (Fichtenau, S.312)
Selbst im für Westfranzien so wichtigen Martinskloster in Tours wird die Benediktregel nicht mehr so recht eingehalten. Es nimmt dann "gar wie im alten St.Benoît de Fleury-sur-Loire ein Adeliger die Abtschaft wahr, der mit Frau und Kindern und Jagdgesellschaft im Kloster" wohnt. (Wollasch, S.20) Ein Reformbedarf scheint unübersehbar. Offenbar wird auch der strenge Einschluss im Kloster nicht mehr befolgt, und da viele Mönche kaum noch lesen können, ist ihre religiöse Bildung bescheiden.
Abt Hildebrand von Farfa führt zur Zeit Ottos I. ebenso wie seine Mönche eine Art öffentliche Ehe. Als Hugo von Farfa von Cluny um die Jahrtausendwende mit der Reform des Klosters beauftragt wird, berichtet er davon, dass dort Mönche offen mit ihren Geliebten leben.
Wo Stifter insbesondere im deutschen Raum nicht direkt eingreifen, bestimmen sie doch die Vögte der Kloster, und ostfränkische Könige setzen sie aus ihnen genehmen vornehmen Familien ein.
Klöster ernähren sich über ihren Grundbesitz mit den Leuten, die darauf arbeiten. Dieser erweitert sich bis ins 10. Jahrhundert über erhebliche Schenkungen, die dazu führen, dass sie schließlich über einen Großteil des Landes verfügen. Schenkungen gehen oft auch einher mit der Aufnahme (Obligation) von Kindern ins Kloster, oder der von dem Tode naher Vornehmer.
Wie auf weltlichen Herrenhöfen lebt auch beim Kloster eine größere Schar von Dienstpersonal, vor allem Handwerker, in der Regel in Massenquartieren, nach Männern und Frauen getrennt, letztere mit kleineren Kindern zusammen. Ehe und Familiengründung ist ihnen auch hier in der Regel untersagt. Auf einem Gut des Klosters Farfa gibt es 55 Mägde, die vermutlich Textilarbeiterinnen sind. (Fichtenau, S.172)
Klösterliche Besitzungen sind nicht der Zersplitterung im Erbfall unterworfen, sondern werden in dieser Zeit oft durch ständig neue Spenden vergrößert. Während das Erbeuten von Besitzungen durch kriegerische Gewalt den weltlichen Adel hohen Risiken aussetzt, und Unfruchtbarkeit der wirtschaftlichen Unternehmung Adelsfamilie gar ein Ende setzt, müssen Klöster nur durch den Eindruck von Frömmigkeit und wirtschaftlicher Effizienz glänzen, um immer reicher zu werden. Anders als bei den produktiv Arbeitenden ist die Ernährung von Mönchen dabei in der Regel ausreichend gesichert, wobei vor allem die Quantität an Brot und Hülsenfrüchten betroffen ist, oft auch an Wein.
Das Besondere an den Klöstern ist, dass der einzelne Mönch kaum Eigentum haben darf, wobei es für das Kollektiv der Mönche aber eher wünschenswert ist, dass es möglichst wohlhabend wird. Damit kann es zum wichtigen Machtfaktor werden und zudem in seiner Prächtigkeit besonders eindrucksvoll die weltlichen wie religiösen Interessen der weltlichen Machthaber vertreten.
Ein höherer Adel, der es sich leisten kann, stiftet darum Klöster, in denen dann nicht mehr erbberechtigte Kinder aufgenommen und manchmal als Äbte eingesetzt werden. Diese Klöster können dann für das Seelen der Stifter beten.
Herzog Wilhelm von Aquitanien, Graf von Macon, besitzt mehrere Eigenklöster und firmiert in dem von St.Julien de Brioude in der Auvergne selbst als Abt, was ihm eine gewisse Verfügung über das Einkommen gibt. Reformansätze zu strengerer mönchischer Disziplin (griechisch: Askese) hatte es zuvor in Baume unter Abt Berno gegeben, wo auch der zweite Abt Odo (von Cluny) als Mönch lebte. Wie der Herzog selbst sagt, stiftet er dann 910 das Kloster Cluny aus Sorge um sein Seelenheil und stattet es mit einer Grundherrschaft aus. Diese Sorge soll die Neugründung umso effektiver leisten können, als sie weder einem weltlichen noch einem geistlichen Herrn unterstellt wird, sondern direkt dem Papst. Die Mönche sollen zudem ihren Abt selbst wählen dürfen. Damit soll jene strenge benediktinische Disziplin eingehalten werden können, die die Gebete dort erst richtig wirksam werden lassen.
Im 10. Jahrhundert geht ein großer Teil der dortigen Mönche noch aus der Schicht freier Bauern hervor, die im 11. dann von höher-adeligen Herren abgelöst werden.
931 erlaubt der Papst Cluny die Übernahme reformwilliger Klöster, 998 die völlige Freiheit von allen Eingriffen des Bischofs von Macon.
Die Strahlkraft der Neugründung führt zu weiteren reichen Schenkungen. Immer mehr Klöster werden bald von ihren Herren an Cluny zwecks Reform und Aufsicht übertragen, zum Beispiel auch von den Robertinern, oft wohl gegen Widerstand zumindest einer Mehrzahl der Mönche. Bis nach Italien gibt es schließlich cluniaszensische Klöster. Konfliktpotential ergibt sich mit den Bischöfen, die ihren Einfluss auf solche Klöster schwinden sehen.
Die Äbte von Cluny sind offensichtlich von der stabilitas loci des einfachen benediktinischen Mönches ausgenommen und oft wie Reisekönige im lateinischen Europa unterwegs, wobei sie auch Schutz für ihr Kloster suchen. Sie
verkehren bald regelmäßig in Rom auch mit jenen Päpsten, die wegen größtmöglicher Verworfenheit berüchtigt sind, mit Kaisern und mit Königen wie den römisch-fränkischen, den westfränkischen und englischen.
Schon unter Abt Odo (seit 927) werden die Mönche von Cluny dazu verpflichtet, täglich 138 Psalmen zu rezitieren, ein Mehrfaches des bislang üblichen.
In der zweiten Hälfte des zehnten Jahrhunderts kommt es zur Niederschrift der Gebräuche, consuetudines. "In diesem Text wird den Gang des Kirchenjahres hindurch der Ablauf des Tages für den Mönch in Cluny völlig auf die Liturgie hingeordnet, auf die mönchischen Tageszeiten, zu denen das Chorgebet stattfand, und auf die Messfeier. So sehr wurde die Gemeinschaft in ihren gemeinsamen Gottesdienst gestellt, dass der Text der ältesten aus Cluny erhaltenen Gewohnheiten klösterlichen Lebens nahezu nur Aussagen zur Liturgie zu entnehmen sind." (Wollasch, S.96)
Bei Radulf Glaber liest sich das etwas später in seiner Historia so:
In diesem Kloster, das kann ich selbst bezeugen, gibt es einen Brauch,, der sich nur durch die gewaltige Anzahl der Mönche verwirklichen lässt; und diesem Brauch gemäß werden tatsächlich von der ersten Stunde des Tages bis zur Ruhezeit ohne Unterlass Messen gefeiert. Dies geschah mit so viel Würde, so viel Frömmigkeit und so viel Verehrung, dass man eher meinen könnte, Engel walten zu sehen als Menschen.
Das Umfeld der frühen Messen dient dem Totengedenken: "Der morgendlichen Messe gingen Gesänge und Gebete voraus: für Könige und Prinzen, für Bischöfe und Äbte des Ordens, für Freunde und Gönner der Abtei sowie für aktuelle Anlässe. Zur zweiten Messe sprachen die Mönche Gebete für die verstorbenen Päpste, für Freunde und Gönner wie die Könige von Spanien, für die Brüder, für die Freunde und Verwandten der Mönche, für alle, die in Cluny begraben lagen, und für die Toten im Allgemeinen." (Gleba, S.117)
Voraussetzung für die vielen Messen ist wie anderswo auch die Zunahme jener Mönche, die zugleich Priester sind. Dabei wird die überall demonstrierte Hierarchie immer wichtiger: Bei der Prozession im Kirchenchor gehen Priestermönche voran, es folgen Diakone, Subdiakone, Inhaber niederer Weihen und dann die Laienmönche. Alle Gruppen sind wiederum nach Professalter gegliedert. (Fichtenau, S.37)
934 finden sich Fromme im verfallenen Kloster Gorze zusammen und gründen eine Gemeinschaft von ebenfalls benediktinischer Strenge, die über Lothringen in den ostfränkischen Raum ausstrahlt. Das Hauptkloster wird eine Art zentrale Bildungsstätte (Mitterauer). Die davon beeinflussten Klöster bleiben aber Eigenklöster von Bischöfen und Hochadel, die weiter Einfluss u.a. auf die Abtswahl haben.
Im deutschen Raum sind ansonsten die mächtigen „Reichsklöster“ unter den Ottonen ähnliche Stützen königlicher Herrschaft wie die Bischöfe. „...schon in ottonischer Zeit führten beispielsweise die Äbte von Lorsch (Bergstraße) und Weißenburg (Elsass) dem Kaiser je fünfzig Gepanzerte für den Italienkrieg zu, mehr als die Bischöfe von Worms, Konstanz oder Freising.“ (WGoez, S.55)
Am Ende des 10. Jahrhunderts gibt es etwa 90 solche Reichsklöster im ostfränkischen Reich, die zur Nutzung von Bistümern durch die Könige hinzukommen. Ähnlich wie Bischöfe versuchen Könige dort ihre Leute auch als Äbte einzusetzen, die dann oft wie weltliche Herren wirken.
Fromme Erneuerung der Klosterdisziplin schließt nicht aus, dass Klosterkirchen eine gewisse protzige Gigantomanie entwickeln. Unter dem Abt Maiolus von Cluny wird in den Jahren 950 bis 980 eine zweite Abteikirche errichtet. Es ist eine dreischiffige Basilika mit Vierungsturm. Dem Langhaus ist im Westen ein Atrium vorgelagert. Als Neuerung wird zwischen ausladendem Querhaus und Apsis ein dreischiffiger Chor mit basilikalem Querschnitt eingefügt, dessen Seitenschiffe in Kapellen mit äußerlich rechteckigem, innen aber rundem Abschuss auslaufen. Flankiert wird dieser Chor von zwei weiteren Räumen. Das gewaltige Cluny II wird zum Vorbild der übrigen cluniazensischen Reformbaukunst
Nachdem Wilhelm von Volpiano von Cluny zur cluniaszensischen Erneuerung von St.Bénigne in Dijon geschickt wird, lässt er zwischen 1001 und 1018 die ursprüngliche Klosterbasilika mit ihrem hölzernen Dachstuhl abreißen und durch eine neue Klosterkirche mit einem Gewölbe unter Einbeziehung einer neuen großen, östlich gelagerten Rotunde im frühromanisch-lombardischen Baustil ersetzen. Sie ist 100m lang und 26m breit. Dazu gehören acht Türme, drei Kapellen, 120 Glasfenster und 371 Säulen (Fichtenau, S.103)
Angeschlossene Klosterschulen bleiben bis tief ins 10. Jahrhundert der wichtigste Ort, an dem Lesen und Schreiben (der lateinischen Sprache) vor allem für angehende Priester unterrichtet wird, und zwar mit Drill und Auswendig-Lernen. Normalerweise wird nur das trivium, im besten Fall werden dabei auch die übrigen freien Künste (artes liberales) unterrichtet.
Bücher der Klosterbibliothek sind teuer, meist durch Abschrift hergestellt, und ihre Anzahl bleibt überschaubar, wobei sich immer wieder einige "heidnische" Klassiker hinein finden.
Freie, Herren, Adel in den beiden Francia-Reichen
Unterhalb der Monarchen und jener Großen im Reich, die nun zunehmend zu Fürsten (principes) werden bzw. zu Herzögen und Markgrafen, teilen sich die Menschen weiter in nicht viel mehr als fünf Prozent Freie, die oratores und bellatores, und darunter in die mehr oder weniger Halbfreien und zunehmend weniger Sklaven, wobei die Menschen unterhalb der Freiheit immer mehr als laboratores in einen einheitlicheren Stand zusammenwachsen.
Freiheit (libertas) ist dabei ein Rechtsstatus, der freien Zugang zur Gerichtsbarkeit und Wehrfähigkeit beinhaltet, damit auch die Pflicht zur Teilnahme am Gericht und zur Heeresfolge. Die möglichst klare Trennung von Freiheit und Unfreiheit wird vor allem für die wichtig, die sich langsam deutlicher als Adel verstehen. (*4b)
Neben dem lateinischen dominus existiert der frô, welcher schließlich außer im christlichen Fest Fronleichnam zugunsten des Herrn verschwindet, vom althochdeutschen herro abgeleitet, dem Komparativ von hēr "edel, würdig, wichtig, erhaben", welches im Mittelhochdeutschen bereits herre heißen wird. Dafür überlebt die weibliche althochdeutsche Form frouwa über die mittelhochdeutsche frouwe als Herrin, neben der auch die von der domina abgeleitete französische Dame um 1200 in etwas gleichbedeutend in die deutsche Sprache gelangen wird.
Es gibt keine festgelegte Nomenklatur, aber edle Herren von Adel werden nun langsam Leute, die nicht nur frei sind, sondern auch über Land und (nicht freie) Leute verfügen, die es ihnen ersparen, selbst körperlich zu arbeiten, und die anfangen, den Wohlstand ihrer Familie über mehrere Generationen auf Ahnen zurück zu verfolgen. Das wird dann zur Gewohnheit, auf eine vornehme Geburt und insbesondere in den hohen Rängen auf sein Geblüt zu verweisen.
Adel ist dabei im 10. Jahrhundert kein ganz klarer Standesbegriff, geht aber immer mehr mit einer gehobeneren Lebensform als Demonstration des Status einher. (*5)
Neben diesem dominus, der auch zunehmend als senior auftaucht, französisch später seigneur, erbt unsere Schwellenzeit begrifflich auch die nobiles, ursprünglich die senatorischen Familien, zunehmend aber eine eher dünne großgrund-besitzene Oberschicht. Nach und nach wird in den romanischen Sprachen daraus die noble Entsprechung zum deutschen Wort "Adel" werden, während sich im Englischen neben noble die aristocracy durchsetzen wird.
Neben dem Land und der Lebensform erbt der Adelige vom Freien auch die Berufung entweder (meist) zum Krieger, oder aber zum Geistlichen bzw. Mönch. Militärdienst, zunehmend gepanzert zu Pferde, kann man sich mit der dazugehörigen Ausrüstung nur leisten, wenn man genügend Grund und Boden besitzt. Der Herr, der sich langsam zum Adeligen entwickelt, ist also grundbesitzender Krieger, miles. Wer kein Krieger sein kann, verliert auf dem Lande oft seine Freiheit. Dabei kommt seit dem 9. Jahrhundert die Unterscheidung zwischen einfachem Freien und Edlem auf. (*6)
Eine Entwicklungslinie hin zu neuartigem Adel führt also von der Infanterie, den Fußsoldaten, zur Reiterei. War diese unter Karl Martell und mehr noch unter Karl ("d. Gr.") schon von Bedeutung, so steigt sie noch einmal unter Sachsen-König Heinrich I. in der Auseinandersetzung mit den Reiterhorden der Ungarn. Im Laufe der Zeit werden dann unter milites nur noch schwer bewaffnete Reiterei verstanden, loricati, eine Entwicklung, die mit großem Tempo die Normannen in der Normandie vormachen.
Das reine Vasallenheer Ottos II. im Indiculus loricatorum von 981 besteht im Kern aus der Oberschicht der Panzerreiter, ergänzt durch leichte Reiterei.
Ein später deutlicher noch als "adelig" definierter Status entsteht aus den wirtschaftlichen Möglichkeiten, sich eine militärische Gefolgschaft heranzuziehen, welche gelegentlich mit dem schwierigen Begriff "Vasallen" bezeichnet wird, seit den Karolingern aber eher fidelis heißt, der Getreue also.
Wenn Gefolge ihm tatsächlich folgt, verpflegt er es und versorgt es manchmal auch mit Kleidern, Waffen und Pferden. (Fichtenau, S.82)
Vasallen und ihre Vasallen wiederum beginnen sich im 10. Jahrhundert ansatzweise in hohen und niederen Adel zu trennen. (*7) Es sind offenbar zwei Gruppen einer Schicht, die nur noch untereinander heiratet, zu Beziehungen von amicitia fähig ist, die auch die von (vielen) Vasallen sein können. Auf jeden Fall besitzt sie vor allem honor im Sinne von vielem Besitz.
Der Grundbesitz dieser Leute ist in der Regel weit verstreut. Oft verfügen solche Familien über Eigenkirchen oder Teilverfügung darüber, und sie machen Schenkungen an Klöster, um dort Einfluss zu gewinnen. Sie benutzen ähnliche oder immer wieder auftauchende Namen als Vorläufer viel späterer Familiennamen.
Wahrscheinlich gibt es ohnehin solange noch keinen klaren Adelsstand, wie es keine agnatisch definierten Adelsgeschlechter gibt, sondern noch breiter verwandtschaftlich gestreute Sippen, die dementsprechend auch nicht jeweils einen Stammsitz haben.
Wann sich dieser Wandel von cognatischer zu agnatischer Familienstruktur einstellt, dessen Anfänge einige Forscher zwischen 880 und 930 ansetzen, ist nicht deutlich sichtbar. Vermutlich bestehen beide Formen noch viel länger nebeneinander als offene Möglichkeiten.
Zunächst in den nördlichen Fürstentümern Westfranziens setzt sich im 10. und 11. Jahrhundert nach und nach die agnatische Familienlinie durch, welche sich auf einen gemeinsamen Vorfahren in der väterlichen Linie beruft, und das Eigentum und die Rechte dem ältesten Sohn vererbt. Geheiratet wird dann mit Unterstützung der Kirche immer exogamer. Diese Verbindung von Adel und patrilinearer Familie taucht in Südfranzien erst viel später auf.
Es wird üblicher, dass nur einer Besitz und Macht erbt. Andere werden als Kinder ins Kloster gesteckt oder zum Weltklerus gegeben. Wo das versäumt wird, müssen edelfreie Jungs sich sonstwie durchschlagen. Mädchen werden früh verlobt und dann verheiratet, und so aus einer Hand in eine andere gegeben.
Jedenfalls benehmen sich die späten Karolinger, dann die Welfen, die Liudolfinger und Billunger bereits wie agnatische Linien als dem, was dann zu Adels-Geschlechtern wird. Sie vererben grundsätzlich unteilbare Titel und Ämter zunehmend an den ältesten Sohn und betrachten sie dabei zugleich als vererbbar. Dazu kommt dann die Tendenz zur Vererbbarkeit von Lehen, die ebenfalls nicht geteilt werden. (*8)
Größeres zurück verfolgbares Alter der Familie, viel Privatbesitz (Allodien) neben den Lehen sein Eigen nennender Adel wird zum Hochadel, den principes (Fürsten) neuen Stils, die sich von den übrigen Herren absetzen, einem Adel, den diese Fürsten im Verlaufe der nächsten Jahrhunderte von sich abhängig zu machen versuchen werden.
Die lokale Konzentration der neuen Adelsgeschlechter wird befestigt durch die Gründung von Hausklöstern der einzelnen vornehmeren Familien. Für die sächsischen Liudolfinger ist das zunächst Gandersheim und dann später Quedlinburg. Hier werden Familienmitglieder als Abtissinnen eingesetzt, und es wird regelmäßig für die Familie gebetet. Weniger reiche und mächtige Familien folgen dann im 10./11. Jahrhundert mit zunächst kleineren Gründungen.
Das Denken in dynastischen Linien führt zu mehr Aufmerksamkeit für die Familiengeschichte. In Hausklöstern findet nun Geschichtsschreibung der jeweiligen Adelsdynastien statt. Dabei werden dann gerne auch Berühmtheiten als (fiktive) Ahnen eingesetzt, um Vornehmhalt als alten Adel zu benennen. (*9) Etwas näher an der Wirklichkeit sind dann die im späten 10. Jahrhundert einsetzenden Genealogien, die auch wichtig werden für Verwandtschafts-Beziehungen im Falle von Heiraten. (Althoff(5), S.71ff) Von 951/59 ist mit der im Kloster St-Bertin aufgezeichneten Stammtafel Arnulfs von Flandern zum ersten Mal eine solche Genealogie überliefert (Ehlers, S.49f).
Sich selbst als solcher darstellender Adel besitzt vornehme Kleidung, ist sehr demonstrativ Krieger, und zeichnet sich wie die Könige durch jägerisches Können aus.
Ein zweiter Schritt lokaler Festsetzung beginnt mit stärker befestigten Häusern.
Im Westfrankenreich beginnt der Burgenbau von meist hölzernen, befestigten Gebäuden verstärkt Ende des 9. und im 10. Jahrhundert mit dem Absinken königlicher Machtbefugnisse erst auf regionale und dann auf immer lokalere Herrschaften. Schon im Edikt von Pîtres legt Karl ("der Kahle") fest, dass castella et firmitates, die ohne seine Erlaubnis erbaut wurden, verboten sind, denn sie sind mit vielen Räubereien und Behinderungen für ihre Nachbarn verbunden. (in: Wickham(3), S.517)
"Die militärische Gefolgschaft eines solchen Burgherren bestand zu Anfang des 10. Jahrhunderts üblicherweise aus kleinen Leuten der Umgebung, die um ihres Schutzes willen dienten und nicht mit einem Dienstlehen ausgestattet waren. Erst um das Jahr 1000 finden sich bei den Burgen ansässige milites, die sich dem castellanus für ein Gut kommendieren und zur Burghut als ihrem wichtigsten Dienst verpflichtet sind." Das gilt zunächst für Kirchengut. Das Lehnsrecht führt dann zu einem "Geflecht von vasallitischen Beziehungen" (Ehlers, S.50/51). (*10)
In deutschen Landen beginnt Burgenbau im 10. Jahrhundert mit gehöftartigen Holzbauten mit hölzenen Palisaden. Später kommt ein Turm hinzu. Im Flachland entstehen, vielleicht nach normannischem Vorbild, Motten, befestigte und von Palisaden umgebene Turmhäuser auf künstlich aufgeschütteten Hügeln mit einer Vorburg als befestigtem Ort für Wirtschaftsgebäude. Vor allem im 11. Jahrhundert wird es dann zum Umzug des Adelsgeschlechts auf eine Burg, oft auf einer leicht zu verteidigenden Anhöhe kommen.
Geblüt und Geschlecht
Edle Familien haben im 10. Jahrhundert noch keinen Familiennamen, sondern Leitnamen, aus denen später mit den Familiennamen die "Vornamen" entstehen werden, in Spanien immer noch als nombres bezeichnet. Bei vornehmerer Heirat können alte Leitnamen durch neue abgelöst werden. Wichtig ist Abstammung, die sich im Geblüt darstellt, als edles Blut also. Dhuoda (siehe Anhang 14) nennt ihren Sohn im 9. Jahrhundert in sanguine nobilis. Er wird also schon nobel geboren, und damit erbt er das, was ihm edle Lebensführung vorgibt, und was bei Thegan, dem Biographen Ludwigs ("des Frommen") die Qualitäten sind, die zum Beispiel einen Bischof ausmachen. Das Geblüt ist das, was eine linea ausmacht, die radix (Wurzel) und stirps (Geschlecht). Deswegen werden Könige, Heilige, Trojaner oder gar die Vorfahren Jesu zu Ahnen erklärt. In der stirps regia wiederum verbindet sich das Geblüt mit dem Königsheil und wird so zur Wurzel dynastischen Denkens. (Schmid, S. 9ff)
Geschlecht leitet sich vom althochdeutschen gislahti ab, „nach jemandem geraten“, und bezeichnet in der noch nicht normierten und so mehr durch Erfahrung bestimmteren Welt eine Fülle von Nachkommenschaft und Verwandtschaft, die sich im Laufe der Zeit in unterschiedliche Stufen des Geblütes aufteilt. Sobald sich dynastisches Denken durchsetzt, wird das Geschlecht auch zum Haus, einer Familie im engeren Sinne. Das Haus (domus) ist aber auch die tendenziell patriarchale Familie als kleinste wirtschaftliche Einheit, Grundlage der Ökonomie (griechisch für: Hauswirtschaft).
Laut Schmid entstehen Geschlechter mit dem Bewusstsein von ihnen, welches sich in der schriftlichen und sagenhaft durchsetzten Überlieferung dokumentiert (S.118) In ihr äußert sich sagenhaftes Geschichtsbewusstsein welches dann Macht und Herrschaft legitimieren soll.
Blut vermittelt also Eigentum bzw. Besitz, Erbe und Eigenschaften. Töchter dienen ebenso wie Söhne zur Herstellung von Familienverbindungen im abendländischen Raum. So wie die Töchter des Großfürsten Jaroslaw von Kiew mit den Königen von Frankreich, Norwegen, Ungarn und Polen verheiratet werden, so Söhne und Töchter deutscher Adelsfamilien mit fürstlichen Familien in Ungarn, Böhmen, Polen, Dänemark oder Reichsitalien. Dabei fühlt sich ein in der Karolingerzeit aufgestiegener Adel bis ins 11. Jahrhundert noch nicht an die Grenze zwischen West- und Ostreich gebunden. Man hat Besitzungen in beiden Reichen, heiratet über die "Grenze" hinweg und kann sich dabei zu wechselnden Loyalitäten verstehen.
Weltliche Adelsmacht und lokale Herrschaft in beiden Franzien
Die Könige in deutschen Landen haben es vor allem mit fürstlichen Dynastien zu tun, um ihr Land zusammen zu halten, und diese wiederum versuchen, die neuartigen
Adelsgeschlechter unter sich irgendwie zu kontrollieren. Die Ottonen weichen dabei dann bereits stärker auf Bischöfe und Reichsäbte aus.
In Westfranzien kann schon Karl ("der Kahle") seine Grenzen kaum noch schützen und muss insbesondere im Süden gegen Verselbständigungs-Tendenzen kämpfen. Nach ihm fällt das Reich weiter in größere Herrschaften auseinander. Einige von ihnen können sich in das 10. Jahrhundert halten, wie die Grafen und dann Herzöge von der Normandie, von Flandern, von Anjou und Toulouse. Aber neuer Adel entsteht darunter auch hier.
Andere Gebiete zerfallen in einzelne Grafschaften, wobei die Grafen teilweise die Kontrolle über lokale Herren auf ihren Burgen verlieren.
"In der alten Grafschaft des Mâconnais war jetzt der Graf auf die Stadt Mâcon und ihren Umkreis beschränkt; seit der Spätzeit des 10. Jahrhunderts kamen dazu fünf
oder sechs Burgherrschaften, die von dem Gebot des Grafen bald unabhängig waren und vererbt werden konnten." (Fürstenau, S.466) Ähnlich sieht es im Poitou und der Maine aus. Solche Burgen sind
meist aus Erdwällen und Holz. (*11)
Das regnum eines rex, des Königs, reduziert sich in Westfranzien vor der Jahrtausendwende auf sein Reich rund um Paris, die innere Francia. Formalrechtlich unter ihm und tatsächlich neben ihm stehen hochadelige duces und comites, soweit sie ihren Hoheitsraum überhaupt noch kontrollieren lönnen
Der Aufstieg der Vasallen mit großer Grundherrschaft verbindet diese in beiden Reichen mit dem Amtsadel als Träger von honores. Die Verbindung von Vasallität und größerem Benefizium tendiert zunehmend zur Erblichkeit dessen, was zukünftig einmal im Deutschen als "Lehen" fixiert werden wird. Dabei wird das Eigengut (Allod) des Vasallen mit dem Lehen zunehmend verbunden, und dieses wird zur Grundlage von Adelsherrschaft. Der vassus wird begrifflich durch den miles ersetzbar und immer häufiger ersetzt. Aus diesem wird dann im 11./12. Jh. die Ritterschaft hervorgehen.
Auf diese Weise trennen sich die Milites deutlich von den nicht mehr für den Krieg zuständigen rustici. Als laboratores werden diese dann in den ersten literarisch-ständischen Modellen von den milites (Kriegführenden) und den Betenden (oratores) abgetrennt werden.
Der dominus, bewaffneter Herr eines befestigten Platzes, der Grundherrschaften innehat, eine oder mehrere Vogteien, und der Gerichtsrechte hat, kann dann unter sich milites haben, die ihm für den Kampf zur Verfügung stehen, und der eine oder andere unter ihnen kann sich selbst einen befestigten Platz zulegen oder zugeordnet bekommen. Das Land teilt sich vor allem in Westfranzien in solche Burgenlandschaften auf. Nur die Mächtigeren gelten dort als nobiles, principes, proceres, bei nicht rechtlich festgelegten Begriffen.
In deutschen Landen ist Burgenbau königliches Recht, aber es entstehen jenseits davon erste "Adelslandschaften" (Fichtenau), wobei Burgen oft künstliche Hügel mit Turm darauf und Ringwall sind.
Hier wie in Westfranzien verbindet sich Nutzung einer oder mehrerer Burgen immer häufiger mit der Nutzung eines oder mehrerer Rechte, die einst königlich waren (bannum), und nun nach unten durch Verleihung oder Aneignung absinken: Verpflichtung von Mannen zur Burgwacht, Einquartierung oder Beköstigung militärischer Einheiten etc.
Neben Burgen werden Familienklöster für neuartigen Adel immer wichtiger, die entweder der Familie gehören, die dann auch den Abt stellt, oder aber durch Förderung familien-nah ist.
In Klöstern wird das Totengedächtnis, die memoria, wichtig. Man betet für die eigenen Toten und die der Stifterfamilien. Geschenke an das Kloster können den Einschluss in solche Gebete erkaufen. Darüber hinaus beginnen befreundete Klöster Gebetsverbrüderungen einzugehen, in denen sie Namenslisten austauschen, die in die jeweiligen Gebete eingehen sollen. (*12)
Adelsherrschaft entwickelt sich auch dort, wo es Edelfreien gelingt, die Schutzfunktion über Kirche oder Kloster zu gewinnen. Der adelige Krieger kann sich dann als Vogt in einer schon vorhandenen Burg niederlassen, die Mittel von Kirche und Kloster für seine Zwecke nutzen, und von dort aus herrschaftliche Befugnisse über das zugestandene Maß hinaus erwerben. "Die Vogtei bot also vorzügliche Möglichkeiten der Herrschaftsbildung, ohne dass der Besitz der Güter oder der Hörigen dafür erforderlich war. Außerdem war die Vogtei ein Amt, das heißt, sie unterstand nicht der erbrechtlichen Teilung." (Weinfurter, S.72)
Dezentralisierung bildet sich dann auch in zwei Entwicklungen des Münzwesens ab, die zusammen gehören: Es gibt die langsam zunehmende, immer noch nur ansatzweise Monetarisierung und zugleich das Ende zentraler Münzen, die sich nun über die Länder verteilen. Noch im 11. Jahrhundert werden sie nur lokale oder regionale Gültigkeit haben, was dann von einem enormen Aufschwung des Wechselgeschäfts begleitet wird, einer der Wurzeln von Finanzkapital.
Grundherrschaft, Burg und Kloster eines Adelsgeschlechtes verbinden sich dann mit verliehenen oder annektierten Straßengebühren, Hafengebühren, Marktgebühren, bäuerlichen Abgaben, jährlichen Spanndiensten mit Karren, dem Mühlzwang usw. zu Formen von adeliger Ortsherrschaft.
Alle Adels-Macht vor Ort geht nun einerseits wirtschaftlich von den in Privatbesitz befindlichen allodialen und den verliehenen Grundherrschaften aus, und andererseits rein physisch von der kriegerischen Gewalt, zu der die Herren mehr oder weniger berechtigt sind, und die ihnen nach Maßgabe ihrer wirtschaftlichen Verfügungsmasse möglich ist. Aus der Macht ergeben sich Rechte, solche des Grundherren selbst und solche, die ihm verliehen werden. Darüber hinaus entwickelt der höhere Adel immer mehr Amtsgewalt, das heißt, er partizipiert an der königlichen Macht und vergibt Teile davon an niederen Adel.
Ein Geflecht von personalen Beziehungen unterschiedlich Mächtiger mit ihren befestigten Plätzen und ihren Vasallen durchzieht das Land. Funktionen von Staatlichkeit sind zunächst immer weiter dezentralisiert und verschwinden zunehmend. Im Verlauf des 10. Jahrhunderts wird in Westfranzien eine staatliche Hauptaufgabe, die Friedenssicherung nach Innen bzw. Schutzfunktion nach unten in den Bereich der Unbewaffneten durch die Friedensbewegungen eingefordert.
Adel und Adelsmacht in Italien
In Italien wird eine langobardische Oberschicht von einer vorwiegend fränkischen, manchmal auch alemannisch- oder bayrischstämmigen abgelöst und zunächst in die zweite Reihe verwiesen, wobei man die Herkunft an ihrer Zugehörigkeit zu unterschiedlichem Recht und ihren Namen erkennen kann. Dieser Bruch von langobardischer Herrschaft zu der einer karolingischen Reichsaristokratie ist eine norditalienische Besonderheit. Im zehnten und elften Jahrhundert gelingt den alten langobardischen nobiles manchmal der Wiederaufstieg in diese höheren Ränge mit dem Titel eines miles, wie er sich im zehnten Jahrhundert als Inhaber von Grundherrschaft, Besitzer eines Kastells, mehr oder weniger noch Vasall des Königs, vor allem aber zunehmend des Bischofs darstellt.
Hagen Keller beschreibt das Besondere der norditalienischen Situation so: "Die Machtstellung der fränkischen Zuwanderer, die die Karolingerherrschaft in Italien trugen, war vor allem auf Ämter, auf Amtsgut und Amtsgewalt, auf Lehen und Leihegut gegründet, kaum dagegen auf "autogene" Herrschaftsrechte." (Oberitalien, S. 372) Anders als im Norden müssen also Eigengüter erst einmal aus dieser Machtstellung heraus erworben werden, um dann durch bischöfliche Lehen ergänzt zu werden. Daraus kann sich dabei keine fürstliche Spitzengruppe entwickeln. Und die Folge ist: " Nicht ein Königs- oder Fürstenhof mit seinen durch die Nähe zum Herrschenden bestimmten Rangordnungen prägt diese Adelsschicht, sondern die bischöfliche Lehnskurie, oft neben das Domkapitel gestellt." (s.o. S.374) Bischof, hoher Klerus und diesen beschickender Adel bilden dabei gemeinsam eine städtische Führungsgruppe.
Mit der Bevölkerungsvermehrung, zugleich steigender Produktivität auf dem Lande, zunehmender Geldwirtschaft und städtischer Produktion entwickelt der alte Adel in Italien seit dem späteren 9.Jahrhundert zunehmend das Vermögen, selbst Land gegen Dienste zu verleihen. Die milites als vassi spalten sich so auf in große und kleine vavassores, wobei erstere sich dann später als capitanei definieren.
Dort, wo die gräfliche Amtsgewalt schwindet, übernehmen in Italien alte nobiles-Familien als bedeutende miles dann öffentliche Funktionen wie Gerichtsbarkeit, mit Immunität verbunden, die sie später auf dem Lande zu Bannherren machen und in der Stadt zum beratenden und kriegerischen Gefolge in der Lehnskurie der Bischöfe oder zu Königsboten im bischöflichen Gericht. Neben vom König und vom Bischof oder Abt verliehenen Kastellen erbauen sie spätestens in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts eigene, manchmal, indem sie ihre curtes, Höfe, einfach nur befestigen.
Im 8. Jahrhundert beruht in Italien Macht auf Landbesitz, im 10. eher auf Verfügung über Land. Aufsteigende Aristokratie kann ihre gesamte Macht auf Pachtgüter aufbauen, die an mehr oder weniger abhängige Pächter-Produzenten weiter verpachtet werden. Wenn sie wie in Lucca im wesentlichen vom Bischof pachtet, der damit weltliche Machtausbauen möchte, dann taucht sie nun als seine vassi auf. Zentrum solcher aristokratischer Machtfülle sind vom Bischof gepachtete Taufkirchen (pievi) samt davon abhängigen Kirchen. Kirchenpacht heißt im Kern aber auch Pacht des Zehnten. (Wickham, S.142ff)
Bis weit ins 11. Jahrhundert ist das Land überwiegend in riesige Güter von Klöstern und aus der Karolingerzeit stammendem altem "Adel" aufgeteilt, der in der Toskana in der Spitze 20-40 Burgen und dazu gehöriges Land besitzen kann.
Der aus dem 9. und 10. Jahrhundert stammende alte "Adel" (milites) Italiens zeichnet sich inzwischen sowohl durch großen Grundbesitz auf dem Land und Immobilien in der Stadt aus wie auch durch Land, welches ihm vom König/Kaiser und zunehmend vom Bischof verliehen wird. Solcher Besitz ist weithin verstreut, manchmal auch über mehrere Diözesen bzw. Grafschaften hinweg. Er umfasst mehrere Herrenhöfe mit Befestigungen, Immunitäten, Privilegien. (*13)
Von ihren Kastellen aus können Adelige dann selbst Funktionen von Herrschaft ausüben und ausweiten, während sie oft zugleich mindestens ein Haus, manchmal auch mehrere und ganze Häuserkomplexe in der Stadt bzw. in mehreren Städten besitzen.
Leute mit großen Pachtkontrakten (Libellare) zahlen zum Einstand an Klöster große Summen, um dann danach einen geringen Anerkennungszins zu leisten. Mit dieser Geldverpflichtung treten sie fast schon aus der (klösterlichen) Grundherrschaft heraus. Wenn sie dann das Pachtgut (illegal) mit dem Familienbesitz verschmelzen, können sie sogar in den Adel aufsteigen.
Fragmentierung findet in Ostfranzien unter den Bedingungen von sogenannten Stammesherzogtümern weniger und später statt. Aber Italien ist um 900 bereits weitgehend fragmentiert. "Italien ist ein Netzwerk von Klientelen, Patronage-Gruppen, die entweder von Grafen oder nichtgräflichen Familien abhängig sind, die es auf kleinere Ämter absehen (sowohl weltliche wie geistliche) oder zunehmend auf die Bischofsämter." (Wickham, S.140)
Dabei setzt sich für dieses Klientelwesen weniger das fränkische beneficium durch als vielmehr der öffentlich beurkundete Pachtvertrag, ergänzt durch mündliche Vereinbarungen bis hin zu einem Treueeid. Im fränkischen Teil tendieren die Verträge zu größerer Kürze, während im ehedem byzantinischen Bereich die emphyteusis (eine Mischung aus Leihe und Pacht) noch mit Laufzeiten über mehrere Generationen überwiegt.
Fragmentierung der Macht heißt auch, dass die einst vom König verliehenen weltlichen Ämter (Markgraf, Graf, Vizegraf) in den Besitz von Familien übergehen und manchmal Teil ihres Namens werden. Entsprechend wird der mit dem Amt einst verbundene Grundbesitz Privateigentum.
Mit wachsender Bedeutung treten die Bischöfe, unterstützt von Königen, neben die Markgrafen und Grafen, und deren Macht geht zurück, es gelingt ihnen nicht wie weiter nördlich, Positionen wie die Stammesherzöge oder westfränkische principes einzunehmen. Ihre schieren Titel erheben sie in der Lombardei bald nicht mehr über die realen Machtvollkommenheiten der übrigen alten nobiles-Familien, und am Ende erheben sie sich als Teil der bischöflichen Lehnskurien auch formal nicht mehr über die allgemeine Oberschicht der Vasallen, der direkten Vasallen von Bischof und König.
Im zehnten Jahrhundert verschwinden die alten "fürstlichen" Familien der karolingischen Reichsaristokratie und es bilden sich neuartige Marken in den Händen neuer Familien aus, von denen nicht wenige langobardischen Ursprungs sind. In der Nordhälfte Italiens steigen so neue Familien als eine Art großgrundbesitzender Hochadel angelehnt an Könige auf. Dazu gehören die Obertenghi in den nordwestlichen Alpen, die Canossa in dem Marschland des Po und die toskanischen Grafenfamilien der Guidi, der Cadolingi und der Gherardesca, die in einem Italien ohne starke Zentralmacht agieren. Es gelingt ihnen, zusammenhängenderen Grundbesitz zu erlangen und sich dabei als Herren ihres Gebietes stärker zu verselbständigen.
Mit dem Rückgang der als solche gekennzeichneten Freien ist im 10./11. Jahrhundert eine Schichtung einer sich zunehmend als solche begreifenden Adelsschicht verbunden, die sich in Italien in Kapitane und Vavassoren teilen, während sie in deutschen Landen etwas anders und später sich in Adel und Ministeriale aufteilen.
In der Schwellenzeit des 10./11.Jahrhunderts hin zu den Anfängen eines Kapitalismus beginnt - zunächst im Süden - eine enorme Mobilisierung der Verhältnisse, deren wichtigste Grundlage vielleicht einmal zunehmende Agrar-Produktion für den Markt ist, und dann auch die Vermarktung von Grundbesitz, zunehmend auch von geliehenem und gepachtetem, und schließlich auch die Vermarktung von Rechten und anderen Einnahmen. In dieser Zeit verschwindet der Großteil übriggebliebener freier Bauernschaft bis auf wenige Gegenden, zugleich aber auch die völlige Unfreiheit. Freie Bauern steigen hin und wieder in Ministerialität und niederen Adel auf, der sich am Ende nach unten abschließt, oder sie begeben sich in neuartige Formen von Abhängigkeit. Damit entsteht langsam ein neuer Volksbegriff, der die Menschen unterhalb des Adels umfasst.
Um dieser Welt in Bewegung neue Stabilität zu verleihen, beginnen dann neue Abgrenzungsversuche zwischen milites und rustici, Kriegern und Bauern, zwischen Capitanen und Valvassoren in der Nordhälfte Italiens, zwischen Fürsten, Adel und Ministerialien in deutschen Landen usw. Erste Ständetheorien entstehen etwa gleichzeitig mit den Friedensbewegungen des 10./11. Jahrhunderts.
Die Verhältnisse zwischen denen, die Grund und Macht verleihen und denen, die Lehen nehmen, beginnen normiert, d.h. verrechtlicht zu werden. Ein systematisierendes Lehnswesen entsteht, womit wir allerdings bereits über die Schwelle des 10. Jahrhunderts hinaustreten.
Entstammen die großen noblen Grundherren der alten fränkischen Herrenschicht, so stammen ihre Vasallen, ihr militärisches Gefolge, wiederum vor allem aus der Gruppe jener wehrfähigen freien Bauern der Karolingerzeit, die mittels der Vasallität dem Abstieg in zunehmende Unfreiheit entkommt. Ausgestattet sind bzw. werden diese kleinen Untervasallen zunächst mit Bauerngütern mit Haus und Wingert von einem Wert von 30-50 solidi, die den Lebensunterhalt sichern und zunächst von ihnen selbst bewirtschaftet werden.
Daneben begeben sich einzelne nichtadelige Geschäftsleute und Rechtskundige in die Vasallität großer Herren und werden so zu Vavassoren. Andere Städter begeben sich in eine Art "klientelartiger Abhängigkeit" zum alten Adel (KellerOberitalien, S.366). Schließlich beginnen die ersten vavassores minores selbst eine Art Kleinstvasallen heranzuziehen, denen allerdings die vollwertige Integration in die militia nicht mehr gelingt. Unterhalb der grundherrlichen Oberschicht ist also seit dem späten neunten und zunehmend dann im zehnten Jahrhundert eine Mobilität im Gange, die am Ende Unsicherheit verursacht, die zu Konflikten führt und auch die Stadt ergreift. Friedensbewegung, religiöse Reformbewegungen und kommunale Bewegung verbinden sich nach und nach damit und führen dann zur Entwicklung ständischer Vorstellungen und lehnsrechtlicher Lösungen wie auch zur städtischen Gemeindebildung.
"Soziale" Mobilität: In seinen Praeloquia schreibt Bischof Rather von Verona um 940 modellartig:
Ponamus namque ante oculos quemlibet praefecti filium, cuius avus iudex, abavus tribunus, vel scoldascio, ataavus cognascatur miles fuisse: quis illius militis pater? ariolatur, an pictor; aliptes, an auceps; cetarius, an fingulus; sartor, an fartor; mulio, an sagmio fuerit; postremo eques, an agricola; servus, an liber? (I,23)
Von hinten nach vorne gelesen, ergibt sich eine Stufenleiter sozialen Aufstiegs zum Grafen (preafectus), die für eine ferne Vergangenheit fragt, ob am Anfang ein berittener Krieger stand oder ein einfacher Bauer, ein Freier oder gar ein mehr oder weniger Unfreier. Die nächste Stufe jedenfalls sind spezifische Dienste in der curtis eines Herren, wie der des Mediziners, des Falkners oder des Schneiders. Von dort aus wird man bei ihm miles mit den Aufstiegssprossen Schultheiß (scoldascio), Tribun, Richter (iudex) und dann eben Graf. Bei ihm genügen für diese Karriere noch nur fünf Generationen. Im weiteren Verlauf wird allerdings das Grafenhand in Familien erblich.
Diese Karriereleiter vom miles aufwärts beschreibt nun Adel, der allerdings, wie man erkennen kann, in Italien keine Vorstellung eines Geblütsadels beinhaltet.
Dort, wo dann Grundbesitz und Kastelle durch Lehen des Königs und des Bischofs ergänzt sind und mit Ämtern des Richters und des Schöffen, Funktionen des Notars (und dazugehörige Schriftlichkeit) verbunden werden, kann von jenem Hochadel geredet werden, der sich langsam von den einfachen Valvassoren als Capitane abhebt. Ämter, Besitzungen, erblich werdende Lehen und Kastelle machen sie nun aus, die Summe aus Grundherrschaften und darüber hinausgehender öffentlicher Funktionen.
Während diese herrschaftlich-adelige Gruppe sich nach unten abschließt, kann man im 10. Jahrhundert noch weiter vom einfachen Freien zum niederen Valvassoren aufsteigen.
Das Volk
Bislang ist die Schwellenzeit als eine neuer Reichsbildungen und der Weiterentwicklung von Machtstrukturen bestimmt worden. Eine kleine Gruppe von Machthabern, Könige, Fürsten, höherer und niederer Adel bestimmt das Geschehen und entscheidet dabei zugleich auch über Wohl und Wehe der Produzenten der Nahrungsmittel, der Handwerker und Händler, die im Laufe des Mittelalters als "Volk" von den Entscheidungsträgern geschieden werden. Ihre Aufgabe ist es, den Betern (oratores) und Kriegern (bellatores) durch ihre Arbeit als laboratores die Mittel für deren Macht und Reichtum zu liefern.
Die mehr oder weniger privilegierten betenden Herren, die als Priester auch über die den Menschen aufgezwungenen Heilsmittel (Sakramente) verfügen, versprechen ihnen das Heil ihrer Seelen oder aber drohen mit Höllenqualen, und die Mönche und Nonnen sind hauptsächlich mit ihrem eigenen Seelenheil beschäftigt, wie es heißt. Um diese bedeutenden Betätigungen leisten zu können, gilt es offiziell als selbstverständlich, sie mit Arbeit und Abgaben zu unterstützen.
Die Krieger wiederum, die ihre Macht tatsächlich aufgrund ihrer Gewalttätigkeit ausüben, begründen diese gerne, je mächtiger sie sind, damit, ihre Macht zum Schutze derjenigen einzusetzen, von deren Arbeit sie ihren Reichtum beziehen. Sie schützen aber tatsächlich höchstens die, die sie zugleich ausnehmen, und bedrohen zugleich die anderen Produzenten nebenan in ihrem Konkurrenzkampf um mehr Macht.
Wer auch immer auf die Idee kommt, solche Könige, Fürsten und andere edle Herren mit positiven Beinamen ("der Große" etc.) zu versehen, ignoriert, dass ihr Hauptberuf es ist, die Grauen von Gewalt, Fehde und Krieg über die Welt zu bringen. Sie metzeln und töten, dabei bedeutet Kriegführen zu einem großen Teil schlimmste Verwüstung, also "Verheerung", um dem Gegner die materiellen Grundlagen zu entziehen.
"Als etwa König Ludwig IV. im Mai 945 Reims belagerte, wurden in der Umgebung der Stadt systematisch die Saaten verwüstet, Siedlungen zerstört und teilweise verbrannt, ja auch Kirchen nahmen Schaden." (Fürstenau, S.545)
So berichtet Thietmar von Merseburg, wie Heinrich II. die Gegend von Metz verwüstet, und darum wegen des Hungers und anderer Not 800 Leute aus der familia des Domstiftes wegziehen, selbst ohne auf die Erlaubnis des Herrn zu warten, und andere dann mit Erlaubnis ebenfalls gehen müssen. (VI,51)
Alles, was Heere nicht mitnehmen können, wird zerstört, Wein- und Obstgärten, Brunnen werden unbrauchbar gemacht, und man hat am Gürtel Feuerstein, Feuereisen und Eichenmoder, um mordbrennen zu können. Landbevölkerung des Feindes wird gequält und verstümmelt. In Wipos Tatenbericht König Konrads II. werden "heidnische" Gefangene geblendet und verstümmelt. Kein Wunder, wenn verarmte Bauern sich in Räuberbanden zusammenfinden, um es dann ihren Herren in bescheidenem Umfang gleich zu tun.
Daneben ist Beute das Ziel der Vasallen und angeworbener Truppen. Die Gegner sind besonders darauf aus, (wohlhabendere) Gefangene zu machen, die man dann später gegen Lösegeld wieder freilässt.
Die Herren produzieren also selbst gegenseitig die Bedrohung, vor der sie ihre Untertanen schützen wollen.
Ein anderer Volksbegriff rührt aus dem Gemeinschaftsgefühl sich verwandt fühlender Kulturen her, wie er im germanischen Raum auch manchmal als Stämme definiert wird. Im Prozess ihrer Zivilisierung werden sie dann von Fürsten instrumentalisiert und sind in unserer Schwellenzeit ebenfalls längst in Herren und Knechte aufgeteilt.
Könige und in deutschen Landen Fürsten scheren sich aber kaum um tatsächliche Gemeinsamkeiten wie selbst denen der Sprache, wenn sie Hoheitsgebiete auf- und ausbauen, sondern sind an der Loyalität ihrer vor allem kriegerischen Gefolgschaft interessiert, die sich noch nur wenig völkisch orientiert. Wenn dann aber die arbeitenden Menschen längere Zeit in ein solches Reich eingeordnet sind, kann es geschehen, dass sie sich dort selbst einordnen und sich mit dem Herrscherhaus zu identifizieren beginnen.
So etwas geschieht im 10. Jahrhundert vor allem in England unter den von Wessex ausgreifenden Königen, wobei Zusammengehörigkeit in der gemeinsamen altenglischen Sprache und den Abwehrkämpfen gegen die skandinavische Bedrohung entsteht. (*14)
Anders sieht es noch in Westfranzien aus, welches nicht nur mit der Loirelinie in zwei auch sprachliche Teile zerfällt (langue d'oeil und langue d'oc, wie man später sagen wird), sondern auch in Fürstentümer und zum Teil einfach in Burg-Landschaften, während die Könige nur ein kleines Gebiet im Zentrum wirklich zu kontrollieren versuchen.
Im 9. Jahrhundert sprechen die Annalen von St.Bertin für 840 vom Westreich der Franken als von Gallien und die Annalen von Xanten nennen Karl ("den Kahlen") noch für 871 Karolus rex Galliae. Ansonsten handelt es sich dort um die Francia, und im Laufe der nächsten Jahrhunderte werden die dortigen Herrscher den Begriff für sich zu monopolisieren versuchen.
Im späteren 10. Jahrhundert beginnen einige Vertreter der hohen gallischen Geistlichkeit im Westfrankenreich ein Zusammengehörigkeits-Gefühl zu entdecken, welches sie von Ostfranzien trennt. Das hat aber noch wenig mit einem allgemeinen Gefühl von Volkszugehörigkeit zu tun, so wenig, wie davon auch damals in den deutschen Landen zu spüren ist.
Andererseits beginnt eine Konzentration damaliger Historiker auf ihren Teil des Frankenreiches. Der in die Wirren der Zeit heftig verwickelte Kanoniker Flodoard von Reims (bis 966) tendiert bereits in der ersten Hälfte des Jahrhunderts dazu, sein Augenmerk vorwiegend auf das Westreich Francia zu richten, wobei Francia die Nordhälfte des Westreiches meint. Dabei sind die Menschen östlich des Rheins für ihn transrhenenses, keine Franken mehr. Richer von Reims (bis etwa 998), Schüler von Gerbert von Aurillac, setzt das Werk Flodards für die zweite Jahrhunderthälfte fort, nunmehr ganz auf Westfranzien und das Königtum dort konzentriert.
Kein Gemeinschaftsgefühl entsteht in den deutschen Landen, wie sie hier als Anachronismus schon einmal mangels anderer Bezeichnung benennen werden sollen. Selbst das viel später so genannte Hoch- und Niederdeutsche zerfällt in nur schwer untereinander verständliche Idiome, und ein Gemeinschaftsgefühl wird sich hier frühestens im 11. Jahrhundert ansatzweise einstellen.
Kurz nach seiner Krönung nennt Otto ("d.Gr.") sein Ost-Reich Francia ac Saxonia. Bei Widukind ist von omnis populus Francorum atque Saxonum die Rede. Als Völker werden hier also noch Stämme aufgefasst, wobei einige von ihnen übergangen werden, wie die Bayern oder die Alemannen, die erst langsam stärker unter "ostfränkische" Herrschaft sächsischer Könige/Kaiser gelangen. Theodisc bedeutet dabei Volkssprache, was seit dem 10. Jahrhundert stärker von teutonicus abgelöst wird.
Der Sachse Widukind ist in seiner Sachsengeschichte ganz auf seinen eigenen Stamm und die daraus hervorgehenden "ostfränkischen" Könige fixiert. Francia wird von ihm wesentlich im Ostreich verortet, das Westreich ist Gallia, wo man "Gallisch" spricht.
Thietmar von Merseburg ist auf sein Bistum und wie Widukind auf sächsische Geschichte und die der sächsischen Kaiser fixiert, insofern eben auch auf Ostfranzien. Westfranzien ignoriert er weitgehend und setzt seine Sachsen vor allem von den ihn umgebenden Slawen ab. (*15)
Am Zankapfel des zweisprachigen Lothringen zwischen dem westlichen und östlichen Frankenreich lässt sich leicht erkennen, wie wenig sich Könige und wohl notgedrungen auch Volk um völkische Kriterien kümmern. Die Entscheidung treffen königliches Militär und hoher Adel, und der wiederum nach Interessenlage.
Das ein verschiedenartig korrumpiertes Volkslatein und im Süden mancherorts auch griechisch sprechendes Volk samt seinen Herren kennt seit der Langobardenzeit kein die ganze italische Halbinsel tatsächlich umfassendes Königreich, und entwickelt im Norden nur dort minimale Gemeinsamkeit, wo es sich von fränkischer Herrschaft abgrenzt. Sizilien ist längst unter nordafrikanisch-islamischen Herrschern.
In summa gibt es aber im 10. Jahrhundert weder ein französisches, noch ein deutsches oder ein italienisches Volk. Wie sich die meisten Menschen, die vor allem Nahrung produzierende Bevölkerung, dabei einordnet, lässt sich nur vermuten. Sie orientieren sich nach ihrem Grundherrn, nach den Herren darüber wohl auch noch etwas, und zudem vermutlich mithilfe der Sprache, die sich sprechen. Wo sie auf anderssprachliche Leute treffen, entsteht wohl ein Ansatz von Volkszugehörigkeit. Deutsche als teotonici werden Leute in den Quellen zunächst von jenen Italienern genannt, die sie auf deren militärischen Italienzügen kennenlernen, als Vertreter von geistlicher und weltlicher Macht, und dann auch als Händler.
Ein Sonderfall sind die Juden in Europa, die einzige geduldete Religions-Gemeinschaft neben den Christen. Mit eigenen Gewohnheiten, unduldsam wie Christen und immer mehr auch Muslime, grenzen sie sich nach außen ab und werden selbst mehr oder weniger ausgegrenzt.
Geschützt von Königen und Fürsten, gewinnen sie ihren Sonderstatus wohl auch deshalb, weil das Christentum längst massiv rejudaisiert und das sogenannte Alte Testament in den Glauben integriert ist. Sie bilden mithilfe gegenseitiger Diskriminierung einen eigenen Genpool, in dem sie eigene natürliche Eigenschaften herausbilden, die dann allerdings - je nach Gegend - durchaus verschieden sind. Sie integrieren sich nach Möglichkeit in die Machtstrukturen, assimilieren sich aber nicht durch Heirat mit Nichtjuden, was auch von deren Seite nicht erwünscht ist. Volk im hier gebrauchten Sinne sind sie allerdings nicht; Juden sind auch zeitweilig Äthiopier, Jemeniten, Leute in Europa bis zum Kaukasus und selbst in Asien.
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Übrigens zu einigen Benennungen:
Bevölkerung wie Besiedlung sind eigentlich Wörter für das Bevölkern bzw. Besiedeln einer Gegend, sollen aber in Ermangelung besserer, was übrigens bezeichnend ist, hier manchmal auch für die benutzt werden, die allemal schon da sind. Bevölkern als nicht selten gelenktes Besiedeln kennt schon das früheste Mittelalter. Mehr arbeitende Menschen steigern nämlich den Reichtum der Herren.
Es handelt sich um ein Wort, welches im 18. Jahrhundert beginnt, das französische peuplement abzulösen, welches im Preußen Friedrichs II. noch als das Peuplieren auftaucht, also als Ansiedlungspolitik. Erst später wird daraus der Stand der Besiedlung eines Landes. In die englische und französische population ist beides eingegangen, wie auch in die spanische población.
Das dem soziologischen Kauderwelsch des 19. Jahrhunderts entspringende (Un)Wort Gesellschaft als Untertanenverband dagegen lässt sich leicht wieder auf jene Phänomene beschränken, in denen sich Menschen tatsächlich zueinander gesellen, ob dies nun eine Festgesellschaft ist, oder ob es dann Bruderschaften oder Zünfte sind.
Die im selben Zeitraum aufkommende "Demokratie" soll hier ganz auf die attische Polis beschränkt bleiben, danach gibt es bis heute kein "Volk" (demos) mehr, welches herrscht, wie es das attische (Schimpf)Wort behauptet.
Schließlich lassen wir auch das ebenfalls in diesem Jahrhundert in Mode kommende Wort "Revolution" in seiner neuen Bedeutung und mit seinen emotionalen Untergründen aus, schon alleine deswegen, weil es wenigstens bis durch das lange Mittelalter nichts derartiges geben wird, - außer bei Sternenguckern und in der Sensations-Hascherei heutiger Historiker.
Die "Schicht" ist ein soziologischer Kunstbegriff des 20. Jahrhunderts, der aus dem Verb schichten als (unter)teilen abgeleitet ist, - wie bei den geteilten Arbeitsphasen im Bergwerk. Aber so wie die Schicht des Bergmanns oder des Schichtkuchens lässt er sich für Menschen nicht definieren, anders als im Verlauf des (langen) Mittelalters der Begriff des Standes.
Nach welchen Kriterien man auch Schichten suchen will, sie passen dann nicht mit anderen zusammen. Bauern tanzen anders als Adel bei Hofe, die einen hüpfen und springen mehr, die anderen schreiten eher. Aber beide betreiben durch das frühere (lange) Mittelalter denselben Heiligen- und Reliquienkult über alle monotheistischen Vorstellungen hochgebildeter Theologen hinaus, die ihn in ihren Texten auch nicht offensiv ablehnen, beide teilen denselben Wunderglauben und die Angst vor Höllenqualen nach dem Tode. Der geographische Horizont dürfte bei Händlern und Adeligen etwas weiter sein, aber die Geschichtsvorstellungen sind bei fast allen sagenhaft und legendär.
Wenn man von "Schichten" sprechen wollte, würde man zudem schnell erkennen, dass sie so durchlässig sind, dass sie in den Prozessen von Auf- und Abstieg sich zunehmend verflüssigen. Adelige steigen zu Bauern ab, Kapitaleigner übernehmen adelige Lebensformen. Eine sinnvolle Einteilung, die aber üblicherweise nicht als Schichtung betrachtet wird, ist die in die ländlichen und städtischen Produzenten, die Kapitalisten und die Herren als Rentiers.
Bislang ist die Schwellenzeit als eine neuer Reichsbildungen und der Weiterentwicklung von Machtstrukturen bestimmt worden. Dabei wurde das Wort Politik ausgeklammert. Der recht unklare Begriff des Politischen ist etwa so jung wie der Staatsbegriff. Über das Französische und Englische ins Deutsche gekommen, ohne dass die Wurzel in der griechischen Polis und dem Politischen der Politeia bewusst war, bezeichnet er sinnvollerweise eher einige nicht gewalttätige oder gar kriegerische Formen der Machtausübung in später entstehender Staatlichkeit. Hier sollen für das frühere Mittelalter Wörter wie "herrschen" oder "regieren" vorgezogen werden.